(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zeitschrift für Sozialforschung. Jahrgang I 1932 Doppelheft 1/2"



Zeitschrift 



für 








zialforschung 



Herausgegeben vom 



INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG FRANKFURT/M 



■ 



Jahrgang l 1932 Doppelheft 1/2 



VERLAG VON C. L. HIRSCHFELD / LEIPZIG 



■ 






INHALT. 
I. Aufsäfze. 

Seite 

Vorwort I 

MAX HOBKHEIMER 

Bemerkungen über Wissenschaft und Krise 1 

FRIEDRICH POLLOCK 

Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus und die Aussichten 

einer planwirtschaftlichen Neuordnung 8 

ERICH FROMM 

über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie. 28 

HENRYK GROSSMANN 

Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem . 55 

LEO LÖWENTHAL 

Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 85 

THEODOR WIESENQRUND-ADORNO 

Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 103 

MAX HORKHEIMER 

Geschichte und Psychologie, g^ 125 

INTERNATIONAL 
PSYCHOANALYTIC 
II. Besprechungen. ^H UNIVERSITY 

_.,, .. DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 

Philosophie: 

Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit (Slrzelewicz) . . . 146 
Lehrbuch der Soziologie und Sozialphilosophie, hrsg. v. Karl Dunk- 
mann (Westermann) . . - 14g 

Handbuch der Philosophie, hrsg. v. Baeumler und Schröter, Abt. III: 

Mensch und Charakter (Steinrath) 148 

Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik. Beitrag zu einer 

Philosophie des Lebens (Wiesengrund- Adorno) 149 

Siegfried Mar ck, Die Dialektik in d. Philosophie d. Gegenwart (Meyer) 151 

Kurt Sauerland, Der dialektische Materialismus (Westermann) . . 152 

Henry Gouhier, La vie d'Auguste Comte (Kojevnikoff) 152 

Allgemeine Soziologie: 

Handwörterbuch der Soziologie, hrsg. v. A. Vierkandt u. a. (Gollub) . 153 
Verhandlungen des Siebenten deutschen Soziologentages vom 28. SeDt 

bis 1. Okt. 1930 in Berlin (Szende) .154 

Soziologie von heute. Ein Symposion der Zeitschrift für Völkerpsycho- 
logie und Soziologie, hrsg. v. Richard Thurnwald (Winter) . . 156 

Fortsetzung des Inhaltsverzeichnisses am Schluss des Heftes. 




inv.Verz, 



Nr.Ä 



Vorwort. 

Das Wort „Sozialforschung" beansprucht nicht, auf der Land- 
karte der Wissenschaften, die heute ohnehin sehr fragwürdig er- 
scheint, neue Grenzlinien einzuzeichnen. Die Untersuchungen auf 
den verschiedensten Sachgebieten und Abstraktionsebenen, die es 
hier bedeutet, werden durch die Absicht zusammengehalten, daß sie 
die Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft als ganzer fördern sollen. 
Dieses vereinigende Prinzip, nach dem die Einzeluntersuchungen bei 
unbedingter empirischer Strenge doch im Hinblick auf ein theoretisches 
Zentralproblem zu führen sind, unterscheidet die Sozialforschung, 
der die Zeitschrift dienen möchte, ebenso von bloßer Tatsachen- 
beschreibung wie von empiriefremder Konstruktion. Es erstrebt Er- 
kenntnis des gesamtgesellschaftlichen Verlaufs und setzt daher voraus, 
daß unter der chaotischen Oberfläche der Ereignisse eine dem Be- 
griff zugängliche Struktur wirkender Mächte zu erkennen sei. Ge- 
schichte gilt in der Sozialforschung nicht als die Erscheinung bloßer 
Willkür, sondern als von Gesetzen beherrschte Dynamik, ihre Er- 
kenntnis ist daher Wissenschaft. Diese hängt freilich in besonderer 
Weise von der Entwicklung anderer Disziplinen ab. Um ihr Ziel, 
die Vorgänge des Gesellschaftslebens nach dem Stand der jeweils 
möglichen Einsicht zu begreifen, erreichen zu können, muß die Sozial- 
forschung eine Reihe von Fachwissenschaften auf ihr Problem zu 
konzentrieren und für ihre Zwecke auszuwerten trachten. 

Die Zeitschrift versucht, an der Erfüllung dieser Aufgabe mit- 
zuwirken. Sie zieht die Faktoren, die für das Zusammenleben der 
Menschen in der Gegenwart bestimmend sind, seien sie ökonomischer, 
psychischer, sozialer Natur, in ihren Arbeitskreis. Indem sie dabei 
an die vorläufigen Ergebnisse der Einzeldisziplinen anknüpft, unter- 
scheidet sie sich von der philosophischen Betrachtung unter anderem 
dadurch, daß sie auch Gedanken für ihre Zwecke fruchtbar zu machen 
sucht, die logisch gesehen noch unaufgehellte Probleme in sich ent- 
halten mögen; sie ist prinzipiell von der Unabschließbarkeit der 

titut ' VI 



II 



Vorwort 



Erkenntnis überzeugt. Doch fällt die Behandlung sogenannter welt- 
anschaulicher und philosophischer Fragen damit keineswegs aus ihrem 
Bereich, denn nicht die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fach, 
sondern die Wichtigkeit für die Theorie der Gesellschaft ist bei der 
Wahl ihrer Gegenstände bestimmend. 

Mit der Soziologie als Fachwissenschaft fällt die Sozialforschung 
deshalb nicht zusammen, weil sie zwar wie diese auf das Problem 
der Gesellschaft abzielt, aber ihre Forschungsgegenstände auch auf 
nichtsoziologischen Gebieten findet. Doch entspricht das, was die 
Soziologen im Interesse ihrer Wissenschaft auf ökonomischem, 
psychologischem, historischem Gebiet selbst geleistet oder angeregt 
haben, durchaus dem hier gemeinten Begriff. Bei der Verwandt- 
schaft zwischen der Soziologie und den Bestrebungen der Zeit- 
schrift werden auch im engeren Sinn soziologische Probleme in den 
Aufsätzen angeschnitten. Die Äußerung der Zustimmung oder des 
Gegensatzes zu den soziologischen Theorien der Gegenwart muß 
jedoch — besonders in den ersten Heften — auch dort hinter 
den sachlichen Erörterungen zurücktreten, wo die größte Achtung 
vor der Leistung anderer besteht. 

Unter den Teilproblemen der Sozialforschung steht die Frage des 
Zusammenhangs zwischen den einzelnen Kulturgebieten, ihrer Ab- 
hängigkeit voneinander, der Gesetzmäßigkeit ihrer Veränderung voran. 
Eine der wichtigsten Aufgaben zur Lösung dieser Frage ist die Aus- 
bildung einer den Bedürfnissen der Geschichte entgegenkommenden 
Sozialpsychologie. Sie zu fördern, wird eine der besonderen Auf- 
gaben der Zeitschrift sein. Zu den allgemeineren theoretischen Ab- 
handlungen über philosophische, psychologische, ökonomische, sozio- 
logische Probleme treten Einzeluntersuchungen über konkrete Fragen 
der gegenwärtigen Gesellschaft und Wirtschaft. Soweit diese Studien 
sich von bloßen Beschreibungen dadurch unterscheiden, daß sie die 
behandelten Phänomene in ihren geschichtlichen Zusammenhängen 
zu begreifen suchen, werden sie häufig hypothetischen Charakter 
haben. Dies gilt besonders für die vorläufigen Ergebnisse der im 
Institut für Sozialforschung geführten Untersuchungen, die in dieser 
Zeitschrift mitgeteilt werden sollen. Manches wird sich einmal als 
falsch erweisen, aber die Aussicht auf künftige Korrektur darf den 
Versuch nicht verhindern, die Hilfsmittel der verschiedenen Wissen- 
schaften auf das Problem der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer 
Widersprüche anzuwenden und so die für das Funktionieren und 
die Veränderung des Gesellschaftslebens wichtigen Vorgänge in einer 






Vorwort III 

der gegenwärtig erreichten Erkenntnis entsprechenden Weise zu be- 
greifen. 

Wenn die Zeitschrift vornehmlich auf eine Theorie des historischen 
Verlaufs der gegenwärtigen Epoche eingestellt ist, bedarf sie doch, 
sowohl zum Verständnis der Gegenwart als auch zur Prüfung 
und Ausbildung der theoretischen Hilfsmittel, historischer Unter- 
suchungen, die sich auf die verschiedensten Epochen erstrecken 
mögen; freilich haben sie den Zusammenhang mit der aktuellen 
Problematik zu wahren. Ebenso werden Forschungen über die zu- 
künftige Richtung des geschichtlichen Verlaufs, soweit sie mit der 
Problematik der Gegenwart in Zusammenhang stehen, nicht fehlen 
dürfen. So ist z. B. eine Erkenntnis der gegenwärtigen Gesell- 
schaft ohne das Studium der in ihr auf planmäßige Regelung der 
Wirtschaft hintreibenden Tendenzen unmöglich, und es werden die 
damit zusammenhängenden Probleme, die in der ökonomischen, 
soziologischen und kulturgeschichtlichen Literatur heute eine wichtige 
Rolle spielen, besonders gepflegt werden müssen. 

Die Sozialforschung unterscheidet sich von allen auf möglichst 
große Allgemeinheit und übergreifende Schau gerichteten geistigen 
Unternehmungen dadurch, daß sie auf die gegenwärtige mensch- 
liche Wirklichkeit abzielt. Sie wird dabei zusammenfassender Be- 
griffsbildungen und theoretischer Voraussetzungen aller Art nicht 
entraten können, aber im Gegensatz zu breiten Strömungen der 
gegenwärtigen Metaphysik schließen ihre Kategorien die weitere 
Aufhellung und berechtigten Widerspruch durch die empirische 
Forschung nicht aus. So wenig übergreifende begriffliche Zusammen- 
fassungen bei der wissenschaftlichen Arbeit zu entbehren sind, dürfen 
sie diese doch nirgends abschließend vorwegnehmen und sich an die 
Stelle der zu lösenden Probleme setzen. 

Die Verpflichtung auf wissenschaftliche Kriterien trennt die 
Sozialforschung methodisch auch von der Politik. Sie hat die 
Selbständigkeit ihres Erkenntnisanspruchs gegenüber allen weltan- 
schaulichen und politischen Rücksichten zu behaupten. Dies be- 
deutet nicht, daß sie irgendeinen wissenschaftlichen Schritt frei von 
historischer Bedingtheit wähnte, noch daß ihr die Erkenntnis als 
sich selbst genügend und konsequenzlos erschiene. Aber wie sehr 
die Geschichte auch in alle Theorie hereinspielen mag, so werden 
doch die Ergebnisse der Forschung vor theoretischen Kriterien 
standhalten müssen, wenn sie sich in der Wirklichkeit bewähren 
sollen. 



IV 



Vorwort 



Das Institut für Sozialforschung schuldet dem Verlag C. L. Hirsch- 
feld besonderen Dank. Indem er das Erscheinen der Zeitschrift trotz 
der schwierigen Verhältnisse heute ermöglicht, hat er neben der 
Förderung ihrer neuen Ziele auch dafür gesorgt, daß manche Auf- 
gaben des Grünbergschen Archivs weiter erfüllt werden können. Die 
Zeitschrift darf sich in mehr als einer Hinsicht als seine Fort- 
setzung fühlen. 

Frankfurt a. M., im Juni 1932. 



Max Horkheimer 

o. Professor an der Universität Frankfurt a. M. 
und Direktor des Iristituts für Sozialforschwig. 



Bemerkungen über Wissenschaft und Krise 1 ). 

Von 
Max Horkheimer (Frankfurt a. M.). 

1. Die Wissenschaft wird in der Theorie der Gesellschaft zu 
den menschlichen Produktivkräften gezählt. Als Bedingung der 
durchschnittlichen Beweglichkeit des Denkens, die sich in den 
letzten Jahrhunderten mit ihr entwickelt hat, ferner in Gestalt der 
einfachen Erkenntnisse über Natur und Menschenwelt, die in den 
fortgeschrittenen Ländern selbst die Angehörigen der unteren so- 
zialen Schichten mitbekommen, nicht zuletzt als Bestandteil des 
geistigen Vermögens der Forscher, deren Entdeckungen die Form 
des gesellschaftlichen Lebens entscheidend mitbestimmen, ermöglicht 
sie das moderne Industriesystem. Insofern sie als ein Mittel zur 
Hervorbringung gesellschaftlicher Werte, d. h. als Produktions- 
methoden formuliert vorliegt, stellt sie auch ein Produktionsmittel dar. 

2. Daß die Wissenschaft als Produktivkraft und Produktionsmittel 
im Lebensprozeß der Gesellschaft eine Rolle spielt, berechtigt keines- 
wegs eine pragmatistische Erkenntnistheorie. Soweit die Fruchtbar- 
keit einer Erkenntnis bei ihrem Wahrheitsanspruch eine Rolle spielt, 
ist eine der Wissenschaft immanente Fruchtbarkeit und keine Über- 
einstimmung mit äußeren Rücksichten zu verstehen. Die Prüfung 
der Wahrheit eines Urteils ist etwas anderes als die Prüfung seiner 
Lebenswichtigkeit. In keinem Fall haben gesellschaftliche Interessen 
über die Wahrheit zu entscheiden, sondern es gelten Kriterien, die 
sich im Zusammenhang mit dem theoretischen Fortschritt ent- 
wickelt haben. Zwar verändert sich die Wissenschaft selbst im 
geschichtlichen Prozeß, aber niemals ist der Hinweis auf diese 
Veränderung ein Argument für die Anwendung anderer Wahrheits- 
kriterien als derjenigen, die dem Stand der Erkenntnis auf der er- 
reichten Entwicklungsstufe angemessen sind. Wenn auch die Wissen- 
schaft in die geschichtliche Dynamik einbezogen ist, darf sie darum 
doch nicht des ihr eigentümlichen Charakters entkleidet und utili- 
taristisch mißverstanden werden. Freilich führen die Gründe, welche 

1 ) Der für dieses Heft vorgesehene Aufsatz von Max Horkheimer 
über Wissenschaft und Gesellschaft konnte krankheitshalber nicht recht- 
zeitig abgeschlossen werden. An seiner Stelle erscheinen diese Bemerkungen 
.und der Vortrag über Geschichte und Psychologie. 

Zeitschrift für Sozialforschung. 1 



2 Max Horkheimer 

die Ablehnung der pragmatistischen Erkenntnistheorie und des 
Relativismus überhaupt bedingen, keineswegs zur positivistischen 
Trennung von Theorie und Praxis. Einerseits sind weder Rich- 
tung und Methoden der Theorie, noch ihr Gegenstand, die Wirklich- 
keit selbst, von den Menschen unabhängig, andererseits ist die Wissen- 
schaft ein Faktor des geschichtlichen Prozesses. Die Trennung von 
Theorie und Praxis ist selbst ein historisches Phänomen. 

3. In der allgemeinen Wirtschaftskrise erscheint die Wissen- 
schaft als eines der zahlreichen Elemente des gesellschaftlichen. 
Reichtums, der seine Bestimmung nicht erfüllt. Er übertrifft heute 
bei weitem den Besitzstand früherer Epochen. Es sind auf der Erde 
mehr Rohstoffe, mehr Maschinen, mehr geschulte Arbeitskräfte und 
bessere Produktionsmethoden vorhanden als jemals, aber sie kommen 
den Menschen nicht entsprechend zugute. Die Gesellschaft erweist 
sich in ihrer heutigen Form außerstande, von den Kräften, die sich 
in ihr entwickelt haben, und von dem Reichtum, der in ihrem Rahmen 
hervorgebracht worden ist, wirklich Gebrauch zu machen. Die wissen- 
schaftlichen Erkenntnisse teilen das Schicksal der Produktivkräfte- 
und Produktionsmittel anderer Art : das Maß ihrer Anwendung steht 
in furchtbarem Mißverhältnis zu ihrer hohen Entwicklungsstufe und 
zu den wirklichen Bedürfnissen der Menschen; dadurch wird auch 
ihre weitere quantitative und qualitative Entfaltung gehemmt. Wie der 
Verlauf früherer Krisen zeigt, wird sich das wirtschaftliche Gleich- 
gewicht erst auf dem Weg der in ungeheurem Umfang stattfindenden. 
Vernichtung menschlicher und sachlicher Werte wiederherstellen. 

4. Zur Verschleierung der Ursachen der gegenwärtigen Krise ge- 
hört es, gerade diejenigen Kräfte für sie verantwortlich zu machen, 
die auf eine bessere Gestaltung der menschlichen Verhältnisse hin- 
treiben, vor allem das rationale, wissenschaftliche Denken selbst. 
Es wird versucht, seine Steigerung und Kultivierung beim einzelnen 
hinter die Ausbildung des „Seelischen" zurücktreten zu lassen und. 
den kritischen Verstand, soweit er nicht beruflich in der Industrie 
benötigt wird, als entscheidende Instanz zu diskreditieren. Durch 
die Lehre, daß der Verstand nur ein für die Zwecke des täglichen Lebens, 
brauchbares Instrument sei, aber vor den großen Problemen zu ver- 
stummen und substantielleren Mächten der Seele das Feld zu räumen 
habe, wird von einer theoretischen Beschäftigung mit der Gesell- 
schaft als ganzer abgelenkt. Ein Teil des Kampfes der modernen 
Metaphysik gegen den Scientivismus ist ein Reflex dieser breiteren, 
gesellschaftlichen Strömungen. 



Bemerkungen über Wissenschaft und Krise 3 

5. Tatsächlich weist die Wissenschaft der Vorkriegs Jahrzehnte eine 
Reihe von Mängeln auf, aber sie liegen nicht in der Übertreibung, 
sondern in der durch die zunehmende Verfestigung der gesellschaft- 
lichen Verhältnisse bedingten Verengerung ihrer Rationalität. Die 
Aufgabe, unbekümmert um außerwissenschaftliche Rücksichten Tat- 
sachen zu verzeichnen und die zwischen ihnen obwaltenden Regel- 
mäßigkeiten festzustellen, war ursprünglich als ein Teilziel des bürger- 
lichen Emanzipationsprozesses in kritischer Auseinandersetzung mit 
scholastischen Hindernissen der Forschung formuliert worden. Aber 
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte diese Definition 
bereits ihren fortschrittlichen Sinn verloren und erwies sich im Gegen- 
teil als Beschränkung des Wissenschaftsbetriebes auf eine um die 
Unterscheidung des Gleichgültigen vom Wesentlichen unbekümmerte 
Aufzeichnung, Klassifikation und Verallgemeinerung von Er- 
scheinungen. In dem Maß, als an die Stelle des Interesses für eine 
bessere Gesellschaft, von dem die Aufklärung noch beherrscht ge- 
wesen war, das Bestreben trat, die Ewigkeit der gegenwärtigen zu 
begründen, kam ein hemmendes und desorganisierendes Moment in 
die Wissenschaft. Fanden ihre Ergebnisse, wenigstens zum Teil, 
in der Industrie nützliche Verwertung, so versagte sie gerade vor 
dem Problem des gesellschaftlichen Gesamtprozesses, das durch die 
sich verschärfenden Krisen und die damit zusammenhängenden 
gesellschaftlichen Kämpfe bereits vor dem Kriege die Realität be- 
herrschte. Der am Sein und nicht am Werden orientierten Methode 
entsprach es, die gegebene Gesellschaftsform als einen Mechanismus 
von sich wiederholenden gleichen Abläufen anzusehen, der zwar auf 
kürzere oder längere Zeit gestört sein möge, jedenfalls aber keine 
andere wissenschaftliche Verhaltungsweise erfordere als etwa die 
Erklärung einer komplizierten Maschine. Aber die gesellschaftliche 
Wirklichkeit, d. h. die Entwicklung der sich geschichtlich verhaltenden 
Menschen, "enthält eine Struktur, deren Erfassung die theoretische 
Abbildung radikal umgestaltender, alle kulturellen Verhältnisse um- 
wälzender Verläufe erfordert und die keineswegs durch die auf Regi- 
strierung von wiederholt Vorhandenem eingestellte Verfahrungsweise 
der älteren Naturwissenschaft zu bewältigen ist. Die Absperrung 
der Wissenschaft gegen eine angemessene Behandlung der Probleme, 
die mit dem Gesellschaftsprozeß zusammenhängen, hat eine metho- 
dische und inhaltliche Verflachung verursacht, die nicht bloß in 
der Vernachlässigung der dynamischen Beziehungen zwischen den 
einzelnen Gegenstandsgebieten zum Ausdruck kommt, sondern sich 

1* 



4 Max Horkheimer 

auf die verschiedenste Weise in dem Betrieb der Disziplinen fühlbar 
macht. Mit dieser Absperrung hängt es zusammen, daß eine Reihe 
von ungeklärten, starren und fetischhaften Begriffen weiter eine Rolle 
spielen können, während sie durch Einbeziehung in die Dynamik 
des Geschehens zu erhellen wären. Beispiele dafür sind: der Begriff 
des Bewußtseins an sich als des angeblichen Erzeugers der Wissen- 
schaft, ferner die Person und ihre aus sich selbst die Welt setzende 
Vernunft, das ewige, alles Geschehen beherrschende Naturgesetz, 
das .sich gleichbleibende Verhältnis von Subjekt und Objekt, der 
starre Unterschied zwischen Geist und Natur, Seele und Leib und 
andere kategoriale Bildungen mehr. Die Wurzel dieser Mängel aber 
liegt keineswegs in der Wissenschaft selbst, sondern in den gesell- 
schaftlichen Bedingungen, die ihre Entwicklung hemmen und mit 
den der Wissenschaft immanenten rationalen Elementen in Konflikt 
geraten sind. 

6. Etwa seit der Jahrhundertwende wird innerhalb der Wissen- 
schaft und Philosophie auf die Mangelhaftigkeit und Unangemessen- 
heit der rein mechanistischen Methoden hingewiesen. Diese Kritik 
hat zu prinzipiellen Diskussionen geführt, die wichtige Grundlagen 
der Forschung betreffen, so daß heute auch von einer inneren Krise 
der Wissenschaft gesprochen werden kann. Diese tritt zu der äußeren 
Unzufriedenheit mit ihr als einem der vielen Produktionsmittel, das 
die an es geknüpften Erwartungen zur Linderung der allgemeinen Not 
nicht hat erfüllen können, hinzu. Wenn besonders die neuere Physik 
die Mängel der traditionellen Betrachtungsweise innerhalb ihres 
eigenen Fachs weitgehend überwunden und ihre erkermtnistheore- 
tischen Grundlagen einer Revision unterzogen hat, so ist es das Ver- 
dienst der Nachkriegsmetaphysik, besonders Max Schelers, die 
Wissenschaft als ganzes auf eine Reihe von Gegenständen erst wieder 
hingewiesen und an manchen Stellen einer weniger durch konven- 
tionelle Blickverengung gehemmten Betrachtungsweise Bahn ge- 
brochen zu haben. Vor allem haben die Beschreibung wichtiger 
psychischer Phänomene, ferner die Darstellung gesellschaftlicher 
Charaktertypen und die Begründung einer Soziologie des Wissens 
befruchtend gewirkt. Doch abgesehen davon, daß die metaphysischen 
Versuche als die konkrete Realität fast immer „das Leben", also 
selbst noch eine mythische Wesenheit und nicht die wirkliche lebendige 
Gesellschaft in ihrer geschichtlichen Entwicklung hinstellten, ver- 
hielten sie sich gegenüber der Wissenschaft schließlich nicht weiter- 
treibend, sondern einfach negativ. Anstatt daß sie die der Wissen- 



Bemerkungen über Wissenschaft und Krise 5 

schaft durch ihre klassenmäßige Verengerung gezogenen Grenzen 
aufgewiesen und schließlich durchbrochen hätten, identifizierten sie 
die in mancher Hinsicht ungenügende Wissenschaft der vorange- 
gangenen Epoche mit der Rationalität überhaupt, negierten das 
urteilende Denken selbst und überließen sich sowohl willkürlich aus- 
gesuchten Gegenständen als auch einer von der Wissenschaft be- 
freiten Methodik. Es entstand eine philosophische Anthropologie, 
die im Gefühl ihrer Unabhängigkeit einzelne Züge am Menschen ver- 
absolutierte, und dem kritischen Verstand wurde die dem Zwang 
wissenschaftlicher Kriterien sich überhebende, ihres genialen Blickes 
gewisse Intuition entgegengestellt. Damit lenkt diese Metaphysik 
von den Ursachen der gesellschaftlichen Krise ab und entwertet sogar 
die Mittel zu ihrer Erforschung. Eine besondere Verwirrung richtet 
sie an, indem sie den isoHerten, abstrakt gefaßten Menschen hypo- 
stasiert und damit die Bedeutung des theoretischen Begreifens der 
gesellschaftlichen Vorgänge bagatellisiert. 

7. Nicht bloß die Metaphysik, sondern auch die von ihr kriti- 
sierte Wissenschaft selbst, insofern sie eine die Aufdeckung der wirk- 
lichen Krisenursachen hemmende Gestalt bewahrt, ist ideologisch. 
Dies bedeutet keineswegs, daß es ihren Trägern selbst nicht um die 
reine Wahrheit zu tun wäre. Alle Verhaltungsweisen der Menschen, 
welche die wahre Natur der auf Gegensätze aufgebauten Gesellschaft 
verhüllen, sind ideologisch, und die Feststellung, ob philosophische, 
moralische, religiöse Glaubensakte, wissenschaftliche Theorien, Rechts- 
sätze, kulturelle Institutionen diese Funktion ausüben, betrifft 
keineswegs den Charakter ihrer Urheber, sondern die objektive Rolle, 
die jene Akte in der Gesellschaft spielen. An sich richtige Ansichten, 
theoretische und ästhetische Werke von unbestreitbar hoher Quali- 
tät können in bestimmten Zusammenhängen ideologisch wirken, und 
manche Illusionen sind dagegen keine Ideologie. Der ideologische 
Schein entsteht bei den Mitgliedern einer Gesellschaft notwendig auf 
Grund ihrer Stellung im Wirtschaftsleben ; erst wenn die Verhältnisse 
so weit fortgeschritten sind, die Interessengegensätze eine solche 
Schärfe erreicht haben, daß auch ein durchschnittliches Auge den 
Schein durchdringen kann, pflegt sich ein eigener ideologischer 
Apparat mit selbstbewußten Tendenzen auszubilden. Mit der Ge- 
fährdung einer bestehenden Gesellschaft durch die ihr immanenten 
Spannungen wachsen die auf Erhaltung der Ideologie gerichteten 
Energien und werden schließlich die Mittel verschärft, sie gewaltsam 
zu stützen. Je mehr das römische Imperium von sprengenden Ten- 



6 Max Horkheimer 

denzen bedroht war, um so brutaler versuchten die Kaiser den alten 
Staatskult zu erneuern und damit das untergrabene Gefühl der Einheit 
herzustellen. Die Epochen, die auf die Christenverfolgungen und den 
Untergang des Reiches folgten, sind von anderen furchtbaren Bei- 
spielen des sich regelmäßig wiederholenden Verlaufes voll. Inner- 
halb der Wissenschaft einer solchen Periode pflegt das ideologische 
Moment weniger darin zu erscheinen, daß sie falsche Urteile enthält, 
als in ihrer mangelnden Klarheit, ihrer Ratlosigkeit, ihrer ver- 
hüllenden Sprache, ihren Problemstellungen, ihren Methoden, der 
Richtung ihrer Untersuchungen und vor allem in dem, wovor sie 
die Augen verschließt. 

8. In der Gegenwart bietet der Wissenschaftsbetrieb ein Abbild 
der widerspruchsvollen Wirtschaft dar. Diese ist weitgehend mono- 
polistisch beherrscht und doch im Weltmaßstab desorganisiert und 
chaotisch, reicher als je und doch unfähig, das Elend zu beheben. 
Auch in der Wissenschaft erscheint ein doppelter Widerspruch. 
Erstens gilt es als Prinzip, daß jeder ihrer Schritte einen Erkenntnis- 
grund habe, aber der wichtigste Schritt, nämlich die Aufgabenstellung 
selbst, entbehrt der theoretischen Begründung und scheint der Willkür 
preisgegeben zu sein. Zweitens ist es der Wissenschaft um die Er- 
kenntnis umfassender Zusammenhänge zu tun, den umfassenden 
Zusammenhang aber, von dem ihr eigenes Dasein und die Richtung 
ihrer Arbeit abhängt, nämlich die Gesellschaft, vermag sie in ihrem 
wirklichen Leben nicht zu begreifen. Beide Momente sind eng ver- 
knüpft. In der Erhellung des gesamtgesellschaftlichen Lebens- 
prozesses ist die Aufdeckung des Gesetzes, das in der scheinbaren 
Willkürlichkeit der wissenschaftlichen wie der anderen Unterneh- 
mungen sich durchsetzt, mit enthalten, denn auch die Wissenschaft 
wird dem Umfang und der Linie ihrer Arbeiten nach nicht bloß durch 
die ihr eigenen Tendenzen, sondern letzten Endes durch die gesell- 
schaftlichen Lebensnotwendigkeiten bestimmt. Die Verzettelung und 
Verschwendung von geistigen Energien, die den Gang der Wissen- 
schaft im letzten Jahrhundert trotz dieser Gesetzmäßigkeit kenn- 
zeichnen und immer wieder von den Philosophen dieser Epoche kriti- 
siert wurden, können freilich ebensowenig wie die ideologische Funk- 
tion der Wissenschaft durch bloße theoretische Einsicht überwunden 
werden, sondern einzig durch die Veränderung ihrer realen Bedingungen 
in der geschichtlichen Praxis. 

9. Die Lehre vom Zusammenhang der kulturellen Unordnung mit 
den ökonomischen Verhältnissen und den aus ihnen sich ergebenden 



Bemerkungen über Wissenschaft und Krise 7 

Interessengegensätzen besagt nichts über den Realitätsgrad oder das 
Rangverhältnis der materiellen und geistigen Güter. Sie steht freilich 
zur idealistischen Ansicht, daß die Welt als Erzeugnis und Ausdruck 
eines absoluten Geistes zu betrachten sei, in Widerspruch, weil sie 
den Geist überhaupt nicht als ein vom historischen Dasein Ablösbares 
und Selbständiges betrachtet. Wenn aber der Idealismus nicht in 
dieser fragwürdigen Metaphysik, sondern vielmehr in dem Bestreben 
gesehen wird, die geistigen Anlagen der Menschen wirklich zur Ent- 
faltung zu bringen, dann entspricht die materialistische Theorie der 
Unselbständigkeit des Ideellen besser diesem Begriff der klassischen 
deutschen Philosophie als ein großer Teil der modernen Metaphysik; 
denn der Versuch, die gesellschaftlichen Ursachen der Verkümmerung 
und Vernichtung menschlichen Lebens zu erkennen und die Wirt- 
schaft wirklich den Menschen unterzuordnen, ist jenem Streben an- 
gemessener als die dogmatische Behauptung einer vom Lauf der 
Geschichte unabhängigen Priorität des Geistigen. 

10. Soweit mit Recht von einer Krise der Wissenschaft gesprochen 
wird, ist sie von der allgemeinen Krise nicht zu trennen. Die geschicht- 
liche Entwicklung hat eine Fesselung der Wissenschaft als Produktiv- 
kraft mit sich gebracht, die sich in ihren Teilen, dem Inhalt und der 
Form, dem Stoff wie der Methode nach, auswirkt. Außerdem wird 
die Wissenschaft als Produktionsmittel nicht entsprechend an- 
gewandt. Das Begreifen der Krise der Wissenschaft hängt von der 
richtigen Theorie der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation ab, 
denn die Wissenschaft, als eine gesellschaftliche Funktion, spiegelt in 
der Gegenwart die Widersprüche der Gesellschaft wider. 






Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus und die Aus- 
sichten einer planwirtschaftlichen Neuordnung 1 ). 

Von 
Friedrich Pollock (Frankfurt a. M.). 

I. 

„Die industrielle Produktion hat sich seit ihrem Höchststand von 
Mitte 1929 um etwa 46% vermindert. Bis zum Ende 1931 war sie auf 
den Stand von Ende der neunziger Jahre zurückgefallen. Um die ganze 
Schwere dieses Rückschlags ermessen zu können, muß man sich ver- 
gegenwärtigen, daß die Bevölkerung des Deutschen Reiches jetzt um 
mehr als ein Fünftel größer ist als damals. 

Die Zerrüttung der Kapitalmärkte hat die Investitionstätigkeit so 
gut wie völlig lahmgelegt. Neuinvestitionen werden kaum noch in 
Angriff genommen. Ersatzinvestitionen unterbleiben mehr und mehr 

Der Arbeitsmarkt bietet das Bild schwerster Erschütterung. Die 
Zahl der Erwerbslosen, gegenwärtig über 6 Millionen, bedeutet, daß 
beinahe 30% der Arbeiter und Angestellten zum Feiern gezwungen 
sind. Nur wenig mehr als zwei Fünftel der vorhandenen Arbeitsplätze 
in der Industrie sind besetzt . . . Das Volkseinkommen (im Jahre 1929 
ca. 76 Milliarden RM.) ist für das Jahr 1930 auf 60 — 70, für das Jahr 

1931 auf rund 50—60 Milliarden RM. zu veranschlagen. Das Jahr 

1932 wird mit Sicherheit noch niedrigere Zahlen ergeben. 

Die Konkurse haben mit schätzungsweise 18800 im Jahre 1931 
den höchsten jemals zu verzeichnenden Stand erreicht." 

Wie ein Heeresbericht aus einem verlorenen Krieg lesen sich diese 
Sätze, mit denen das Institut für Konjunkturforschung die Schwere 
der deutschen Wirtschaftskrise zu Anfang des Jahres 1932 zu beschreiben 
versucht 2 ). Ähnliche Meldungen liegen für die meisten anderen kapi- 
talistischen Staaten vor, und wenn es zu Beginn des Jahres 1931 noch 
so scheinen konnte, als ob einzelne besonders bevorzugte Länder von 
der Wirtschaftskrise verschont bleiben würden, so zeigt es sich heute, 
daß auch die bisher widerstandsfähigsten Volkswirtschaften, vor allem 

n,r V " D i ie , Arbeit wurde im Februar 1932 abgeschlossen, das seither erschienene 
Material konnte nur ausnahmweise berücksichtigt werden. 

) Wochenbericht des Inst. f. Konjunkturforschung vom 17. Februar 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 



9 



Frankreich, mehr und mehr von den zerstörenden Kräften der Krise 
angefallen werden. Das allgemeine Mißtrauen gegen alle "Währungen 
und alle Unternehmungen führt zum Verzicht auf eine noch so niedere 
Verzinsung, der in der privaten Goldhortung zum Ausdruck kommt. 
Begreiflich wird dieses Verhalten, wemi man von den Kapitalzer- 
störungen erfährt, die seit dem Zusammenbruch der New- Yorker Börse 
im Herbst 1929 erfolgt sind und von denen die Börsenindices ein un- 
gefähres Bild geben 1 ). 

Ergänzt und vertieft wird dieses Bild durch einen Blick auf die 
Entwicklung der internationalen Rohstoffpreise. Gegenüber dem Stand 
von 1926 sind sie selten weniger als um die Hälfte, häufig auf ein Drittel 
(Weizen, Zucker, Erdöl, Kaffee, Blei, Zink, Rohseide usw.), vereinzelt 
sogar noch tiefer gesunken (z. B. Kautschuk von einem Durchschnitts- 
preis von 4436 RM. je t im Jahre 1926 auf 643 RM.), während die sicht- 
baren Vorräte sich vervielfacht haben und vorläufig einen weiteren 
Druck auf die Preise ausüben. 

Je mehr man auf die Einzelheiten der krisenhaften Erscheinungen 
eingeht, um so mehr häufen sich die Beispiele für die Schwere der Zer- 
störungen, die sie in der ganzen kapitalistischen Welt anrichten. Die 
Menschheit, die in ihrer Geschichte keinen Abschnitt kannte, in dem sie 
absolut und pro Kopf gerechnet so reich an Produktionsmitteln und 
hochqualifizierten Arbeitskräften war wie heute, verarmt auf doppelte 
Weise: durch die ungeheure Brachlegung der sachlichen und persön- 
lichen Produktivkräfte und durch die Vernichtung eines Teiles des 
Geschaffenen. Eine einfache Überlegung gibt eine Vorstellung davon, 
was den darbenden Menschen durch die Arbeitslosigkeit des Jahres 
1931 an wirtschaftlichen Werten, die mit den vorhandenen Produk- 
tionsmitteln hätten hergestellt werden können, entgangen ist. Legt 
man im Durchschnitt des Jahres 1931 für sämtliche Industriestaaten 
eine Arbeitslosigkeit von 20 Millionen zugrunde (wobei Kurzarbeiter 
mit einem entsprechenden Schlüssel in Vollarbeitslose umzurechnen 
wären) und nimmt man als rohen Durchschnitt ein Jahreseinkommen 
pro Arbeiter von 2000 RM. an, dann ergibt sich ein Einkommens- 



*) 



Aktienindex 



Vereinigte Staaten 
Datum I 1926=100 



Höchster Stand 

Bisheriger tiefster Stand 



Sept. 1929 
März 1932 



257 
56 



Deutschland 
Datum 1 1924/26 =100 



Mai 1927 
April 1932 



203 
46,5 



10 



Friedrich Pollock 



ausfall von 40 Milliarden RM. und ein Ausfall an technisch möglicher 
Neuproduktion, dessen Höhe diese 40 Milliarden Mark weit übersteigt. 
Der schreiende Widerspruch zwischen der Verarmung immer größerer 
Schichten, dem Fehlen der Mittel selbst für die dringendsten Kultur- 
aufgaben auf der einen Seite und den durch die Umwälzung in den land- 
wirtschaftlichen Produktionsmethoden und die sprunghaften Fort- 
schritte in der Produktivität der industriellen Arbeit gegebenen tech- 
nischen Möglichkeiten auf der anderen zwingen breiteste Schichten 
zum Nachdenken über die Zweckmäßigkeit der kapitalistischen Wirt- 
schaftsordnung. Immer kleiner wird die Zahl derer, die verlangen, 
daß die Wirtschaftsführung „überall da, wo verwaltungsmäßige Er- 
ledigung der Geschäfte nicht ausreicht, wieder auf die Grundlage der 
individualistischen Weltanschauung zurückgebracht werden" solle, 
und die meinen, daß man nur „dem freien Spiel der Kräfte, das das 
Wesen der kapitalistischen Ordnung ausmacht, wieder mehr Raum 
geben" müßte, um der Krise Herr zu werden 1 ). Statt dessen ertönt 
selbst aus Kreisen, die man früher zu den zuverlässigsten Anhängern 
des liberalistischen Systems gezählt hat, der Ruf, daß das Ende des 
Kapitalismus gekommen sei und daß nur eine planwirtschaftliche Neu- 
ordnung die heutigen Schwierigkeiten bewältigen und die wirtschaft- 
lichen Kräfte aus den zerstörenden, lebensfeindlichen Mächten von heute 
zu Dienern der Menschen machen kömite. 

Es ist die Aufgabe der nachstehenden Seiten, auf einige zur Beurteiluno- 
dieser Streitfrage wichtige Gesichtspunkte hinzuweisen. 



II. 

Nur von den Vertretern einer „exogenen" Krisentheorie dürfte ernst- 
haft bestritten werden, daß die heutige Weltwirtschaftskrise zu einem 
guten Teil auf dieselben Ursachen zurückzuführen ist wie ihre nationalen 
und internationalen Vorgänger seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. 
Strittig ist aber, welche Faktoren verschärfend auf den Krisenablauf 
einwirken und die Überwindung des Tiefpunktes immer wieder ver- 
zögern. Grob schematisch lassen sich diese zusätzlichen Störungs- 
faktoren in drei Gruppen einteilen: politische Störungsmomente, 
einmalige wirtschaftliche Störungsursachen und solche „strukturelle" 
Veränderungen, die den normalen Gang des kapitalistischen Auto- 
matismus behindern. 



3 Bericht der Darmstädter und Nationalbank über das Geschäftsjahr 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 11 

Die beiden ersten Gruppen stehen teilweise in engem Zusammenhang. 
Die Erscheinungen, um die es sich hier handelt, sind so oft beschrieben 
worden, daß wir nur an zwei besonders wichtige Tatsachen erinnern. 
Die Störungen der internationalen Arbeitsteilung durch die Folgen 
des Krieges und die allgemeine durch die Friedensverträge und Repara- 
tionen geschaffene politische Unruhe haben das heute enger als je 
verflochtene internationale Kreditsystem aufs schwerste erschüttert. 

Besonders krisenverschärfend mußte weiterhin das Zusammen- 
treffen einer schweren Agrarkrise mit der Industriekrise wirken, weil 
erfahrungsgemäß in den früheren Krisen das relativ konstante Ein- 
kommen der landwirtschaftlichen Bevölkerung der Nachfrage nach 
Industriewaren einen gewissen Halt geboten und zusammen mit den 
übrigen festen Geldeinkommen bei der Aufnahme der aufgestauten 
Vorräte zu den gesunkenen Krisenpreisen eine große Rolle gespielt 
hatte. Dieser den Absturz bremsende Faktor fiel durch das sprunghafte 
Tempo in der Umwälzung der landwirtschaftlichen Produktionstechnik 
aus. 

Für unsere Fragestellung ist eine dritte Gruppe von Störungsfaktoren 
besonders wichtig, weil diese als dauernd wirksam angesehen werden 
müssen und das Funktionieren des Marktmechanismus dauernd be- 
drohen. Hierher gehört in erster Linie die Verschiebung des wirt- 
schaftlichen Schwergewichtes zu den Großbetrieben und den Riesen- 
unternehmungen in der Industrie, im Handel und im Bankwesen. Seit 
Marx sind viele Versuche gemacht worden, die Zwangsläufigkeit dieses 
Prozesses zu erklären, aber ob man nun ein bestimmtes Gesetz der 
Konzentration und Zentralisation annimmt oder die wachsende Be- 
deutung der „fixen Kosten" als Ursache bezeichnet, die Tatsache dieser 
Entwicklung selbst kann heute ernsthaft nicht mehr in Frage gestellt 
werden. Gewiß gibt es in der nordamerikanischen Industrie noch etwa 
30000 Unternehmungen mit einem investierten Gesamtkapital von 
rund 600 Milliarden RM., aber über 44% dieses Kapitals entfielen 
schon 1927 auf etwa 200 Unternehmungen 1 ). Jede neue statistische 
Veröffentlichung über die Entwicklung der Betriebs- und Unter- 
nehmungsgrößen, jede Übersicht über die Vorgänge auf dem Gebiete 
der Kartell-, Konzern- und Trustbildung redet eine ähnliche Sprache. 



x ) H. F. Simon, Amerikas Industriesystem, Deutscher Volkswirt vom 
20. 11. 1931, S. 251. Vgl. auch H. W. Laidler, Concentration of Control in 
American Industry, New York 1931. — In Deutschland gab es am 31. Dez. 
1930 10970 Aktiengesellschaften mit einem Nominalkapital von insgesamt 
24,1 Milliarden RM., von dem über die Hälfte (12,5 Milliarden RM.) auf 
189 Gesellschaften entfiel (Stat. Jahrbuch f. d. Deutsche Reich, 1931, S.36H.). 



12 



Friedrich Pollock 



Das Wachstum der ■wirtschaftlichen Einheiten verleiht ihren Leitern zu- 
nehmende wirtschaftliche und politische Macht. Es entsteht dann jene 
viel diskutierte „Erstarrung" der Wirtschaft, in der die Preise vieler 
wichtiger Waren nicht mehr durch das „freie Spiel der Kräfte" zustande 
kommen, sondern durch monopolistische Bindungen. Diese gebundenen 
Preise werden dadurch ermöglicht, daß unter dem politischen Einfluß der 
großen Wirtschaftsmächte eine Zollpolitik durchgesetzt wird, die die 
ausländische Konkurrenz vom Inlandsmarkt fernhält oder den großen 
Verbänden gestattet, mit der ausländischen Konkurrenz die Märkte 
aufzuteilen. 

Ebenso wie durch diese Eingriffe in die freie Preisbildung ein für die 
Struktur des liberalistischen Wirtschaftssystemes entscheidendes Gebiet 
eine durchgreifende Veränderung erfährt, wird durch die Einschränkung 
der freien Unternehmertätigkeit und der Unternehmerverantwortung 
das alte System gründlich verändert. Es ist wiederum das Wachstum 
der wirtschaftlichen Einheiten, das diese Veränderungen verursacht. 
Solange die Größe der Einzelunternehmung im Verhältnis zur ganzen 
Wirtschaft noch bescheiden war, konnte man vom Staat nicht erwarten, 
daß er den Zusammenbruch eines erfolglosen Unternehmens verhinderte. 
Die Folgen für die übrige Wirtschaft waren im einzelnen Fall zu er- 
tragen, die Zahl der durch den Bankrott brotlos Gewordenen blieb 
in relativ mäßigen Grenzen. Heute sind viele Unternehmungen in der 
Industrie und im Bankwesen so riesenhaft angewachsen, daß keine 
Staatsgewalt, möge sie sich noch so liberalistisch gebärden, ihren Unter- 
gang untätig mit ansehen kann. Von einer bestimmten Größe des 
Kapitals an darf das Unternehmen zwar den Gewinn noch für sich allein 
beanspruchen, das Risiko aber auf die Masse der Steuerzahler abwälzen, 
da sein Zusammenbruch die schwersten Folgen für den gesamten Wirt- 
schaftskörper und damit auch für die politische Situation haben müßte 1 ). 
Der Einwand, daß auch früher der Staat schon gelegentlich eingegriffen 
habe, um Unternehmungen zu stützen, trifft insofern nicht zu, als der- 
artige Maßnahmen im vergangenen Jahrhundert noch eine Ausnahme 
waren, während heute z. B. jede gefährdete Großbank mit staatlicher 
Hilfe gehalten werden muß. Wenn in der letzten Zeit immer häufiger 
davon gesprochen wird, daß der Arbeitslosenunterstützung neuer- 
dings eine „Erfolglosenunterstützung" gegenüberstehe und daß diese 

*) Ein drastisches Beispiel hierfür ist die Reorganisierung der deutschen 
Großbanken unter Aufwendung vieler hunderter von Millionen öffentlicher 
Mittel, nachdem noch wenige Monate vor der Juli-Krise von 1931 die Leiter 
der zuerst zusammengebrochenen Großbank in dem oben zitierten Jahres- 
bericht gegen staatliche Eingriffe protestiert hatten. 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 13 

Phase der kapitalistischen Entwicklung als „garantierter" Kapitalis- 
mus gekennzeichnet werden müsse, so ist damit eine wichtige struk- 
turelle und den Marktautomatismus bedrohende Veränderung charak- 
terisiert. 

Die Eingriffe des Staates in den freien Arbeitsvertrag, die damit 
zusammenhängenden sozialpolitischen Maßnahmen, die staatliche An- 
erkennung der Gewerkschaften stimmen mit den ursprünglichen Ge- 
danken des Liberalismus ebensowenig überein wie die Bindungen 
anderer Warenpreise, die allerdings eine völlig verschiedene wirtschaft- 
liche und soziale Bedeutung haben. Die Behauptung, daß heute nur 
an die Stelle der „ruinösen" Konkurrenz die „geregelte" Konkurrenz 
getreten sei, gibt gerade das zu, was sie leugnen möchte, denn die 
Konkurrenz kann als Regulator nur insofern wirksam sein, als sie 
„ruinös'' ist. Allerdings ist die zunehmende Staatstätigkeit keine zu- 
fällige Eigentümlichkeit des Nachkriegskapitalismus, sondern wird 
voraussichtlich auch weiterhin für das kapitalistische System bestimmend 
sein. In der Krise wird der Druck auf die Staatsgewalt, in den Wirt- 
schaftsprozeß einzugreifen, naturgemäß noch bedeutend verstärkt, da 
die Kräfte der Selbststeuerung ebenso wie die normalen Mittel der 
liberalistischen Wirtschaftspolitik nicht ausreichen. 

Der konsequente Liberalismus läßt nur ein Mittel zur Konjunktur- 
regulierung zu, nämlich die Diskontpolitik der Zentralnotenbank. 
Aber dieses Mittel kann nur solange wirksam sein, als freie Konkurrenz 
der Kapitalien und Unternehmungen besteht. In der heutigen „ge- 
bundenen" Wirtschaft ist es „ein viel zu feines Instrument, mit dem 
man den großen und schlagartig auftretenden Störungen gar nicht 
entgegenzuwirken vermag" 2 ). 

Analoge Störungen wie beim binnenwirtschafthchen Automatismus 
lassen sich auch bei den internationalen Wirtschaftsbeziehungen nach- 
weisen. Man könnte es eine tragische Situation nennen, daß gerade zu 
der Zeit, in der die Nachrichten- und Verkehrstechnik eine vollentfaltete 
Weltwirtschaft überhaupt erst möglich machen, stärkste Kräfte auf 
Abschließung der einzelnen Wirtschaftsgebiete voneinander und Be- 
schränkung des internationalen Warenaustausches auf das unbedingt 
Notwendige hinwirken. Unter dem ironischen Schlagwort „Schutz- 
zoll per Kasse — Freihandel auf Termin" ist kürzlich eine Gegenüber- 
stellung der wohlmeinenden Vorschläge zur Erleichterung der inter- 
nationalen Arbeitsteilung und der zur gleichen Zeit in Kraft getretenen 

!) E. Lederer, Planwirtschaft, Tübingen 1932, S. 23. 



14 Friedrich Pollock 

protektionistischen Maßnahmen veröffentlicht worden 1 ). Es findet sich 
darin der resignierte Hinweis, daß das positive Ergebnis aller bisherigen 
freihändlerischen Arbeiten des Völkerbundes in einem Abkommen über 
die Ausfuhr von Häuten und Fellen bestehe. Während aber dieser 
Feststellung auch im Frühjahr 1932 nichts hinzuzufügen ist, müßte 
die lange Liste der protektionistischen Maßnahmen, die im Oktober 
1931 abgeschlossen wurde, durch eine fast ebenso lange Liste der seither 
in Kraft getretenen oder geplanten Zölle, Einfuhrverbote, Kontin- 
gentierungen ergänzt werden. Sicher ist dieser anwachsende Protek- 
tionismus nicht allein durch die Wirtschaftskrise verursacht; er ist 
erst möglich geworden durch den Wegfall der Voraussetzungen einer 
internationalen Arbeitsteilung, auf denen die Freihandelslehre beruhte. 
Somit rechtfertigt sich der schon von List ausgesprochene Verdacht, 
daß es sich bei dieser Lehre um eine Ideologie handelt, mit der die 
industriell fortgeschrittensten oder vorwiegend handeltreibenden Staaten 
ihre Interessen verbrämt haben. Der Nexus: wachsende Größe der 
Wirtschaftseinheiten — wachsende wirtschaftliche und politische Macht 
— Benutzung dieser Macht zur Bindung der Preise im Innern und Ab- 
schluß gegen die ausländische Konkurrenz - Unvermeidbarkeit der Staats- 
hilfe, wenn wichtige Teile der Wirtschaft bedroht sind 2 ), schwächt oder 
vernichtet die Selbststeuerung der kapitalistischen Wirtschaft, führt 
zu Fehlinvestitionen größten Stils, verschärft die Disproportionalitäten 
zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen und zwingt zu einem immer 
heftigeren Kampf auf dem fortwährend weiter zusammenschrumpfenden 
Weltmarkt 3 ). 

in. 

Wenn die Wirtschaftskrise als eine durch einmalige und dauernde 
Faktoren verschärfte „normale" kapitalistische Krise angesehen werden 

x ) Nachkriegskapitalismus, Eine Untersuchung der Handelsredaktion der 
Frankfurter Zeitung, Frankfurt 1931, S. 30f. 

2 ) In diesem Zusammenhang ist auch auf den landwirtschaftlichen Pro- 
tektionismus hinzuweisen. Die Kosten der Stützimgsaktionen des nord- 
amerikanischen Farm-Boards oder der brasilianischen Kaffeevalorisationen 
sind bekannt. Der Preis, den die deutschen Konsumenten für die Erhaltung 
des deutschen Getreidebaues zu zahlen haben, wurde neuerdings auf 30 
bis 35% des Nettowertes der Getreideproduktion, d. h. auf 3—4 Milliarden 
KM pro Jahr berechnet. Vgl. F. Dessauer, Landwirtschaftliche und indu- 
strielle Subventionen in „Der deutsche Volkswirt" vom 13. 11. 1931. 

U- *T_i" er dei ^ aum zu näheren Ausführungen über diese Zusammen- 
hange fehlt, verweisen wir auf die nachstehenden Arbeiten, mit denen wir 
m diesem Punkt weitgehend übereinstimmen : A. Löwe, Lohnabbau als Mittel 
der ILrisenuberwindung; A. Löwe, Der Sinn der Weltwirtschaftskrise, Neue 
glatter tur den Sozialismus, Jahrgang I, Heft 5 bzw. Jahrgang II, Heft 2 - 
&. Lederer, Wege aus der Krise, Tübingen 1931. 






Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 15 

muß, dann erhebt sieh die Frage, ob nach einer allmählichen Bereini- 
gung der Krisenursachen der alte Automatismus des kapitalistischen 
Systems nicht doch wieder hergestellt werden kann. Auch heute fehlt 
es nicht an Stimmen, die behaupten, daß die gegenwärtige Unordnung 
daher rühre, daß dieser „wenn auch nicht ideale, so doch bewunderungs- 
würdige Mechanismus der Marktwirtschaft durch die täppischen und 
unintelligenten Eingriffe äußerer und innerer Politik nach dem Kriege" 
gestört worden sei, und daß es nur darauf ankomme, dieses System zu 
reinigen, das „in einer ungemein sinnvollen, wenn auch von den wenigsten 
voll verstandenen Weise die automatische Anpassung der arbeits- 
teiligen Produktion an den Bedarf durch den Regulator der Preise 
und die Lenkung der Produktionskräfte auf die ertragreichsten Gebiete 
durch den Regulator des Zinses" bewirke 1 ). Gegenüber dieser harmo- 
nisierenden Darstellung des „Vorkriegskapitalismus" kann nicht nach- 
drücklich genug gesagt werden, daß der kapitalistische Automatismus 
zwar Großartiges geleistet hat, daß er sich dazu aber der barbarischen 
Mittel eines erbarmungslosen Vernichtungskampfes bediente, dessen 
Kosten — nicht die privatwirtschaftlich ausgewiesenen allein, sondern 
die Kosten für die gesamte Gesellschaft — bisher nie berechnet worden 
sind. Keine noch so beschönigende Terminologie, welche die Zer- 
störungen dieses groben Automatismus als „Friktionen" bagatellisiert, 
kann die Tatsache aus der Welt schaffen, daß das kapitalistische System 
seit seinem Bestehen in mehr oder weniger gleichmäßigen Abständen 
immer wieder aus dem Gleichgewicht geraten ist und daß die not- 
wendigen Proportionalitäten jeweils durch die massenhafte Vernichtung 
von Werten und Menschenleben hergestellt werden mußten. Sicher hat 
es viele Jahrzehnte keinen besseren Weg als diesen Automatismus 
gegeben, die Produktivkräfte der menschlichen Gesellschaft zu ent- 
wickeln, ebenso wie jahrhundertelang eine Seuchenbekämpfung 
nicht anders möglich war als durch Isolierung der Kranken, die 
man ihrem Schicksal überließ, aber diese Einsicht sollte das Ur- 
teil über den barbarischen Charakter derartiger Methoden nicht 
trüben. 

Überdies ist es zumindest fraglich, ob der Marktmechanismus in den 
letzten 50 Jahren wirklich eine „optimale Anpassung der Erzeugungs- 
kräfte an die Bedarfswünsche" geleistet hat. Überlegt man in welchem 
Umfang der Produktionsapparat in diesem letzten Jahrhundert faktisch 
ausgenützt worden ist, so wird sich im Konjunktmdurchschnitt 



l ) Nachkriegskapitalismus, 1. c. S. 7. 



16 



Friedrich Pollock 



vermutlich eine nicht unbeträchtliche Nichtausnutzung der Kapazität 
ergeben. Zwar leistet der Automatismus eine trendmäßige Anpassung 
der Produktion an die zahlungsfähige Nachfrage. Es handelt sich 
aber darum, eine gleichmäßigere und bessere Versorgung des faktischen 
Bedarfes zu ermöglichen. 



IV. 

Ohne Zweifel läßt sich begründen, daß diese Krise mit kapitalistischen 
Mitteln überwunden werden kann und daß der „monopolistische" 
Kapitalismus auf zunächst unabsehbare Zeit weiter zu existieren ver- 
mag. Allerdings ist das nur noch beschränkt funktionierende alte 
System weiterhin mit solchen Spannungen geladen, daß verhältnis- 
mäßig geringfügige Anlässe zu einer Katastrophe führen können, deren 
vernichtende Wirkungen heute noch nicht annähernd übersehbar 
sind. 

Die Elemente zur Überwindung der aktuellen Wirtschaftskrise sind 
bereits in weitem Umfang vorhanden. Das Kapital hat, wenn man von 
den Ländern absieht, die eine besondere politisch bedingte Kreditkrise 
durchzumachen hatten, in großem Umfang Geldform angenommen, der 
Prozeß der „Dekapitalisierung" ist in vollem Gang, die Rohstoffe haben 
teilweise einen nicht für möglich gehaltenen Preissturz erlitten, die An- 
passung der Bodenwerte an die gesunkenen Rohstoffpreise setzt sich 
allmählich durch, die Vorräte an Fertigfabrikaten sind in allen Ländern 
zusammengeschmolzen, kurz, es scheint nur noch der „Ankurbelung" 
zu bedürfen, um den Wirtschaftsprozeß aus seiner heutigen Lähmung 
zu lösen. Hemmend wirken allerdings in höchstem Maß die politische 
Unsicherheit auf der ganzen Welt, der damit in engem Zusammenhang 
stehende bedenkliche Zustand der öffentlichen Finanzen und der inter- 
nationale Zoll- und Währungskrieg. Auch wenn in den nächsten Jahren 
die verschärfenden Faktoren noch das Übergewicht behalten sollten 
und trotz aller Ankurbelungsversuche die Vernichtung wirtschaftlicher 
Werte weiterginge, bliebe die theoretische Möglichkeit einer allmäh- 
lichen Überwindung der Krise bestehen. Es spricht allerdings vieles 
dafür, daß in diesem gebundenen Kapitalismus die Depressionen 
länger, die Auf schwungsphasen kürzer und heftiger und die Krisen ver- 
nichtender sein werden als in den Zeiten der „freien Konkurrenz", 
aber sein „automatischer" Zusammenbruch ist nicht zu er- 
warten. Ein unabweisbarer Zwang, ihn durch ein anderes Wirt- 
schaftssystem zu ersetzen, besteht rein wirtschaftlich nicht. 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 17 

Je geringer die Zahl derjenigen wird, die an der Aufrechterhaltung 
des gegenwärtigen Wirtschaftsystems objektiv interessiert sind 1 ), um 
so dringender wird die Frage nach der Möglichkeit, dieses System durch 
ein besseres zu ersetzen. Wir sehen eine solche Möglichkeit nur in der 
Richtung auf die Ersetzung der „partiellen" durch eine „totale" Or- 
ganisation und fragen deshalb hier nach den Aussichten einer planwirt- 
schaftlichen Neuordnung. 



V. 

Die offenkundigen Schwierigkeiten des kapitalistischen Systems 
ebenso wie das Ausbleiben des von fast allen Sachverständigen prophe- 
zeiten Zusammenbruchs der russischen planwirtschaftlichen Versuche 
sind die Hauptgründe, warum heute überall von Planwirtschaft ge- 
sprochen wird. In den Ländern, in denen das kapitalistische System 
noch am festesten gegründet erscheint, in den Vereinigten Staaten und 
in Frankreich, werden Zehnjahrespläne und Fünf Jahrespläne zur Ent- 
wicklung der Wirtschaft diskutiert. Die nordamerikanischen mid eng- 
lischen ökonomischen Zeitschriften sind voll von Erörterungen über 
planwirtschaf tliche Probleme ; in Amsterdam fand im August des vorigen 
Jahres ein insbesondere von amerikanischer Seite zahlreich besuchter 
Kongreß statt, auf dem die Möglichkeiten einer Planwirtschaft auf 
kapitalistischer Grundlage in sehr ernsthafter Weise diskutiert wurden; 
gelegentlich des Kongresses der britischen Gewerkschaften sprach man 
sich im September 1931 über die Möglichkeit einer nationalen britischen 
Planwirtschaft aus. Berichte über die Schicksale des russischen Fünf- 
jahresplans erscheinen in allen Sprachen der Welt. Aber mit wenigen 
Ausnahmen hat die Erörterung planwirtschaftlicher Probleme bisher 
eher verwirrend als erklärend gewirkt, und nur in wenigen Fällen ist 

!) Anhaltspunkte dafür, wie klein diese Schicht in Deutschland bereits 
geworden ist, geben die Zahlen der Einkommens- und Vermögensstatistik 
Sie sind von F. Fried in seinem Buche über: „Das Ende des Kapitalismus' 
in populärer Weise zusammengestellt (S. 50ff.). Nach der letzten Einkommens 
steuerstatistik aus dem Jahre 1928 bezogen 89,4% der Erwerbstätigen, bei 
denen hier die mithelfenden Familienangehörigen nicht berücksichtigt sind, 
ein Einkommen bis 250 RM. monatlich und 57,2% ein Einkommen bis 
100 RM. Fried hat berechnet, daß es unter den 32 1 / 2 Millionen Erwerbs- 
tätigen rund 100000 gibt, „die wirklich ohne Sorgen, auskömmlich und gut 
leben können". Vermögensteuerpflichtig waren in Deutschland im Jahr 1928 
insgesamt 2,76 Millionen Personen. Von den deklarierten Vermögen im 
Gesamtbetrag von 77,37 Milliarden RM. entfallen 29,11 Milliarden = rund 
37,6% auf Vermögen über 100000 RM. Diese sind im Besitz von 3,8% der 
Vermögensteuerpflichtigen, nämlich 104,955 Personen (Statistisches Jahr- 
buch für das Deutsche Reich, 1931, S. 533 und 514f). 

Zeitschrift für Sozialforscüuug 2 



18 Friedrich Pollock 

es zu einer schärferen Herausarbeitung der mit einer Planwirtschaft 
zusammenhängenden Problematik gekommen 1 ). 

Es ist das Verdienst Lorwins, dadurch eine gewisse Ordnung in das 
Sprachgewirr der planwirtschaftlichen Diskussion gebracht zu haben, 
daß er vier verschiedene Typen planwirtschaftlicher Systeme begriff- 
lich trennte. In teilweiser Übereinstimmimg mit ihm verstehen wir 
unter Planwirtschaft ein Wirtschaftsystem, in dem Produktion und 
Distribution zentral durch gesellschaftliche Planung reguliert werden, 
und unterscheiden zwei Haupttypen: kapitalistische Planwirtschaft 
auf Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln und 
damit im sozialen Rahmen einer Klassengesellschaft und sozialistische 
Planwirtschaft mit den Merkmalen des gesellschaftlichen Eigentums 
an den Produktionsmitteln und des sozialen Raums einer klassenlosen 
Gesellschaft. In ein Schema, dessen Extreme durch diese beiden Haupt- 
typen charakterisiert sind, lassen sich prinzipiell alle bisherigen plan- 
wirtschaftlichen Vorschläge einordnen. Am einen Ende findet sich das 
Generalkartell Hilferdings, in dem sämtliche Unternehmungen zu- 
sammengeschlossen sind, aber prinzipiell das Privateigentum an den 
Produktionsmitteln erhalten bleibt bei scharfer Scheidung zwischen 
einer relativ kleinen herrschenden Klasse und der großen Masse der 
Besitzlosen. Dann folgen die Entwürfe, in denen der Staat als größter 
Kapitalist auftritt, ohne daß das Privateigentum an den Produktions- 
mitteln prinzipiell aufgegeben wäre. Bei der Beurteilung dieser Formen 
entscheidet die Beantwortung der Frage, welche Klasse im Besitze der 
Staatsmacht ist, darüber, ob sie mehr zum kapitalistischen oder zum 
sozialistischen Typ zu zählen sind 2 ). Von den Mischformen, wie sie 
den wirtschaftsdemokratischen Forderungen vorschweben und in denen 
öffentliches, genossenschaftliches und privates Eigentum an den Pro- 
duktionsmitteln nebeneinander bestehen, führen dann theoretisch viele 
Übergänge zu dem sozialistischen Typ der Planwirtschaft 3 ). So ver- 

*) Wir verweisen vor allem auf die Publikationen von Heimann, Lan- 
dauer, Lederer und Lorwin. 

2 ) Solche planwirtschaftliehen Vorschläge wie etwa die des Tat-Kreises, 
in denen mit einem völlig ungeklärten Staatsbegriff operiert wird, lassen 
sich allerdings in unser Schema nur sehr schwer einreihen, da lediglich Ver- 
mutungen darüber möglich sind, was für ein Gebilde dieser Staat ist, der 
m . der ti geforderten „Gesamtwirtschaft" die wirtschaftlichen „Kommando- 
höhen" besetzt hält. Viele Anzeichen lassen allerdings darauf sehließen, 
daß als herrschende Klasse die kleinen Eigentümer unterstellt werden, 
womit sich die Charakterisierung als kapitalistische Planwirtschaft ergeben 
wurde. Vgl. E. W. Eschmann, Übergang zur Gesamtwirtschaft, in: Die Tat, 
Septemberheft 1931. 

3 ) Es muß hier daran erinnert werden, daß es ebensowenig eine allgemein 
anerkannte Theorie der Planwirtschaft gibt wie eine allgemein oder auch 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 19 

schieden alle diese Typen in bezug auf das Wirtschaftsziel, ihren gesell- 
schaftlichen Inhalt, die Differenzierung der Einkommen und damit auch 
die Bestimmung der Richtung der Produktion sein mögen, dies eine 
haben sie alle gemeinsam, daß an die Stelle der „Selbststeuerung" 
der Wirtschaft mit ihrer grundsätzlich immer zu spät eintretenden 
Korrektur wirtschaftlicher Fehlhandlungen ein Plan treten soll, dem 
im Idealfall alle Einzelheiten des wirtschaftlichen Geschehens derart 
einzuordnen sind, daß mit den vorhandenen Mitteln ein Optimum an 
Leistung erreicht wird. Das „ingenieurmäßige" Denken soll vom Einzel- 
betrieb auf die Gesamtwirtschaft übertragen und der Wirkungsgrad 
der gesellschaftlichen Zusammenarbeit auf eine bisher nicht erreichte 
Stufe gehoben werden. Es bleibt zunächst eine offene Frage, ob die 
verschiedenen Typen dasselbe wirtschaftliche Resultat erzielen können. 
Zuerst muß eine Klärung darüber herbeigeführt werden, von welchen 
ökonomischen Voraussetzungen der Erfolg einer planwirtschaftlichen 
Neuordnung abhängt. 

VI. 

Es gehört zu den Grundanschauungen der Marxschen ökonomischen 
Theorie, daß ein neues Wirtschaftssystem erst dann durchgesetzt 
werden kann, wenn seine ökonomischen und gesellschaftlichen Voraus- 
setzungen wenigstens in ihren Elementen unter der Oberfläche des 
früheren Systems vorgebildet und die Produktionsverhältnisse zur 
Fessel der Produktivkräfte geworden sind. 

Ebenso wie die Beseitigung der alten Bindungen im Frankreich des 
ausgehenden 18. Jahrhunderts nur deswegen eine schnelle wirtschaft- 
liche Entwicklung im Gefolge hatte, weil unter den Trümmern der über- 
lebten feudalen Wirtschaft die technischen, ökonomischen und gesell- 
schaftlichen Voraussetzungen für das System des Laissez-faire bereits 
vorhanden waren, ist auch nur dann mit einer Entfesselung der vor- 
handenen Produktivkräfte durch eine planwirtschaftliche Neuordnung 



nur von der Mehrheit der Fachvertreter angenommene Theorie der kapita- 
listischen Marktwirtschaft. Über diese Schwierigkeit hinaus befindet sich 
die planwirtschaftliche Theorie in der mißlichen Lage, daß sie nicht zu einer 
Sehulenbildung gekommen ist und daß in bezug auf ihre positiven Thesen 
es kaum Autoren gibt, die in den wesentlichen Punkten miteinander einig 
wären. Soweit im nachstehenden bestimmte Thesen vertreten sind, betrachtet 
der Verfasser sie lediglich als einen Beitrag zu einer in den ersten Ansätzen 
befindlichen theoretischen Klärung. Der Charakter dieses Aufsatzes als eines 
räumlich eng begrenzten Diskussionsbeitrages bringt es mit sich, daß viele 
Behauptungen aufgestellt werden, deren Begründung hier nicht gegeben 
werden kann. Spätere Artikel sollen versuchen, die vorliegende grobe 
Skizze zu ergänzen und zu korrigieren. 

2* 



20 



Friedrich Pollock 



zu rechnen, wenn deren Voraussetzungen schon gegeben sind. Ganz 
allgemein lassen sich ihre ökonomischen -Bedingungen — von den poli- 
tischen wird zunächst abgesehen — auf die Formel bringen, daß das 
Schwergewicht der industriellen Produktion bei der großbetrieblichen 
Massenfabrikation liegt und der Zentralisationsprozeß eine gewisse 
Stufe erreicht hat, daß die technischen und organisatorischen Mittel 
zur Bewältigung der Aufgaben einer zentralen Wirtschaftsleitung be- 
kannt sind und daß eine erhebliche Produktivitätsreserve vorhanden ist, 
welche durch die Anwendung der planwirtschaftlichen Methoden aus- 
genützt werden kann. Es läßt sich leicht zeigen, daß alle diese ökono- 
mischen Voraussetzungen in den großen Industriestaaten ebenso wie 
in der Weltwirtschaft in weitem Umfang vorhanden sind. 

Gerade diejenige Entwicklung, die sich für den „normalen Ablauf des 
Marktmechanismus" als verhängnisvoll erweist, schafft eine der wichtig- 
sten Voraussetzungen für die Möglichkeit einer planmäßigen Leitung 
des Wirtschaftsprozesses. In vieler Hinsicht erleichtern die Konzen- 
trations- und Zentralisationsprozesse eine zentrale Wirtschaftsleitung. 
Die technischen Erfordernisse der Massenproduktion bewirken eine 
ständige wachsende Nivellierung des Bedarfs, eine Verminderung der 
hergestellten Typen und vereinfachen damit ungemein die Bedarfs- 
erfassung. In den Großbetrieben und den Zentralbüros der Biesen- 
' Unternehmungen werden die Methoden zur statistischen und organi- 
satorischen Bewältigung sachlich und räumlich ausgedehnter wirt- 
schaftlicher Vorgänge ausgebildet. Endlich verringern sich zahlreiche 
Schwierigkeiten einer zentralen Wutschaftsleitung in dem Maße, wie 
die Zahl der zu regulierenden Betriebe kleiner wird. Die Durchfühi-ung 
eines Wirtschaftsplanes für ein großes Wirtschaftsgebiet erfordert 
gewaltige technische Mittel, gleichgültig wie weit die Dezentralisierung 
in der Ausführung des Planes auch durchgeführt sein mag. Diese Mittel 
stehen im modernen Kapitalismus bereit. Die Verbesserung des Nach- 
richtenverkehrs, die Entwicklung der statistischen Methoden und der 
technischen Mittel zu ihrer Anwendung, die noch vor einem Jahrzehnt 
nicht für möglich gehaltene Maschinisierung der Buchhaltung erlauben 
es, von einer zentralen Stelle aus wirtschaftliche Vorgänge größten 
Umfangs ohne Zeitverlust zu registrieren und übersichtlich zusammen- 
zufassen. 

Die Technik der Produktion und Distribution hat heute schon auf 
weiten Gebieten den Charakter des Individuellen verloren und wird 
mit dem Vordringen der wissenschaftlichen Betriebsführung unifor- 
miert und in Lehrsätze gefaßt, die mit Hufe einer jedem Durchschnitts- 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 21 

menschen zugänglichen Ausbildung überall angewendet werden können. 
Einzelne Unternehmerfunktionen werden durch fortschreitende Spe- 
zialisierung erlernbar, andere von besonderen Einrichtungen über- 
nommen. Der technische Fortschritt ist in der Regel nicht mehr zu- 
fälligen Entdeckungen überlassen, sondern wird planmäßig in den La- 
boratorien der großen Unternehmungen vorbereitet. 

Die Probleme der organisatorischen Bewältigung großer planwirt- 
schaftlicher Aufgaben sind im Rahmen der kapitalistischen Großstaaten 
längst praktisch in Angriff genommen worden. Bahnbrechend wirkte 
hier die Kriegswirtschaft, deren außerordentliche Leistungen, insbeson- 
dere in England und den Vereinigten Staaten, dank der Gegenpro- 
paganda starker wirtschaftlicher Interessengruppen kaum Beachtung 
finden konnten. Aber auch die heutige kapitalistische Praxis bietet zahl- 
reiche Beispiele dafür, wie große planwirtschaftliche Aufgaben von den 
Regierungen übernommen werden müssen. Die protektionistische 
Zollpolitik, die in manchen Staaten bis hart an die Grenzen eines Außen- 
handelsmonopols geht, die Organisation der Kohlen- und Elektrizi- 
tätswirtschaft etwa in Deutschland und Großbritannien, sowie die 
Maßnahmen auf dem Gebiete der Kreditwirtschaft in den Vereinigten 
Staaten, die ihre vorläufige Krönung in der Gründung der mit einer 
Verfügungsgewalt über 2 Milliarden Dollar ausgestatteten Reconstruc- 
tion Finance Corporation gefunden haben, sind besonders charakteri- 
stische Belege wenn nicht für den Erfolg, so doch für den Zwang zur 
Vornahme regulierender Eingriffe. In welchem Umfang die dritte der 
von uns genannten Voraussetzungen, das Vorhandensein unausgenutzter 
Produktivitätsreserven gegeben ist, zeigt jede Untersuchung über das 
Verhältnis von Produktionskapazität und wirklicher Produktion im 
Durchschnitt eines Konjunkturzyklus. Auf allen Gebieten der Produk- 
tion und der Verteilung läßt sich der Tatbestand einer Fesselung der 
Produktivkräfte durch die Produktionsverhältnisse nachweisen. In 
diesem Zusammenhang wären auch die Produktionszweige zu nennen, 
an deren planmäßige Regulierung bereits im kapitalistischen System 
gegangen werden muß, weil die Mittel der Konkurrenz ganz offenbar 
die Ausnützung der vorhandenen technischen Möglichkeiten verhindern 
(Elektrizitätswirtschaft, Eisenbahnen usw.). 

In wie hohem Maße die ökonomischen Voraussetzungen für eine plan- 
wirtschaftliche Ordnung der Gesamtwirtschaft bereits im Schöße des 
heutigen Wirtschaftssystems entwickelt sind, ergibt sich indirekt auch 
daraus, daß selbst die unentwegtesten Anhänger der freien Wirtschaft 
in kritischen Situationen den Staat zu Hilfe rufen. Sie geben damit zu, 



22 Friedrich Pollock 

daß der Marktmechanismus gerade bei den entscheidenden Aufgaben 
versagt und durch staatliche Eingriffe ergänzt werden muß. 

VII. 

Die Gegner einer planwirtschaftlichen Neuordnung haben bis heute 
ein sehr wichtiges Argument auf ihrer Seite. Das schlechte Funktio- 
nieren des Marktautomatismus und das Vorhandensein wichtiger 
ökonomischer Voraussetzungen für eine Planwirtschaft beweisen noch 
nicht, daß diese mehr leistet als das bisherige System. Ein Beweis 
hierfür ist letzten Endes ebenso nur durch die Praxis zu erbringen, wie 
die Verkünder des Laissez-faire-Prinzips in der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts erst durch die Erfolge des von ihnen geforderten 
Systems ihre theoretischen Sätze verifizieren konnten. Bis dahin 
müssen sich auch die Vertreter des Plangedankens darauf be- 
schränken, die gegnerischen Argumente auf ihre Tragfähigkeit 
möglichst sorgfältig zu prüfen und eine in sich widerspruchs- 
freie, dem heutigen Stand der sozialökonomischen Wissenschaft 
angemessene systematische Theorie einer planwirtschaftlichen Ord- 
nung aufzustellen. Beide Aufgaben bieten so große Schwierig- 
keiten, daß sie nur durch kollektive Arbeit bewältigt werden können. 
Hier beschränken wir uns darauf, einen summarischen Überblick 
über die wichtigsten Streitfragen zu geben und die eigene Stellung 
nur anzudeuten. 

Gegen eine Planwirtschaft wird in erster Linie das Bedenken er- 
hoben, sie sei weniger produktiv als die heutige Marktwirtschaft, da 
sie den Markt zerstöre, ohne seine Funktionen ersetzen zu können. Vor 
allem sei es ihr unmöglich, ihre Kosten zu berechnen, und unter solchen 
Umständen sei „es immer noch besser, sich zuweilen etwas zu verrechnen, 
als überhaupt nicht zu rechnen" 1 ). Während die Marktwirtschaft in 
den letzten 100 Jahren trotz großer Reibungsverluste die Bedürfnisse 
einer rasch wachsenden Bevölkerung immer besser befriedigte, müsse 
sich eine Planwirtschaft darauf beschränken, den Status quo aufrecht 
zu erhalten, da sie weder Bedarfsverschiebungen noch Veränderungen 
der Technik auf ökonomisch brauchbare Weise erfassen könne. Auf 
dreierlei Weise begegneten planwirtschaftliche Theoretiker diesem 
Einwand : Marktorganisation und Planwirtschaft seien gar keine unver- 
einbaren Gegensätze, im Gegenteil, erst eine Planwirtschaft könne die 
Vorteile der Kostenermittlung durch die Marktpreisbildung voll aus- 

x ) Naehkriegskapitalismus 1. c. 19. 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 23 

nutzen 1 ). Der zweite Gegeneinwand lautete, daß die Ermittlung der 
Kosten auch ohne das indirekte Mittel des Tauschverkehrs möglich sei. 
„Wie der Tauschverkehr die richtigen Preise nur durch Erproben 
ermittelt, so kann auch eine strenge Planwirtschaft nach Projek- 
tierung im großen für die Einzelbestimmung der Preise einzelne Güter- 
teile von einer Produktion in die andere wirklich verschieben und tastend 
versuchen, wie sie auf Grund des höheren Nutzens der neuen Kombina- 
tion die Bedeutungsgröße des betreffenden Gutes erhöhen kann" 2 ). 
Von anderen Theoretikern wird sogar der Beweis angeboten, daß eine 
„naturalwirtschaftliche" Rechnung, die auch nicht mehr mit fiktiven 
Preisen arbeitet, der Kostenermittlung des Marktes überlegen sei 3 ). 
Endlich kann man mit 0. Bauer einwenden: „Die kapitalistische 
Gesellschaft ist gesellschaftlicher Rationalität nicht fähig. Sie senkt 
den Kostenaufwand des einzelnen Unternehmers ohne Rücksicht darauf, 
ob die Senkung seiner Kosten durch Mehraufwand an gesellschaftlichen 
Kosten überwogen wird. . . Erst in einer sozialistischen Gesellschaft, 
in der die Gesellschaft selbst über die Produktionsmittel verfügt und die 
Produktion leitet, wird jede wirtschaftliche Entschließung von rech- 
nungsmäßigem Vergleich des gesellschaftlichen Ertrages und des ge- 
sellschaftlichen Aufwandes abhängig" 4 ). 

Auch wir halten die Möglichkeit, das Verhältnis von Kosten und 
Ertrag auf andere Weise als durch den Austausch festzustellen, bereits 
auf Grund der heutigen Erfahrungen für gegeben, wenn auch die dazu 
notwendigen Methoden noch sehr viel weiter ausgebildet sein müssen, 
bis das denkbare Optimum der wirtschaftlichen Erfolgsberechnung 
erreicht wird. 

Ein zweiter Einwand besagt, daß in einer Planwirtschaft die ent- 
scheidende Triebkraft des Profitstrebens und der freien Konkurrenz, 
die zur Aktivierung aller wirtschaftlichen Kräfte führte, wegfiele und 
die Ergiebigkeit der Wirtschaft schnell nachließe. Dieser Einwand 
scheint uns auf einer unhaltbaren Psychologie zu beruhen. 

Ferner wird behauptet, daß in einer Planwirtschaft der Anreiz zur 
Kapitalbildung fehle und das vorhandene Kapital unsachgemäß ver- 
teilt werde. Gerade hier könnte aber die Kapitalbildung der Willkür 
der einzelnen Wirtschaftssubjekte entzogen und den gesellschaftlichen 

1 ) Vor allem E. Heimann, dessen Schrift „Sozialistische Wirtschafts- und 
Arbeitsordnung", Potsdam 1932, sich eingehend mit dieser Frage beschäftigt. 

2 ) Landauer, 1. c. S. 120. 

a ) O. Neurath, Wirtschaftsplan und Naturalrechnung. Berlin 1925, 
vor allem S. 53ff. 

4 ) O. Bauer, Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg, 1. Bd. 
Rationalisierung-Fehlrationalisierung, Wien 1931, S. 181. 



24 



Friedrich Pollock 



Organen übertragen werden, denen dann auch die zweckmäßige Anlage 
der Kapitalien läge. Fehlinvestitionen würden rascher bemerkt, 
und die Mittel zu ihrer Korrektur wären bedeutend wirksamer 
als heute 1 ). Die Gefahr, daß die technischen Fortschritte in einer 
Planwirtschaft nachlassen, ist dadurch ausgeschaltet, daß die Erfinder- 
tätigkeit in den technisch-wissenschaftlichen Anstalten der Unter- 
nehmungen und des Staates bereits heute weitgehend rationalisiert 
ist und fast von einer fortlaufenden Produktion von Erfindungen ge- 
sprochen werden kann. Eine Planwirtschaft wird darauf sehen müssen, 
bei der Umsetzung neuer technischer Verfahren in die Praxis Tempo 
und Ausmaß der Umstellung zu regulieren, und wird dadurch die großen 
Störungen und Verluste, die notwendig bei profitorientierter Techni- 
sierung entstehen, vermeiden. 

Eine weitere Gruppe von Streitfragen betrifft die organisatorischen 
Grundsätze einer Planwirtschaft. Die größte Schwierigkeit läßt sich 
auf das Problem zurückführen, wie die Prinzipien der Zentralisation 
und Dezentralisation am zweckmäßigsten miteinander vereinigt werden 
können. Denn die Forderung nach einer zentralen Leitung der gesamten 
Wirtschaftsprozesse kann nicht so verstanden werden, daß von einer 
Zentrale aus jeder einzelne Betrieb in allen Einzelheiten seiner Geschäfts- 
führung bevormundet wird. Wo die Grenzen der zentralistisehen 
Führung hegen, läßt sich nicht ein für allemal sagen, da dies offenbar 
bei einem verschiedenen Grad der Technik, der Vereinheitlichung des 
Produktions- und Verteilungsprozesses, der Differenzierung in der 
Vorbildung der Ausführenden ganz verschieden ist. 

Im engsten Zusammenhang mit diesem Problem steht der bereits 
oben genannte Vorschlag, sozusagen die gute Seite der Marktprozesse 
in den Dienst der Planwirtschaft zu stellen. Dadurch würde scheinbar 
der zentralen Tätigkeit eine klare Grenze gezogen und gleichzeitig die 
Lösung eines anderen schwierigen Problems, nämlich die rasche An- 
passung der Produktion an die Wünsche der über ihr Einkommen frei 
verfügenden Konsumenten gesichert. Nach allen bisherigen Erfahrungen 
müßte die Überführung des heutigen Systems in eine Planwirtschaft 
zunächst an die Markteinrichtungen anknüpfen, denn die vielen vor- 
handenen Ansätze für eine marktlose Wirtschaft bedürfen einer Modi- 
fizierung, gegenseitiger Abstimmung und Ergänzung, ehe sich mit ihrer 
Hilfe die Marktfunktionen vorteilhaft ersetzen lassen. Unsere Bedenken 
richten sich nicht gegen die Beibehaltung der Marktorganisation in 

1 i- Vg1, Landauer, !• c S. 121—130, der uns auf diesen Seiten Entscheidendes 
zu dieser Frage gesagt zu haben scheint. 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 25 

einer Übergangswirtschaft, sondern gegen die Auffassung, daß grund- 
sätzlich nur der Markt die Rechnungen ermöglichen könne, an denen 
sich eine rationale Wirtschaftspolitik orientieren müßte. Es ist typisch 
für alle ernsthaften Versuche, den Marktmechanismus in das Gebäude 
einer Planwirtschaft einzuheziehen, daß das Prinzip der freien Preis- 
bildung regelmäßig durchbrochen wird zugunsten „sozialer" Preise 
(Lorwin) oder solcher „diktierter" Preise, die etwa einer von der Gesell- 
schaft bzw. ihren Planorganen beschlossenen Kapitalbildung dienen 
sollen (Heimann). Eine weitere Einschränkung erfährt in den meisten 
dieser Systeme die freie Preisbildung durch die Kreditpolitik, die in 
einer Planwirtschaft die Kapitalien nicht notwendig zum Ort der höchsten 
Rentabilität leiten muß. Vielmehr müssen die Planorgane „aktiv ent- 
scheiden, ob einem Produktionszweig das Kapital zugeleitet werden 
soll, das er von sich aus zinsbringend verwenden würde. Es wird ihm 
zugeleitet werden, nur, falls der Überblick über die Verschiebung des 
Arbeitsbedarfs im Gesamtrahmen der Volkswirtschaft keine Gefahr 
daraus erwarten läßt" 1 ) und falls nicht eine andere Verteilung des 
Kapitals im Rahmen des Gesamtplans vorgesehen ist. Ob eine solche 
marktmäßige Ordnung der Planwütschaft möglich ist, bedarf einer aus- 
giebigen Diskussion. Jedenfalls aber können keine Bedenken gegen die 
Verwendung von Preisen im Sinne bloßer Verrechnungsmittel erhoben 
werden. Die arbeitsteilig verbundenen Betriebe müssen miteinander 
abrechnen, und soweit den Konsumenten ihr Einkommen nicht in 
Naturalien zugewiesen wird, braucht man ein Mittel zur Verrechnung 
dieser Einkommen. 

Je nach der Auffassung über den zu verwirkhchenden Typus von 
Planwirtschaft ergibt sich eine abweichende Stellung zu den Problemen 
der Konsumfreiheit und der Frage, in welchem Maße die Konsumenten 
bei der Aufstellung des Wirtsckaftsplanes über Richtung und Umfang 
des Konsums und damit der Produktion mitzubestimmen haben. Hier 
begegnen uns neben vielen ungelösten Fragen eine Anzahl von Schein- 
problemen, so z. B. die Behauptung, daß ein Wirtschaftsplan jede 
Konsumfreiheit ausschließe. Eine Konsumfreiheit, jedenfalls im ab- 
soluten Sinne, hat es aber für die überwiegende Mehrzahl der Menschen 
me gegeben und ist nur bei einem vorläufig nicht realisierbaren Reich- 
tum der Gesellschaft denkbar. Durch eine beschränkte Konsum- 
freiheit wären aber erhebliche Störungen des Planes nicht zu 
befürchten, da die Bedarfsgewohnheiten bei mittleren Einkommens- 
lagen relativ starr sind und diese Konstanz durch gesellschaftliche 

x ) Heimann, 1. c. S. 39. 



26 



Friedrich Pollock 



Beeinflussung und das Zusammendrücken der Einkommenspyramide 
sich noch verstärkte. 

Hält man sich den verschiedenen Grad kapitalistischer Entwicklung 
und Reife in den einzelnen Ländern vor Augen, so erhebt sich die Frage, 
ob eine Planwirtschaft in einem einzelnen Lande oder nur international 
möglich sei und ob innerhalb einer Volkswirtschaft Teilpläne in die 
Marktwirtschaft eingebaut werden können. Lederer hat kürzlich nach- 
zuweisen versucht, daß freie Wirtschaft und Planwirtschaft „nur prin- 
zipielle Gegensätze seien, die sich in der Wirklichkeit nicht ausschließen", 
kommt aber dann zu dem Ergebnis, daß die Vorteile einer Planwirtschaft 
sich nur dann voll auswirken können, wenn alle Wirtschaftszweige in 
einen Gesamtplan einbezogen werden 1 ). 

Auch wir sind der Meinung, daß ein Teilplan qualitativ etwas ganz 
anderes darstellt als ein Gesamtplan und daß erst dann von einer Plan- 
wirtschaft gesprochen werden kann, wenn zumindest alle entscheidenden 
Wirtschaftszweige planmäßig reguliert werden. Dagegen dürfte ein 
planwirtschaftliches System auch im Rahmen nur einer Volkswirtschaft 
prinzipiell möglich sein, soweit es ihr gelingt, die Schwierigkeiten, die 
dem Plan aus der Abhängigkeit von der Belieferung durch das Ausland 
entstehen können, zu überwinden. Die von der ökonomischen Seite 
her drohenden Gefahren spielen hier wahrscheinlich eine viel geringere 
Rolle als diejenigen von der politischen. Durch die Verfügungsgewalt 
über ein relativ autarkes Gebiet wird allerdings die Planarbeit außer- 
ordentlich erleichtert. 

Aus der Fülle der planwirtschaftlichen Probleme greifen wir noch 
die eine Frage heraus, ob eine Planwirtschaft mit dem Privateigentum 
an den Produktionsmitteln vereinbar ist. Wird unter Eigentum aus- 
schließliche Verfügungsgewalt verstanden, so ist nicht einzusehen, wie ein 
Plan durchführbar sein sollte, wenn die einzelnen Eigentümer der Produk- 
tionsmittel die Wahl hätten, seine Anweisungen in dem Umfang zu be- 
folgen, wie es ihnen zusagt. Dagegen würden ökonomisch keine Schwie- 
rigkeiten bestehen, das Privateigentum nominell beizubehalten, wenn die 
Verfügungsgewalt an die Planorgane abgetreten wäre. Es wäre dann 
zu dem geworden, was es in sehr vielen Fällen heute schon ist, nämlich 
zu einem mehr oder weniger sicheren Anspruch auf den Bezug einer Rente. 



VIII. 

Wenn auch der gegenwärtige Stand der planwirtschaftlichen Theorie 
es nicht erl aubt, ein bis in die Einzelheiten ausgeführtes Bild einer 
x ) E. Lederer, Planwirtschaft, 1. c. S. 9ff., 39ff. 



Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus usw. 27 

Planwirtschaft zu zeichnen, so erscheinen uns doch alle ökonomischen 
Voraussetzungen zu ihrer Verwirklichung gegeben zu sein 1 ). Eine ganz 
andere Frage aber ist es, ob die ebenso wichtigen gesellschaftlichen und 
insbesondere die politischen Tatbestände in absehbarer Zeit eine plan- 
wirtschaftliche Neuordnung gestatten. 

Eine kapitalistische Planwirtschaft kann von den Eigentümern 
der Produktionsmittel schon allein aus dem Grunde nicht geduldet 
werden, weil sie, wie oben bereits angedeutet, ihrer ökonomischen 
Funktion entkleidet und zu bloßen Rentenbeziehern degradiert werden 
müßten. In keiner Gesellschaftsordnung hat sich aber bisher der bloße 
Bezug von Renten auf Kosten der Gesellschaft ohne sichtbare Gegen- 
leistung auf die Dauer aufrecht erhalten lassen. 

Die Aussichten für die Verwirklichung einer sozialistischen 
Planwirtschaft sind trotz aller ökonomischer Möglichkeiten solange 
gering, wie der Einfluß der an einer solchen Wirtschaftsform durch ihre 
Klassenlage interessierten Schichten für eine Umwälzung nicht ausreicht. 
Wichtig aber bleibt, die auf eine Planwirtschaft hindrängenden Ten- 
denzen zu verfolgen, alle Möglichkeiten einer solchen Wirtschaft zu 
überprüfen und eine geschlossene Theorie aufzubauen, die einer künftigen 
Wirtschaftspolitik als Orientierungsmittel dienen könnte. 



1 ) Es wird bei manchen Befremden hervorrufen, daß wir unter den Argu- 
menten für die Möglichkeit einer Planwirtschaft das sowjetrussische Wirt- 
schaftssystem nicht angeführt haben. Wir sind nun allerdings der Über- 
zeugung, daß die Theorie und Praxis der Planwirtschaft aus den russischen 
Versuchen sehr viel zu lernen hat, müssen aber im gegenwärtigen Stadium 
dem russischen Experiment die Beweiskraft dafür absprechen, ob diese Art 
der Planwirtschaft ökonomisch — und nur unter diesem Gesichtspunkt 
haben wir das Problem bisher erörtert — dem privatkapitalistischen System 
überlegen ist. Die Bedingungen, unter denen seit 1917 die Wirtschafts- 
politik in der Sowjetunion steht, sind in negativem und positivem Sinn so 
einzigartige, daß sich heute kaum schon Aussagen darüber machen lassen, 
was von den Erfolgen oder Mißerfolgen aus den Eigenarten der russischen 
Situation und was aus den Besonderheiten der planwirtschaftlichen Me- 
thoden zu erklären ist. 






Über Methode und Aufgabe einer analytischen 

Sozialpsychologie. 

Von 
Erich Fromm (Berlin). 

Die Psychoanalyse ist eine naturwissenschaftliche, materialistische 
Psychologie. Sie hat als Motor menschlichen Verhaltens Triebregungen 
und Bedürfnisse nachgewiesen, die von den physiologisch verankerten, 
selbst nicht unmittelbar beobachtbaren „Trieben" gespeist werden. 
Sie hat aufgezeigt, daß die bewußte Seelentätigkeit nur einen relativ 
kleinen Sektor des Seelenlebens ausmacht, daß viele entscheidende 
Antriebe seelischen Verhaltens dem Menschen nicht bewußt sind. Sie 
hat insbesondere private und kollektive Ideologien als Ausdruck be- 
stimmter, trieblich verankerter Wünsche und Bedürfnisse entlarvt 
und auch in den „moralischen" und ideellen Motiven verhüllte und 
rationalisierte Äußerungen von Trieben entdeckt 1 ). 

Freud hat zunächst, ganz entsprechend der populären Einteilung 
der Triebe in Hunger und Liebe, zwei Gruppen von Trieben ange- 
nommen, die als Motoren des menschlichen Seelenlebens wirksam 
sind: die Selbsterhaltungstriebe und die Sexualtriebe 2 ). Die den 
Sexualtrieben innewohnende Energie hat er als Libido bezeichnet, 
seelische Vorgänge, die von dieser Energie gespeist sind, als libidinöse. 

2 ) Das „Über-Ich" als Instanz pflichtgemäßen Handelns verdankt nach 
Freud seine Entstehung den Gefühlsbeziehungen zwischen Kind und Eltern, 
hat also seine Basis durchaus in den Trieben. 

2 ) Unter dem Eindruck der Tatsache der libidinösen Beimengungen zu 
den Selbsterhaltungstrieben und der besonderen Bedeutung der destruk- 
tiven Tendenzen hat Freud seine ursprüngliche Annahme dahin modi- 
fiziert, daß er nun den lebenserhaltenden (erotischen) Trieben Zerstörungs- 
triebe (Todestrieb) gegenüberstellt. So bedeutsam gewiß Freuds Argumen- 
tation für diese Modifikation seines ursprünglichen Standpunkts ist, so 
trägt sie doch einen bei weitem spekulativeren und weniger empirischen 
Charakter als seine ursprüngliche Position. Sie scheint uns auf einer von 
Freud sonst vermiedenen Vermischung biologischer Tatsachen und psycho- 
logischer Tendenzen zu beruhen. Sie steht auch im Gegensatz zu einer 
ursprünglichen Position Freuds, zur Auffassung der Triebe als primär 
wünschend, begehrend, den Lebenstendenzen dienend und sich ihnen an- 
passend. Uns scheint eine Konsequenz der Gesamtauffassung von Freud zu 
sein, daß die menschliche Seelentätigkeit sich in Anpassung an Lebensvor- 
gange und Lebensnotwendigkeiten entwickelt und daß die Triebe als solche 
gerade dem biologischen Todesprinzip entgegengesetzt sind. Die Diskussion 
über die Annahme von Todestrieben ist innerhalb der analytischen Wissen- 
schatt noch im Gange; wir gehen bei unserer Darstellung der psychoana- 
lytischen Theorie von der ursprünglichen Position Freuds aus. 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 29 

Unter Sexualtrieben hat Freud in berechtigter Erweiterung der üb- 
lichen Verwendung dieses Begriffes alle, analog den genitalen Im- 
pulsen, körperlich bedingten und an Körperstellen („erogenen Zonen") 
haftenden Spannungen, die nach lustbringender Abfuhr verlangen, 
verstanden. 

Als Hauptprinzip der Seelentätigkeit nimmt Freud das „Lust- 
prinzip" an, die Tendenz zu maximaler, lustbringender Abfuhr der 
Triebspannungen. Dieses Lustprinzip wird durch das „Realitäts- 
prinzip" modifiziert, das unter dem Einfluß der Beobachtung der 
Realität Verzicht oder Aufschub von Lust zugunsten der Vermeidung 
größerer Unlust oder der Gewinnung künftiger größerer Lust fordert. 

Die Eigenart der spezifischen Triebstruktur eines Menschen sieht 
Freud durch zwei Faktoren bedingt: die mitgebrachte Konstitution 
und das Lebensschicksal, vor allem das Schicksal seiner frühen Kind- 
heit. Er geht davon aus, daß mitgebrachte Konstitution und Erleben 
eine „Ergänzungsreihe" bilden und daß die spezifisch analytische 
Aufgabe die Erforschung des Einflusses des Erlebens auf die gegebene 
Triebkonstitution ist. Die analytische Methode ist also eine exquisit 
historische: sie fordert Verständnis der Triebstruktur aus 
dem Lebensschicksal. Diese Methode hat ihre Gültigkeit sowohl 
für das Seelenleben des Gesunden wie das des Kranken, der neu- 
rotischen Persönlichkeit. Das, was den neurotischen Menschen vom 
„normalen" unterscheidet, ist die Tatsache, daß bei diesem sich die 
Triebstruktur optimal seinen realen Lebensnotwendigkeiten angepaßt 
hat, während bei jenem die Triebentwicklung auf gewisse Hindernisse 
gestoßen ist, die eine genügende Anpassung der Triebe an die Realität 
verhinderten. 

Um die Tatsache der Anpassung und Modifizierbarkeit der Sexual- 
triebe an die Realität ganz verständlich machen zu können, ist es 
notwendig, auf gewisse Eigenschaften der Sexualtriebe hinzuweisen, 
Eigenschaften, die sie gerade von den Selbsterhaltungstrieben unter- 
scheiden. 

Die Sexualtriebe sind im Gegensatz zu den Selbsterhaltungs- 
trieben aufschiebbar, während jene imperativischer Natur sind, 
d. h. eine längere Nichtbefriedigung den Tod herbeiführt, bzw. see- 
lisch absolut unerträglich ist. Diese Tatsache bewirkt, daß die Selbst- 
erhaltungstriebe ein Primat vor den Sexualtrieben haben ; nicht in dem 
Sinn, daß sie an sich eine größere Rolle spielen, aber so, daß im Falle 
des Konflikts sie die dringlicheren sind, daß sie sich, solange sie noch 
unbefriedigt sind, als die stärkeren erweisen. 



h 



30 Erich Fromm 

Damit ist eng verknüpft, daß die Regungen der Sexualtriebe ver- 
drängbar sind, während die sich aus den Selbsterhaltungstrieben 
ergebenden Wünsche nicht aus dem Bewußtsein entfernt werden und 
im Unbewußten deponiert bleiben können. Ein weiterer wichtiger 
Unterschied zwischen beiden Triebgruppen ist die Tatsache, daß die 
Sexualtriebe sublimierbar sind, d. h. daß an die Stelle der direkten 
Befriedigung eines sexuellen Wunsches eine vom ursprünglichen 
Sexualziel entfernte, mit Leistungen des Ich amalgamierte Befriedi- 
gung treten kann. Die Selbsterhaltungstriebe sind solcher Subli- 
mierung nicht fähig. 

Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die Tatsache, daß die Be- 
friedigung der Selbsterhaltungsimpulse immer wirklicher Mittel 
bedarf, daß aber die Befriedigung der Sexualtriebe oft in Phantasien, 
ohne Aufwendung realer Mittel, vor sich gehen kann. Konkret ge- 
sprochen heißt das : den Hunger der Menschen kann man nur mit Brot 
befriedigen, aber etwa ihre Wünsche, geliebt zu werden, mit einer 
Phantasie von einem gütigen, liebenden Gott oder ihre sadistischen 
Tendenzen mit blutigen Volksschauspielen. 

Wesentlich ist endlich, daß die verschiedenen Äußerungsformen der 
Sexualtriebe — wiederum im Gegensatz zu den Selbsterhaltungs- 
trieben — in hohem Grade untereinander vertauschbar und ver- 
schiebbar sind. Bei Nichtbefriedigung einer Triebregung kann diese 
durch eine andere ersetzt werden, deren Befriedigung — aus innern 
oder äußern Gründen — möglich ist. Diese Verwandelbarkeit und 
Vertauschbarkeit innerhalb der Sexualtriebe ist einer der Schlüssel 
zum Verständnis des neurotischen wie des gesunden Seelenlebens und 
ein Kernstück der psychoanalytischen Theorie. Sie ist aber auch eine 
gesellschaftliche Tatsache von höchster Bedeutung. Sie erlaubt es, 
daß gerade diejenigen Befriedigungen den Massen geboten und von 
ihnen akzeptiert werden, die aus sozialen Gründen zur Verfügung 
stehen bzw. der herrschenden Klasse erwünscht sind 1 ). 

Zusammenfassend ergibt sich also, daß die Sexualtriebe infolge 
ihrer Aufschiebbarkeit, Verdrängbarkeit, Sublimierbarkeit und Ver- 
wandelbarkeit einen viel elastischeren und geschmeidigeren Charakter 
haben als di e Selbsterhaltungstriebe. Sie lehnen sich diesen an, folgen 

*) Eine besondere Rolle spielt die Aufpeitschung und Befriedigung sa- 
distischer Impulse, die dann stattzuhaben pflegt, wenn andere Triebbefriedi- 
f^ gen r. POS Q i y- r Nat " r aus sozialökonomischen Gründen ausgeschlossen 
StiU„n t ^ 1St das , gr ° J3e Triebreservoir, auf das man zurück- 
tnSSSr P g ' W « n ? • m 1 an der Masse keine anderen — und gewöhnlich 

«ÄÄ r Snrr5 e£n6digU ^ g S n zu bieten hat und mit dessen Hufe man 
gieicnzeitig seine Gegner vernichtet. 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 31 

ihren Spuren 1 ). Die Tatsache der größeren Geschmeidigkeit und 
Wandlungsfähigkeit der Sexualtriebe bedeutet aber nicht, daß sie auf 
die Dauer unbefriedigt bleiben können. Es gibt nicht nur ein phy- 
sisches, sondern auch ein psychisches Existenzminimum, d. h. 
ein notwendiges Mindestmaß der Befriedigung, der Sexualtriebe. 
Die hier charakterisierten Unterschiede zwischen Selbsterhaltungs- 
und Sexualtrieben bedeuten vielmehr nur, daß sich die Sexualtriebe 
in hohem Maße den Befriedigungsmöglichkeiten, d. h. den realen 
Lebensumständen anpassen können. Sie entwickeln sich schon im 
Sinne dieser Anpassung, und nur bei neurotischen Individuen 
liegen Störungen der Anpassungsfähigkeit vor. Die Psychoanalyse 
hat gerade diese Modifizierbarkeit der Sexualtriebe aufgezeigt, sie 
hat gelehrt, die individuelle Triebstruktur aus dem Lebensschicksal 
bzw. aus der Beeinflussung der mitgebrachten Triebanlage durch das 
Lebensschicksal zu verstehen. Die aktive und passive An-, 
passung biologischer Tatbestände, der Triebe, an soziale 
ist die Kernauffassung der Psychoanalyse, und jede personalpsycho- 1 
logische Untersuchung geht von dieser Grundauffassung aus. 

Freud hat sich ursprünglich — und auch späterhin vorwiegend — 
mit der Psychologie des Individuums beschäftigt. Nachdem aber 
einmal in den Trieben die Motive menschlichen Verhaltens, im Un- 
bewußten die geheime Quelle der Ideologien und Verhaltungs weisen ent- 
deckt waren, konnte es nicht ausbleiben, daß die analytischen Autoren 
den Versuch machten, vom Problem des Individuums zu dem der Ge- 
sellschaft, von der Personalpsychologie zur Sozialpsychologie 
vorzustoßen. Es mußte der Versuch unternommen werden, mit den 
Mitteln der Psychoanalyse den geheimen Sinn und Grund der im 
gesellschaftlichen Leben so augenfälligen irrationalen Verhaltungs- 
weisen, wie sie sich in der Religion und in Volksbräuchen, aber auch 
in der Politik und Erziehung äußern, zu finden. Gewiß mußten damit 
Schwierigkeiten entstehen, die vermieden wurden, solange man sich 
auf das Gebiet der Personalpsychologie beschränkte. 

Aber diese Schwierigkeiten ändern nichts daran, daß die Fragestellung 
eine völlig korrekte, legitime wissenschaftliche Konsequenz aus der Aus- 
gangsposition der Psychoanalyse darstellt. Wenn sie im Triebleben, im 
Unbewußten, den Schlüssel zum Verständnis menschlichen Verhaltens 
gefunden hat, so muß sie auch berechtigt und imstande sein, Wesent- 
liches über die Hintergründe gesellschaftlichen Verhaltens auszusagen. 

x ) vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Seh. V Leipzig, 
Wien, Zürich 1924. 



32 



Erich Fromm 



Denn auch die „Gesellschaft" besteht aus einzelnen lebendigen Indi- 
viduen, die keinen anderen psychologischen Gesetzen unterliegen 
können als denen, die die Psychoanalyse im Individuum entdeckt hat. 

Es scheint uns deshalb auch unrichtig zu sein, wenn man, wie 
W. Reich das tut, der Psychoanalyse das Gebiet der Personal- 
psychologie reserviert und ihre Verwendbarkeit für gesellschaft- 
liche Erscheinungen wie Politik, Klassenbewußtsein etc. grundsätzlich 
bestreitet 1 ). Die Tatsache, daß eine Erscheinung in der Gesellschafts- 
lehre behandelt wird, heißt keineswegs, daß sie nicht Objekt der 
Psychoanalyse sein kann (so wenig wie es richtig ist, daß ein Gegen- 
stand, den man unter physikalischen Gesichtspunkten untersucht, 
nicht auch unter chemischen untersucht werden dürfe). Es bedeutet 
nur, daß sie nur, insoweit — aber auch ganz insoweit — bei der Er- 
scheinung psychische Tatsachen eine Rolle spielen, Objekt der Psycho- 
logie ist und speziell der Sozialpsychologie, die die gesellschaftlichen 
Hintergründe und Funktionen der psychischen Erscheinung fest- 
zustehen hat. Die These, die Psychologie habe es nur mit dem 
einzelnen, die Soziologie mit „der" Gesellschaft zu tun, ist 
falsch. Denn so sehr es die Psychologie immer mit dem vergesell- 
schafteten Individuum zu tun hat, so sehr hat es die Soziologie 
mit einer Vielheit von einzelnen zu tun, deren seelische Struktur 
und Mechanismen von der Soziologie berücksichtigt werden 
müssen. Es wird später davon die Rede sein, welche Rolle 
psychische Tatbestände gerade bei gesellschaftlichen Erscheinungen 
spielen und daß gerade hier der methodische Ort einer analytischen 
Sozialpsychologie ist. 

Die Soziologie, mit der die Psychoanalyse die meisten Berührungs- 
punkte, aber auch die meisten Gegensätze zu haben scheint, ist der 
historische Materialismus. 

x ) „Der eigentliche Gegenstand der Psychoanalyse ist das Seelenleben 
des vergesellschafteten Menschen. Das der Masse kommt für sie nur insofern 
in Betracht, als individuelle Phänomene in der Masse in Erscheinung 
treten (etwa das Problem des Führers), femer, soweit sie Erscheinungen der 
.Massenseele wie Angst, Panik, Gehorsam usw. aus ihren Erfahrungen am 
einzelnen erklären kann. Aber es scheint, als ob ihr das Phänomen des 
Klassenbewußtseins kaum zugänglich wäre, und Probleme wie das der 
Massenbewegung, der Politik, des Streiks, die der Gesellschaftslehre an- 
gehören, können nicht Objekte ihrer Methode sein." (Dialektischer Mate- 
" aI «m«s und Psychoanalyse. Unter dem Banner des Marxismus III, 5 
ö. 167.) Wir betonen, der prinzipiellen Bedeutung dieses methodologischen 
ij-roblems wegen, diese Differenz zu dem von Reich vertretenen Standpunkt, 
?,flfSJ" V 56 "! 6 ™r? te , n Arbei ten zeigen, in fruchtbarer Weise modifiziert 
«h™ scheint. Wir kommen später noch auf die mannigfachen Überein- 
iSSS^zSSck. aUS § eZeichneten empirischen sozialpsychologischen 



Über Methode und Aufgabe einer analytischon Sozialpsyehologie 33 

Die meisten Berührungspunkte — denn sie sind beide materia- 
listische Wissenschaften. Sie gehen nicht von „Ideen", sondern vom 
irdischen Leben, von Bedürfnissen aus. Sie berühren sich im be- 
sonderen in ihrer gemeinsamen Einschätzung des Bewußtseins, das 
ihnen weniger Motor menschlichen Verhaltens als Spiegelbild anderer 
geheimer Kräfte zu sein scheint. Aber hier, bei der Frage nach dem 
Wesen dieser eigentlichen, das Bewußtsein bestimmenden Faktoren 
scheint ein unversöhnlicher Gegensatz zu bestehen. Der historische 
Materialismus sieht im Bewußtsein einen Ausdruck des gesellschaft- 
lichen Seins, die Psychoanalyse einen des Unbewußten, der Triebe. 
Es entsteht die unabweisbare Frage, ob diese beiden Thesen in einem 
Widerspruch zueinander stehen und, wenn nicht, in welcher Weise 
sie sich zueinander verhalten und endlich, ob und warum eine Be- . 
nutzung psychoanalytischer Methoden für den historischen Materialis- 
mus eine Bereicherung darstellt. 

Bevor wir uns der Diskussion dieser Fragen selbst zuwenden, er- 
scheint es nötig zu erörtern, welche Voraussetzungen denn die Psycho- 
analyse zu einer Verwendung fürgesellschaftliche Probleme mitbringt 1 ). 

Freud hat niemals den isolierten, aus dem sozialen Zusammen- 
hang gelösten Menschen als Objekt der Psychologie angenommen. 
„Die Individualpsychologie ist zwar auf den einzelnen Menschen ein- 
gestellt und verfolgt, auf welchen Wegen derselbe die Befriedigung 
seiner Triebregungen zu erreichen sucht, allein sie kommt dabei nur 
selten, unter bestimmten Ausnahmebedingungen, in die Lage, von 
den Beziehungen dieses einzelnen zu den anderen Individuen abzu- 
sehen. Im Seelenleben des einzelnen kommt ganz regelmäßig der 
andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht, 
und die Individualpsychologie ist dabei von Anfang an auch gleich- 
zeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus be- 
rechtigten Sinne" 2 ). 

Freud hat aber auch gründlich mit der Illusion einer Sozial- 
psychologie aufgeräumt, deren Objekt eine Gruppe als solche, „die" 
Gesellschaft oder sonst ein soziales Gebilde mit einer entsprechenden 
„Massenseele" oder „Gesellschaftsseele" ist. Er geht vielmehr immer 
von der Tatsache aus, daß jede Gruppe nur aus Individuen besteht 



x ) Vgl. zum Methodologischen die ausführlichen Ausführungen in Fromm, 
Die Entwicklung des Christusdogmas, Wien 1931; ferner Bernfeld, Sozialis- 
mus und Psychoanalyse mit Diskussionsbemerkungen von E. Simmel und 
B. Lantos (Der sozialistische Arzt, II, 2/3, 1926); W. Reich, Dialektischer 
Materialismus und Psychoanalyse (Unter dem Banner des Marxismus III, 5). 
2 ) Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. Ges. Sehr. VI, S. 261. 
Zeitschrift für Sozialforschnng 3 






o4 Erich Fromm 

und nur Individuen als solche Subjekt psychischer Eigenschaften 
sind 1 ). Ebensowenig hat Freud einen „sozialen Trieb" angenommen. 
Das, was man als solchen bezeichnet, ist für ihn „kein ursprünglicher 
und unzerlegbarer" Trieb; er sieht „die Anfänge seiner Bildung in 
einem engeren Kreis, wie etwa in der Familie". Es ergibt sich als 
Konsequenz seiner Anschauungen, daß die sozialen Eigenschaften 
dem Einfluß bestimmter Umweltverhältnisse, gewisser Lebens- 
bedingungen auf die Triebstruktur ihre Entstehung, ihre Verstärkung 
wie ihre Abschwächung verdanken. 

Ist so für Freud immer nur der vergesellschaftete Mensch, der 
Mensch in seiner sozialen Verflochtenheit, Objekt der Psychologie, so 
spielen auch für ihn, worauf wir schon oben hingewiesen haben, 
Umwelt und Lebensbedingungen des Menschen die entscheidende 
Rolle für seine seelische Entwicklung wie für deren theoretisches Ver- 
ständnis. Freud hat wohl die biologisch-physiologische Bedingtheit 
der Triebe erkannt, er hat aber gerade nachgewiesen, in welchem 
Maße diese Triebe modifizierbar sind und daß der modifizierende 
Faktor die Umwelt, die gesellschaftliche Realität ist. 

Die Psychoanalyse scheint so alle Voraussetzungen mitzubringen, 
die ihre Methode auch brauchbar für sozialpsychologische Unter- 
suchungen machen und alle Konflikte mit der Soziologie ausschalten. 
Sie fragt nach den den Mitgliedern einer Gruppe gemeinsamen see- 
lischen Zügen, und sie versucht, diese gemeinsamen seelischen Hal- 
tungen aus gemeinsamen Lebensschicksalen zu erklären. Diese Lebens- 
schicksale liegen aber nicht — je größer die Gruppe ist, um so weniger — 
im Bereich des Zufälligen und Persönlichen, sondern sie sind identisch 
mit der sozialökonomischen Situation eben dieser Gruppe. Ana- 
lytische Sozialpsychologie heißt also: die Triebstruktur, 
die libidinöse, zum großen Teil unbewußte Haltung einer 
Gruppe aus ihrer sozialökonomischen Struktur heraus zu 
verstehen. 

Hier scheint aber ein Einwand am Platze zu sein. Die Psycho- 
analyse erklärt die Triebentwicklung gerade aus dem Lebensschicksal 
der ersten Kindheitsjahre, also einer Periode, wo der Mensch noch 
kaum mit „der Gesellschaft" zu tun hat, sondern fast ausschließlich 
im Kreis der Familie lebt. Wie sollen also, nach psychoanalytischer 
Auffassung, die sozialökonomischen Verhältnisse eine solche Bedeutung 

fti»"*' J gl \« U dieser Fr age die klärenden Bemerkungen von Georg Simmel- 
Über das Wesen der Sozialpsychologie. Archiv f. Sozialwissenschaft und 
Sozialpolitik XXVI, 1908, S. 287f. 



Tiber Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 35 

gewinnen können ? Es handelt sich um ein Scheinproblem. Allerdings 
gehen die ersten entscheidenden Einflüsse auf das heranwachsende 
Kind von der Familie aus, aber die gesamte Struktur der Familie, 
alle typischen Gefühlsbeziehungen innerhalb ihrer, alle durch sie ver- 
tretenen Erziehungsideale sind ihrerseits selbst bedingt vom gesell- 
schaftlichen und klassenmäßigen Hintergrund der Familie, von der 
sozialen Struktur, aus der sie erwächst. (Die Gefühlsbeziehungen etwa 
zwischen Vater und Sohn sind völlig andere in einer Familie der bürger- 
lichen, vaterrechtlichen Gesellschaft als in der „Familie" einer mutter- 
rechtlichen Gesellschaft.) Die Familie ist das Medium, durch das die 
Gesellschaft bzw. die Klasse die ihr entsprechende, für sie spezifische 
Struktur dem Kind und damit dem Erwachsenen aufprägt; die 
Familie ist die psychologische Agentur der Gesellschaft. 

Die bisherigen psychoanalytischen Arbeiten, die eine Anwendung 
der Psychoanalyse auf gesellschaftliche Probleme versuchen, ent- 
sprechen nun den Anforderungen, die an eine analytische Sozial- 
psychologie zu stellen sind, zum überwiegenden Teil nicht 1 ). Der Fehler 
beginnt bei der Einschätzung der Funktion der Familie. Man sah 
zwar, daß der einzelne nur als vergesellschaftetes Wesen zu ver- 
stehen ist, man entdeckte, daß es die Beziehungen des Kindes zu den 
verschiedenen Mitgliedern der Familie sind, die seine Triebentwicklung 
so entscheidend bestimmen, aber man übersah fast vollkommen, daß 
die Familie ihrerseits in ihrer ganzen psychologischen und sozialen 
Struktur, mit den für sie spezifischen Erziehungszielen und affektiven 
Einstellungen, das Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen und, 
im engeren Sinn, einer bestimmten Klassenstruktur ist, daß sie tat- 
sächlich nur die psychologische Agentur der Gesellschaft und Klasse 
ist, aus der sie erwächst. Man hatte den Ansatzpunkt gefunden, aus 
dem die psychologische Einwirkung der Gesellschaft auf das Kind zu 



2 ) Auch wenn man von wissenschaftlich wertlosen Versuchen absieht 
(wie etwa dem oberflächlichen Schriftehen des einmal als Psychoanalytiker 
aufgetretenen A. Kolnai über Psychoanalyse und Soziologie oder dem nur 
mit den allerdürftigsten Kenntnissen ausgestatteten Verginschen Buch über 
„Psychoanalyse der europäischen Politik"), gilt diese Kritik jenen Autoren 
wie Reik, Roheim u. a. m., die sozialpsychologische Themen behandelt 
haben. Eine Ausnahme macht neben S. Bernfeld, der besonders auf die 
soziale Bedingtheit aller pädagogischen Bemühungen hingewiesen hat 
(Sysiphos oder über die Grenzen der Erziehung), vor allem W. Reich, dessen 
Einschätzung der Rolle der Familie weitgehend mit der hier entwickelten 
Ansicht übereinstimmt. Reich hat insbesondere das wichtige Problem der 
gesellschaftlichen Bedingtheit und der gesellschaftlichen Funktionen der 
Sexualmoral ausführlich untersucht. Vgl. sein „Geschlechtsreife, Enthalt- 
samkeit, Ehemoral" und die soeben erschienene Schrift „Einbruch der 
Sexualmoral". 



3* 









36 



Erich Fromm 



verstehen war, aber man merkte es nicht. Wie war das möglich ? 
Die psychoanalytischen Forscher hatten hier nur ein Vorurteil, das 
sie mit allen andern bürgerlichen — auch den fortschrittlichen — 
Forschern teilen : die Verabsolutierung der bürgerlich- kapitalistischen 
Gesellschaft und den mehr oder weniger deutlich bewußten Glauben, 
daß sie die „normale" Gesellschaft und ihre und die in ihr vorzu- 
findenden psychischen Tatbestände die für „die" Gesellschaft über- 
haupt typischen seien. 

Es gab aber noch einen besonderen Grund, der den analytischen 
Autoren diesen Fehler besonders nahelegte. Das Objekt ihrer Unter- 
suchungen waren ja in erster Linie kranke und gesunde Angehörige 
der modernen bürgerlichen Gesellschaft, vorwiegend sogar der bürger- 
lichen Klasse 1 ), bei denen also der die Familienstruktur bedingende 
Hintergrund gleich bzw. konstant war. Was das Lebensschicksal ent- 
schied und unterschied, waren also die auf dieser allgemeinen Grund- 
lage basierenden individuellen, persönlichen und, vom gesellschaft- 
lichen Standpunkt aus gesehen, zufälligen Ereignisse. Die sich aus der 
Tatsache einer autoritären, auf Klassenherrschaft und Klassen- 
unterordnung, auf Erwerb nach zweckrationalen Methoden usw. 
organisierten Gesellschaft ergebenden psychischen Züge waren allen 
Untersuchungsobjekten gemeinsam; was sie unterschied, war die 
Tatsache, ob einer einen überstrengen Vater, den er als Kind über- 
mäßig fürchtete, ein anderer eine etwas ältere Schwester, der seine 
ganze Liebe galt, oder ein Dritter eine Mutter hatte, die ihn so stark 
an sich band, daß er diese libidinöse Bindung nie mehr aufgeben 
konnte. Gewiß waren diese persönlichen Schicksale für die indivi- 
duelle, persönliche Entwicklung von höchster Wichtigkeit, und mit 
der Beseitigung der aus diesen Schicksalen erwachsenden seelischen 
Schwierigkeiten hatte die Analyse als Therapie vollauf ihre Schuldig- 
keit getan, d. h. sie hatte den Patienten zu einem an die bestehende 

1 ) Es sind psychologisch zwar am Individuum zu unterscheiden die für 
die Gesamtgesellschaft typischen Züge von den für seine Klasse typischen, 
aber da die psychische Struktur der Gesamtgesellschaft sich den einzelnen. 
Klassen in gewissen grundlegenden Zügen weitgehend aufprägt, sind die 
spezifischen Züge der Klasse bei aller Gewichtigkeit nur von sekundärer 
Bedeutung gegenüber denen der Gesamtgesellschaft. Gerade der Wider- 
spruch zwischen der — mindestens erstrebten — relativen Einheitlichkeit 
der psychischen Struktur der verschiedenen Klassen und der Gegensätzlich- 
keit ihrer ökonomischen Interessen ist eines der Charakteristika der Klassen- 
gesellschaft, verdeckt durch Ideologien. Je stärker allerdings eine Gesell- 
schaft ökonomisch, sozial und psychologisch zerfällt, je mehr die bindende 
und prägende Kraft der Gesamtgesellschaft bzw. der in ihr herrschenden 
Klasse schwindet, desto größer werden auch die Differenzen der psychischen 
Struktur der verschiedenen Klassen. 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 37 

gesellschaftliche Realität angepaßten Menschen gemacht. Weiter 
ging ihr therapeutisches Ziel nicht — und brauchte es nicht zu 
gehen; weiter ging aber auch das theoretische Verständnis nicht. 
Mehr war für das wesentliche Arbeitsgebiet der Analyse, die Personal- 
psychologie, nicht nötig, denn die Vernachlässigung der die Familien- 
struktur bedingenden gesellschaftlichen Struktur für die Personal- 
psychologie machte eine praktisch irrelevante Fehlerquelle aus. 

Ganz anders lagen die Dinge, wenn man von personalpsycholo- 
gischen zu sozialpsychologischen Untersuchungen überging. Was dort 
eine praktisch irrelevante Vernachlässigung war, mußte hier zu einer 
für die gesamte Arbeit von vornherein verhängnisvollen Fehlerquelle 
werden. 

Nachdem man einmal die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft 
und ihrer vaterrechtlichen Familie als die „normale" empfand, nach- 
dem man in der personalpsychologischen Arbeit gelernt hatte, die 
individuellen Differenzen gerade aus den an sich zufälligen Traumen 
zu verstehen, begann man in entsprechender Weise auch die ver- 
schiedenen sozialpsychologischen Erscheinungen unter dem gleichen 
Gesichtspunkt des Traumas, also des sozial Zufälligen, zu betrachten. 
Man kam auf diesem Wege notwendigerweise dazu, die eigentliche 
analytische Methode aufzugeben. Da man sich um die Verschiedenheit 
•des „Lebensschicksals", d. h. also der ökonomisch-sozialen Situation 
anderer Gesellschaftsformationen nicht bekümmerte, infolgedessen 
auch nicht versuchte, ihre psychische Struktur aus ihrer sozialen zu 
verstehen, mußte man, anstatt zu analysieren, analogisieren, d. h. 
man behandelte die Menschheit oder eine bestimmte Gesellschaft wie 
ein Individuum, übertrug die spezifischen Mechanismen, die man beim 
heutigen Menschen vorgefunden hatte, auf alle möglichen Gesellschafts- 
formationen und „erklärte" dann deren psychische Struktur aus der 
Analogie mit gewissen Erscheinungen vor allem krankhafter Art, die 
sich typischerweise beim Menschen der eigenen Gesellschaft vorfanden. 

Man übersah bei diesem Analogisieren einen Gesichtspunkt, der 
geradezu zu den Fundamenten der analytischen Personalpsychologie 
gehört: die Tatsache, daß die Neurose, sei es das neurotische Sym- 
ptom, sei es der neurotische Charakterzug, das Resultat einer man- 
gelnden Angepaßtheit der Triebstruktur eines „anormalen" In- 
dividuums an die ihm gegebene Realität ist; daß aber bei Massen, 
also „Gesunden", gerade die Fähigkeit zur Anpassung vorliegt, d. h. 
also schon aus diesem Grunde massenpsychologische Erscheinungen 
grundsätzlich nicht in Analogie an neurotische verstanden werden 



38 



Erich Fromm 



können, sondern nur als Resultat der Anpassung der Triebstruktur an 
die gesellschaftliche Realität, nur häufig an eine von der bestehenden 
mehr oder weniger stark abweichende. 

Das markanteste Beispiel dieses Vorgehens ist wohl die Ver- 
absolutierung des „Oedipuskomplexes" (des aus der Rivalität um die 
Mutter entspringenden Hasses gegen den Vater) zu einem allgemein- 
menschlichen Mechanismus, obwohl vergleichende soziologische und 
völkerpsychologische Untersuchungen mit Wahrscheinlichkeit zeigen, 
daß diese spezifische Gefühlseinstellung eben nur ganz für die Familie 
der vaterrechtlichen Gesellschaft typisch ist und keinen so allge- 
meinmenschlichen Charakter trägt. Die Verabsolutierung des Oedipus- 
komplexes führte Freud dazu, die Entwicklung der gesamten Mensch- 
heit auf diesen Mechanismus des Vaterhasses und der daraus resul- 
tierenden Reaktionen zu basieren 1 ), ohne daß dem materiellen Lebens- 
prozeß der untersuchten Gruppe Beachtung geschenkt wurde. 

Wenn der geniale Blick Freuds auch bei einem soziologisch 
falschen Ausgangspunkt immer noch Fruchtbares und Bedeutsames 
entdeckte 2 ), so mußte bei den andern analytischen Autoren diese Fehler- 

x ) vgl. sein „Totem und Tabu" ! 

2 ) In der „Zukunft einer Illusion" (1927) weicht Freud von diesem die 
gesellschaftliche Realität und ihre Veränderungen vernachlässigenden Stand- 
punkt ab und kommt unter Würdigung der Bedeutung der ökonomischen 
Bedingungen von der personalpsyehologischen Fragestellung, wie Religion 
(personal-) psychologisch möglich ist (nämlich als Wiederholung der in- 
fantilen Einstellung zum Vater) zur sozialpsyehologischen Fragestellung, 
warum Religion sozial möglich und nötig ist. Er findet die Antwort, daß 
Religion nötig war, solange die Menschen durch ihre Ohnmacht gegenüber 
der Natur, also durch den geringen Grad der Entwicklung der Produktiv- 
kräfte der religiösen Illusionen bedurften, daß sie aber mit dem Wachstum 
der Technik, aber auch mit dem damit verknüpften „Erwachsenwerden" des 
Mensehen zu einer überflüssigen und schädlichen Illusion wird. Wenn gewiß 
auch in dieser Schrift nicht alle gesellschaftlich relevanten Funktionen der 
Religion berührt werden, besonders auch nicht das Problem des Zusammen- 
hanges bestimmter Religionsformen mit bestimmten gesellschaftlichen Kon- 
stellationen, so ist diese Schrift Freuds doch diejenige, die methodisch und 
inhaltlich einer materialistischen Sozialpsychologie am nächsten steht. (Es 
sei zum Inhaltlichen nur an den Satz erinnert: „Es braucht nicht gesagt zu 
werden, daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern un- 
befriedigt läßt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd 
zu erhalten, noch es verdient.") (Freuds Buch berührt sich mit dem Stand- 
punkt des jungen Marx, der ihm geradezu als Motto dienen könnte : „Die Auf- 
hebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung 
seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand 
aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen 
bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertals, 
dessen Heiligenschein die Religion ist." [Zur Kritik der Hegeischen Rechts- 
philosophie. Lit. Nachlaß 1923 Bd. 1 S. 385]) In seiner nächsten sozial- 
psychologische Probleme behandelnden Arbeit über „Das Unbehagen in der 
Kultur" setzt Freud aber diese Linie weder methodisch noch inhaltlich fort. Sie 
ist vielmehr geradezu als ein Gegensatz zur „Zukunft einer Illusion" anzusehen. 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 39 

quelle zu einem die Analyse in den Augen der Soziologie und speziell 
der marxistischen Gesellschaftswissenschaft geradezu kompromittie- 
renden Ergebnis führen. 

Es war aber falsch, die Psychoanalyse als solche dafür zu be- 
lasten. Im Gegenteil, gerade die klassische Methode der psycho- 
analytischen Personalpsychologie brauchte nur konsequent auf die 
Sozialpsychologie angewandt zu werden, um zu völlig einwandfreien 
Resultaten zu führen. Der Fehler lag nicht an der psychoanalytischen 
Methode, sondern daran, daß die psychoanalytischen Autoren auf- 
hörten, sie in konsequenter und korrekter Weise anzuwenden, wenn 
sie statt über Individuen über Gesellschaften, Gruppen, Klassen, 
kurz über soziale Phänomene Untersuchungen anstellten. 

Eine ergänzende Bemerkung ist hier am Platze. 

Wir haben in den Mittelpunkt unserer Darstellung die Modifizier- 
barkeit des Triebapparates durch die Einwirkung äußerer, d. h. also 
letzten Endes sozialer Faktoren gerückt. Es darf aber nicht übersehen 
werden, daß der Triebapparat, quantitativ wie qualitativ, gewisse 
physiologisch und biologisch bedingte Grenzen seiner Modifizierbarkeit 
besitzt und daß er nur innerhalb dieser Grenzen der Beeinflussung 
durch die sozialen Faktoren unterliegt. Infolge der Stärke der in 
ihm aufgespeicherten Energiemengen stellt aber der Triebapparat 
selbst eine höchst aktive Kraft dar, der ihrerseits die Tendenz inne- 
wohnt, die Lebensbedingungen im Sinne der Triebziele zu verändern 1 ). 
Im Wechselspiel des Aufeinanderwirkens der psychischen Antriebe 
und der ökonomischen Bedingungen kommt letzteren ein Primat zu. 
Nicht in dem Sinn, daß sie das „stärkere" Motiv darstellten — diese 
Fragestellung beträfe ein Scheinproblem, weil es sich gar nicht um 
quantitativ vergleichbare „Motive" gleicher Ebene handelt — , ein 
Primat aber in dem Sinne, daß die Befriedigung eines großen Teils 
der Bedürfnisse, speziell aber der dringlichsten, der Selbsterhaltungs- 
bedürfnisse, an die materielle Produktion gebunden ist und daß die 
Modifizierbarkeit der ökonomischen außermenschlichen Realität weit 
geringer ist als die des menschlichen Triebapparates, speziell als die der 
Sexualtriebe. 

Die konsequente Anwendung der Methode der analytischen Per- 
sonalpsychologie auf soziale Phänomene ergibt folgende sozial- 
psychologische Methode: Die sozialpsychologischen Erschei- 
nungen sind aufzufassen als Prozesse der aktiven und 

x ) Vgl. die später angeführte Äußerung von Marx im „Kapital" über die 
Bedürfnissteigerung als eine Quelle der wirtschaftlichen Entwicklung! 



40 



Erich Fromm 



passiven Anpassung des Triebapparates an die sozial- 
ökonomische Situation. Der Triebapparat selbst ist — in 
gewissen Grundlagen — biologisch gegeben, aber weit- 
gehend modifizierbar; den ökonomischen Bedingungen 
kommt die Rolle als primär formenden Faktoren zu. Die 
Familie ist das wesentlichste Medium, durch das dieökono- 
mische Situation ihren formenden Einfluß auf die Psyche 
des einzelnen ausübt. Die Sozialpsychologie hat die ge- 
meinsamen — sozial relevanten — seelischen Haltungen 
und Ideologien — und insbesondere deren unbewußte 
Wurzeln — aus der Einwirkung der ökonomischen Bedin- 
gungen auf die libidinösen Strebungen zu erklären. 

Scheint soweit die Methode der Sozialpsychologie in einem guten 
Einklang sowohl mit der Methode der Freudschen Personalpsychologie 
wie auch mit den Anforderungen der materialistischen Geschichts- 
auffassung zu stehen, so ergeben sich neue Schwierigkeiten, wenn diese 
analytische Methode mit einer falschen, sehr verbreiteten Inter- 
pretation der marxistischen Theorie konfrontiert wird: der Auf- 
fassung des historischen Materialismus als psychologischer Theorie und 
speziell als ökonomistischer Psychologie. 

Wenn es wirklich so ist, wie Bertrand Russell meint 1 ), daß Marx 
im „Geldmachen", Freud in der Liebe das entscheidende Motiv- 
menschlichen Handelns sähe, dann wären beide Wissenschaften 
allerdings so unvereinbar, wie Russell es glaubt. Aber wenn die von 
Russell zitierte Eintagsfliege wirklich theoretisch denken könnte^ 
würde sie statt der ihr in den Mund gelegten Antwort erklären, daß 

1 ) In einem 1927 im jüdischen „Forward" veröffentlichten Aufsatz: 
„Warum ist die Psychoanalyse populär ?" (zitiert bei Kautsky, Der histo- 
rische Materialismus, Bd. I S. 340/1) schreibt Russell: „Selbstverständlich 
ist sie (die Psychoanalyse) ganz unvereinbar mit dem Marxismus. Denn Marx 
legt den Nachdruck auf das ökonomische Motiv, das höchstens im Zusammen- 
hang mit der Selbsterhaltung steht, die Psychoanalyse betont dagegen das- 
biologische Motiv, das mit der Selbsterhaltung durch Fortpflanzung zu- 
sammenhängt. Unzweifelhaft sind beide Gesichtspunkte einseitig, beide 
Motive spielen eine Rolle." Russell spricht dann von der Eintagsfliege, die 
im Larvenstadium nur Organe zum Fressen, nicht aber zum Lieben hat,, 
während sie als vollentwickeltes Insekt (Imago) im Gegenteil nur über Organe 
zur Fortpflanzung, nicht aber zur Ernährung verfügt. Diese braucht sie nicht, 
da sie in diesem Stadium nur einige Stunden am Leben bleibt. Was würde 
geschehen, könnte die Eintagsfliege theoretisch denken ? „Als Larve würde 
sie ein Marxist sein, als Imago ein Freudianer." Russell fügt hinzu, Marx, 
„der Bücherwurm des britischen Museums" sei der richtige Repräsentant 
der Larvenphilosophie. Russell selbst fühlte sich von Freud mehr angezogen, 
denn „er sei für die Freuden der Liebe nicht unempfänglich, verstehe sich 
dagegen nicht aufs Geldmachen, also nicht auf die orthodoxe Ökonomie, 
die von ausgetrockneten älteren Herren geschaffen wurde". 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 41 

Russell sowohl die Psychoanalyse als auch den Marxismus ganz und 
gar falsch versteht, daß die Psychoanalyse gerade die Anpassung 
biologischer Faktoren, der Triebe, an soziale untersucht und der 
Marxismus wiederum überhaupt keine psychologische Theorie ist. 

Russell ist nicht der einzige, der beide Theorien so mißversteht, 
er befindet sich dabei in Gesellschaft einer Reihe von Theoretikern 
und verbreiteter Anschauungen. 

Besonders deutlich und drastisch wird diese Auffassung der materia- 
listischen Geschichtsauffassung als einer ökonomistischen Psycho- 
logie von Hendrik de Man vertreten. Er sagt 1 ): 

„Marx selber hat bekanntlich seine Motivlehre niemals formuliert. Er 
hat sogar niemals umschrieben, was unter Klasse zu verstehen sei; der Tod 
hat sein letztes Werk unterbrochen, als er dabei war, sich diesem Gegenstand 
zuzuwenden. Über die Grundanschauungen, von denen er ausging, besteht 
jedoch kein Zweifel; diese bestätigen sich auch ohne Definition als stillschwei- 
gende Voraussetzung durch die stete Anwendung sowohl bei seiner wissenschaft- 
lichen wie bei seiner politischen Tätigkeit. Jeder ökonomische Lehrsatz 
und jede politisch-strategische Meinung Marxens beruht auf der Voraus- 
setzung, daß die menschlichen Willensmotive, wodurch sich der gesellschaft- 
liche Fortschritt vollzieht, in erster Linie vom wirtschaftlichen Interesse 
diktiert seien. Denselben Gedanken würde die Sprache der heutigen Sozial- 
psychologie als Bestimmung des gesellschaftlichen Verhaltens durch den 
Erwerbstrieb, d. h. den Trieb zur Aneignung von sachlichen Werten aus- 
drücken. 

Wenn Marx selber diese oder ähnliche Formeln für überflüssig gehalten 
hat, so erklärt sich das einfach daraus, daß ihr Inhalt der gesamten National- 
ökonomie seiner Zeit als selbstverständlich galt." 

Was Hendrik de Man für eine „stillschweigende Voraussetzung des 
Marxismus" hält, stillschweigend, weil es allen zeitgenössischen (lies 
bürgerlichen) Nationalökonomen eine selbstverständliche Vorstellung 
war, ist ganz und gar nicht die Auffassung von Marx, der ja auch in 
manchen andern Punkten die Auffassung der Theoretiker „seiner 
Zeit" nicht geteilt hat. 

Auch Bernstein ist, wenn auch weniger ausdrücklich, nicht weit 
von dieser psychologistischen Interpretation entfernt, wenn er eine 
Art Ehrenrettung des historischen Materialismus durch folgende Be- 
merkung vornehmen will 2 ): 

„Ökonomische Geschichtsauffassung braucht nicht zu heißen, daß bloß 
ökonomische Kräfte, bloß ökonomische Motive anerkannt werden, sondern 
nur, daß die Ökonomie die immer wieder entscheidende Kraft, den 
Angelpunkt der großen Bewegungen in der Geschichte bildet (Sperrungen 
E. F.)." 



a ) Zur Psychologie des Sozialismus, 1927, S. 281. 

2 ) Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozial- 
demokratie, Stuttgart 1899, S. 13. 



42 



Erich Fromm 



Hinter diesen verschwommenen Formulierungen verbirgt sich die 
Auffassung des Marxismus als ökonomistischer Psychologie, die von 
Bernstein im idealistischen Sinn gereinigt und verbessert wird 1 ). 

Der Gedanke, daß der „Erwerbstrieb" das wesentliche oder einzige 
Motiv des menschlichen Handelns sei, ist ein Gedanke des Liberalismus. 
Er wurde von bürgerlicher Seite einerseits als psychologisches Ar- 
gument gegen die Verwirklichungsmöglichkeit des Sozialismus ver- 
wendet 2 ), andererseits aber wurde der Marxismus von seinen klein- 
bürgerlichen Anhängern im Sinne dieser ökonomistischen Psychologie 
interpretiert. In Wirklichkeit ist der historische Materialismus weit 
davon entfernt, eine psychologische Theorie zu sein. Er hat nur einige, 
ganz wenige psychologische Voraussetzungen. 

Zunächst die, daß es die Menschen sind, die ihre Geschichte 
machen, weiterhin die, daß es die Bedürfnisse sind, die das Handeln 
und Fühlen der Menschen motivieren (Hunger und Liebe) und weiter- 
hin, daß diese Bedürfnisse im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung 
steigen und dieses Steigen der Bedürfnisse eine Bedingung für die 
steigende wirtschaftliche Tätigkeit darstellt 3 ). 

Der ökonomische Faktor spielt im Zusammenhang mit der Psycho- 
logie im historischen Materialismus nur insofern eine Rolle, als die 
menschlichen Bedürfnisse — und zunächst die nach Selbsterhaltung 
— zum großen Teil ihre Befriedigung durch Produktion von Gütern 
finden, also in den Bedürfnissen der Hebel und Anreiz zur Produktion 
zu suchen ist. Marx und Engels haben wohl betont, daß unter den 
Bedürfnissen die nach Selbsterhaltung allen anderen voranstehen, sie 
haben sich im einzelnen aber über die Qualität der verschiedenen 
Triebe und Bedürfnisse nicht geäußert. Ganz gewiß aber haben sie 
nie den „Erwerbstrieb", also das Bedürfnis, das auf den Erwerb an 



x ) Kautsky lehnt gleich zu Beginn seines Buches „Der historische Mate- 
rialismus" die psychologistische Interpretation sehr entschieden ab, ergänzt 
aber den historischen Materialismus durch eine rein idealistische Psycho- 
logie, durch die Annahme eines ursprünglichen „sozialen Triebes". Vgl. 
unten S. 48. 

2 ) Wie ja überhaupt ein großer Teil der gegen den historischen Materialis- 
mus gerichteten Angriffe in Wirklichkeit nicht diesen, sondern seine von 
„Freunden" oder Gegnern hineingeschmuggelten spezifisch bürgerlichen Bei- 
mengungen trifft. 

8 ) „Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu 
befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der 
Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen 
möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies 
• Reich der Naturnotwendigkeit, weil (gesperrt E. F.) die Bedürfnisse; aber 
zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen." (Marx, 
Kapital, Hamburg 1922, III, 2, S. 355.) 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 43 

sich, den Erwerb als Selbstzweck geht, für das einzige oder auch 
nur wesentlichste Bedürfnis gehalten. Es ist nur eine naive Verab- 
solutierung eines psychischen Zuges, der in der kapitalistischen Gesell- 
schaft eine unerhörte Stärke erlangt hat, wenn man ihn in dieser 
Stärke und Ausprägung für einen allgemein-menschlichen deklariert. 
Marx und Engels ist am allerwenigsten eine solche Verklärung bürger- 
lich-kapitalistischer Züge zu allgemein-menschlichen zuzumuten. Sie 
wußten sehr wohl, welche Stelle der Psychologie innerhalb der Sozio- 
logie zukommt, sie waren aber keine Psychologen und wollten auch 
keine sein, indem sie über diese allgemeinen Hinweise hinaus nähere 
Aussagen über Inhalt und Mechanismen der menschlichen Triebwelt 
machten. Es stand ihnen auch abgesehen von gewissen und sicherlich 
nicht zu unterschätzenden Ansätzen in der Literatur der französischen 
Aufklärung (vor allem Helvetius) keine wissenschaftliche materiali- 
stische Psychologie zur Verfügung. Erst die Psychoanalyse hat diese 
Psychologie geliefert und gezeigt, daß der „Erwerbstrieb" zwar eine 
wichtige, aber neben andern (genitalen, sadistischen, narzistischen 
u. a. m.) Bedürfnissen keineswegs eine überragende Rolle im Seelen- 
haushalt des Menschen spielt. Insbesondere kann sie aufzeigen, daß 
zu einem großen Teil der „Erwerbstrieb" gar nicht als tiefste Ursache 
das Bedürfnis zu erwerben oder zu besitzen hat, sondern daß er selbst 
nur ein Ausdruck narzistischer Bedürfnisse ist, des Wunsches, bei sich 
selbst und bei andern Anerkennung zu finden. Es ist klar, daß in 
einer Gesellschaft, die dem Besitzenden, Reichen das Höchstmaß an 
Anerkennung und Bewunderung zollt, die narzistischen Bedürfnisse 
der Mitglieder dieser Gesellschaft zu einer außerordentlichen Inten- 
sivierung des Besitzwunsches führen müssen, während in einer Ge- 
sellschaft, in der Besitz nicht die Basis des gesellschaftlichen Ansehens 
ist, sondern etwa für die Gesamtheit wichtige Leistungen, die gleichen 
narzistischen Impulse sich nicht als „Erwerbstrieb" äußern, sondern 
als „Trieb" zur sozial wichtigen Leistung. Da die narzistischen Be- 
dürfnisse zu den elementarsten und mächtigsten seelischen Stre- 
bungen gehören, ist es besonders wichtig zu erkennen, daß die Ziele 
und damit die konkreten Inhalte der narzistischen Strebungen von 
der bestimmten Struktur einer Gesellschaft abhängen und daß des- 
halb der „Erwerbstrieb" zu einem großen Teil nur der besonderen 
Hochschätzung des Besitzes in der bürgerlichen Gesellschaft seine 
imponierende Rolle verdankt. 

' Wenn also in der materialistischen Geschichtsauffassung von 
ökonomischen Ursachen gesprochen wird, so ist — abgesehen von der 



44 



Erich Fromm 



eben angeführten Bedeutung — nicht Ökonomie als subjektives 
psychologisches Motiv, sondern als objektive Bedingung der 
menschlichen Lebenstätigkeit gemeint. Alles menschliche Agieren, die 
Befriedigung aller Bedürfnisse hängt ab von der Eigenart der vorge- 
fundenen natürlichen ökonomischen Bedingungen, und diese Be- 
dingungen sind es, die das Wie des Lebens der Menschen vorschreiben. 
Das Bewußtsein der Menschen ist für Marx nur zu vorstehen aus 
ihrem gesellschaftlichen Sein, aus ihrem irdischen, realen, eben durch 
den Stand der Produktivkräfte bedingten Leben. 

„Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst 
unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Ver- 
kehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, 
der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß 
ihres materiellen Verhaltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in der 
Sprache der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw. 
eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produ- 
zenten ihrer Vorstellungen, Jd«en usw., aber die wirklichen, wirkenden 
Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer 
Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen 
weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann nie etwas anderes 
sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher 
Lebensprozeß. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Ver- 
hältnisse wie in einer camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so 
geht dieses Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß 
hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem 
unmittelbar physischen . " J ) 

Der historische Materialismus faßt den geschichtlichen Prozeß als 
Prozeß der aktiven und passiven Anpassung des Menschen an die ihn um- 
gebenden natürlichen Bedingungen auf. „Die Arbeit ist zunächst ein 
Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch, 
seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, 
regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Natur- 
macht gegenüber." 2 ) Der Mensch und die Natur sind die beiden aufein- 
ander einwirkenden, sich wechselseitig verändernden und bedingenden 
Pole. Immer bleibt der historische Prozeß an die Gegebenheiten der 
natürlichen Bedingungen außerhalb desMenschen wie seiner eigenenBe- 
schaffenheit gebunden. Obwohl Marx gerade davon ausging, in welchem 
ungeheuren Ausmaß der Mensch die Natur und sich selbst im gesell- 
schaftlichen Prozeß verändert, hat er immer wieder betont, daß alle 
Veränderungen an die natürlichen Bedingungen gebunden sind. Dies 
unterscheidet gerade seinen Standpunkt von gewissen idealistischen, 



x ) Marx und Engels, Teil I der „Deutschen Ideologie". Marx-Engels 
Archiv, Bd. I, S. 239. 

2 ) Marx, Kapital S. 140. 






Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 45 

dem menschlichen Willen unbeschränkte Macht zutrauenden Posi- 
tionen 1 ). 

Marx und Engels sagen in der „Deutschen Ideologie" 2 ): 
„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, 
keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in 
der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre 
Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen 
wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind 
also auf rein empirischem Wege konstatierbar. 

Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die 
Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende 
Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr 
dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. Wir können hier natür- 
lich weder auf die physische Beschaffenheit der Menschen selbst noch auf 
die von den Menschen vorgefundenen Naturbedingungen, die geologischen, oro- 
hydrographischen, klimatischen und anderen Verhältnisse eingehen. Alle 
Geschichtsschreibung muß von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer 
Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der Menschen aus- 

Wie stellt sich nun, nach Beseitigung der gröbsten Mißverständ- 
nisse, das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und historischem 

Materialismus dar? 

Die Psychoanalyse kann die Gesamtauffassung des historischen 
Materialismus an einer ganz bestimmten Stelle bereichern, näm- 
lich in der umfassenderen Kenntnis eines der im gesell- 
schaftlichen Prozeß wirksamen Faktoren, der Beschaffen- 
heit des Menschen selbst, seiner „Natur". Sie reiht den Trieb- 
apparat des Menschen in die Reihe der natürlichen Bedingungen ein, 
die selber modifizieren, aber in deren Natur auch die Grenzen der 
Modifizierbarkeit liegen. Der Triebapparat des Menschen ist eine 
der „natürlichen" Bedingungen, die zum Unterbau des gesellschaft- 
lichen Prozesses gehören. Aber nicht der Triebapparat „im all- 
gemeinen", in seiner biologischen „Urform". Als solcher erscheint 
er in Wirklichkeit niemals, sondern immer schon in einer bestimmten, 
eben durch den gesellschaftlichen Prozeß veränderten Form. Die 
menschliche Psyche bzw. deren Wurzeln, die libidinösen Kräfte, ge- 
hören mit zum Unterbau, sie sind aber nicht etwa „der" Unterbau, 
wie eine psychologistische Interpretation meint, und „die" menschliche 
Psyche ist auch immer nur die durch den gesellschaftlichen Prozeß 

J) Vgl. zu dieser Frage die das Naturmoment besonders klar hervor- 
hebende Arbeit von Bucharin, Die Theorie des historischen Materialismus, 
1922, und die dieses Problem speziell behandelnde und klärende Arbeit 
von K. A. Wittfogel, Geopolitik, geographischer Materialismus und Marxis- 
mus. (Unter dem Bamier des Marxismus III, 1, 4, 5.) 

2 ) a. a. O. S. 2371 



46 



Erich Fromm 



modifizierte Psyche. Der historische Materialismus verlangt eine 
Psychologie, d. h. eine Wissenschaft von den seelischen Eigenschaften 
des Menschen. Erst die Psychoanalyse hat eine Psychologie geliefert, 
die für den historischen Materialismus brauchbar ist. 

Diese Ergänzung ist besonders aus folgendem Grunde wichtig. 
Marx und Engels konstatierten die Abhängigkeit allen ideologischen 
Geschehens vom ökonomischen Unterbau, sahen im Geistigen „das in 
den Menschenkopf umgesetzte Materielle". Gewiß konnte in vielen 
Fällen der historische Materialismus auch ohne alle psychologischen 
Voraussetzungen richtige Antworten geben. Aber doch nur entweder 
da, wo die Ideologie einen mehr oder weniger zweckrationalen Cha- 
rakter mit Bezug auf gewisse Klassenziele trägt oder da, wo es sich, 
darum handelt, richtige Zuordnungen zwischen ökonomischem Unter- 
bau und ideologischem Überbau vorzunehmen, ohne doch zu erklären, 
wie der Weg von der Ökonomie zum menschlichen Kopf oder Herz 
geht 1 ). Aber über das Wie der Umsetzung des Materiellen in den 
Menschenkopf konnten und wollten — mangels einer brauchbaren 
Psychologie — Marx und Engels keine Antwort geben. Die Psycho- 
analyse kann zeigen, daß die Ideologien die Produkte von bestimmten 
Wünschen, Triebregungen, Interessen, Bedürfnissen sind, die, selber 
zum großen Teil nicht bewußt, als „Rationalisierung" in Form der 
Ideologie auftreten ; daß aber diese Triebregungen selbst zwar einer- 
seits auf der Basis biologisch bedingter Triebe erwachsen, aber weit- 
gehend ihrer Quantität und ihrem Inhalt nach von der sozial-ökono- 
mischen Situation des Individuums bzw. seiner Klasse geprägt sind. 
Wenn, wie Marx sagt, die Menschen die Produzenten ihrer Ideologie 
sind, so kann eben gerade die analytische Sozialpsychologie die Eigen- 
art dieses Produktionsprozesses der Ideologien, die Art des Zusammen- 
wirkens „natürlicher" und gesellschaftlicher Faktoren in ihm be- 
schreiben und erklären. Die Psychoanalyse kann also zeigen, 
wie sich auf dem Wege über das Triebleben die ökono- 
mische Situation in Ideologie umsetzt. Dabei ist ganz 
besonders zu betonen, daß dieser „Stoffwechsel" zwischen Trieb weit 
und Umwelt dazu führt, daß sich der Mensch als solcher verändert, 

*) Zur Frage nach dem Wesen des ideologischen Überbaus vgl. auch 
Engels' Brief an Mehring (v. 14. Juli 1893, zitiert nach Duncker, Über histo- 
rischen Materialismus, Berlin 1930): „Nämlich wir alle haben zunächst das 
Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen 
ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelter 
5 a " d . lu ^ß en au s den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. 
Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt i 
die Art und Weise, wie diese Vorstellungen zustande kommen." 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 47 

genau so wie die „Arbeit" die außermenschliche Natur verändert, 
Die Richtung dieser Veränderung des Menschen kann hier nur an- 
gedeutet werden. Sie liegt vor allem in dem von Freud verschiedent- 
lich betonten Wachstum der Ich-Organisation und dem damit ver- 
bundenen Wachstum der Sublimierungsfähigkeit 1 ). Die Psycho- 
analyse erlaubt uns also, die Ideologiebildung als eine Art „Arbeits- 
prozeß", als eine der Situationen des Stoffwechsels zwischen Mensch 
und Natur anzusehen, wobei die Besonderheit darin liegt, daß die 
„Natur" in diesem Fall innerhalb und nicht außerhalb des Menschen 
liegt. 

Die Psychoanalyse kann gleichzeitig über die Wirkungsweise der 
Ideologien oder Ideen auf die Gesellschaft Aufschluß geben. Sie kann 
aufzeigen, daß die Wirkung einer „Idee" wesentlich auf ihrem un- 
bewußten und an bestimmte Triebtendenzen appellierenden Gehalt 
beruht, d. h. daß es Art und Stärke des libidinösen Resonanzbodens 
der Gesellschaft oder einer Klasse ist, die über die soziale Wirkung 
der Ideologien mitbestimmt. 

Wenn so klar zu sein scheint, daß die psychoanalytische Sozial-. 
Psychologie in einem ganz bestimmten Punkt ihren Platz innerhalb 
des historischen Materialismus hat, so ist noch auf einige Punkte hin'« 
zuweisen, in denen sie ganz unmittelbar gewisse Schwierigkeiten zu 
beseitigen imstande ist. 

Zunächst einmal kann der historische Materialismus gewissen Ein= 
wänden klarer entgegnen. Wenn darauf hingewiesen wurde, welche 
Rolle in der Geschichte ideelle Momente, wie Freiheitswille, Liebe zur 
Gruppe, der man angehört, usw. spielen, so konnte man vom Stand- 
punkt des historischen Materialismus aus wohl diese Fragestellung als 
eine psychologische ablehnen und sich darauf beschränken, die ob* 
jektive ökonomische Bedingtheit der historischen Ereignisse nach- 
zuweisen. Man war aber nicht imstande, eine klare Antwort darauf 
zu geben, welcher Art und Herkunft denn nun wirklich diese — als 
psychische Antriebe doch offenbar sehr wirksamen — menschlichen 
Kräfte sind und wie man sie im gesellschaftlichen Prozeß einzuordnen 
hat. Die Psychoanalyse kann aufzeigen, daß diese scheinbar ideellen 
Motive in Wirklichkeit nichts anderes als der rationalisierte Ausdruck 
von triebhaften, libidinösen Bedürfnissen sind und daß Inhalt und 
Umfang der jeweils herrschenden Bedürfnisse wiederum nur aus dem 

1 ) Daß damit allerdings auch ein Wachstum des Über-Ichs und der Ver- 
drängungen verknüpft sein soll, erscheint uns ein innerer Widerspruch. 
Wachstum des Ichs und der Sublimierungsmöglichkeiten heißt ja gerade 
Bewältigung der Triebe auf anderein Weg als dem der Verdrängung. 



48 Erich Fromm 












Einfluß der sozialökonomischen Situation auf die gegebene Trieb - 
struktur der die Ideologie bzw. das dahinterstehende Bedürfnis 
produzierenden Gruppe zu verstehen sind. Es ist also der Psycho- 
analyse möglich, auch die sublimsten ideellen Beweggründe auf ihren 
irdischen libidinösen Kern zu reduzieren, ohne dabei gezwungen zu 
sein, die ökonomischen Bedürfnisse als die allein wichtigen anzusehen. 
Der Mangel an einer dem historischen Materialismus adäquaten 
Psychologie führte dazu, daß gewisse Vertreter des historischen 
Materialismus an dieser Stelle eine private, rein idealistische Psycho- 
logie aufstellten. Ein typisches Beispiel — typischer noch als offen 
idealistische Autoren wie Bernstein — ist Kautsky. Er nimmt an, 
daß es einen dem Menschen eingeborenen „sozialen Trieb" gibt. Das 
Verhältnis zwischen diesem sozialen Trieb und den sozialen Verhält- 
nissen beschreibt er folgendermaßen: „Je nach der Stärke und 
Schwäche seiner sozialen Triebe wird der Mensch mehr zum Bösen 
oder Guten neigen. Doch hängt dies nicht minder von seinen Lebens- 
bedingungen in der Gesellschaft ab" 1 ). Es ist klar, daß dieser ein- 
geborene soziale Trieb nichts anderes ist als das dem Menschen ein- 
geborene moralische Prinzip und daß sich der kautskysche Stand- 
punkt nur in der Ausdrucksweise von einer idealistischen Ethik 
unterscheidet 2 ). 

Diejenigen marxistischen Autoren aber, die nicht die Wendung zu 
einer idealistischen Psychologie und Ethik gemacht haben, schenken 
der Psychologie überhaupt wenig Beachtung 3 ). Nun ist es gewiß 

x ) a. a. O., S. 262. 

2 ) Die gleiche Position vertritt Kautsky, wenn er der Annahme, der histo- 
rische Materialismus sei eine ökonomistische Psychologie, folgendermaßen 
entgegnet: „Würde die materialistische Geschichtsauffassung wirklich be- 
haupten, daß die Menschen nur von ökonomischen Motiven oder von mate- 
riellen Interessen bewegt werden, dann würde es sich nicht lohnen, daß wir 
uns ausführlich mit ihr beschäftigen. Dann wäre sie nur eine Vergröberung 
jener sehr alten Anschauung, die im Egoismus oder im Streben nach Lust 
das einzige Motiv menschlichen Handelns erblickt. Dann hätten auch Marx 
und Engels ihre Theorie durch ihre eigene Praxis schlagend widerlegt, denn 
es hat nie zwei Menschen gegeben, die selbstloser waren und weniger durch 
materielle Motive bewegt wurden, als meine beiden Meister" (a. a. O., S. 6). 
Hier enthüllt sich klar die idealistische Position Kautskys. Er bemerkt 
keineswegs, daß ökonomische Motive und Streben nach Lust 
zwei ganz verschiedene Dinge sind und daß auch die wertvollen 
persönlichen Qualitäten nicht jenseits des von Bedürfnissen der 
verschiedensten Art erfüllten und auf ihre Befriedigung be- 
dachten seelischen Apparates stehen. 

s ) Bucharin hat in seiner „Theorie des historischen Materialismus" dem. 
Problem der Psychologie ein besonderes Kapitel gewidmet. Er erklärt 
darin vollkommen richtig, daß die Psychologie einer Klasse nicht identisch 
ist mit ihrem „Interesse", worunter er ihre realen, ökonomischeu Inter- 
essen versteht; daß aber immer die Psychologie der Klasse' aus ihrer öko 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 49 

richtig, worauf oben schon hingewiesen wurde, daß der gesellschaftliche 
Prozeß auch ohne Psychologie aus der Kenntnis der ökonomischen und 
von ihnen abhängigen sozialen Kräfte verstanden werden kann. Da 
ja aber nicht die gesellschaftlichen Gesetze es sind, welche handeln, 
sondern lebendige Menschen, d. h. da die ökonomischen und sozialen 
Notwendigkeiten sich durch das Medium nicht nur des menschlichen 
rationalen Denkens, sondern vor allem des menschlichen Trieb - 
apparates, seiner libidinösen Kräfte, durchsetzen, ergibt sich folgendes: 
einmal ist die menschliche Triebwelt eine Naturkraft, die gleich andern 
(also etwa Bodenfruchtbarkeit, Bewässerung usw.) unmittelbar zum 
Unterbau des gesellschaftlichen Prozesses gehört und einen wichtigen 
naturalen, sich unter dem Einfluß des gesellschaftlichen Prozesses 
verändernden Faktor darstellt, dessen Kenntnis also zum vollständigen 
Verständnis des gesellschaftlichen Prozesses notwendig ist; weiter- 
hin, daß die Produktion und Wirkungsweise der Ideologien nur 
aus der Kenntnis des Funktionierens des Triebapparates richtig 
verstanden werden kann; endlich, daß beim Auf treffen der öko- 
nomisch bedingenden Faktoren auf dieses Medium, die Triebwelt, 
gleichsam gewisse Brechungen entstehen, d. h. daß durch die 
Eigenart der Triebstruktur sich faktisch der soziale Prozeß, vor 
allem im Tempo, anders — rascher oder langsamer — voll- 
zieht, als dies bei theoretischer Vernachlässigung des psychischen 
Faktors zu erwarten ist. Es ergibt sich also aus der Verwendung der 
Psychoanalyse innerhalb des historischen Materialismus eine Ver- 
feinerung der Methode, eine Erweiterung der Kenntnis der im gesell- 
schaftlichen Prozeß wirksamen Kräfte, eine noch größere Sicherheit 
sowohl im Verständnis historischer Abläufe als in der Prognose künf- 

nomisch-sozialen Rolle verstanden werden muß. Er erwähnt als Beispiel 
Situationen, wo eine Verzweiflungsstimmung die Massen oder Gruppen nach 
einer großen Niederlage im Klassenkampf erfaßt. „Dann ist ein Zusammen- 
hang mit dem Klasseninteresse nachweisbar, aber dieser Zusammenhang 
ist eigentümlicher Art: der Kampf wurde von verborgenen Triebfedern 
der Interessen (gesperrt E. F.) geführt, aber nun ist die Armee der Kämpfer 
geschlagen; auf diesem Boden entsteht die Zersetzung, die Verzweiflung, es 
beginnt das Hoffen auf ein Wunder, das Predigen der Menschenflucht, die 
Blicke richten sich gen Himmel." Bucharin fährt dann fort: „Wir sehen also, 
daß bei der Betrachtung der Klassenpsychologie wir es mit einer wiederum 
sehr komplizierten Erscheinung zu tun haben, die sich keineswegs auf das 
nackte Interesse allein zurückführen läßt, die aber stets durch jenes konkrete 
Milieu zu erklären ist, in das die betreffende Klasse geraten ist.'' Er spricht 
dann weiterhin auch von den ideologischen Prozessen als von einer besonderen 
Art der gesellschaftlichen Arbeit. Aber da ihm eine entsprechende Psychologie 
nicht zur Verfügung steht, kommt er nicht weiter als eben bis zu dieser 
Feststellung, kann es ihm nicht gelingen, die Art dieses Arbeitsprozesses 
zu verstehen. 

Zeitschrift für Sozialforschung 4 



50 



Erich Fromm 



tigen gesellschaftlichen Geschehens und speziell das vollkommene Ver- 
ständnis der Produktion der Ideologien. 

Der Grad der Fruchtbarkeit einer psychoanalytischen Sozial- 
psychologie hängt natürlich ab von dem Grad der Bedeutung, den die 
libidinösen Kräfte im gesellschaftlichen Prozeß haben. Eine auch nur 
einigermaßen vollständige Untersuchung müßte weit über den Rahmen 
dieses Aufsatzes hinausführen. Wir begnügen uns deshalb an dieser 
Stelle mit einigen andeutenden grundsätzlichen Bemerkungen. 

Wenn man fragt, durch welche Kräfte eine bestimmte Gesellschaft 
in ihrer Stabilität gehalten, durch welche andererseits diese Stabilität 
erschüttert wird, so sieht man, daß es zwar die ökonomischen Be- 
dingungen, die gesellschaftlichen Widersprüche sind, die über Stabili- 
tät oder Zerfall einer Gesellschaft entscheiden, daß aber der Faktor, 
der auf der Basis dieser Bedingungen ein überaus wichtiges Element 
in der gesellschaftlichen Struktur darstellt, die in den Menschen wirk- 
samen libidinösen Tendenzen sind. Gehen wir zunächst von einer 
relativ stabilen gesellschaftlichen Konstellation aus. Was hält die 
Menschen zusammen, was macht gewisse Solidaritätsgefühle, was 
gewisse Einstellungen der Unter- und Überordnung möglich ? Gewiß, 
es ist der äußere Machtapparat (also Polizei, Justiz, Militär usw.), der 
die Gesellschaft nicht aus den Fugen gehen läßt. Gewiß, es sind die 
zweckrationalen, egoistischen Interessen, die zur Formierung und 
Stabilität beitragen. Aber weder der äußere Machtapparat noch die 
rationalen Interessen würden ausreichen, um das Funktionieren der 
Gesellschaft zu garantieren, wenn nicht die libidinösen Strebungen 
der Menschen hinzukämen. Es sind die libidinösen Kräfte der 
Menschen, die gleichsam den Kitt formieren, ohne den die Gesell- 
schaft nicht zusammenhielte, und die zur Produktion der großen ge- 
sellschaftlichen Ideologien in allen kulturellen Sphären beitragen. 

Verdeutlichen wir dies an einer besonders wichtigen gesellschaft- 
lichen Konstellation, am Verhältnis der Klassen zueinander. In der 
uns bekannten Geschichte herrscht eine Minorität über die Majorität 
der Gesellschaft. Diese Klassenherrschaft war nicht der Erfolg von 
List und Betrug, wie es etwa die Aufklärung darstellt, sondern sie 
war notwendig und bedingt von der ökonomischen Gesamtsituation 
der Gesellschaft, vom Stand der Produktivkräfte. So erscheint etwa 
Necker „das Volk durch Eigentumsgesetze verdammt, immer nur das 
Allernotwendigste für seine Arbeit zu bekommen". Die Gesetze 
werden als Schutzmaßregeln der Besitzenden gegen die Besitzlosen 
angesehen. Sie seien, so schreibt Linguet, gewissermaßen „eine Ver- 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 51 

schwöruiig gegen den zahlreichsten Teil des Menschengeschlechts, 
gegen den dieser nirgends und auf keine Art Hilfe finden könne" 1 ). 

Die Aufklärung hat das Abhängigkeitsverhältnis beschrieben und 
kritisiert, wenn sie auch seine ökonomische Bedingtheit nicht er- 
kannte. In der Tat entspricht die Feststellung der Herrschaft einer 
Minorität dem geschichtlichen Verlauf. Welches sind aber die Fak- 
toren, die diesem Abhängigkeitsverhältnis Bestand verleihen? 

Es sind wohl in erster Reihe die Mittel physischen Zwangs, und es 
sind bestimmte Gruppen, die mit der Handhabung dieser Mittel be- 
auftragt sind, aber daneben gibt es noch einen anderen wichtigen 
Faktor: die libidinösen Bindungen, Angst, Liebe, Vertrauen, die die 
Seelen der Majorität in ihrem Verhältnis zur herrschenden Klasse 
erfüllen. Diese seelische Einstellung ist aber keine willkürliche, zu- 
fällige, sie ist der Ausdruck der libidinösen Anpassung der Menschen 
an die ökonomisch notwendigen Lebensbedingungen. Da und so- 
lange diese die Herrschaft einer Minorität über eine Majorität not- 
wendig machen, paßt sich auch die Libido dieser ökonomischen 
Struktur an und wird damit selbst zu einem das Klassenverhältnis 
stabilisierenden Moment. 

Über der Anerkennung der ökonomischen Bedingtheit der libi- 
dinösen Struktur darf aber die Sozialpsychologie nicht vergessen, die 
psychologische Basis dieser Struktur zu untersuchen; d. h. es ist 
nicht nur zu erforschen, warum diese libidinöse Struktur notwendig 
ist, sondern auch wie sie psychologisch möglich ist, durch welche 
Mechanismen sie funktioniert. Bei der Untersuchung dieser Wurzeln 
der libidinösen Bindung der Majorität an die herrschende Minori- 
tät wird etwa die Sozialpsychologie feststellen, daß diese Bindung 
eine Wiederholung bzw. eine Fortsetzung der seelischen Haltung 
ist, die diese erwachsenen Menschen als Kinder zu ihren Eltern, 
speziell zu ihrem Vater gehabt haben (innerhalb der bürgerlichen 
Familie) 2 ). Es handelt sich um eine Mischung von Bewunderung, 
Angst, Glauben an die Kraft, Klugheit und guten Absichten des 
Vaters, d. h. affektiv bedingte Überschätzung seiner intellektuellen 
und moralischen Qualitäten, wie wir sie beim Kind im Verhältnis zum 
Vater wie beim Erwachsenen innerhalb der patriarchalischen Klassen- 
gesellschaft im Verhältnis zum Angehörigen der herrschenden Klasse 
finden. Hiermit eng verknüpft sind gewisse moralische Prinzipien, 

x ) Zitiert nach Grünberg in den „Verhandlungen des Vereins für Sozial- 
politik" in Stuttgart 1924, S. 31. 

a ) Es darf aber nicht vergessen werden, daß dieses bestimmte Vater-Kind- 
Verhältnis seinerseits selbst gesellschaftlich bedingt ist. 

4* 



52 



Erich Fromm 



die es den Armen vorziehen lassen zu leiden, als „Unrecht" zu tun, 
die ihn glauben lassen, der Sinn seines Lebens sei Gehorsam und 
Pflichterfüllung im Dienste der Mächtigen usf. Auch diese für die 
soziale Stabilität so überaus wichtigen ethischen Vorstellungen sind 
das Produkt bestimmter affektiver, emotionaler Beziehungen zu 
denjenigen, die diese Vorstellungen inaugurieren und vertreten. 

Selbstverständlich wird es nicht dem Zufall überlassen, ob solche 
Vorstellungen entstehen oder nicht . Vielmehr dient ein ganz wesentlicher 
Teil des Kulturapparates dazu, die sozial geforderte Haltung syste- 
matisch und planmäßig zu schaffen. Die Darstellung der Rolle, die 
das gesamte Erziehungswesen oder auch z. B die Straf Justiz hierbei 
spielen, ist eine wichtige Aufgabe der Sozialpsychologie 1 ). 

Wir haben die libidinösen Beziehungen zwischen der herrschenden 
Minorität und der beherrschten Majorität herausgegriffen, weil dieses 
Verhältnis der soziale wie psychische Kern jeder Klassengesell- 
schaft ist. Aber auch alle andern Beziehungen innerhalb der Gesell- 
schaft tragen ihr besonderes libidinöses Gepräge. Etwa die Be- 
ziehungen der Angehörigen der gleichen Klasse weisen eine andere psy- 
chische Färbung innerhalb des Kleinbürgertums als innerhalb des 
Proletariats auf, die libidinöse Beziehung zum politischen Führer ist 
psychologisch anders strukturiert beim seine Klasse zwar führenden, 
aber sich mit ihr identifizierenden und ihren Wünschen dienenden, 
proletarischen und anders bei dem der Masse als starker Mann, 
als mächtiger, vergrößerter pater familias gegenüberstehenden, kom- 
mandierenden Führer 2 ). 



Ge- 
nur 



*) Vgl. Fromm, Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden G 
Seilschaft. Imago, XVII, 12. — Der Kulturapparat dient auch nicht nui 
dazu, die libidinösen Kräfte (speziell die praegenitalen und die Partial- 
triebe) der Menschen in bestimmte, gesellschaftlich erwünschte Richtungen 
zu lenken, sondern auch, die libidinösen Kräfte so weit zu schwächen, daß 
sie nicht zu einer Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität werden. In 
dieser Abdämpfung der libidinösen Kräfte, bzw. ihrer Zurücklenkung auf das 
praegenitale Gebiet, ist auch ein Grund der Sexualmoral gewisser Gesell- 
schaften zu finden. 

2 ) Freud hat in seiner „Massenpsychologie und Ich-Analyse" gerade auf 
die libidinösen Momente des Verhältnisses zum Führer hingewiesen. Er hat 
aber „den Führer" abstrakt genommen, wie er „die Masse" abstrakt nimmt, 
d. h. ohne Rücksicht auf ihre konkrete Situation. Dadurch bekommt auch 
die Darstellung der psychischen Vorgänge eine Allgemeinheit, die der Wirk- 
lichkeit nicht entspricht, bzw. es wird ein bestimmter Typ der Beziehung 
zum Führer zum allgemeinen gestempelt. Auch wird überhaupt das ent- 
scheidende Problem der Sozialpsychologie, das Verhältnis der Klassen, durch 
ein sekundäres, das Verhältnis Masse-Führer ersetzt. Es bleibt aber be- 
merkenswert, daß Freud in dieser Arbeit die die Masse herabsetzenden 

ht Tlt bur gerhchen Sozialpsychologen feststellt und seinerseits 



Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 53 

Entsprechend der Mannigfaltigkeit der möglichen libidinösen Be- 
ziehungen herrschen auch tatsächlich die allerverschiedensten Arten 
gefühlsmäßiger Bindungen innerhalb der Gesellschaft. Ihre Be- 
schreibung und Erklärung ist an dieser Stelle auch nur andeutungs- 
weise ganz unmöglich. Es ist dies eine Hauptaufgabe einer analy- 
tischen Sozialpsychologie. Nur soviel muß gesagt werden, daß jede 
Gesellschaft, so, wie sie eine bestimmte ökonomische und eine soziale, 
politische und geistige Struktur hat, auch eine ihr ganz spezifische 
libidinöse Struktur hat. Die libidinöse Struktur ist das Produkt 
der Einwirkung der sozial-ökonomischen Bedingungen auf die Trieb- 
tendenzen, und sie ist ihrerseits ein wichtiges bestimmendes Moment 
für die Gefühlsbildung innerhalb der verschiedenen Schichten der 
Gesellschaft wie auch für die Beschaffenheit des „ideologischen 
Überbaus". Die libidinöse Struktur einer Gesellschaft ist das 
Medium, in dem sich die Einwirkung der Ökonomie auf die eigent- 
lich menschlichen, seelisch-geistigen Erscheinungen vollzieht. 

Selbstverständlich bleibt die libidinöse Struktur einer Gesellschaft 
so wenig konstant wie ihre ökonomische und soziale. Sie hat aber eine 
relative Konstanz, solange die Gesellschaftsstruktur in einem ge- 
wissen Gleichgewicht ist, d. h. also in den relativ konsolidierten 
Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit dem Wachsen der 
objektiven Widersprüche innerhalb der Gesellschaft, mit der be- 
ginnenden stärkeren Zersetzung einer bestimmten Gesellschaftsform 
treten auch gewisse Veränderungen in der libidinösen Struktur der 
Gesellschaft ein ; traditionelle, die Stabilität der Gesellschaft erhaltende 
Bindungen verschwinden, traditionelle Gefühlshaltungen ändern sich. 
Libidinöse Kräfte werden zu neuen Verwendungen frei und verändern 
damit ihre soziale Funktion. Sie tragen nun nicht mehr dazu bei, die 
Gesellschaft zu erhalten, sondern sie führen zum Aufbau neuer Ge- 
sellschaftsformationen, sie hören gleichsam auf, Kitt zu sein und 
werden Sprengstoff. 

Kehren wir noch einmal zu der am Eingang diskutierten Frage- 
stellung zurück, dem Verhältnis der Triebe zu den Lebensschicksalen, 
also den äußeren Lebensbedingungen des Menschen ! Wir hatten ge- 
sehen, daß die analytische Personalpsychologie die Triebentwicklung 
als Produkt der aktiven und passiven Anpassung der Triebstruktur 
an die Lebensbedingungen ansieht. Das Verhältnis zwischen der 
libidinösen Struktur der Gesellschaft und ihren ökonomischen Be- 
dingungen ist prinzipiell genau das gleiche. Es handelt sich um 
einen Prozeß der aktiven und passiven Anpassung der libidinösen 



54 Erich Fromm, Über Methode u. Aufgabe einer analyt. Sozialpsychologie 

Struktur der Gesellschaft an die ökonomischen Bedingungen. Die 
Menschen, eben getrieben von ihren libidinösen Impulsen, verändern 
ihrerseits die ökonomischen Bedingungen, die veränderten ökono- 
mischen Bedingungen bewirken; daß neue libidinöse Strebungen und 
Befriedigungen entstehen usf. Entscheidend ist, daß alle diese Ver- 
änderungen in letzter Instanz auf die ökonomischen Bedingungen 
zurückgehen, daß sich die Triebregungen und Bedürfnisse im Sinne 
der ökonomischen Bedingungen, d. h. des jeweils Möglichen bzw. 
Notwendigen verändern und anpassen. 

^ Innerhalb der Auffassung des historischen Materialismus findet 
die analytische Psychologie eindeutig ihren Platz. Sie untersucht 
einen der im Verhältnis Gesellschaft — Natur wirksamen natürlichen 
Faktoren, die menschliche Triebwelt, die aktive und passive Rolle, 
die sie innerhalb des gesellschaftlichen Prozesses spielt. Sie untersucht 
damit zugleich einen entscheidenden zwischen der ökonomischen 
Basis und der Ideologiebildung vermittelnden Faktor. Die analy- 
tische Sozialpsychologie ermöglicht dadurch das volle Verständnis 
des ideologischen Überbaus aus dem zwischen Gesellschaft und Natur 
sich abspielenden Prozeß. 

Kurz zusammengefaßt ist das Ergebnis dieser Untersuchung über 
Methode und Aufgabe einer psychoanalytischen Sozialpsychologie: 
Die Methode ist die der klassischen Freudschen Psychoanalyse, 
d. h. auf soziale Phänomene übertragen : Verständnis der gemeinsamen, 
sozial relevanten seelischen Haltungen aus dem Prozeß der aktiven 
und passiven Anpassung des Triebapparates an die sozial-ökonomischen 
Lebensbedingungen der Gesellschaft. 

Die Aufgabe einer psychoanalytischen Sozialpsychologie liegt 
zunächst in der Herausarbeitung der sozial wichtigen libidinösen 
Strebungen, mit anderen Worten in der Darstellung der libidinösen 
Struktur der GeseUschaft. Ferner hat die Sozialpsychologie die 
Entstehung dieser libidinösen Struktur und ihre Funktion im gesell- 
schaftlichen Prozeß zu erklären. Die Theorie, wie die Ideologien 
aus dem Zusammenwirken von seelischem Triebapparat und sozial- 
ökonomischen Bedingungen entstehen, wird dabei ein besonders 
wichtiges Stück sein. 



- 

Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das 

Krisenproblem. 

Von 
Henryk Grossmann (Frankfurt a. M.). 

I. Die konkrete Wirklichkeit als Objekt und Ziel der 
Marxschen Erkenntnis. 

Die Aufgabe aller Wissenschaft besteht in der Erforschung und 
dem Verständnis der konkret gegebenen Totalität der Phänomene, 
ihres Zusammenhanges und ihrer Veränderungen. Die Schwierigkeit 
dieser Aufgabe hegt darin, daß die Phänomene nicht unmittelbar 
mit dem Wesen der Dinge zusammenfallen. Die Erforschung des 
Wesens bildet die Voraussetzung für die Erkenntnis der Erscheinungs- 
welt. Allein wenn Marx im Gegensatz zur Vulgärökonomie das 
„verborgene Wesen" und den „inneren Zusammenhang" der öko- 
nomischen Realität erkennen will (Marx, Kapital III 2, S. 352 1 )), so 
besagt das nicht, daß ihn die konkreten Erscheinungen nicht inter- 
essieren. Im Gegenteil! Unmittelbar sind dem Bewußtsein nur die 
Erscheinungen gegeben, woraus sich — schon rein methodologisch — 
ergibt, daß man nur durch die Analyse der Erscheinungen zu ihrem 
verborgenen wesentlichen „Kern" gelangen kann (vgl. Marx, 
Kapital, III 1, S. 17, 22). 

Aber die konkreten Erscheinungen sind für Marx nicht nur 
deshalb wichtig, weil sie Ausgangspunkt und Mittel für die Erkenntnis 
der „wirklichen Bewegung" sind, sondern sie selbst sind es, die Marx 
letzten Endes in ihrem Zusammenhang erkennen und verstehen will. 
Denn keinesfalls will er sich — unter Ausschaltung der Phänomene 
— lediglich auf die Erforschung des „Wesens" beschränken. Vielmehr 
hat das erkannte Wesentliche die Funktion, uns zu befähigen, die 
konkreten Erscheinungen zu begreifen. Deshalb ist Marx bemüht, 
„das Gesetz der Phänomene", das sie beherrscht, also „das Gesetz 
ihrer Veränderungen" zu finden. (Nachwort zur 2. Ausg. d. „Kapital".) 

Unverständlich und „.prima facie abgeschmackt" sind nach Marx 
nur die Phänomene an sich, ohne Zusammenhang mit dem „ver- 



x ) Im folgenden werden der I. und der III. Band des Marxschen „Kapital" 
nach der dritten, der II. Band nach der ersten Auflage, „Theorien über den 
Mehrwert" als „Mehrwert" zitiert. 



56 Henryk Grossmann 

borgenen Wesen" der Dinge. Aber es wäre ein verhängnisvoller 
Fehler der ökonomischen Wissenschaft, wenn sie — in den umge- 
kehrten Irrtum der Vulgärökonomie verfallend — nun in der Analyse 
bei dem gefundenen „verborgenen Wesen" der Dinge verbliebe, ohne 
von ihm her den Rückweg zur konkreten Erscheinung, um 
deren Erklärung es sich doch handelt, zu finden, d. h. ohne die 
vielen Vermittlungen zwischen Wesen und Erscheinungsform 
zu rekonstruieren! Deshalb sieht auch Marx in diesem Wege vom 
Abstrakten zum Konkreten „offenbar die wissenschaftlich richtige 
Methode". Hier „führen die abstrakten Bestimmungen zur Re- 
produktion des Konkreten im Wege des Denkens", weil „die 
Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen, nur die 
Art für das Denken ist, sich das Konkrete anzueignen, es als 
ein Konkretes geistig zu reproduzieren". (Einltg. z. Kritik d. Polit. 
Ökonomie, S. XXXVI). 

An einem konkreten Beispiel zeigt Marx, daß es nicht genügt, die 
in der industriellen Produktion geschaffenen Werte auf das allgemeine 
Gesetz, d. h. darauf zurückzuführen, „daß die Werte der Waren be- 
stimmt sind durch die in ihnen enthaltene Arbeitszeit". Denn die 
empirischen Vorgänge in der Zirkulationssphäre, z. B. der praktisch 
sichtbare Einfluß des Kaufmannskapitals auf die Warenpreise, zeigt 
„Phänomene, die ohne sehr weitläufige Analyse der Mittel- 
glieder eine rein willkürliche Bestimmung der Preise voraus- 
zusetzen scheinen", so daß der Schein entsteht, „als ob der Zirku- 
lationsprozeß als solcher die Preise der Waren bestimme, unabhängig 
(innerhalb gewisser Grenzen) vom Produktionsprozeß", also von der 
Arbeitszeit. Um also das Illusorische dieses Scheins nachzuweisen 
und den „inneren Zusammenhang" zwischen dem Phänomen und 
dem „wirklichen Vorgang" herzustellen — was „ein sehr verwickeltes 
Ding und eine sehr ausführliche Arbeit ist" — , „ist es ein Werk der 
Wissenschaft, die sichtbare, bloß erscheinende Bewegung auf die 
innere wirkliche Bewegung zu reduzieren" (Kapital, III 1, 
S. 297), „ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper 
nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahr- 
nehmbare Bewegung kennt" (Kapital, I, S. 314). 

Das entscheidend wichtige „Werk der Wissenschaft" ist also, die 
„Vermittlungen", die „Mittelglieder" zu finden, die von dem Wesen 
zum konkreten Phänomen führen, da ohne diese Mittelglieder die 
Theorie, d. h. das „Wesen" der Dinge im Widerspruch zur kon- 
kreten Wirklichkeit stünde. Mit Recht verspottet Marx solche 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 57 

„Theoretiker", die sich in wirklichkeitsfremden Konstruktionen ver- 
lieren. Nur „der Vulgus hat daher geschlossen, daß die theoretischen 
Wahrheiten Abstraktionen sind, die den wirklichen Ver- 
hältnissen widersprechen" (Mehrwert, II 1, S. 166). 

Diesem methodologischen Grundgedanken Marxens entspricht 
auch, wie ich dies bereits gezeigt habe 1 ), der Aufbau des Marxschen 
„Kapital" und das darin angewandte „Annäherungsverfahren", das 
seinen prägnantesten Ausdruck in der Konstruktion des Marxschen 
Reproduktionsschemas gefunden hat. Unter Anwendung zahlreicher 
vereinfachender Annahmen wird dort zunächst die „Reise" vom Kon- 
kreten zum Abstrakten unternommen. Es wird von der gegebenen 
Erscheinungswelt, von den konkreten Teilformen, in denen der Mehr- 
wert in der Zirkulationssphäre auftritt (Unternehmergewinn, Zins> 
Handelsprofit usw.), abgesehen und die ganze Analyse des I. und 
II. Bandes des „Kapital" auf den Wert und Mehrwert als 
Ganzes, auf ihre Schöpfung und ihre Größenvariation im Produk- 
tions- und Akkumulationsprozeß konzentriert. Dabei wird der „dem 
Zirkulationsprozeß angehörige Schein" (K. I, S. 600) ausgeschaltet. 
Bestand die Aufgabe der Analyse im I. und II. Band des „Kapital" 
darin, die Schöpfung des Mehrwerts als das Wesen des ökono- 
mischen Gesamtprozesses zu erforschen, so galt es nachher — und 
das bildet, wie dies Marx ausdrücklich betont, gerade die Aufgabe 
und den Inhalt des III. Bandes — , den „inneren Zusammenhang" 
zwischen dem aufgedeckten „Wesen" und seiner Erscheinungsform:: 
den empirisch gegebenen Formen des Mehrwerts, herzustellen, d. h. 
„die konkreten Formen aufzufinden und darzustellen, 
welche aus dem Bewegungsprozeß des Kapitals als Ganzes, 
betrachtet hervorwachsen. In ihrer wirklichen Bewegung treten 
sich die Kapitale in solchen konkreten Formen gegenüber" 
(Kapital, III 1, S. 1). 

Hier, im III. Bande werden daher die früher gemachten verein- 
fachenden Voraussetzungen (z. B. der Verkauf der Waren zu ihren 
Werten, die Ausschaltung der Zirkulationssphäre und der Konkurrenz, 
die Behandlung des Mehrwerts in seiner Totalität und unter Aus- 
schaltung der Teilformen, in die er sich spaltet usw.) fallen gelassen 



1 ) H. Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des 
kapitalistischen Systems, Leipzig 1929, S. Vif f. — „Die Änderung des ur- 
sprünglichen Aufbauplans des Marxschen , Kapital' und ihre Ursachen" 
(Arch. f. d. Gesch. d. Sozialismus, Jahrg. XIV, 1929). — „Die Goldproduk- 
tion im Reproduktionsschema v. Marx und Rosa Luxemburg", Festschrift 
für C. Grünberg, Leipzig 1932, S. 152. 



58 



Henryk Grossmann 



-und nachträglich, in dieser zweiten Etappe des Annäherungs- 
verfahrens, schrittweise die bisher vernachlässigten Vermittlungen 
berücksichtigt und die konkreten Profitformen, wie sie in der 
empirischen Wirklichkeit sichtbar sind (Grundrente, Zins, Handels- 
profit usw.), behandelt. Erst dadurch wird der Kreis der Marxschen 
Analyse geschlossen und der Nachweis erbracht, daß die Arbeitswert- 
theorie keine wirklichkeitsfremde Konstruktion ist, daß sie vielmehr 
tatsächlich das „Gesetz der Phänomene", d. h. die Grundlage bildet, 
die uns befähigt, die reale Welt der Erscheinungen zu erklären. 
Mit nicht mißzuverstehender Klarheit wird dieser methodologische 
Grundgedanke formuliert, wenn Marx sagt: „Wir hatten es in Buch I 
und II nur mit den Werten der Waren zu tun" . . . „Jetzt", d.h. im 
III. Buch, „hat sich der Produktionspreis als eine verwandelte 
Form des Werts entwickelt." (Kapital, III 1, S. 142). — „Die Ge- 
staltungen des Kapitals, wie wir sie in diesem (dritten) Buch ent- 
wickeln, nähern sich also schrittweise der Form, worin sie 
auf der Ober fläche der Gesellschaft, in der Aktion der verschiedenen 
Kapitale aufeinander, der Konkurrenz, und im gewöhnlichen Be- 
wußtsein der Produktionsagenten selbst auftreten." 

II. Der Widerspruch zwischen dem Wertschema und der 

Wirklichkeit. 

Bildet somit, wie gezeigt wurde, die Reproduktion der konkreten 
Wirklichkeit im Wege des Denkens das Ziel der Marxschen Erkenntnis, 
dann ist auch die Funktion des Marxschen Reproduktionsschemas 
innerhalb der Marxschen Forschungsmethode klar zu erkennen: es 
beansprucht nicht, für sich allein ein Abbild der konkreten 
kapitalistischen Wirklichkeit zu sein, es ist nur ein Glied im 
Marxschen Annäherungsverfahren, das, zusammen mit den verein- 
fachenden Annahmen, die dem Schema zugrunde liegen, und den 
nachträglichen Modifikationen im Sinne einer progressiven Kon- 
kretisierung ein unzertrennliches Ganzes bildet. Dabei verliert jeder 
dieser drei Teile für sich allein, ohne die beiden anderen, für die Er- 
kenntnis der Wahrheit jeden Sinn und kann nur ein vorläufiges Er- 
kenntnisstadium, die erste Etappe im Annäherungsverfahren an 
die konkrete Wirklichkeit, bedeuten. 

Ist man sich über diesen Charakter des Marxschen Reproduktions- 
schemas im klaren, weiß man, daß es nur ein Hilfsmittel unseres 
Denkens und keine Wiedergabe konkreter Vorgänge ist, dann kann 
man auch über den Charakter der einzelnen Elemente, aus welchen das 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 59 

Schema aufgebaut ist — Werte, Mehrwerte, verschiedene Profitraten 
in den einzelnen Produktionssphären — keinen Zweifel haben. Wie 
ich an anderer Stelle gezeigt habe, ist der Mehrwert eine reale Größe. 
(Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz, S. 196.) Dies 
gilt jedoch nur für die Gesamtgesellschaft, für welche die Werte 
und Preise, daher auch Mehrwert und Profit, quantitativ identische 
Größen sind. Anders verhält sich die Sache inbezugaufdieein- 
zelnen Produktionssphären. Innerhalb dieser haben wir in der 
kapitalistischen Wirklichkeit nicht Werte, sondern die von ihnen 
quantitativ divergierenden Produktionspreise, wir haben nicht Mehr- 
wertgrößen, sondern Profitgrößen. Kurz, die im Reproduktions- 
schema vorkommenden Werte und Mehrwerte sind, quantitativ be- 
trachtet, keine Wirklichkeitskategorien, sie sind nicht unmittelbar 
in der Welt der kapitalistischen Wirklichkeit gegeben, sind vielmehr 
aus methodologischen Gründen der Vereinfachung freigewählte An- 
nahmen, die zunächst der Wirklichkeit widersprechen. Nehmen wir 
zunächst die Werte. Ist es noch nötig, daran zu erinnern, daß bei 
Marx der Verkauf der Waren zu ihren Werten nur den Charakter 
einer theoretischen vorläufigen Annahme hat, daß aber Marx nie 
und nirgends behauptet, daß diese Annahme der Wirklichkeit ent- 
spricht ? So wird doch im I. Band des „Kapital" ausdrücklich gesagt: 
„Wir unterstellen hier also . . ., daß der Kapitalist, der die Waren 
produziert, sie zu ihrem Wert verkauft" (Kapital, I, S. 579) — „Wir 
unterstellen, daß die Waren zu ihrem Wert verkauft werden" 
(Kapital, I, S. 530). — Auch im II. Band wird der theoretische 
Charakter dieser Voraussetzung betont, indem Marx sagt: ,,Im 
I. Buch . . . wurde unterstellt, daß der Kapitalist . . . das Produkt 
zu seinem Wert verkauft" (Kapital, II, S. 343). Aber nirgends wird 
behauptet, daß diese Annahme der Wirklichkeit entspricht, vielmehr 
wird das Gegenteil gesagt, daß man sich durch diese Annahme von 
der Wirklichkeit entfernt und prima facie mit ihr in einen offenbaren 
Widerspruch gerät. Mit ungewöhnlicher Klarheit konstatiert 
nämlich Marx bereits im I. Band des „Kapital", daß der Verkauf der 
Waren zu ihren Werten nur für den von ihm angenommenen theo- 
retischen „Normalverlauf" gilt, „sofern" und „wenn" das Phänomen 
„rein" vor sich geht: „In seiner reinen Form bedingt der Zirkulations- 
prozeß den Warenaustausch von Äquivalenten. Jedoch gehen die 
Dinge in der Wirklichkeit nicht rein zu" (Kapital, I, S. 136). 
— Hier wird also der „reine" Vorgang der Wirklichkeit gegenüber- 
gestellt. Nur im ersteren, nicht aber in der letzteren werden die Waren 



60 



Henryk Grossmann 



zu ihren Werten ausgetauscht. In einem Brief an Kugclmann vom 
11. Juli 1868 geißelt Marx dann mit dem ihm eigentümlichen Sarkas- 
mus die in der bürgerlichen Ökonomie oft vorkommende Verwechs- 
lung der theoretischen Annahme mit der Erfahrung. „Der Vulgär- 
ökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirklichen 
täglichen Austauschverhältnisse und die Wert großen nicht un- 
mittelbar identisch sind." 

An unzähligen anderen Stellen in allen Bänden des „Kapital" und 
in den „Theorien über den Mehrwert" wiederholt Marx immer wieder, 
daß die Waren in der Wirklichkeit nicht zu ihren Werten, sondern zu 
Produktionspreisen verkauft werden, wobei „die Produktions- 
preise der meisten Waren von ihren Werten . . . abweichen 
müssen" (Mehrwert, III, S. 92). Eben deshalb polemisiert er gegen 
die Ricardosche Behauptung, daß die Waren zu ihren Werten ver- 
kauft werden: „Das ist die erste falsche Voraussetzung . . . Die 
Waren tauschen sich nur ausnahmsweise aus zu ihren Werten" 
(Mehrwert, II 1, S. 191). Und A. Smith gegenüber wird gesagt: — 
„Wie ich später nachweisen werde, selbst der Durchschnittspreis der 
Waren ist stets von ihrem Werte verschieden" (Mehrwert, I, 
S. 162). 

Was hier vom Wert gesagt wurde, gilt auch vom Mehrwert. Im 
Reproduktionssehema haben wir zwar Mehrwerte, nicht aber in der 
Wirklichkeit. Denn Mehrwert ist das „Unsichtbare", während in der 
Realität des Kapitalismus nur verschiedene Profitformen wie 
Unternehmergewinn, Zins, Handelsprofit, Grundrente vorkommen. 
Die in jeder Produktionssphäre des Schemas dargestellten Mehrwerte 
sind daher nur vorläufige Annahmen, die der Wirklichkeit nicht ent- 
sprechen. Dasselbe gilt endlich in bezug auf die im Schema sichtbaren 
Profitraten. In einem auf Werten aufgebauten Reproduktions- 
schema, also unter Annahme, daß die Waren zu ihren Werten ver- 
kauft werden, müssen in jeder Abteilung des Schemas verschiedene 
Profitraten bestehen, während doch die Erfahrung eines kon- 
kurrenzbedingten kapitalistischen Systems zeigt, daß in der Wirklich- 
keit eine Tendenz zur Ausgleichung der verschiedenen Profit- 
raten in den einzelnen Sphären zu einer allgemeinen, d. h. Durch- 
schnittsprofitrate herrscht, was schon im Begriff des Produk- 
tionspreises eingeschlossen ist: „Dasein und Begriff des Produktions- 
preises und der allgemeinen Profitrate, die er einschließt, beruhen 
darauf, daß die einzelnen Waren nicht zu ihren Werten ver- 
kauft werden" (Kapital, III, 2, S. 293), wie umgekehrt „die bloße- 



Die Wert-Preis-Trarisformation bei Marx und das Krisenproblem 61 

Existenz einer allgemeinen Profitrate von den Werten unterschiedene 
Produktionspreise bedingt" (Mehrwert, II 1, S. 17). — 

So ergibt es sich, daß das Reproduktionsschema, indem es nur 
Werte, Mehrwerte und in den einzelnen Sphären verschiedene Profit- 
raten aufweist, zunächst im Widerspruch zur konkreten Wirk- 
lichkeit steht. Der theoretische, vorläufige Charakter des Re- 
produktionsschemas und speziell der Annahme, daß die Waren sich 
zu ihren Werten austauschen, ist somit klar. Die wirklichen Vor- 
gänge spielen sich ganz anders als im Reproduktionsschema ab. Und 
zwar handelt es sich dabei nicht etwa um zufällige, vorübergehende 
Abweichungen von den im Schema dargestellten Vorgängen, die so- 
mit von der Wissenschaft vernachlässigt werden dürfen, sondern der 
wirkliche Ablauf der Reproduktion ist wesentlich ein anderer, 
als das Schema zeigt. Die Abweichungen der Preise von den 
Werten, wie sie in der Wirklichkeit vorkommen, sind keine bloß 
vorübergehenden Schwankungen, wie dies z. B. bei den Markt- 
preisen der Fall ist, sondern die faktisch eintretende Verwandlung der 
Werte in Produktionspreise „schafft dauernd Abweichungen von 
den Werten" (Mehrwert, II 1, S. 164). Im Schema werden in den 
einzelnen Sphären die von ihnen produzierten Mehrwerte realisiert. 
Ganz anders in der Wirklichkeit. Auf die Dauer werden nicht die 
Mehrwerte, sondern der von ihnen dauernd abweichende Durch - 
schnittsprofit realisiert. „So streben alle Kapitale, welches immer 
der von ihnen selbst erzeugte Mehrwert, an Stelle dieses Mehrwertes 
den Durchschnittsprofit durch die Preise ihrer Waren zu rea- 
lisieren" (Kapital, III 1, S. 152). 

„Es scheint also — sagt daher Marx — daß die Werttheorie hier 
unvereinbar ist mit der wirklichen Bewegung, unvereinbar mit den 
tatsächlichen Erscheinungen der Produktion, und daß daher 
überhaupt darauf verzichtet werden muß, die letzteren zu begreifen" 
(Kapital, III 1, S. 132). 

III. Die Produktionspreise und die allgemeine Profitrate 
als „Regulatoren" der kapitalistischen Produktion. 

Für das Verständnis des kapitalistischen Mechanismus genügt es 
indessen nicht, sich auf die Feststellung zu beschränken, daß das 
Wertschema des Reproduktionsprozesses und die darin enthaltenen 
Kategorien des Mehrwertes sowie der besonderen Profitraten in den 
einzelnen Produktionssphären der konkreten Realität nicht ent- 
sprechen. Wir müssen weiter fragen: Welche Kategorien sind dann 



62 



Henryk Grossmann 



für die kapitalistische Wirklichkeit maßgebend und für die „wirkliche 
Bewegung" des kapitalistischen Mechanismus entscheidend wichtig ? 
Die Marxsche Antwort auf diese Frage — und sie bildet den Inhalt 
des III. Bandes des „Kapital" — ist bekannt. Nicht die theoretisch 
angenommenen Werte, sondern die erfahrungsgemäß gegebenen Pro- 
duktionspreise bilden das objektive Gravitationszentrum, um 
welches die täglichen Marktpreise oszillieren. Für die konkreten 
Kapitalbewegungen sind nicht die im Schema theoretisch ange- 
nommenen verschiedenen Profitraten, sondern die erfahrungs- 
mäßig gegebene allgemeine Durchschnittsprofitrate entscheidend 
wichtig. 

„Andererseits — sagt Marx — unterliegt es keinem Zweifel, daß 
in der Wirklichkeit (von unwesentlichen, zufälligen und sich aus- 
gleichenden Unterschieden abgesehen) die Verschiedenheit der 
durchschnittlichen Profitraten für die verschiedenen Industriezweige 
nicht existiert und nicht existieren könnte, ohne das ganze 
System der kapitalistischen Produktion aufzuheben" (Ka- 
pital, III l 5 S. 132). Von dieser allgemeinen Profitrate sagt Marx, 
sie „sei die treibende Macht in der kapitalistischen Produktion" 
(Kapital, III 1, S. 241). Dieser „Durchschnittsprofit ist . . . wie 
es in der kapitalistischen Produktionsweise der Fall ist, als Regulator 
der Produktion überhaupt" zu betrachten (Kapital, III2, S. 316), er ist 
das „regelnde Gesetz . . . der kapitalistischen Gesellschaft". (Kapital, 
III 2, S. 355.) Aus demselben Grunde ist für Marx „das Grundgesetz 
der kapitalistischen Konkurrenz das Gesetz, welches die allgemeine 
Profitrate und die durch sie bestimmten sog. Produktionspreise 
regelt" (Kapital, III 1, S. 12). Von der Ausgleichung endlich meint 
Marx, daß „die Bewegung dieser Ausgleichung (die Grundlage 
ist, H. G.), worauf die ganze kapitalistische Produktion 
beruht" (Kapital, III 1, S. 422). Denn nicht die Werte, sondern die 
Produktionspreise „sind die wirklich regulierenden Durch- 
schnitts-Marktpreise", d. h. sie bilden die Basis, um welche die wirk- 
lichen Marktpreise oszillieren: „Die Marktpreise steigen über und 
fallen unter diese regulierenden Produktionspreise" (Kapital, 
III 2, S. 396), „da nicht die W r erte, sondern die von ihnen ver- 
schiedenen Produktionspreise in jeder Produktionssphäre die 
regulierenden Durchschnittspreise bilden" (Kapital, III 2, 
S. 409; vgl. Kapital, III 2, S. 181, 187, 364, 381, 396 u. öfters). 

„Regulierende Durchschnittspreise" heißt aber nichts anderes, als 
daß auf die Dauer eben der Produktionspreis und nicht der Wert die 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 63 

Bedingung der Reproduktion bildet, wie dies Marx ausdrücklich 
feststellt: „Es ist tatsächlich dasselbe, was . . . Ricardo price of 
production, cost of production, die Physiokraten prix necessaire 
nennen, . . . weil er auf die Dauer Bedingung der Zufuhr, 
der Reproduktion der Ware jeder besonderen Produktions- 
sphäre ist" (Kapital, III 1, S. 178). 

Noch mehr aber! Die praktische Wichtigkeit und Bedeutung der 
allgemeinen Profitrate wird noch klarer hervortreten, wenn wir er- 
wägen, daß auf ihr die Gemeinsamkeit der ökonomischen 
Klasseninteressen der Unternehmer beruht. Würden sich näm- 
lich die Waren zu ihren Werten austauschen, dann wäre jeder Unter- 
nehmer nur an der Exploitation der von ihm selbst beschäftigten 
Arbeiter interessiert und sein Gewinn mit dem von „seinen" Arbeitern 
produzierten Mehrwert identisch. Erst die Verwandlung des Mehr- 
werts in den Durchschnittsprofit bewirkt, „daß jeder einzelne Kapi- 
talist, wie die Gesamtheit aller Kapitalisten, ... in der Exploitation 
der Gesamtarbeiterklasse durch das Gesamtkapital und in dem Grad 
dieser Exploitation nicht nur aus allgemeiner Klassens)'mpathie, 
sondern direkt ökonomisch beteiligt ist, weil . . . die Durch- 
schnittsprofitrate abhängt von dem Exploitationsgrad der Gesamt- 
arbeit durch das Gesamtkapital" (Kapital, III 1, S. 177). 

Hält man sich an das Wertschema, wo der Verkauf der Waren 
zu ihren Werten stattfindet, daher auch in den einzelnen Sphären 
verschiedene Profitraten bestehen, so bleibt die Konkurrenz und 
ihr Ergebnis — die Tatsache der regulierenden Produktionspreise — 
unberücksichtigt 1 ), und die Durchschnittsprofitrate, also die „treibende 
Macht" ■ — „worauf die ganze kapitalistische Produktion beruht" — 
geht verloren! 

*) Der Einwand Sternbergs gegen meine Wertauffassung, daß sie „die 
Bedeutung der Konkurrenz im Kapitalismus übersehe" („Die Umwälzung 
der Wissenschaft;', Berlin 1930, S. 12), stellt die Tatsachen auf den Kopf. 
Nicht ich habe die Konkurrenz übersehen, vielmehr blieb sie in der ganzen 
bisherigen 30jährigen Diskussion über das Akkumulations- und Krisen- 
problem unberücksichtigt. Herr Sternberg spricht zwar von der Kot- 
wendigkeit, die Konkurrenz zu berücksichtigen, tut es aber ebensowenig 
wie die anderen Autoren von Tugan-Baranowsky bis Bucharm, da sie alle 
mit einem Schema operieren, das nur Werte kennt. Im Begriff des Wertes 
ist aber auch die Verschiedenheit der Profitraten in den einzelnen 
Sphären, daher auch die Ausschaltung der Konkurrenz, eingeschlossen, da 
„erst die Konkurrenz der Kapitale in den verschiedenen Sphären den 
Produktionspreis hervorbringt, der die Profitraten zwischen den verschiedenen 
Sphären egalisiert" (Kapital, III 1, S. 156). Wo man die Krisen als pri- 
märpartielle, aus der Disproportionalität der einzelnen Sphären sich er- 
gebende behandelt — wie in den Arbeiten der genannten Autoren ist 

die Berücksichtigung der Konkurrenz, d. h. der Tendenz zur Ausgleichung 



64 



Henryk Grossmann 



Weil aber ein solches Wertschema uns nichts über die Produktions- 
preise und den Durchschnittsprofit als Ganzes sagt und sagen kann, 
so kann es selbstverständlich ebensowenig auch die einzelnen Teil- 
formen des Profits, die aus der Spaltung des Mehrwerts entstehen, 
erklären; es ist also ungeeignet „die konkreten Formen . . . dar- 
zustellen, welche aus dem Bewegungsprozeß des Kapitals, als Ganzes 
betrachtet, hervorwachsen". Die Existenz aller dieser Profitformen 
ist mit dem Wertschema unvereinbar, daher auch vom Standpunkt 
der ihm zugrundeliegenden Werttheorie zunächst nicht erklärbar. 

Das Wertschema umfaßt nämlich bloß das produktive, an der 
Produktion von Wert und Mehrwert beteiligte, nicht aber das in der 
Zirkulationssphäre fungierende Geld- und Kaufmannskapital. 
Wenn also die industriellen Produzenten die Waren zu ihren 
Werten, d. h. zu , .Wertpreisen", die mit den Werten quantitativ 
identisch sind (Kapital, III 1, S. 153), verkaufen (wie dies im Wert- 
schema geschieht), so ist die Existenz des Handelsprofits, also 
der Profit des Kaufmannskapitals, das an der Produktion gar 
nicht beteiligt ist, ein unlösbares Rätsel. „Prima facie erscheint der 
reine, unabhängige Handelsprofit unmöglich, solange Produkte zu 
ihren Werten verkauft werden." (Kapital, III 1, S. 313). „Die aus 
der Betrachtung des industriellen Kapitals unmittelbar abgeleiteten 
Sätze über Wertbildung, Profit usw. passen nicht direkt auf das 
Kaufmannskapital" (Kapital III 1, S. 308). Solange wir also 
innerhalb der Wertbetrachtung verbleiben, solange ist zugleich ein 
großer und wichtiger Teil der Phänomene der kapitalistischen Wirk- 

der Profitraten, unbedingt notwendig. Anders ist es in meinem Buche, 
wo es um die Erklärung der primär allgemeinen, sämtliche Sphären zu- 
gleich erfassenden Überakkumulationskrisen geht. Für die Gesamtgesell- 
schaft „verliert die Unterscheidung der Werte von den Produktionspreisen 
jede Bedeutung" (vgl. mein „Akkumulationsgesetz", S. 107 und 211), da 
hier beide Größen identisch sind. 

Ebenso unrichtig ist der weitere Einwand, daß die Wirkung der Konkurrenz 
schon im Werte selbst enthalten wäre, weil die Konkurrenz den Wert, d. h. 
die gesellschaftlieh notwendige Arbeitszeit, bestimme. Diese Auffassimg ist 
mit don wesentlichen Grundlagen der Marxschen Wertlehre absolut unver- 
einbar. Tatsächlich ist die Funktion der Konkurrenz für den Wert nicht 
konstitutiv, sondern bloß deklaratorisch. Sie bestimmt nicht die gesellschaft- 
lich notwendige Arbeitszeit, stellt sie vielmehr nur nachträglich fest. Die 
Konkurrenz spielt sich nämlich auf dem Markt, also innerhalb der Zirkula- 
tionssphäre, ab. Der Wert aber wird in der Produktion geschaffen, geht 
also aller Konkurrenz voraus. „Der Wert der Waren" — sagt Marx — „ist 
in ihren Preisen dargestellt, bevor sie in die Zirkulation treten, also Vor- 
aussetzung und nicht Resultat derselben" (Kapital, I, S. 133. Ähnlich 
„Zur Kritik", S. 49). Bereits die Physiokraten Quesnay und Mercier de 
la Ri viere wußten, daß die Waren den Tauschwert besitzen, bevor sie 
zum Austausch auf den Markt kommen (vgl. Marx, Kapital, I, S. 133 und 
Aug. Oncken, Gesch. d. Nationalökon., Leipzig 1902, S. 370). 



'Die Wert-Preis -Transformation bei Marx und das Krisenproblem 65 

lichkeit — der Profit des Kaufmannskapitals — speziell auch in 
seiner internationalen Gestalt, d. h. die Erscheinungen des Welt- 
marktes und des Welthandels unerklärfear. 

Indes auch die Verwandlung der Werte (der Wertpreise) des 
Schemas in Produktionspreise und die Ausgleichung der verschiedenen 
Profitraten in den einzelnen Sphären des Sehemas zur allgemeinen 
Profitrate würden zur Erklärung der Existenz des Handelsgewinns 
noch keinesfalls ausreichen. Denn wir hätten damit bloß die pro- 
duktiven, d. h. an der Schöpfung des Mehrwerts beteiligten Kapitale 
bei der Bildung der allgemeinen Profitrate und der Umwandlung der 
Wertpreise in Produktionspreise berücksichtigt. Ein solches Aus- 
gleichsverfahren wäre somit bloß „die erste Betrachtung" der all- 
gemeinen Profitrate, keinesfalls aber ihre „fertige Gestalt" (Kapital, 
III 1, S. 322). Immer noch bliebe das an der Schöpfung des Mehr- 
werts unbeteiligte Handelskapital unberücksichtigt. Um die Existenz 
des Handelsprofits zu erklären, wäre daher eine weitere Stufe im 
Annäherungsverfahren erforderlich, nämlich die, daß das erste Aus- 
gleichungsverfahren der produktiven Kapitale allein nachher durch 
„die Teilnahme des Handelskapitals an dieser Ausgleichung," 
also durch eine Ausgleichung zweiten Grades „ergänzt" wird (ebenda). 
Erst dadurch wird die „fertige Gestalt" der Durchschnittsprofitrate 
erreicht, nachdem die Produktionspreise nunmehr eine „ein- 
schränkende Bestimmung" erfahren haben (Kapital, III 1, S. 269) und 
weiter in „merkantile Preise" (Kapital, III 1, S. 298) modifiziert 
werden, wodurch auch der ursprüngliche Durchschnittsprofit „sich 
jetzt innerhalb engerer Grenzen" als vorher darstellt (Kapital, III 1, 
S. 322). Wir sehen: will man die konkrete, empirisch gegebene Form 
des Handelsprofits verstehen, so muß vorher das Wertschema eine 
Reihe von Wandlungen im Annäherungs verfahren durchmachen. 
Unter den Voraussetzungen des Wertschemas, d. h. ohne Auffindung 
dieser Zwischenstufen, die von den „Wertpreisen" über die „Pro- 
duktionspreise" zu der Erscheinung der „merkantilen Preise" führen, 
wäre die Existenz des Handelsprofits weder möglich noch begreifbar. 

Und nicht nur dies allein! Es kommt der weitere Umstand hinzu, 
daß der im Wertschema dargestellte Verlauf des Akkumulations- 
prozesses durch die Existenz des Handelsprofits, d. h. durch die 
Umwandlung der Werte in Produktions- resp. merkantile Preise, 
stark modifiziert wird. 

Denn es ist ohne weiteres klar, daß jener Teil des im Wertschema 
dargestellten Mehrwerts, der dem Handelskapital als Profit zufällt 

Zeitschrift für Sozialforschung 5 



&6 Henryk Grossmann 

und innerhalb der Zirkulationssphäre akkumuliert wird (Geschäfts- 
gebäude der Handelsunternehmungen, Büroeinrichtungen, Be- 
triebskapital usw.) einen „Abzug vom Profit des industriellen Ka- 
pitals" (Kapital, III 1, S. 270) bedeutet und „pro tanto den Umfang, 
worin das vorgeschossene Kapital produktiv fungiert, vermindert" 
(Kapital, II, S. 109). Für die Zukunft scheidet dieser Teil des Mehr- 
werts aus der im Wertschema dargestellten Akkumulation des pro- 
duktiven Kapitals aus und ist an der Schöpfung des Mehrwerts 
nicht mehr beteüigt, nimmt jedoch teil an der Verteilung des 
Profits. Durch beide Tatsachen: durch die Verminderung der Aktiv- 
seite und die Vergrößerung der Passivseite wird das Tempo der 
Akkumulation des industriellen Kapitals pro tanto verlangsamt. 
„Je größer das Kaufmannskapital im Verhältnis zum industriellen 
Kapital, desto kleiner die Rate des industriellen Profits" (Kapital, 
III 1, S. 270). Zugleich ist es klar, daß durch die Tatsache des 
Handelsprofits ein Teil des Mehrwerts — vom Standpunkt R. Luxem- 
burgs ein Teil des „unabsetzbaren Mehrwertrestes" — aus der Pro- 
duktionssphäre in die Zirkulationssphäre verschoben wird. Die Um- 
rechnung der Wertpreise in Produktionspreise resp. in merkantüe 
Preise hat somit eine Störung aller im Wertschema errechneten 
Proportionalitäten zur Folge! 

Was hier vom Handelskapital gesagt wurde, gilt wörtlich und aus 
denselben Gründen auch für das Geld- und Bankkapital. Auch 
dieses Kapital fungiert ausschließlich in der Zirkulationssphäre, ist 
zwar an der Verteilung, nicht aber an der Produktion von Mehrwert 
beteüigt. Werden die Waren zu ihren Werten verkauft, d. h. behalten 
die Industriellen den ganzen Mehrwert, den sie sich zunächst an- 
eigneten, dann „wäre bei dieser Annahme (das) . . . Bankkapital 
immöglich", weil es keinen Profit machte 1 ). 

Schließlich ist auf Basis des Wertschemas nicht bloß die Existenz 
des Geldzinses unmöglich, sondern auch die Bewegung des Zinsfußes 
nicht verständlich. „Der Zinsfuß verhält sich zur Profitrate ähnlich wie 
der Marktpreis der Ware zu ihrem Wert. Soweit der Zinsfuß durch 
die Profitrate bestimmt ist, ist es stets durch die allgemeine Profit- 
rate, nicht durch die spezifischen Profitraten, die in besonderen 
Industriezweigen herrschen mögen" . . . „Die allgemeine Profitrate 
erscheint daher in der Tat als empirisches, gegebenes Faktum 
wieder in der Durchschnittszinsrate" (Kapital, III 1, S. 350). 

l | I Brief von Engels 15. X. 1888 an Nikolaion (Die Briefe von K. Marx und 
±r. Engels an Danielson, Leipzig 1929, S. 45). 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 67 

„In diesem Sinn", heißt es an anderer Stelle, „kann man sagen, daß 
der Zins reguliert wird . . . durch die allgemeine Profitrate" (Kapital, 
III 1, S. 344). In einem Wertschema mit seinen verschiedenen Pro- 
fitraten in den einzelnen Sphären und mit seinem Gesamtmehrwert 
sind weder die Existenz des Zinfußes noch dessen Bewegungen er- 
klärbar, daher auch das Bank- und Finanzkapital, also diejenige 
konkrete Form des Kapitals unmöglich, der gerade Hilferding für 
die neueste Entwicklung des Kapitalismus eine entscheidend wichtige 
Bedeutung zuerkennt. 

Und dasselbe gilt von der Grundrente in ihrer modernen, kapi- 
talistischen Form, die „nur in einer Gesellschaft existiert, deren 
Basis die kapitalistische Produktionsweise ist" (Mehrwert, III, 
S. 454). Aus einem Wertschema, d. h. unter der Annahme, daß 
sämtliche Waren zu ihren Werten verkauft werden, ist die Existenz 
der Grundrente nicht erklärbar 1 ). 

Aus der bisherigen Darstellung ergibt sich zur Genüge, daß für die 
Erkenntnis des konkreten Ablaufs des kapitalistischen Produktions- 
prozesses unmittelbar nicht die im Reproduktionsschema dargestellten 
Kategorien: Wert, Mehrwert und die verschiedenen Profitraten von 
entscheidender Bedeutung sind, sondern die darin nicht erfaßten 
Kategorien: Produktionspreise, Profit und seine Teil- 
formen, schließlich die allgemeine Durchschnittsprofitrate. 
Diesen Kategorien muß somit das Primat für die unmittelbare Er- 
kenntnis der konkreten kapitalistischen Produktion zuerkannt werden, 
weil eben der Durchschnittsprofit der „Regulator" und die „treibende 
Macht" dieser Produktion ist, und weil auf der Ausgleichsbewe- 
gung verschiedener Profitraten „die ganze kapitalistische Bewegung 
beruht". 



*) Denn die absolute Rente ist bloß ein „Überprofit", d. h. ein 
„Überschuß über den Durchschnittsprofit" (Mehrwert, III, S. 450, Mehrwert, 
II 2, S. 4, Kapital, III 2, S, 174, 316). „So bildet der Überschuß dieses 
Wertes (der Agrikulturprodukte) über den Produktionspreis die absolute 
Rente. Aber damit dieser Überschuß des Wertes über den Produktions- 
preis (gemessen) werden könne, muß der Produktionspreis das Prius sein, also 
der Agrikultur von der Industrie als Gesetz aufgezwängt werden" (Mehrwert 
III, S. 114). — „Die Rente ist . . . absolut nicht zu erklären, wenn der indu- 
strielle Profit nicht den landwirtschaftlichen regulierte" (1. c. S. 113). Um 
überhaupt von einem Überschuß über den Durchschnittsprofit sprechen zu 
können, muß dieser Durehschnittsprofit selbst als Maßstab und wie es in 
der kapitalistischen Produktionsweise der Fall ist, als Regulator der Pro- 
duktion überhaupt hergestellt sein" (Kapital, III 2, S. 316). Aus dem Wert- 
schema, in dem dieser Regulator nicht besteht, ist daher die Existenz der ab- 
soluten Grundrente unerklärbar. 

5* 



68 






Henryk Grossmann 



Vergegenwärtigt man sich diesen Sachverhalt, dann ist es klar, 
daß ein Wertschema, in dem alle diese realen Kategorien fehlen, auf 
denen die wirkliche kapitalistische Bewegung beruht, uns wohl die 
geschichtlichen Entwicklungstendenzen, also „das allgemeine Ge- 
setz der kapitalistischen Akkumulation", wie es Marx bereits im 
I. Bande des „Kapital" darstellt, zu erkennen erlaubt, aber un- 
möglich imstande ist, die konkreten Bewegungsformen des 
Kapitals im Wege des Denkens zu reproduzieren. Eben deshalb sind 
die aus einem Wertschema gezogenen Schlußfolgerungen über die 
Proportionalität oder Disproportionalität der einzelnen Produktions- 
sphären nicht beweiskräftig und zumindest verfrüht. 

■KMTf 
IV. Das Wertschema als ein historischer und theoretischer 

Ausgangspunkt. 

Legt man den erfahrungsmäßig gegebenen Kategorien Produk- 
tionspreis, Durchschnittsprofit und allgemeine Profitrate die Rolle 
des Regulators, der treibenden Macht der kapitalistischen Produktion 
bei, so drängt sich die Frage auf : welche Funktion erfüllen dann die 
Werte ? Ist ein auf Werten aufgebautes Reproduktionsschema nicht 
bedeutungslos, nachdem es doch kein adäquates Abbild der kapita- 
listischen Warenproduktion darstellt und keine unmittelbare Wirk- 
lichkeitsgeltung besitzt ? Eine solche Folgerung wäre verfehlt. Die 
Werte behalten trotz der Realität der Produktionspreise ihre zentrale 
Bedeutung für den Kapitalismus, und zwar, wie Marx betont, in 
doppelter Hinsicht: 

1 . Sie sind einmal das historischePrius, gültig für die Epoche der 
einfachen, d. h. vorkapitalistischen Warenproduktion der selb- 
ständigen Produzenten — Handwerker, Bauern — „solange die in 
jedem Produktionszweig festgesetzten Produktionsmittel nur mit 
Schwierigkeit aus der einen Sphäre in die andere übertragbar sind" 
(Kapital, III 1, S. 156), d. h. solange für die Kapitalwanderungen 
rechtliche oder faktische Hindernisse bestehen, welche die Bildung 
der allgemeinen Profitrate verhindern (Kapital, III 1, S. 292). Nur 
in dieser Periode der einfachen Warenproduktion ist der Austausch 
der Waren zu ihren (Markt-) Werten keine bloß theoretische An- 
nahme, sondern ein tatsächlicher Vorgang in dem Sinne, daß die 
täglichen Schwankungen der Marktpreise sich um die Werte als 
Gravitationszentrum drehen (Kapital, III 1, S. 157). 

2. In der kapitalistischen Warenproduktion dagegen modi- 
fiziert sich die bisherige Funktion der Werte im Austausch: die Waren 



Die Wert-Preis -Transformation bei Marx und das Krisenproblem 69 

tauschen sich nun zu Produktionspreisen aus, die von den Werten 
quantitativ verschieden sind, wobei die Werte nur noch die Funktion 
des theoretischen Prius für die Ableitung der Produktionspreise 
erfüllen. Die Produktionspreise sind der Regulator des Pro- 
duktionsumfangs im Kapitalismus, sie entscheiden über die Kapital- 
wanderungen, d. h. über die beständige Zufuhr und Entziehung von 
Kapital in den einzelnen Produktionssphären, also über die Ver- 
teilung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals, sie und nicht die Werte 
sind daher auch für die Proportionalität oder Dispropor- 
tionalität dieser Verteilung verantwortlich. Während jedoch 
die bürgerliche Ökonomie die Produktionspreise als Tatsache hin- 
nimmt, ohne weiter ihre Entstehung zu prüfen, weist Marx nach, daß 
die Produktionspreise selbst aus den Werten abgeleitet werden müssen, 
daß ohne eine solche Ableitung „die allgemeine Profitrate (und daher 
auch der Produktionspreis der Ware) eine sinn- und begrifflose Vor- 
stellung bliebe" (Kapital, III 1, S. 136 und Mehrwert, II 1, S. 36/37). 
Um vom Durchschnittsprofit sprechen zu können, muß man die Kom- 
ponenten kennen, aus welchen der Durchschnitt berechnet wird. 
„Ohne diese ist der Durchschnittsprofit Durchschnitt von nichts, 
bloßes Hirngespinst. Nur noch in diesem Sinne beherrscht das 
Wertgesetz (die) Bewegung der Warenpreise im Kapitalismus" 
(Kapital, III 1, S. 156, Mehrwert, III, S. 91/92). Das hindert aber 
nicht, daß in den einzelnen Produktionssphären nicht die 
Werte, sondern die Produktionspreise das Zentrum bilden, 
um welches die täglichen Marktpreise oszillieren 1 ) und „wozu sie sich 
in bestimmten Perioden ausgleichen" (Kapital, III 1, S. 158), daß 
ferner die Produktionspreise und nicht die Werte die Produktion, 
ihren Umfang und die Kapitalverteilung regulieren, also gerade die- 
jenigen Momente bestimmen, die für das Verständnis der Krisen — 
soweit sie auf die Disproportionalität der Kapitalverteilung zurück- 
zuführen sind — • von ausschlaggebender Bedeutung sind 2 ). 

*) Es ist somit unrichtig, wenn K. Diehl, scheinbar Marx entgegen- 
kommend, zwar die Inkongruenz der Preise und der Werte einzelner 
Waren innerhalb der Marxsehen Theorie als berechtigt und notwendig an- 
erkennt, dann aber behauptet: „Für die durchschnittlichen Markt- 
preise nimmt Marx entschieden den Arbeitswert als das Gravitations- 
zentrum an." (K. Diehl, Über das Verhältnis von Wert und Preis im öko- 
nomischen System von K. Marx, Jena 1898, S. 6 und ebenso noch in der 
3. Ausgabe von „Sozialwissenschaft]. Erläuterungen zu D. Ricardos Grund- 
gesetzen d. Volkswirtschaft, 1921, Bd. I. 96.) 

2 ) „Der ganze kapitalistische Produktionsprozeß ist reguliert durch die 
Preise der Produkte. Aber die regulierenden Produktionspreise sind 
selbst wieder reguliert durch die Ausgleichung£der Profitrate und¥die ihr 



70 



Henryk Gross mann 



Wir sehen, der Verkauf der Waren zu ihren Werten gilt nicht für 
die kapitalistische Wirklichkeit. „Der Austausch von Waren zu ihren 
Werten . . ." sagt Marx, „erfordert also eine viel niedrigere Stufe 
als der Austausch zu Produktionspreisen, wozu eine bestimmte 
Höhe kapitalistischer Entwicklung nötig ist" (Kapital, III 1, 
S. 156). Die Ausgleichung verschiedener Profitraten einzelner In- 
dustriesphären (daher auch die Herausbildung der Produktions- 
preise) gelingt dem Kapital um so mehr, „je höher die kapita- 
listischeEntwicklung in einer gegebenen nationalen Gesell- 
schaft ist" (Kapital, III 1, S. 176 und III 1, S. 159). 

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die Beweisführung R. Luxem- 
burgs und ihrer Anhänger, aber ebenso auch Hilferdings und 
Otto Bauers von vornherein verfehlt sein mußte, da sie es unter- 
nahmen, die Krisengesetzmäßigkeit des Kapitalismus an einem 
Schema zu demonstrieren (oder zu negieren), das nur den Verkauf 
yon Waren zu ihren Werten kennt, also nach Marx Ausdruck einer 
„niedrigeren Stufe" der Entwicklung, nämlich der vorkapita- 
listischen Warenproduktion, ist. Damit ignorierten sie das für den 
entwickelten Kapitalismus maßgebende Produktionspreisschema, 
also gerade alle jene Momente, wie Produktionspreise und Durch- 
schnittsprofit, die für die Proportionalität oder Disproportionalität 
der Kapitalverteilung im entwickelten Kapitalismus entscheidend 
sind. Die wirklichen, den ganzen Mechanismus regulierenden Kate- 
gorien werden vernachlässigt; berücksichtigt werden dagegen Kate- 
gorien, die unwirklich sind (Verschiedenheit der Profitraten) und 
die — wenn sie verwirklicht wären — „das ganze System der kapita- 
listischen Produktion aufheben" müßten! 

Das Unzureichende eines solchen Verfahrens ist klar. Soll der 
früher geschilderte Gegensatz zwischen der Werttheorie und den 
„tatsächlichen Erscheinungen der Produktion", zwischen dem Wert- 
schema und der kapitalistischen Wirklichkeit beseitigt werden, dann 
darf man in der Analyse des kapitalistischen Reproduktionsprozesses 
nicht bei dem Wertschema mit seinen verschiedenen Profitraten 
stehen bleiben, dann muß man es tatsächlich nur als ein „theoretisches 
Prius" betrachten, d. h. die Werttheorie, also auch das Wertschema 
nur als den Ausgangspunkt einer Analyse nehmen, von dem aus 
mit Hilfe ei ner Reihe von Mittelgliedern die Brücke zu finden ist, 

t n w?r e i? he £ d ^ Yf. rteiIu ng des Kapitals in den verschiedenen gesell- 
HSEI? • Pfoduktionssphären. Der Profit erscheint hier also als Haupt- 
Äf^^%^ Ü S )# der ***** sondern *«« Produktion 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 71 

die zu den tatsächlichen Erscheinungen, zu den Produktionspreisen 
und zur allgemeinen Profitrate, führt. Kurz, das Wertschema muß 
in einer mehrstufigen und schrittweisen Annäherung in ein Pro- 
duktionspreisschema verwandelt werden. „Es ist klar, daß die 
Darstellung, Verwirklichung, Herstellung der allgemeinen Profitrate 
die Verwandlung der Werte in von ihnen verschiedene 
Produktionspreise ernötigt" (Mehrwert, II 1, S. 161). 

Wohl beginnt Marx im II. Band des „Kapital" seine Analyse 
der Krisenproblematik an einem Wertschema. Aber seine Beweis- 
führung auf dieser von der Wirklichkeit entfernten und zunächst mit 
ihr im Widerspruch sich befindenden Abstraktionsstufe ist nicht und 
kann nicht definitiv sein. Sie hat einen bloß vorläufigen Charakter 
und wild durch die Lehre des III. Bandes des „Kapital", durch die 
Lehre von der Transformation der Werte in Produktionspreise, ver- 
vollständigt. Das Wertschema bildet in der Marxschen Analyse 
lediglich die Keimform, dieersteEtappeim Annäherungsverfahren, 
die erst durch eine Reihe von Metamorphosen zur Preisform heran- 
reifen muß! 

Das Marxsche Wertschema beschränkt die Analyse lediglich auf 
die Wert- und Mehrwertschöpfung als Ganzes, d. h. in der Form, 
wie sie aus dem Produktionsprozeß hervorgehen, wobei zunächst 
von der Konkurrenz und von den Einflüssen der Zirkulations- 
sphäre auf die Verteilung dieses Mehrwerts abgesehen wird. 
Nachträglich müssen jedoch die ausgeschiedenen Elemente berück- 
sichtigt werden und daher die Analyse der Schöpfung des Mehrwerts 
im Produktionsprozeß durch die Analyse seiner vermittels der Kon- 
kurrenz erfolgenden Verteilung im Zirkulationsprozeß er- 
gänzt werden. 

Aus dem Gesagten ergibt sich für die Krisenproblematik — soweit 
sie die gegenseitigen Abhängigkeits- und Proportionalitätsverhält- 
nisse der einzelnen Produktionssphären betrifft — der folgende 
Schluß, der zugleich auch den einzuschlagenden Forschungsweg 
anzeigt. 

Soll die Analyse der Krisengesetzmäßigkeit für die kapita- 
listische Realität beweiskräftig sein, dann darf sie sich unmöglich 
auf das Wertschema, auf die erste Etappe im Annäherungsver- 
fahren, beschränken, sondern muß vielmehr für alle seine Etappen 
erfolgen und auch an einem Produktionspreisschema nach- 
gewiesen werden. 



72 Henryk Grossmann 

V. Die Krisenproblematik und die Lehren des III. Bandes 
des Marxschen „Kapital". 
Das soeben formulierte Forschungsprogramm steht indes in 
eklatantem Gegensatz zur tatsächlichen Geschichte der Krisen- 
problematik im marxistischen Lager. „In der politischen Ökonomie" 
— sagt Marx — „ist die gedankenlose Tradition mächtiger als in 
jeder anderen Wissenschaft" (Mehrwert, III, S. 387). Wir werden 
sehen, daß dies nicht bloß für die bürgerliche Ökonomie allein, sondern 
ebenso auch von der politischen Ökonomie mancher Marx -Epigonen 
gilt. Zunächst wurde die Bedeutung der im II. Band des „Kapital" 
entwickelten Reproduktionsschemata für die Krisenproblematik 
überhaupt nicht erkannt. In einer 1886 in der „Neuen Zeit" 
erschienenen Besprechung des IL Bandes des „Kapital" führt 
K. Kautsky die Gründe an, warum nach seiner Meinung 
dieser Band für die Arbeiterklasse geringeres Interesse habe 
als der erste. Für sie sei nur die Produktion des Mehrwerts 
in der Fabrik von Wichtigkeit. Die weitere Frage, wie dieser 
Mehrwert realisiert wird, interessiere mehr die Kapitalisten als 
die Arbeiterklasse. Und dasselbe Urteil, zum Teil sogar mit den- 
selben Worten, wiederholt kritiklos 10 Jahre später (1895) Ed. 
Bernstein, anläßlich des Erscheinens des III. „Kapital' '-Bandes 
in einem Überblick über das ganze nun zum Abschluß gelangte 
Marxsche Hauptwerk. Die Praktiker der Bewegung haben oft nur 
den ersten Band gelesen, die weiteren Bände durch Jahrzehnte 
überhaupt nicht in der Hand gehabt. „Da Du im Loch Kapital II 
und III ochsen willst", schreibt F. Engels noch am 16. III. 1895 
an Viktor Adler nach Wien, „so will ich Dir zur Erleichterung 
einige Winke geben." Mit Recht spricht daher Hilferding von den 
bis zum Erscheinen des Buches von Tugan-Baranowsky 1901 
„unbeachteten Analysen des IL Bandes" (Finanzkapital, Wien 
1910, S. 303) und fügt dann hinzu: „Es ist das Verdienst Tugan- 
Baranowskys, auf die Bedeutung dieser Untersuchungen für das 
Krisenproblem in seinen bekannten „Studien ..." hingewiesen zu 
haben. Merkwürdig ist nur, daß es erst eines solchen Hinweises be- 
durfte" (ebda, S. 304). 

Mit der Wendung, die seit dem Erscheinen des Tuganschen 
Buches eintrat, fiel man in das entgegengesetzte Extrem. 
Wurde bis dahin die Bedeutung des Reproduktionsschemas für das. 
Krisenproblem überhaupt nicht gesehen, so beginnt man es nun. 



Die Wert- Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 73 

— wie ich an anderer Stelle gezeigt habe 1 ) — , in über- 
schwenglichster Weise zu verherrlichen, man schreibt ihm eine 
„objektive, gesellschaftliche Existenz" zu und erblickt in ihm ein 
exaktes Abbild des kapitalistischen Reproduktions- 
prozesses, so daß aus den Verhältnissen des Reproduktions- 
schemas unmittelbar Schlußfolgerungen über die Vorgänge in 
der kapitalistischen Wirklichkeit gezogen werden! So sagt z. B. 
Rosa Luxemburg: „Wir haben uns zu fragen, welche Bedeutung 
das analysierte Schema des Reproduktionsprozesses für die Wirk- 
lichkeit hat" (Akkumulation des Kapitals., S. 76). Ihre Ant- 
wort geht dahin, daß die exakten Proportionen des Marxschen 
Schemas die „allgemeine absolute Grundlage der gesellschaft- 
lichen Reproduktion" bilden, und zwar sowohl für die kapitalistische, 
als auch für die sozialistische, überhaupt jede planmäßige Produk- 
tion! (1. c. S. 56, 75, 103.) In einer planmäßig geleiteten 
sozialistischen Wirtschaft würde die Produktion exakt den Schema- 
verhältnissen entsprechen. „In der kapitalistischen Wirtschaft", 
sagt Rosa Luxemburg weiter, „fehlt jede planmäßige Organisation 
des Gesamtprozesses. Deshalb (! H. G.) geht in ihr auch nichts 
so glatt nach der mathematischen Formel, wie esim Schema 
aussieht. Der Kreislauf der Reproduktion verläuft vielmehr unter 
ständigen Abweichungen von den Verhältnissen des Schemas" 
(1. c. S. 76). — „Bei all diesen Abweichungen jedoch stellt das 
Schema jenen gesellschaftlich notwendigen Durchschnitt 
dar, um den sich jene Bewegungen vollziehen und dem sie 
immer wieder zustreben, nachdem sie sich von ihm entfernt 
haben" (1. c. S. 77). 

Nicht anders verhält sich die Sache bei Otto Bauer. Auch bei 
ihm stellt schon das Wertschema jenen ausgeglichenen Gleich- 
gewichtszustand zwischen Kapitalakkumulation und Bevölkerung 
dar, um welchen der Kreislauf der wirklichen Reproduktion oszilliert. 
Die Wirklichkeit zeigt zwar ständige zyklische Abweichungen vom 
Gleichgewichtszustand des Wertschemas, indem der Produktions- 
apparat im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum eine Uber- 
akkumulation oder Unterakkumulation aufweist. Zugleich aber be- 
steht in der kapitalistischen Produktionsweise eine Tendenz, welche 

— wenn auch „durch Vermittlung großer Krisen" — „selbsttätig 
tJberakkumulation und Unterakkumulation aufhebt, die Akkumu- 



x ) Die Goldproduktion im Reproduktionsschema von Marx und Rosa 
Luxemburg. 1. c. S. 153 ff. 



74 



Henryk Grossmann 



lation des Kapitals immer wieder dem Wachstum der Bevölkerung 
anpaßt" (Neue Zeit, 1913, Bd. I, S. 872), d. h., daß die wirkliche 
Bewegung jenem theoretisch errechneten Gleichgewichts- 
zustand, welcher durch das Wertschema repräsentiert 
wird, zustrebt. 

Im frappanten Gegensatz zu der oben entwickelten Lehre Marxens 
von der regulierenden Funktion des Durchschnittsprofits und der 
Produktionspreise, im Gegensatz zur Lehre, daß nicht Werte, sondern 
erst ihre verwandelte Form, die Produktionspreise, das Gra- 
vitationszentrum für die Schwankungen der Marktpreise bilden, 
schreiben R. Luxemburg und O. Bauer diese Funktion den Werten 
zu. Die Verhältnisse des Wertschemas sind bei beiden nicht nur 
die erste Etappe im Annäherungsverfahren wie bei Marx, sondern 
sie spiegeln unmittelbar die Wirklichkeit wider. 

Aus dieser Divergenz in der Auffassung des Wertschemas bei Marx 
einerseits und R. Luxemburg und 0. Bauer andererseits ergeben 
sich auch die weiteren Konsequenzen für die Analyse der Krisen- 
problematik. Das im IL Band des „Kapital" entwickelte Repro- 
duktionsschema mit seinen Werten und verschiedenen — mangels 
Konkurrenz nicht ausgeglichenen — Profitraten entspricht nicht der 
Wirklichkeit. Soll die Werttheorie den wirklichen Erscheinungen 
nicht widersprechen, sondern sie erklären, dann müssen die Werte°— 
im Einklang mit der Marxschen Lehre des III. Bandes des „Kapital" 
— mit Hilfe der Konkurrenz in konkretere Produktionspreise um- 
gewandelt, d. h. „eine Masse von Mittelgliedern" entwickelt werden, 
die zur allgemeinen Profitrate, schließlich zu den empirisch gegebenen 
Profitformen (Zins, Grundrente, Handelsgewinn) führen. Indem 
R. Luxemburg und O. Bauer der methodologischen, vorläufigen 
Marxschen Annahme, daß die Waren zu ihren Werten verkauft 
werden, Wirklichkeitsgeltung zuerkennen, daher das Wertschema als 
Widerspiegelung der Wirklichkeit betrachten, schalten sie damit 
von vornherein aus dem Kreis ihrer Problematik die Not- 
wendigkeit der Umwandlung der Werte in Produktions- 
preise und weiter in merkantile Preise aus. Sie verzichten auf 
die Methode der fortschreitenden Konkretisierung der im 
Schema dargestellten Verhältnisse, auf die Methode zunehmender 
Genauigkeit des Reproduktionsschemas. Man braucht sich 
nicht erst stufenweise der Erfassung der Wirklichkeit zu nähern, 
nachdem doch, nach R. Luxemburg und 0. Bauer, das Schema bereits' 
die Wirklichkeit widerspiegelt! 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 75 

Es ist somit nur die logische Konsequenz dieses verhängnisvollen 
Fehlers, daß für R. Luxemburg und O. Bauer nicht nur das Problem 
der Wert-Preis-Transformation, sondern auch das damit verknüpfte 
Problem der allgemeinen Profitrate, sowie das Problem der 
Verwandlung des Mehrwerts in seine besonderen Profitformen 
(Handelsgewinn, Zins usw.), also die ganze Lehre des III. Bandes 
des Marxschen „Kapital" nicht existiert! Sie bleiben inner- 
halb der „Keimform" des Wertschemas, bei der von der Wirklichkeit 
entfernten Abstraktionsstufe, stehen, ohne die „Metamorphosen", 
d. h. den Weg, der zur Annäherung an die konkrete kapitalistische 
Wirklichkeit führt, zu betreten. Daß infolge dieser fatalen Verkennung 
der Marxschen Methodik der Zusammenhang des Problems der Wert- 
Preis -Transformation mit dem Krisenproblem nicht gesehen und nicht 
behandelt wird, ist nach dem Gesagten selbstverständlich. 

Worin besteht nun dieser Zusammenhang und die spezifische 
Funktion der Preisrechnung ? Um dies zu zeigen, wenden wir uns 
an die Problemstellung, wie sie sich bei R. Luxemburg vorfindet. 
Durch ihre kritische Analyse des Marxschen Reproduktionsschemas 
gelangte sie nämlich zum Ergebnis, daß innerhalb eines solchen 
Schemas — soweit in dessen beiden Abteilungen verschiedene orga- 
nische Zusammensetzung des Kapitals besteht — ein restloser Absatz 
der Waren, somit ein Gleichgewicht, nicht möglich sei, weil „mit 
jedem Jahre ... ein wachsender Überschuß an Konsumtions- 
mitteln entstehen muß" (1. c, S. 306). „Dieser unabsetzbare 
Mehrwertrest in der Abteilung II wird durch die Berücksichti- 
gung der steigenden Produktivität der Arbeit noch verstärkt, weil 
diese . . . auf einen viel stärkeren Überschuß unabsetzbarer Kon- 
sumtionsmittel hinweist, als dies aus der Wertsumme dieses Über- 
schusses hervorgeht" (1. c, S. 308). 

Unterstellen wir einmal, R. Luxemburg wäre dieser Nachweis ge- 
lungen. Was hätte sie damit bewiesen ? Lediglich den Umstand, daß 
der „unabsetzbare Rest" in der Abteilung II innerhalb des Wert- 
schemas entsteht, d. h. unter der Voraussetzung, daß die Waren zu 
ihren Werten ausgetauscht werden. Aber wir wissen, daß diese Vor- 
aussetzung der Wirklichkeit nicht entspricht. Im Wertschema, das 
der Analyse R. Luxemburgs zugrunde Hegt, sind in den einzelnen 
Produktionsabteilungen verschiedene Profitraten, die mangels 
der Konkurrenz nicht zur Durchschnittsrate ausgeglichen werden. 
Auch dies widerspricht der Wirklichkeit, wo infolge der Konkurrenz 
eine Tendenz zur Ausgleichung verschiedener Profitraten zur all- 



76 Henryk Grossmann 

gemeinen Profitrate besteht. Welche Beweiskraft für die Wirklichkeit 
haben somit die Schlußfolgerungen R. Luxemburgs — der Nachweis 
eines unabsetzbaren Konsumtionsrestes — , die aus einem Schema- 
abgeleitet werden, dem keine Wirklichkeitsgeltung zukommt ? Da 
infolge der Konkurrenz die Umwandlung der Werte in 
Produktionspreise und dadurch eine Neuverteilung des. 
Mehrwerts unter die einzelnen Industriezweige im Schema, 
stattfindet, wodurch notwendigerweise auch eineÄnderung 
der bisherigen Proportionalitätsverhältnisse der einzelnen 
Sphären des Schemas erfolgt, so ist es durchaus möglich und 
wahrscheinlich, daß ein „Konsumtionsrest" im Wertschema nach- 
her im Produktionspreisschema verschwindet und umgekehrt, 
daß ein ursprüngliches Gleichgewicht des Wertschemas sich nachher im 
Produktionspreisschema in eine Disproportionalität verwandelt. Die 
Mangelhaftigkeit der Beweisführung, die sich lediglich auf die Analyse 
des Wertschemas beschränkt und mit Werten und verschiedenen 
Profitraten, statt mit Produktionspreisen und der allgemeinen Profit- 
rate operiert, ist evident. Sagt doch R. Luxemburg selbst: „Das- 
gesellschaftliche Gesamtkapital mit seinem Gegenstück, dem gesell- 
schaftlichen Gesamtmehrwert, sind also nicht bloß reale Größen von 
objektiver Evidenz, sondern ihr Verhältnis, der Durchschnitts- 
profit, leitet und lenkt — vermittels des Mechanismus des 
Wertgesetzes — den ganzen Austausch, nämlich die quanti- 
tativen Austauschverhältnisse der einzelnen Waren unabhängig 
von ihren besonderen Wertverhältnissen." Die Durchschnitts- 
profitrate ist nämlich die leitende Macht, „die tatsächlich jedes 
Privatkapital nur als Teil des gesellschaftlichen Gesamtkapitals be- 
handelt, ihm den Profit als einen ihm nach Größe zukommenden Teil 
des in der Gesellschaft herausgepreßten Gesamtmehrwertes ohne 
Rücksicht auf das von ihm tatsächlich erzielte Quantum zu- 
weist" (1. c, S. 50). 

Nach dieser Darstellung R. Luxemburgs. lenkt der Durchschnitts- 
profit den ganzen Warenaustausch. Trotzdem prüft sie die Frage, 
ob ein restloser Austausch möglich ist, an einem Schema, das keinen 
Durchschnittsprofit kennt. Kann man sich einen größeren Wider- 
spruch vorstellen ? Wenn weiter, wie R. Luxemburg feststeUt, die 
Austauschverhältnisse einzelner Waren in der konkreten Wirklichkeit 
„unabhängig von ihren besonderen Wertverhältnissen" stattfinden 
wenn jedes Kapital nicht das von ihm selbst erzeugte Quantum 
Mehrwert realisiert, sondern bloß den zu seiner Größe pro- 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 77 

portionalen Durchschnittsprofit erhält, so gibt doch R. Luxem- 
burg damit indirekt zu, daß ihre Theorie von der Notwendigkeit der 
Realisierung des Mehrwerts falsch ist, so gibt sie indirekt zu, daß 
die Waren sich nicht zu ihren Werten, sondern zu Preisen, 
nämlich zu Produktionspreisen, austauschen, die von den Werten 
dauernd abweichen, da es nach Marx „die Durchschnittsrate des 
Profits ist, die allein die Produktionspreise herstellt" (Mehrwert II 1, 
S. 78). Sind ja im Marxschen System gleicher Durchschnittsprofit 
und von den Werten abweichende Produktionspreise korrelative 
Begriffe! Es ist daher ein offenbarer logischer Widerspruch, wenn 
R. Luxemburg aus ihrer eigenen Feststellung des empirischen Faktums 
des Durchschnittsprofits und seiner zentralen leitenden Rolle für den 
weiteren Gang ihrer Analyse keine Konsequenzen zieht, daß sie 
zwar die Existenz der Durchschnittsprofitrate anerkennt, gleichwohl 
aber an der Vorstellung festhält, daß die Waren zu ihren Werten 
verkauft werden! Die oben angeführte Stelle ihres Buches ist auch 
die einzige, wo sie vom Durchschnittsprofit und in verhüllter Weise 
von den Produktionspreisen spricht. Nirgends aber wird diese Er- 
kenntnis für die Analyse des Krisenproblems verwertet. 

R. Luxemburg hatte offenbar selbst das Gefühl, daß das Wert- 
schema eine wirklichkeitsferne Konstruktion ist, wenn sie in ihrer 
„Antikritik" vom III. Bande des „Kapital" und dessen Verhältnis 
zur Wertlehre des I. Bandes sagt: „Denn hier steht im Mittelpunkt 
als eine der wichtigsten Entdeckungen der Marxschen ökono- 
mischen Theorie die Lehre von dem Durchschnittsprofit. Dies gibt 
der Werttheorie des ersten Bandes erst realen Sinn." (S. 38.) 

Sie stellt somit selbst fest, daß nicht die Wertlehre des I. Bandes, 
sondern erst die „Produktionspreise" und der Durchschnittsprofit des 
III. Bandes einen „realen Sinn" haben. Aber in ihrem Buche über 
die „Akkumulation" und in ihrer „Antikritik" werden die Produk- 
tionspreise nicht einmal erwähnt und es wird an der falschen Voraus- 
setzung festgehalten, daß der Austausch der Waren zwischen I (v + m) 
und II c zu ihren Werten keine bloß methodologische Annahme, 
sondern in d er kapitalistischen Wirklichkeit ein tatsächlicher Vor- 
gang ist! So sagt sie z. B., daß der Lebensmittelbedarf für die Ab- 
teilung I des Schemas, durch das variable Kapital und den Mehrwert 
dieser Abteilung ausgedrückt, aus dem Produkt der Abteilung II „doch 
nur im Austausch gegen die gleiche Wertmenge des Produkts I 
erhältlich" ist. (Akkumulation, S. 100, 311.) Noch in ihrem letzten 
posthum erschienenen Werke behauptet sie: „Alle Waren tauschen 



78 



Henryk Grossmann 



sich gegeneinander nach ihrem Wert" (Einführung in die National- 
ökonomie, Berlin 1925, S. 239) x ). Diese in sich widerspruchsvolle 
Stellungnahme R. Luxemburgs, durch welche sie in die schlimmsten 
Irrtümer des Vulgärsozialismus verfällt, ist kein Zufall. Sie 
entspringt aus ihrer falschen Vorstellung von der ein für allemal 
durch die Naturgestalt des Mehrwerts bereits gegebenen Funk- 
tionsbestimmung desselben, entweder als Produktionsmittel innerhalb 
der Abteilung I oder als Konsumtionsmittel innerhalb der Abteilung II 
zu wirken. Aus dieser funktionellen Vorausbestimmung ergibt sich 
für R. Luxemburg, daß irgendwelche Verschiebungen des Mehr- 
werts (oder eines Teiles desselben) aus der Abteilung II in die Ab- 
teilung I unmöglich ist. Eine solche Übertragung des Mehrwerts 
scheitert nach R. Luxemburg noch aus einem zweiten Grund, 
nämlich an der Gleichwertigkeit der Austauschverhältnisse 
zwischen beiden Abteilungen (Die Akkumulation, S. 311). 

Mit dieser Behauptung gelangt R. Luxemburg notwendig zur 
Negation des ganzen Inhalts des III. Bandes des „Kapital" und 
speziell der dort entwickelten Lehre von den Produktionspreisen 
und von der Herausbildung einer gleichen Profitrate. Ihr Wort- 
zugeständnis, daß im Mittelpunkt des III. Bandes die Lehre von dem 
Durchschnittsprofit, „eine der wichtigsten Entdeckungen der Marx- 
schen Theorie", steht, kann den wahren Sachverhalt, daß sie die Lehre 
vom Durchschnittsprofit preisgegeben hat, nicht verschleiern; viel- 
mehr wird diese Preisgabe noch dadurch unterstrichen, daß R. Luxem- 
burg den einzigen Weg, auf welchem sich ein gleicher Durchschnitts- 
profit herausbilden kann, als unmöglich bezeichnet. Vergegenwärtigen 
wir uns den Sachverhalt an dem Marxschen Schema der einfachen 
Reproduktion : 

I 4000c + lOOOv + 1000m = 6000 Profitrate = 20% 
II 2000c + lOOOv + 1000m = 4000 Profitrate = 33% 

Wir sehen, hält man an dem Wertschema, an dem Austausch von 
Äquivalenten fest, also daran, daß lOOOv + 1000m der Abteilung I 
sich gleichwertig gegen 2000c der Abteilung II austauschen, dann 
fällt die Marxsche Lehre von den Produktionspreisen unter den Tisch 
dann müssen in beiden Abteilungen verschiedene Profitraten be- 
stehen. Die Profitrate der Abteilung I beträgt 20%, die der Abteilung II 

*) Ähnlich sagt auch E. Heimann: „Auf dem Markte tauschen sich Waren - 
sTloT gIeichenWertes -" (Mehrwert und Gemein Wirtschaft, Berlin 1922, 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 79 

33%. Wie kann sich in den beiden Abteilungen des Marxschen Sche- 
mas eine gleiche Profitrate — im gegebenen Fall eine Profitrate 
von 25% — herausbilden ? Es erscheint der Hinweis fast banal, daß 
dies nur im Wege der Herausbildung von Produktionspreisen möglich 
ist, also durch den Umstand, daß die an die Abteilung II abzutretenden 
Waren der Abteilung I über ihren Werten, dagegen die Waren der 
Abteilung II, soweit sie an Abteilung I gelangen, unter ihren Werten 
verkauft werden. Nur dadurch, daß die Abteilung I für ihre (v + m) 
= 2000 Werteinheiten von der Abteilung II mehr bekommt, näm- 
lich 2250 Werteinheiten, kann in beiden Abteilungen die gleiche 
Profitrate entstehen. Auf diese Weise wird ein Teil des Mehrwerts 
der Abteilung II in die Abteilung I im Wege des Austausches 
übertragen. Nur dadurch kann in der Abteilung I ein gegenüber 
dem ursprünglich erzielten Mehrwert (= 1000m) größerer Profit, 
(nämlich 1250) erworben werden, was bei dem ausgelegten Kapital 
von 5000C eine Profitrate von 25% ausmacht. In der Abteilung II 
bleibt statt des ursprünglichen Mehrwerts (= 1000 m) bloß ein Profit 
von 750, was beim vorgeschossenen Kapital von 3000C eine Profit- 
rate von gleichfalls 25% ergibt. 

Daß durch die Tendenz zur Nivellierung der Profitraten, durch die 
Tatsache der Übertragung eines Teiles des Mehrwertes aus der Ab- 
teilung II in die Abteilung I die Lehre R. Luxemburgs vom „unab- 
setzbaren Konsumtionsrest" in der Abteilung II in ihren Grundlagen 
erschüttert wird, ist nach dem Gesagten ohne weiteres klar, "und ihre 
„unerschütterliche Position" (Sternberg) erweist sich als eine Seifen- 
blase, die bei der Berührung mit der Wirklichkeit sofort platzt. Wollte 
R. Luxemburg ihren Gedanken vom unabsetzbaren Konsumtions- 
rest tatsächlich beweisen, dann hätte sie diesen Nachweis nicht bloß 
auf der Basis des Wertschemas, sondern weiter auch innerhalb des 
Produktionspreisschemas führen und zeigen müssen, daß ein solcher 
unabsetzbarer Rest sich auch nach Herausbildung der Durchschnitts- 
profitrate notwendig ergeben muß x ). Einen solchen Nachweis hat sie 
aber nicht geführt und nicht einmal zu führen versucht. 



x ) In dem bekannten Reproduktionssehema Otto Bauers werden im 
ersten Produktions jähr in jeder Abteilung aus dem Mehrwert 10000 c und 
2500 v für Akkumulationszwecke bereitgestellt. Die faktische Akkumulation 
ist eine andere. Sie beträgt nämlich in der Abt. I mehr, und zwar 14666 c und 
3667 v, dagegen in der Abt. II weniger, und zwar bloß 5334 c und 1 333 v. 
Das besagt, daß Bauer einen Teil des zur Akkumulation inAbt. II bestimmten 
Mehrwerts in die Abt. I verschoben hat, ohne jedoch irgendeinen wissen- 
schaftlich plausiblen Grund zur Rechtfertigung einer solchen Verschiebung 
angeben zu können. Der Rettungsversuch Helene Bauers, ihr Hinweis, daß 



80 Henryk Grossmann i 

Die Tendenz zur Nivellierung der Profitrate in verschiedenen 
Produktionszweigen ist eine durch die Erfahrung bestätigte Beob- 
achtung, die während eines ganzen Jahrhunderts von Theoretikern 
verschiedener wissenschaftlicher Richtungen gleichermaßen anerkannt 
wurde. Als Tatsache wurde sie bereits von Ricardo und Malthus 
gesehen. Auch Marx spricht von ihr als von einem „empirisch ge- 
gebenen Faktum" (Kapital, III 1, S. 350), als von einer „praktischen 
Tatsache" (ebenda, S. 149). „Die Beobachtung der Konkurrenz 
— der Phänomene der Produktion — zeigt, daß Kapitalien von 
gleicher Größe im Durchschnitt gleich viel Profit liefern" (Mehr- 
wert III, 73). Diese Nivellierungstendenz ist auch von neueren 
Theoretikern, z. B. von Böhm-Bawerk und anderen, für den kon- 
kurrenzbedingten Kapitalismus nicht bestritten worden 1 ). 

Nur in der Art der Erklärung dieser Tatsache schieden sich die 
Richtungen und an der Schwierigkeit dieser Erklärung scheiterte 
speziell die nachricardosche Schule, weil sie es nicht verstand, die 
Tatsache der gleichen Profitrate mit der Theorie des Arbeits- 
wertes in Einklang zu bringen. Hier war der Punkt, wo die historische 

eine solche Verschiebung im Kreditwege erfolge, muß als eine naive Aus- 
flucht betrachtet werden. Die Verschiebungen im Kreditwege — mögen sie 
in der Wirklichkeit eine große Rolle spielen — sind bei der theoretischen 
Analyse des Reproduktionsprozesses unzulässig. Gehört ja doch zu den 
vielen vereinfachenden Voraussetzungen des Marxschen Reproduktions- 
schemas auch die methodologische Annahme, daß vom Kredit abstrahiert 
wird. Die Aufgabe des Schemas besteht doch gerade darin, die Austausch- 
beziehungen zwischen seinen beiden Abteilungen aufzuzeigen und zu prüfen, 
ob ein restloser Absatz möglich sei. Nachdem man bei der Problem- 
lösung in Schwierigkeiten geraten ist, ist es unzulässig, die ursprünglich ge- 
machten Voraussetzungen nachträglich zu ändern. So konnte Fr. Sternberg 
einen allzu leichten Triumph über Bauer davontragen. Bildete indes für O. Bauer 
die Verschiebung eines Teils des Mehrwerts aus II nach I eine nicht zu er- 
klärende Schwierigkeit, an der er gestolpert ist, so ist sie vom Standpunkt 
der im Text vertretenen Auffassung nicht nur zulässig und gerechtfertigt, 
sondern notwendig. Man übersah in der bisherigen Diskussion den Umstand, 
daß in den Abteilungen des Bauerschen Schemas verschiedene Profit- 
raten bestehen. (In Abt. I p = 29,4%, in Abt. IIp = 38,4%.) Soll eine 
gleiche, d. h. eine Durchschnittsprofitrato von 33,3% hergestellt werden, 
dann müssen aus Abt. II nicht bloß (wie bei O. Bauer) 5833, nämlich 4 666 c 
und 1167 v, sondern sogar 6667 aus Abt. II in Abt. I übertragen werden. 
Und diese Übertragung erfolgt im Wege des Austausches! Allerdings 
eines ungleichen Austausches, bei dem dio Waren beider Abteilungen nicht 
zu ihren Werten, sondern zu Produktionspreisen ausgetauscht werden. 
*) So spricht Böhm-Bawerk von der „als Erfahrungstatsache un- 
zweifelhaft feststehenden Annahme, daß eine Nivellierung der Kapital- 
gewinne stattfindet". (Kapital und Kapitalzins, 3. Aufl. 1914, I. S. 537.) . . 

Ebenso S. Budge: „Die Erfahrung lehrt, daß die Profitraten . . . dahin 
tendieren, sich auszugleichen, daß sie mithin in dem fingierten Gleichgewichts- 
zustand des Wirtschaftsgetriebes, der „Statik" der Wirtschaft ausgeglichen 
sind." (Der Kapitalprofit, Jena 1920, S. 6.) 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 81 

Großtat Marxens einsetzte. Er hat es verstanden, durch seine Lehre 
von der Divergenz zwischen den Produktionspreisen und den Werten 
die Tatsache der gleichen Profitrate, die prima facie dem Arbeits- 
wertgesetz widerspricht, aus diesem Wertgesetz zu erklären. Indem 
R. Luxemburg aller Erfahrung zum Trotz die Möglichkeit der Über- 
tragung eines Teiles des Mehrwerts aus Abteilung II in Abteilung I, 
also die Möglichkeit der Bildung der Produktionspreise, negiert und 
daran festhält, daß der Austausch der Waren in den einzelnen Sphären 
zu ihren Werten erfolgt, vermag sie nicht vom Boden der Arbeits- 
wertlehre aus die Durchschnittsprofitrate zu erklären; obwohl sie 
starr an der Wertlehre festhält, gibt sie hier tatsächlich die Grund- 
lage des Marxschen theoretischen Systems preis. Denn unter 
der Voraussetzung, daß die Waren zwischen den verschiedenen Pro- 
duktionssphären sich gleichwertig austauschen, ist die Tatsache der 
gleichen Profitrate nicht zu erklären. Statt also jene falsche Voraus- 
setzung vom „gleichwertigen Austausch" zwischen beiden Scherna- 
abteilungen, sowie ferner von der Unmöglichkeit der Mehrwertüber- 
tragung aus Abteilung II in Abteilung I fallen zu lassen, um die Tat- 
sachen erklären zu können, opfert R. Luxemburg eher die Tatsachen 
und zieht es vor, an jener falschen Voraussetzung vom „gleich- 
wertigen" Warenaustausch festzuhalten! Mit einem Federstrich wird 
so die ganze Marxsche Lehre vom gleichen Durchschnittsprofit, nach 
R. Luxemburg selbst „eine der wichtigsten Entdeckungen der Marx- 
schen ökonomischen Theorie", einfach aus der Welt geschafft. 

VI. Statt Fortentwicklung über Marx hinaus — Rückent- 
wicklung zu Ricardo zurück. 
Was wir oben von der Aufrollung der Krisenproblematik durch 
R. Luxemburg gesagt haben, das gilt wörtlich in bezug auf alle 
marxistischen Theoretiker, die sich mit dem Krisen- und Akkumu- 
lationsproblem beschäftigt haben. Wie seltsam das auch klingen mag, 
es ist dennoch eine Tatsache, daß in der ganzen bisherigen, mit dem 
Buche Tugan-Baranowskys 1901 eröffneten, nunmehr 30jährigen 
Diskussion über die Möglichkeit eines störungslosen Verlaufs des 
kapitalistischen Produktionsprozesses das eigentliche Problem — die 
Krisenproblematik auf allen Stufen des Annäherungsverfahrens nach- 
zuweisen — von niemandem auch nur gestellt wurde. Ob es sich um 
die Neo-Harmoniker Kautsky, Hilferding und Otto Bauer oder um 
Rosa Luxemburg und ihre Anhänger, oder endlich um Bucharin und 
andere Theoretiker des Kommunismus handelt — sie alle haben das 

Zeitschrift für Sozialforschung ß 



82 Henryk Grossmann 

Problem nur an seiner Schwelle, an Hand des Wertschemas, das Werte, 
Mehrwerte und verschiedene Profitraten kennt, behandelt, statt ihre 
Analyse und Schlußfolgerungen weiter auch auf Grundlage eines 
Pfoduktionspreisschemas zu erhärten, eines Schemas also, 
das die regulierenden Kategorien der Produktionspreise, der Kon- 
kurrenz und der allgemeinen Profitrate zeigt. Ganz unabhängig- 
davon, ob man sich für die Notwendigkeit und Zwangsläufigkeit der 
Krisen im Kapitalismus ausspricht oder, wie die Neo-Harmoniker es 
tun, die Möglichkeit eines krisenlosen Verlaufs behauptet, ist es klar, 
daß die aus einem Wertschema gezogenen Schlußfolgerungen voreilig 
und nicht beweiskräftig sind. Wie könnte uns denn auch die Analyse 
eines Wertschemas über die Notwendigkeit der Proportionalität oder 
der Disproportionalität des Warenaustausches im Kapitalismus be- 
lehren, wenn die im Wertschema so mühsam errechneten Propor- 
tionalitätsverhältnisse nachher durch die Tendenz zur Ausgleichung 
der Profitraten und die dadurch bewirkte Neuverteilung des Mehrwerts 
notwendig umgeworfen werden! Keiner von den genannten Theo- 
retikern hat die Bedeutung und die Tragweite der Umwandlung der 
Werte in die Produktionspreise für die Krisenproblematik erkannt 
und auch nur mit einem einzigen Worte erwähnt, geschweige denn. 
behandelt 1 ). 

Die bürgerliche Ökonomie hat die „praktische Tatsache" (Kapital, 
III 1, S. 149) der gleichen Profitrate seit Ricardo und Malthus ge- 

*) Dies gilt auch von J. J.Rubin, der in seinem Buch „Skizzen zur Marx- 
schen Werttheorie" (4. Aufl. Moskau 1929, russisch) zwar feststellt: „Die 
Theorie des Arbeitswertes und der Produktionspreise repräsentieren nicht- 
Theorien für zwei verschiedene Wirtschaftstypen, sondern die Theorie ein- 
und derselben kapitalistischen Wirtschaft auf zwei Stufen wissenschaft- 
licher Abstraktion" (S. 217); dennoch behandelt er aber weder ein- 
gehender die Frage der Umwandlung der Werte in Produktionspreise, 
noch die sich daraus für die Krisenproblematik ergebenden Konse- 
quenzen, obwohl nach R. die Produktionspreise eine konkretere Ab- 
straktionsstufe als die Werte zu repräsentieren scheinen. — Dasselbe 
gilt auch von zahlreichen anderen Autoren wie K. Die hl (Über das Ver- 
hältnis von Wert und Preis im ökonomischen System von Karl Marx 
Jena 1898), Tugan-Baranowsky (Theoretische Grundlagen des Marxis- 
mus, Leipzig 1905, bes. S. 174ff.), v. Bortkiewicz („Wertrechnung und 
Preisrechnung", Archiv f. Sozialwiss. 1907 und „Zur Berichtigung der grund- 
legenden theoretischen Konstruktion von Marx im III. Band des „Kapital" 
in Conrads Jahrb. für Nationalök., 1907) und in neuester Zeit Hans Zeisl 
(„Ein Einwand gegen die Marxsche Wertlehre", Der Kampf, Wien 1930). 
und Emil Walter („Liquidation der Arbeitswertlehre ?", ebenda). Sie alle 
stellen zwar das Problem der Wert- und Preisrechnung in das Zentrum ihres 
Interesses. Aber sie behandeln es ausschließlich unter dem Gesichtspunkte, 
inwieweit die Marxsche Ableitung der Produktionspreise aus den Werten 
richtig und mit den Grundlagen der Marxschen Wertlehre vereinbar ist 
Keiner dieser Autoren hat jedoch die Bedeutung der Wert-Preis-Trans- 
lormation für die Krisenproblematik erkannt. 



Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem 83 

sehen. Aber weder die Klassiker noch die nachricardosche Schule 
haben es verstanden, diese Tatsache in Übereinstimmung mit der 
Wertlehre zu bringen und sind in eine theoretische Sackgasse geraten, 
indem sie gezwungen waren, entweder die Theorie zugunsten der 
Tatsachen, oder die Tatsachen zugunsten der Theorie preiszugeben 1 ). 
An diesem Widerspruch zwischen der Theorie und den Tatsachen an 
der Unmöglichkeit, aus dem abstrakten Arbeitswertgesetz die all- 
gemeine Profitrate ableiten zu können, ist die nachricardosche Schule 
schließlich zugrunde gegangen, und mit Recht gab Marx in seinem 
Epitaph als Auflösungsursache der Schule an: „Bildung der 
allgemeinen Profitrate . . .. Unverstandenes Verhältnis 
zwischen Wert und Produktionspreis" (Mehrwert, III, S. 280). 
Speziell gegen Ricardo erhebt er den Vorwurf, daß dieser in Über- 
einstimmung mit der Wirklichkeit zwar eine allgemeine Profitrate 
„unterstellt", ohne indes zu „untersuchen, inwieweit ihre Existenz 
überhaupt der Bestimmung der Werte durch die Arbeitszeit ent- 
spricht", während doch faktisch „sie ihr prima facie widerspricht, 
ihre Existenz also erst durch eine Masse Mittelglieder zu 
entwickeln ist" (Mehrwert, II 1, S. 14). Deshalb betont Marx die 
„wissenschaftliche Unzulänglichkeit" der Methode Ricardos, die 
ihn „zu irrigen Resultaten führt" und darin besteht, daß Ricardo, 
„von der Bestimmung der Wert großen der Waren durch die Arbeits- 
zeit ausgeht" und dann untersucht, ob die übrigen ökonomischen 
Verhältnisse und Kategorien den Werten entsprechen oder wider- 
sprechen. Die Unzulänglichkeit dieser Methode liege also darin, „daß 
sie notwendige Mittelglieder überspringt und in unmittel- 
barer Weise die Kongruenz der ökonomischen Kategorien unter- 
einandernachzuweisen sucht" (Mehrwert, II 1, S. 2). 

Indem Marx diese „Mittelglieder" rekonstruiert hat und durch 
seine Lehre von der Bildung der allgemeinen Profitrate sowie von der 
Verwandlung der Werte in Produktionspreise resp. merkantile Preise 
die Arbeitswertlehre in Einklang mit den Tatsachen gebracht hat, hat 
er die ökonomische Theorie über den Punkt fortentwickelt, an dem 
die nachricardosche Schule zugrunde gegangen ist. 



x ) Nach Marx bestand diese „Verwirrung der Theoretiker" darin, „daß 
. . . die bisherige Ökonomie entweder gewaltsam von den Unterschieden 
zwischen Mehrwert und Profit, Mehrwertsrate und Profitrate abstrahierte, 
um die Wertbestimmung als Grundlage festhalten zu können, oder aber 
mit dieser Wertbestimmung allen Grund und Boden wissenschaftlichen Ver- 
haltens aufgab, um an jenen in der Erscheinung auffälligen Unterschieden 
festzuhalten" (Kapital, III 1, S. 147). 

6* 



84 Henryk Grossmann, Die Wert-Preis- Transformation bei Marx usw. 

Und gerade dieses spezifische Ergebnis der theoretischen Forschung 
Marxens verschwindet aus der ganzen bisherigen Diskussion über das 
Krisen- und Akkumulationsproblem. Es existiert für R. Luxem- 
burg ebensowenig wie für Otto Bauer, Hilferding oder Bucharin. 
Sie alle bleiben in ihrer Analyse in der von der Wirklichkeit entfernten 
Sphäre des Wertschemas stecken, ohne sich darum zu kümmern, daß 
dieses Schema nur die erste Annäherung an die Wirklichkeit, nicht 
aber diese Wirklichkeit selbst darstellt. Sie übersehen, daß dieses 
Schema ohne die weiteren „Mittelglieder" kein geeignetes Mittel für 
die Erforschung der entwickelten kapitalistischen Produktions- 
weise und jener konkreten Formen ist, in welchen die Kapitale 
,,in ihrer wirklichen Bewegung" sich gegenübertreten. Denn wie 
Engels richtig im Vorwort zum II. Bande des „Kapital" sagt, „sind 
die Untersuchungen dieses Buch II . . . nur Vordersätze zum In- 
halt des Buch III, das die Schlußergebnisse der Marxschen 
Darstellung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses auf kapita- 
listischer Grundlage entwickelt" (Kapital, II, S. XXIII). Die im 
II. Bande des „Kapital" gegebene Darstellung des Reproduktions- 
prozesses auf Basis der Wertschemata enthält somit nur die Vorder- 
sätze einer Beweisführung, deren Schlußsätze erst im III. Bande 
des „Kapital", in der Lehre von der Umwandlung der Wertschemata 
in Produktionspreisschemata folgen. Erst durch diese Lehre wird 
die Marxsche Gedankenkette geschlossen und das Annäherungs- 
verfahren, in dem es durch alle Stufen hindurch bei der konkreten 
Wirklichkeit angelangt ist, beendet. Es ist allerdings eine sonderbare 
Manier der bisherigen Marxdiskussion, sich nicht an die Totalität 
der Marxschen Beweisführung auf allen ihren Stufen, sondern bloß 
an die aus dieser geschlossenen Gedankenkette herausgerissenen 
„Vordersätze", d. h. an die Wertschemata zu halten. Anstatt, wie die 
genannten Theoretiker meinen, Marx fortzuentwickeln, kehren sie 
alle zu jenem Punkte zurück: „unverstandenes Verhältnis zwischen 
Wert und Produktionspreis", an dem die nachricardosche Schule 
um 1850 stehen geblieben und schließlich gescheitert ist. 



Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur. 

Von 
Leo Löwenthal (Frankfurt a. M.) 

I. 

Den Schwierigkeiten, die jeder geschichtlichen Bemühung ent- 
stehen, ist die Literaturgeschichte in ganz besonderer Weise aus- 
gesetzt. Sie wird nicht nur von allen prinzipiellen Diskussionen über 
den begrifflichen Sinn und die materiale Struktur des Geschichtlichen 
mitgetroffen, sondern ihr Gegenstand unterliegt der Kompetenz be- 
sonders vieler wissenschaftlicher Disziplinen. Von den eigentlichen 
Hilfswissenschaften der Geschichte, welche quellenmäßige Sicherheit 
zu gewähren haben, ganz zu schweigen, treten mit Ansprüchen mannig- 
faltiger Art Philosophie, Ästhetik, Psychologie, Pädagogik, Philologie, 
ja sogar Statistik auf. In merkwürdigem Gegensatz zu dieser grund- 
sätzlichen Situation steht im allgemeinen die tägliche Praxis. Es 
bedarf nicht vieler Worte, um auf das Ausmaß hinzuweisen, in dem 
die Literatur zum wissenschaftlichen Strandgut wird. Alle möglichen 
Instanzen, vom „naiven Leser" bis zum angeblich dazu be- 
rufenen Lehrer wagen in jeder nur denkbaren Beliebigkeit die Deutung 
des literarischen Werks. Die relativ große Kenntnis einer Sprache 
und die Entbehrlichkeit einer gelehrten Fachterminologie erscheinen 
häufig als zulängliche Voraussetzungen, Literaturgeschichte treiben 
zu dürfen. Aber auch die eigentliche akademische Literaturwissen- 
schaft scheint keineswegs der Lage ihres Objekts Rechnung zu 
tragen. Die Tatsache, daß literaturgeschichtliche Arbeit nicht von 
vornherein eine einheitliche Bemühung, sondern eine zu organisierende 
wissenschaftliche Aufgabe darstellt, hat nicht etwa dazu geführt, daß 
ihre Forschungsmethoden sich folgerichtig aus der Komplexität ihres 
Gegenstandes entwickelt hätten. Damit sollen nicht alle einzelwissen- 
schaftlichen Unternehmungen der modernen Literaturgeschichte ge- 
troffen werden, sondern hier, wo das Problem prinzipiell zum Gegen- 
stand gemacht wird, werden auch nur die Prinzipien der Wissenschaft, 
so wie sie heute vorliegen, berücksichtigt. 

Fast alle Gelehrten, die zu dem vor kurzem erschienenen 
Sammelband „Philosophie der Literaturwissenschaft" 1 ) beigetragen 

x ) Herausgegeben von Emil Ermatinger, Berlin 1930. 



86 Leo Löwenthal 

haben, sind sich darüber einig, daß der „szientifische" Weg für die 
Literaturgeschichte nur in die Irre führe. Nicht nur, daß sie — und 
dies mit Recht — sich einig wären über die irrationalen Momente am 
Dichtwerk selbst, sie halten die rationale Methode diesem Gegenstand 
nicht für angemessen. Als „historischer Pragmatismus" 1 ), als „histo- 
risierender Psychologismus" 2 ), als „positivistische Methode" 3 ) ver- 
fällt die im 19. Jahrhundert begründete Literaturwissenschaft einem 
richtenden Urteil. Gewiß entbehren Hettners oder Scherers Werke 
absoluter Gültigkeit, ja in dieser Wissenschaftler Intention selber 
hätte nichts weniger als das gelegen, aber alle Bemühungen um Lite- 
ratur, die einen wissenschaftlichen Charakter aufweisen sollen, sind 
darauf angewiesen, an diejenigen positivistischen Methoden kritisch 
anzuschließen, die in den historischen Wissenschaften des 19. Jahr- 
hunderts entdeckt worden sind und deren sie zunächst selbst nicht 
entraten können. 

Isolierung und Simplifizierung des literarhistorischen Gegenstands 
vollziehen sich freilich in einem höchst sublimen Prozeß. Dichtung und 
Dichter werden aus den Verflechtungen des Geschichtlichen herausge- 
nommen und zu einer wie immer gearteten Einheitlichkeit konstruiert, 
von der der Strom der Mannigfaltigkeit abfließt; sie gewinnen eine 
Würde, deren sich sonstige Erscheinungen nicht rühmen dürfen. „In 
der Literaturgeschichte sind Taten und Täter gegeben, in der Welt- 
geschichte nur mehr oder minder verfälschte Berichte über meist 
unreelle Geschäfte von selten personifizierbaren Firmen 4 )." Diese 
Weihe kann eine historische Erscheinung nur dadurch gewinnen, 
daß sie als Erscheinung des Geistes, jedenfalls als ein Sondergebiet 
eigenen Rechts, gefaßt wird 5 ). Nur dann sind ja die positivistischen 
Methoden prinzipiell unzulänglich,- wenn ihr Gegenstand nicht mehr 
ein solcher der inner- und außermenschlichen Natur und ihrer veränder- 
lichen Bedingungen ist, sondern als in einem Sein höherer Artung 
ruhend gedacht wird. Mit der Sicherheit eines philosophischen Instinkts 

x ) Herbert Cysarz, Das Periodenprinzip in der Literaturwissenschaft 
a. a. O., S. 110. 

2 ) D. H. Sarnetzki, Literaturwissenschaft, Dichtung, Kritik des Tases 
a. a. O. S. 454. 8 ' 

s ) passim. 

4 ) Cysarz, a. a. O. 

5 ) Naiv wird das neuerdings ausgedrückt bei Werner Ziegenfuß, Art. 
Kunst im Handwörterbuch der Soziologie, 1931, S. 311: „Wollen wir hier 
Kunst überhaupt als Kunst, Dichtung als Dichtung, und nicht beides nur 
als sekundäre Begleiterscheinungen letzthin nur körperlicher Vorgänge 
ansehen, dann muß für das primitive Schaffen ebenso wie für die höchsten 
Leistungen aller Kunst das Seelisch- Geistige in seiner ursprünglichen Wirk- 
lichkeit anerkannt werden." 



Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 87 

wird daher der vonDilthey eingeführte, den geschichtlichen Zusammen- 
hängen verpflichtende Strukturbegriff für das Dichtwerk wieder auf- 
zugeben versucht und zum Begriff des Organischen zurückgekehrt, 
der „klar, eindeutig und bestimmt das Geistige als die durch Sinn- 
einheit bedingte Individualität des geschichtlichen Lebens kenn- 
zeichnet" 1 ). Belastete Ausdrücke wie „Werk", „Gestalt", „Gehalt" 
zielen alle auf eine letztlich metaphysisch begründete und ableitbare 
jenseits aller Mannigfaltigkeit sich bewegende Einheit der Dichtung 
und des Dichters ab. Diese radikale Entfremdung der Dichtung 
gegenüber der geschichtlichen Realität findet ihren höchsten Ausdruck, 
wenn Begriffe wie „Klassik" und „Romantik" nicht nur der Geschichte 
zugeordnet, sondern zugleich metaphysisch verklärt werden. „Auch 
diese beiden Grundbegriffe der Vollendung und Unendlichkeit sind, 
wie der oberste Begriff der Ewigkeit, sowohl aus der historischen und 
psychologischen Erfahrung wie aus der philosophischen Erkenntnis 
abzuleiten 2 )." 

Ihre sachliche Legitimierung glaubt diese geschlossene irrationali- 
stische Front der Literaturwissenschaft darin zu finden, daß die 
„naturwissenschaftliche Methode" ihren Gegenstand zerstücke, zer- 
setze und, wenn es sich um Ausprägungen der „dichterischen Lebens- 
seele handele, an ihrem „Geheimnis" vorbeigehe 3 ). Der Sinn dieser 
Überlegungen ist schwer verständlich. Denn inwiefern eine rationale 
Erfassung dem Gegenstand selber ein Leid antun soll, bedarf noch 
bis heute des Experiments in der Praxis. Wer ein Phänomen analysiert, 
kann es sich doch stets in seiner Ganzheit vor Augen halten, in- 
dem er das Bewußtsein dessen, was er in der Analyse unternimmt, 
nicht verliert. Freilich ergeben die in der Analyse gewonnenen Ele- 
mente als Summe nur ein Mosaik und nicht das Ganze. Aber wo in 
aller Welt verlangt wissenschaftliche Analyse solche stückhafte 
Summation ? Und sind denn selbst die naturwissenschaftlichen Me- 
thoden allein und dauernd atomistischer Art ? Sie sind es ebensowenig, 
wie es die literaturwissenschaftlichen Methoden dort zu sein haben, 
wo es für ihre spezifischen Aufgaben ungeeignet ist. Auf der Fahrt 
ins Ungewisse der Metaphysik hat die Literaturwissenschaft auch den 
Begriff des Gesetzes mitgenommen. Aber anstatt daß das Gesetz die 
Bedeutung einer in den Sachen erkannten Ordnung behielte, wird es 
bereits bei s einer Einführung mit einem neuen und vagen Inhalt vor- 

3 ) Emil Ermatinger, Das Gesetz in der Literaturwissenschaft, a. a. O. 
S. 352. '* 

l ) Fritz Strich, Deutsche Klassik und Romantik, München 1924 S 7 
-) Sarnetzki, a. a. O. ' ' * 



88 Leo Löwenthal 

belastet. An Stelle der zu erforschenden und darzustellenden Ord- 
nung tritt eine vorgegebene „Sinneinheit", und als Hauptprobleme 
der Literaturwissenschaft, die vor der Untersuchung als in bestimmter 
Weise gesetzlich strukturiert vorausgesetzt werden, erscheinen unter 
anderem die „dichterische Persönlichkeit" und das „dichterische 
Werk" 1 ). „Persönlichkeit" und „Werk" aber gehören zu denjenigen 
begrifflichen Konstruktionen, die in ihrer Undurchsichtigkeit und der 
prinzipiell abschlußhaften Art ihrer Konstruktion die Wissenschaft 
eben dort von ihren Bemühungen bereits abhalten, wo sie einzusetzen 
hätten. 

Soweit es sich der Literaturwissenschaft um die Abwehr einer Ein- 
stellung handelt, die in der Durchführung geschichtlicher, psycho- 
logischer und philologischer Einzelanalysen mit der wissenschaftlichen 
Darstellung von Dichter und Dichtung fertig zu sein glaubt, kann man 
ihr nur zustimmen. Doch gerade wenn es auf genaue Bestimmung 
des Kunstwerks und um ihretwillen um das Verständnis seiner 
qualitativen Beschaffenheit geht, wenn es sich also um Fragen des 
Wertes und der Echtheit handelt, Fragen, die doch den irrationa- 
listischen Strömmungen so sehr am Herzen gelegen sind, dann ent- 
hüllen deren Methoden ihre Unzulänglichkeit am deutlichsten ; denn 
unabhängig von der Entscheidung, ob und in welchem Maße die 
technischen Gesetzmäßigkeiten rational entstanden sind oder nicht: 
ihre Prinzipien sind nur in rationaler Analyse mit der ihr eigen- 
tümlichen Exaktheit aufzudecken. Aber die Literaturwissenschaft 
hat ihre Abwehrtendenzen so auf die Spitze getrieben, daß sie 
nun selber in eine Situation gebracht ist, die ihr offenbar über- 
haupt keinen Ausweg mehr läßt. Die metaphysische Verzauberung 
ihrer Gegenstände hindert sie an der sauberen Betrachtung ihrer 
wissenschaftlichen Aufgaben. Diese sind gewiß nicht allein histo- 
rischer Art, es gibt ein sehr wichtiges literaturwissenschaftliches 
Problem, das wir mit dem Dilthej'schen Ausdruck des „Verstehens" 
vorläufig kennzeichnen wollen. Mit allen analytischen und synthe- 
tischen Methoden gilt es, das in Inhalt und Form Gestaltete auf- 
zugreifen, in seiner schlichten und in seiner tiefer gemeinten Bedeutung 
zu erfassen, gilt es ferner, die Relation zwischen dem Schöpfer und 
seinem Gebilde aufzudecken. Freilich werden solche Aufgaben sich 
nur erfüllen lassen, wenn man sich dessen bewußt ist, daß die Mittel 
einer formalen Poetik in keiner Weise ausreichen. Ohne eine — im 
großen und ganzen noch zu leistende — Psychologie der Kunst, ohne 

3 ) Emil Ermatinger, a. a. O., S. 363 f. 



Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 89 

eine wirkliche Klärung der Bolle des Ordnungssinns und ähnlicher 
Paktoren beim Schaffenden und beim Publikum 1 ), ohne das Studium 
der unbewußten Regungen, die an dem psychologischen Dreieck 
von Dichter, Dichtung und Aufnehmendem beteiligt sind, gibt es 
keine poetische Ästhetik. Das Bündnis mit einer Psychologie, die das 
„große Kunstwerk" in mystischen Zusammenhang mit dem Volk 
stellt, die die „persönliche Biographie des Dichters . . . interessant 
und notwendig, aber hinsichtlich des Dichters unwesentlich" 2 ) findet 
kann freilich die Literaturwissenschaft nur kompromittieren. 

IL 

Pur die gekennzeichneten herrschenden Strömungen ist es charak- 
teristisch, daß sie mit einer Psychologie sympathisieren, die in 
gleicher Weise wie sie selbst zu einer isolierenden Betrachtungs- 
weise der Phänomene tendiert, ja die es gleichfalls sich angelegen sein 
läßt, ihren Gegenständen eine geistige Würde zu verleihen, die sie 
selbst unter Preisgabe wissenschaftlicher Methodik zu erkaufen 
trachtet. Denn der gleiche Psychologe, der von der Belanglosigkeit 
der persönlichen Biographie der Dichter spricht, bemerkt zugleich 
von ihnen: „Sie erkennen, als die ersten ihrer Zeit, die geheimnis- 
vollen Strömungen, die sich unter Tage begeben, und drücken sie nach 
individueller Fähigkeit in mehr oder weniger sprechenden Symbolen 
aus 3 )." Es bedarf keines weitläufigen Nachweises, daß eine Unter- 
suchung über die Beziehung zwischen Unbewußtem, dichterischem 
Symbol und dem individuellen psychischen Paktor dieses Symbols 
sich mit der Belangloserklärung der „persönlichen Biographie" nicht 
vereinbaren läßt. 

Wichtige Hinweise zu kunstpsychologischen Theorien vermag die 
Psychoanalyse zu geben. Sie hat Untersuchungen über zentrale 

x ) Einer der wichtigsten Hinweise auf eine psychologisch-materialistische 
Ästhetik findet sich bei Nietzsche: „Manche der ästhetischen Wertschät- 
zungen sind fundamentaler, als die moralischen, z. B. das Wohlgefallen am 
Geordneten, Übersichtlichen, Begrenzten, an der Wiederholung, — es sind 
die Wohlgefühle aller organischen Wesen im Verhältnis zur Gefährlichkeit 
ihrer Lage, oder zur Schwierigkeit ihrer Ernährung. Das Bekannte tut wohl, 
der Anblick von etwas, dessen man sich leicht zu bemächtigen hofft, tut wohl 
usw. Die logischen, arithmetischen und geometrischen Wohlgefühle bilden 
den Grundstock der ästhetischen Wertschätzungen: gewisse Lebensbedin- 
gungen werden als so wichtig gefühlt und der Widerspruch der Wirklichkeit 
gegen dieselbe so häufig und groß, daß Lust entsteht beim Wahrnehmen 
solcher Formen." (Werke, 11. Band: Aus dem Nachlaß 1883/88, S. 3.) 

*) C. C. Jung, Psychologie und Dichtung, a. a. 0., S. 330. 

3 ) C. G. Jung, zitiert nach Walter Muschg, Psychoanalyse und Literatur- 
wissenschaft, Berlin 1930, S. 7. 



90 Leo Löwenthal 

Probleme der Literaturwissenschaft zur Diskussion gestellt, besonders 
über die seelischen Bedingungen, unter denen das große Kunstwerk 
entsteht, so über den Aufbau der dichterischen Phantasie, und vor 
allem auch über das bisher immer wieder in den Hintergrund ge- 
drängte Problem des Zusammenhangs von Werk und Aufnahme 1 ). 
Gewiß sind diese Arbeiten noch ganz im Anfang — hat ja doch auch 
die Literaturforschung kaum etwas zu ihrer Förderung unter- 
nommen — , gewiß sind eine Keihe von Hypothesen noch nicht ge- 
schliffen und fein genug, noch schematisch und ergänzungsbedürftig. 
Aber auf die Hilfe der wissenschaftlichen Psychologie beim Studium 
des Kunstwerks zu verzichten heißt nicht, sich vor „barbarischen 
Einbrüchen von Eroberern" zu schützen, sondern sich selbst der 
Barbarei auszusetzen 2 ). 

Zu dem Verdammungsurteil gegen den „historisierenden Psycho- 
logismus", welcher am Geheimnis der „eigentlichen dichterischen 
Lebensseele" 3 ) vorbeigehe, gesellt sich das gegen die historische Me- 
thode, besonders aber gegen jede kausal und gesetzesgerichtete Ge- 
schichtstheorie, kurzum gegen das, was als der „positivistische 
Materialismus" 4 ) von der modernen Literaturforschung aufs strengste 
verpönt ist. Freilich steht's hier genau wie bei der Psychologie: vor 
„Übergriffen" schreckt man seinerseits nicht zurück. Behebiger wohl- 
lautender historischer Kategorien hat sich die moderne Literatur- 
geschichte stets bedient, ja sie sogar selbst mit erzeugt: da werden 
Kategorien wie „Volkstum, Gesellschaft, Menschentum" 5 ) auf- 
gegriffen, es wird von dem Prozeß des „pluralistischen, steigernden" 
und des „vergeistigenden, artikulierenden Erlebens" 6 ) gesprochen. 
Man erfährt von „Wesens"- und „Schicksalsverbänden", von „Voll- 
endung und Unendlichkeit" als „Grundbegriffen" der „historischen 
Erfahrung" 7 ), die Redeweise von „Zeitaltern des Homer, Perikles, 

x ) Vgl. an erster Stelle die wichtige Schrift von Hanns Sachs, Gemein- 
same Tagträume (bes. den ersten Teil), Leipzig- Wien-Zürich 1924. 

2 ) Vgl. Muschg a. a. O., S, 15. Übrigens bemüht sich gerade Museho- 
um die Verwertung psychoanalytischer Methoden und Erkenntnisse. Vgl! 
sein Buch: Gotthelf, Die Geheimnisse des Erzählers, München 1931; darüber 
G. H. Graber in: Imago Bd. XVIII, Heft 2, 1932. 

s ) Sarnetzki, a. a. O. Was alles an Argumentation gestattet ist, mag 
folgender — polemisch gemeinte — Satz verraten: „Psychoanalyse gräbt 
nach innen und sucht triebhafte Naturmächte der Seele, sie analysiert ; eine 
soziologische Betrachtung bemüht sich, Ziele zu erkennen, von denen aus 
allein das Menschliche gedeutet werden kann, sie komponiert" (Ziegenfuß, 
a. a. O., S. 312. 

4 ) Sarnetzki, a. a. O. 

5 ) Ziegenfuß, a. a. O., S. 337. 

6 ) Cysarz, Erfahrung und Idee, Wien u. Leipzig 1922, S. 6f. 

7 ) Strich a. a. O. 



1 



Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 91 

Augustus, Dante, Goethe" 1 ) wird gerechtfertigt, — aber Verachtung 
und Zorn sind einer Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft 
sicher, wenn sie im Anschluß an die positivistischen und materiali- 
stischen Methoden der historischen Forschung, deren Grund im 
19. Jahrhundert gelegt worden ist, die Geschichte der Dicktun«* als 
soziales Phänomen zu erfassen trachtet. Offen wird es ausgesprochen 
daß es um die „Preisgabe des beschreibenden Standpunkts der positi- 
vistischen Methode und die Besinnung auf den metaphysischen 
Charakter der Geisteswissenschaften" 2 ) gehe. Wir werden noch sehen, 
daß eine Preisgabe um so leidenschaftlicher da gefordert wird, wo an 
die Stelle der historischen Deskription die materialistische gesell- 
schaftliche Theorie selber tritt. Selbst die Grenze zwischen Wissen- 
schaft und Demagogie wird verwischt, wenn es sich um die isolierende 
Verklärung der Kunstbetrachtung handelt: „Dem historischen 
Pragmatismus ergibt sich vielleicht, daß gutenteils die S} r philis den 
Minnesang und seine polygame Konvention begraben hat oder die 
Wiederaufrichtung der deutschen Nachkriegswährung den . . . Ex- 
pressionismus. Die Wesenssicht aber des Minnesangs und des Ex- 
pressionismus bleiben unmittelbar von solchen Erkenntnissen un- 
abhängig. Die Frage lautet hier eben : was ist er, nicht aber : warum 
ist er. Dieses Warum eröffnete bloß einen Regressus in infinitum: 
warum ist am Ende des Mittelalters die Lues eingeschleppt, warum 
ist Anfang 24 die Reichsmark eingeführt worden und so fort bis zum 
Ei der Leda 3 )." Dies ist eine Karrikatur jeder echten wissenschaft- 
lichen Fragestellung. Keineswegs verlangt jede kausale Frage einen 
unendlichen Regreß, sondern wemi sie präzis formuliert ist, so ist sie 
prinzipiell auch präzis beantwortbar, unbeschadet darum, daß mit 
dieser Antwort irgendwelche anderen neuen wissenschaftlichen Pro- 
bleme aufgeworfen werden : die Untersuchung der Ursachen, aus denen 
Goethe nach Weimar ging, erfordert nicht eine Geschichte der deutschen 
Städtegründung ! 

Vergegenwärtigt man sich die in Umrissen beschriebene Lage der 
Literaturwissenschaft, ihr schiefes Verhältnis zur Psychologie, Ge- 
schichte und Gesellschaftsforschung, die Willkür in der Auswahl 
ihrer Kategorien, die künstliche Isolierung und wissenschaftliche 
Entfremdung ihres Objekts, dann wird man mit Recht der Forderung 
eines modernen Literarhistorikers zustimmen, der, unbefriedigt von 

*) Friedrich Gundolf, Shakespeare, Sein Wesen und Werk, Berlin 1928, 
-Bd.. I, S. 10. 

2 ) Ermatinger, a. a. O., S. 352. 

3 ) Csysarz, Das Periodenprinzip, S. 110. 



92 Leo Löwenthal 

der „Metaphysizierung", die in seinem Fach eingerissen ist, Rück- 
kehr zur strengen Wissenschaftlichkeit, leidenschaftliche Ergeben- 
heit an den Stoff, intensive Pflege des reinen Wissens, kurz: 
neue „Hochschätzung des Wissens und der Gelehrsamkeit" 1 ) fordert. 
Wenn freilich Schultz gleichzeitig in bezug auf Konstruktion, Er- 
forschung von Strukturzusammenhängen, übergreifende Theorien- 
bildung sich enthalten möchte 2 ), so läßt sich das zwar aus dem Ge- 
sagten gut begreifen, doch ist es nicht notwendig. In der Tat ist der 
Entwurf einer Literaturgeschichte möglich, die ausgestattet mit dem 
Wissensrüstzeug philologischer und literarischer Forschung es wagen 
darf, das Dichtwerk geschichtlich so zu erklären, daß sie weder in 
bloßer positivistischer Beschreibung stecken bleibt, noch sich zur ein- 
samen und verlassenen Höhe metaphysischer Spekulation entfernt. 

III. 

Es läßt sich natürlich eine Einstellung denken, die solches Entwurfes 
nicht bedarf, wenn man nämlich die „bewußte Emanzipation der 
Literaturwissenschaft von der Welthistorie" 3 ), ja überhaupt von 
jedem geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang fordert. 
Nur verzichtet man damit auf jeden Erkenntnisanspruch und macht 
aus der Beschäftigung mit der Dichtung selbst wieder Dichtung. Es 
bleibt dann übrigens bare Willkür, eine solche unverpflichtende, 
nicht auf kontrollierbare Erkenntnis ausgerichtete Haltung nicht auf 
alle Erfahrungsgegenstände anzuwenden und die Wissenschaft über- 
haupt zu vertreiben. Sich mit der Geschichte der Dichtung beschäf- 
tigen heißt die Dichtung geschichtlich erklären. Ihre Erklärungs- 
möglichkeit setzt eine entfaltete Theorie der Geschichte und der 
Gesellschaft voraus. Dabei soll nicht gemeint sein, daß man sich mit 
irgendwelchen allgemeinen Zusammenhängen zwischen Poesie und 
Gesellschaft abzugeben habe, auch nicht, daß ganz allgemein von 
gesellschaftlichen Bedingungen zu sprechen sei, deren es bedürfe, damit 
es überhaupt so etwas wie Dichtung gebe 4 ), sondern die geschichtliche 

L ) Franz Schultz, Das Schicksal der deutschen Literaturgeschichte, 
Frankfurt a. M. 1928, S. 138. 

2 ) a. a. O., S. 141 ff. 

3 ) Cysarz, a. a, Q, 

4 ) Etwa wie bei Ziegenfuß, a. a. O., S. 310: „Damit ist aber keineswegs 
gesagt, daß in den wirtschaftlichen Beweggründen zugleich die bestimmenden 
und richtunggebenden Motive für die Eigentümlichkeit der besonderen 
Formen liegen, die diese autonome Kunst sich gibt. Auch in großer wirt- 
schaftlicher Abhängigkeit des Künstlers entspringen die formenden Not- 
wendigkeiten seines Schaffens, vorausgesetzt, er schafft wirklich Kunst und 
nicht Kitsch und Mache, aus ganz eigener Selbstbestimmung, und nur die 



Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 93 

Erklärung der Dichtung hat die Aufgabe zu untersuchen, was von be- 
stimmten gesellschaftlichen Strukturen in der einzelnen Dichtung zum 
Ausdruck kommt und welche Funktion die einzelne Dichtung in der 
Gesellschaft ausübt. Die Menschen stehen zum Zweck der Erhaltung 
und Erweiterung ihres Lebens in bestimmten Produktionsverhältnissen. 
Diese stellen sich gesellschaftlich als die miteinander ringenden 
Klassen dar, und die Entwicklung ihrer Beziehungen bildet die reale 
Grundlage für die verschiedenen Sphären der Kultur. Von der je- 
weiligen Struktur der Produktion, d. h. von der Ökonomie hängt nicht 
nur die Gestaltung der Eigentums- und Staatsverhältnisse, sondern zu- 
gleich die der gesamten menschlichen Lebensformen in jeder geschicht- 
lichen Epoche ab. Jede „Geistes"- und „Verstehens' "Wissenschaft, die 
sich auf die Autonomie oder mindestens auf die autonome Deutbar- 
keit gesellschaftlicher Überbaugebilde beruft, vergewaltigt das 
Wissenschaftsgebiet der menschlichen Vergesellschaftung. Literatur- 
geschichte als bloße Geistesgeschichte vermag prinzipiell keinerlei 
bindende Aussagen zu machen, wenn auch in der Praxis Begabung und 
Einfühlungskraft des Literarhistorikers Wertvolles geleistet haben. 
Eine echte erklärende Literaturgeschichte aber muß materialistisch 
sein. Das heißt, sie muß die ökonomischen Grundstrukturen, wie 
sie sich in der Dichtung darstellen, und die Wirkungen untersuchen, 
die innerhalb der durch die Ökonomie bedingten Gesellschaft das 
materialistisch interpretierte Kunstwerk ausübt. 

Solange eine solche Forderung bloß erhoben wird, wird sie freilich 
dogmatisch klingen, ebenso wie die von ihr vorausgesetzte Gesell- 
schaftstheorie diesem Vorwurf ausgesetzt ist, wenn sie nicht im ein- 
zelnen ihre Fragestellungen präzisiert 1 ). Auf dem Spezialgebiet der 
Ökonomie und der politischen Geschichte ist dies bereits in breitem 
Maße geschehen, aber auch in der Literaturgeschichte finden sich An- 



Möglichkeit, daß sie sich überhaupt verwirklichen können, hängt vom Wirt- 
schaftlichen ab. Die Fragen der wirtschaftlichen Selbsterhaltung des Künstlers 
und der wirtschaftlichen Verwertung der Kunst und Literatur gehören 
zur Wirtsehaftssoziologie." Also: Ressortfragen statt wissenschaftlicher 
Prinzipienfragen! 

x ) Darum muten auch oft die geisteswissenschaftlich orientierten Arbeiten 
so dogmatisch und willkürlich an, weil sie ins unzugänglich Allgemeinste 
verschwimmen. Vgl. z. B. Strich, a. a. O., S. 401: „Es verstand sich natür- 
lich von selbst, daß diese Betrachtung in der Geschichte der Dichtung auf 
das ganze Menschentum und all seinen, nicht nur formalen, Ausdruck er- 
weitert werden mußte. Es wird sich noch zeigen, daß auch Musik und Reli- 
gion und jegliches Kultursystem sich so erfassen läßt und daß die grund- 
begriffliche Durchdringung der ganzen Geschichtswissenschaft die Geschichte 
des Geistes erst als das offenbar machen wird, was sie wirklich ist: die stili- 
stische Verwandlung des geistigen Willens zur Verewigung." 



94 Leo Löwenthal 

Sätze vor. Hinzuweisen ist vor allem auf die literaturgeschichtlichen 
Aufsätze von Franz Mehring 1 ), der — oft in einer vereinfachten und 
populären, oft auch in einer nur politisch fundierten Weise — zum 
ersten Male die Anwendung der materialistischen Gesellschaftstheorie 
auf die Literatur versucht hat. Freilich ist wie an den oben erwähnten 
psychologischen Einzeluntersuchungen auch an den materialistischen 
Arbeiten Mehrings und ihm verwandter Autoren die Literaturgeschichte 
vorbei zur Tagesordnung oder zum Tagesgeschimpf übergegangen; 
so hat sie noch in jüngster Zeit einen Anwalt gefunden, für den „solche 
Denkweise . . . nicht nur unsoziologisch oder der wissenschaftlichen 
Soziologie entgegengesetzt" ist, sondern dem sie,, wie eine Schmarotzer- 
pflanze" vorkommt, die „einemBaum seine gesunden Säfte entzieht" 2 ). 
Die materialistische Geschichtserklärung vermag nicht in der 
gleichen simplifizierenden und isolierenden Art und Weise vorzugehen, 
die wir an der ihr entgegengesetzten Haltung festgestellt haben. Es 
hieße jene Theorie schlecht verstehen, wollte man ihr den Glauben an 
eine unmittelbare Ableitung der Gesamtkultur aus der Wirtschaft 
zuschieben, ja wollte man nur von ihr behaupten, sie versuche die 
Grundzüge kultureller und psychischer Gebilde aus einer bestimmten 
ökonomisch erklärten Struktur abzulesen. Es kommt ihr vielmehr 
darauf an, zu zeigen, in wie vermittelter Weise sich die grundlegenden 
Lebensverhältnisse der Menschen in allen ihren Formen, also auch in 
der Literatur, ausdrücken. Damit gewinnt die Psychologie ihren ganz 
bestimmten Ort in der Literaturwissenschaft: sie ist eine, nicht die 
einzige, Hilfswissenschaft der Vermittlungen, indem sie aufzeigt, 
welches die psychischen Vorgänge sind, durch die in den Kulturlei- 
stungen des Kunstwerks sich die Strukturen des gesellschaftlichen 
Unterbaus reproduzieren. Da sich diese Basis der Gesellschaft als das 
Verhältnis von herrschenden und beherrschten Klassen in der bis- 
herigen Geschichte und als der „Stoffwechsel" von Gesellschaft und 
Natur darstellt, so wird auch in der Literatur wie bei allen historischen 
Phänomenen dieses Verhältnis durchscheinen. In der gesellschaft- 
lichen Erklärung des Überbaus — nicht etwa in der gesellschaftlichen 



x ) Jetzt gesammelt: in Schriften und Aufsätze 1. u. 2. Bd.: Zur Literatur- 
geschichte, Berlin 1929, ferner auch sein Buch „Die Lessinglegende" 9. Aufl 
Berlin 1926. 

-) Ziegenfuß a. a. O., S. 330f. — Wie legitimiert Z. zu solcher Kritik ist, 
belegt er selbst, indem er als — einzigen — Kronzeugen für diese „Denk- 
weise" Alfred Kleinbergs Buch über „Die deutsche Dichtung" zitiert — ein 
Werk, das den äußerst zweideutigen, jedenfalls nicht materialistischen 
Untertitel trägt: „. . . in ihren sozialen, zeit- und geistesgeschichtlichen, 
Bedingungen" ! 



Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 95 

Theorie schlechthin — nimmt darum der Begriff der Ideologie eine 
entscheidende Stelle ein. Denn die Ideologie ist ein Bewußtseinsinhalt, 
der die Funktion hat, die gesellschaftlichen Gegensätze zu vertuschen 
und an Stelle der Erkenntnis der sozialen Antagonismen den Schein 
der Harmonie zu setzen. Die Aufgabe der Literaturgeschichte ist zu 
einem großen Teil Ideologienforschung. 

Den Vorwurf, noch unentwickelte Methoden und einen zu rohen 
Begriffsapparat zu besitzen, kann die materialistische Geschichts- 
theorie ruhig hinnehmen. Sie darf demgegenüber darauf verweisen, 
daß sie immerhin diese Unvollkommenheit dem wissenschaftlichen 
Fortschritt zur Diskussion stellt und überhaupt alle ihre vermeintlichen 
Ergebnisse so formuliert, daß sie der Kontrolle des Wissenschaftlers 
wie der möglichen Veränderung durch neue Erfahrungen ausgesetzt 
sind und nicht sich zu Gebilden verflüchtigen, die vielleicht verzaubern 
und die Erkenntnis bestechen, aber nicht sich an ihr zu bewähren ver- 
mögen. Diese Theorie darf sich weiterhin sagen lassen, daß sie letzten 
Endes Glaubenssache wäre; sie ist es in dem Sinn, indem jede wissen- 
schaftliche Hypothese nicht abgeschlossen und ein für allemal ge- 
sichert, sondern stets durch neue Erfahrung zu bestätigen oder ab- 
zuändern ist. Sie hat aber gegen die bloße Verkündung der reinen 
Geisteswissenschaft den Vorteil möglicher Verifikation innerhalb 
der organisierten Wissenschaft. 

IV. 

Die folgenden Beispiele machen weder den Anspruch, den ganzen 
Umfang ihrer Begründung aufzuweisen, noch den, nicht weiter einer 
Verfeinerung und gegliederteren Ordnung geöffnet zu sein 1 ). Zum Teil 
werden sie als längst bekannte Einsichten anmuten, zum Teil auch 
einen thesenhaften Charakter zu tragen scheinen ; doch ist das erste — 
entgegen dem in mancher modernen Diskussion angeschlagenen Ton 
— keine Widerlegung einer Erkenntnis und das andere die notwendige 
Folge einer im Prinzip geklärten, in ihren Methoden noch undurch- 
gebildeten neuen wissenschaftlichen Arbeitsweise. 

Fragen der Form, des Motivs wie des Stoffs haben in gleicher 
Weise sich der materialistischen Betrachtungsweise zu eröffnen. Das 



x ) Besondere wissenschaftliche Neigungen haben mich veranlaßt, Dar- 
stellungsart und Forschungsmethoden einer materialistischen Literatur- 
geschichte zunächst an der erzählenden europäischen Dichtung zu ver- 
suchen. Die grundsätzliche Absicht dieses Aufsatzes und die Notwendigkeit 
der Raumbeschränkung zwingen zu einer willkürlichen und unvollständigen 
Auswahl erreichter Resultate. 



96 Leo Löwenthal 

soll etwa bei dem Problem der Romanenzyklopädie, wie es bei Balzac 
und Zola auftritt, angedeutet werden. Beide beabsichtigen mit ihren 
großen Zyklen die gesamte Gesellschaft ihrer Zeit mit allem lebenden 
und toten Inventar, Berufen wie Staatsformen, Leidenschaften wie 
Wohnungseinrichtungen, darzustellen. Dieser Absicht liegt die Vor- 
stellung von der prinzipiellen Möglichkeit, die Welt in Gedanken zu 
besitzen und durch ihre gedankliche Aneignung sie beherrschen zu 
können, also der bürgerliche Rationalismus, zugrunde. Vermittelt 
sich bei Balzac aus bestimmten psychologischen Gründen damit die 
merkantilistische Wirtschaftsweise, die Vorstellung von der Beherrsch- 
barkeit der Ökonomie durch ihre obrigkeitliche Regelung, so steckt 
bei Zola eine kritische Haltung zu der kapitalistischen Produktions- 
weise dahinter, die sich von der Analyse der durch sie bestimmten Ge- 
sellschaft die Möglichkeit der Behebung ihrer Mängel verspricht. Die 
Breite des Romanwerks weist ebensosehr auf den Ort des Verfassers 
in einer in der Herrschaft begriffenen Klasse, wie auf den bestimmten 
Standpunkt hin, den der Dichter zu der ökonomischen Struktur 
seiner Zeit einnimmt. 

Diese gesellschaftliche Bedeutung läßt sich auch an anderen, mehr 
in Einzelheiten gehenden Fragen aufweisen. So kann ein gleiches 
Formmittel in verschiedenen Zusammenhängen einen durchaus ver- 
schiedenen sozialen Sinn haben. Beispiele dafür sind etwa das Hervor- 
treten des Dialogs und damit die Beschränkung der erzählenden oder 
kommentierenden Zwischenreden und der Kunstgriff der Rahmener- 
zählung. Für das erste wählen wir Gutzkows, Spielhagens und die 
impressionistische Erzählungs weise aus. Gutzkow führt wahrscheinlich, 
zum ersten Male in der deutschen Literatur das moderne Gespräch, 
der bürgerlichen Gesellschaft ein. Die Geschichte des Dialogs in der 
Erzählung zeigt die Entwicklung aus einer starren und gesicherten 
Tradition zur „zwanglosen" offenen Gesprächsteehnik der Gegenwart. 
Das Gesprächist in der Realität der Maßstab derpsychologischenKennt- 
nisse, über welche die frei miteinander konkurrierenden Subjekte in der 
kapitalistischen Gesellschaft, wenigstens inihrererstenliberalenEpoche 
verfügen. Der Wendigere, der die bessere Kenntnis von der Reaktions- 
weise des Gesprächspartners besitzt, hat, soweit es sich nicht um grobe 
eine Diskussion nicht zulassende Machtverhältnisse handelt, die größere 
ökonomische Siegeschance. Was sich in der ihrer objektiven Situation, 
fast unbewußten jungdeutschen Dichtung nur indirekt erschließen 
läßt, gibt sich bei Spielhagen mit einer gewissen Theorie belastet. 
Die epische Zwischenerzählung wird auf ein Minimum reduziert, so 



. 



Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 97 

daß der Eindruck entsteht, der Dichter halte sich im Arrangement der 
Begebenheit an die Forderungen der Realität und verzichte auf die 
Willkür persönlicher Kombinationen von Handlung, Begebenheit, 
Zufall und auf die Interpretation des objektiven Geschehens. Man 
wird finden, daß der impressionistische Roman mit dem älteren Fon- 
tane und mit Sudermann angefangen bis zu Arthur Schnitzler in 
seinen letzten Novellen ebenfalls im Zeichen des kommentarlosen 
Dialogs steht. Aber dieser „Verzicht auf die Vorrechte des deutenden 
und ergänzenden Erzählers" 1 ) hat bei Spielhagen einen ganz anderen 
Sinn als beim deutschen Impressionismus. Der Spielhagenschen 
Technik liegt die Überzeugung zugrunde, daß in den Gesprächen der 
Menschen die Sachen selber deutlich werden, daß in der Aussprache 
für den nachdenkenden Leser eine Theorie über die Beziehungen der 
Menschen zwischen sich und innerhalb der Gesellschaft entsteht. Als 
bürgerlicher Idealist glaubt er an die Macht des objektiven Geistes, 
der in den ausgesprochenen Gedanken der Menschen gerinnt, so daß 
die Wechselrede bereits keinen Zweifel an den sachlichen Überzeugungen 
des Dichters offen läßt. Hingegen spricht sich in der asketischen 
Kommentarlosigkeit des Impressionismus die Kritik des liberalen 
Bürgertums an sich selber seit Beginn des 20. Jahrhunderts aus; aus 
dem Unvermögen, soziale Theorien zu bilden, aus der Halt- und Rat- 
losigkeit des in seinen Positionen bedrängt und unsicher gewordenen 
mittleren Bürgertums erwächst in der Tat ein Verzicht auf Vorrechte, 
nämlich auf die des subjektiven Geistes, der an die Möglichkeit ver- 
tretbarer Allgemeinerkenntnis glaubt. Spiegelt sich in der tastenden 
Dialogisierung Gutzkows das wirtschaftliche Tasten eines in den ersten 
Anfängen befindlichen liberalen Bürgertums in Deutschland, so wird 
in der Spielhagenschen Technik sein ökonomischer Sieg verklärt und 
in der des Impressionismus seine Krise ideologisch vertuscht oder 
in einer gewissen Ratlosigkeit eingestanden. 

Andere Klassenverhältnisse enthüllen sich, wenn man die Funktion 
der Rahmenerzählung bei Storni und Meyer vergleicht. Dieses Gestal- 
tungsprinzip hat bei beiden Dichtern eine entgegengesetzte Bedeutung. 
Storm gewinnt mit ihm die Haltung der Resignation, des verzichtenden 
Rückblicks. Er ist der müde kleinbürgerliche Rentner, dem eine 
Welt zerfallen ist, in der er etwas zu bedeuten hat. Die Zeit ist ab- 
gelaufen; der einzige Lebenshalt, den die Gegenwart noch zu bieten 
vermag, ist die Rückerinnerung. Ihre verklärende Funktion verrät 

x ) Oskar Walzel, Die Deutsche Literatur von Goethes Tod bis zur Gegen- 
wart. Berlin 1918. S. 664. ° 
Zeitschrift für Sozialforsclmng » 



98 Leo Löwen thal 

auch die Bildertechnik Storms, durch die das Gedächtnis nur Bruch- 
stücke noch wiederzugeben vermag, solche nämlich, die sich nicht 
unmittelbar auf die trübe Gegenwart beziehen und der psychischen 
Verdrängung darum nicht anheimfallen müssen. Bei Meyer hingegen 
dient die Rahmenerzählung im genauen Wortsinn als prächtiger 
Rahmen eines herrlichen Gemäldes, erfüllt sie also gleichsam zwei 
Funktionen. Einmal weist sie auf die Würdigkeit dessen hin, was sie 
umschließt, zum andern hebt sie aus dem indifferenten Vielerlei der 
Erscheinungen das jeweils Singulare, auf das es ankommt, heraus. 
Was in Storms Welt das Zeichen des Bescheidenen, Kleinen und Ab- 
sterbenden ist, wird bei Meyer zum Symbol der lebendigsten Wirklich- 
keit. Wo die Kleinbürgerseele Storms in sich hinein weint, treibt 
Meyer wuchtig in die Welt seine Gestalten hinaus, die feudalen 
Wunschträumen des herrschenden Bürgertums um 1870 zu genügen 
vermögen. 

Im Anschluß daran, zugleich als letztes Beispiel für die Analyse 
von Formproblemen, ein kurzer Hinweis auf die Verwendung der 
bildmäßigen Schilderung bei Meyer. Für den Ästhetiker Lessing war 
die Schilderung in der Poesie verpönt ; bei Meyer ist sie ein beliebtes 
Kunstmittel. Für Lessing kommt es auf den Fortschritt der Menschen 
in der Zeit an, auf die von ihm optimistisch bewertete Entwicklung 
des Menschengeschlechts. Für ihn geht das Wesentliche in der Zeit 
und ihrem Progreß vor. Er ist der Vorkämpfer der aufsteigenden 
bürgerlichen Gesellschaft, die in den Spannungsgegensätzen des 
Dramas mit einer Lösung bereit steht, welche sie für den Antago- 
nismus in der Gesellschaft zu haben glaubt. Meyer ist der Erbe 
dieser dramatischen Auseinandersetzung, soweit die Sieger durch- 
gehalten haben und zu Großbürgern wurden. Wo Lessing Drama- 
tiker ist, darf Meyer Plastiker sein. Wo der eine die Welt 
dynamisieren muß, darf der andere das Rad anhalten. Wo dem einen 
die Kunst ein Mittel ist, das Allgemeine und für alle Menschen Ver- 
bindliche als überlegen dem historisch einzelnen und Zufälligen auf- 
zuweisen, ist sie für den anderen die Möglichkeit, eben das Besondere 
und Großartige als allein wirklichkeitswürdig hervorzuheben. Das 
an Zeit und Raum nicht fixierte Bild verewigt den großen Moment der 
großen Gestalt. Auch hier verrät sich eine im Interesse der herr- 
schenden Schicht des Bürgertums ideologische Einstellung. Sein 
Angehöriger kann im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Welt 
einzig als Chance der Persönlichkeit sehen, er enthebt sich kleinlicher 
Sorgen des Alltags nicht nur für sich, sondern in seinem Bewußtsein 









Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 99 

auch für die Masse und ist ständig von großen Geschäften, großen 
Gestalten und großen Idealen umwittert und bestätigt. 

Ein Motiv, das ebenfalls der Verklärungökonomischer Kommando- 
höhen dient, finden wir etwa in Stendhals Einstellung zur Langeweile. 
Langeweile ist so gut wie der Tod für ,,the happy few", die allein be- 
rechtigt sind, seine Bücher zu lesen und für die allein er zu schreiben 
wünscht: für Menschen, die in weitem Abstand von den Konsequenzen 
einer kleinen ökonomischen Existenz ihrem Glück in eigengesetzlicher 
Moral zu leben berechtigt sind. Wie Stendhal der Romancier der 
Bürgeraristokratie Napoleons ist, so singt Gustav Freytag dem libe- 
ralen Bürgertum Deutschlands um die Mitte des Jahrhunderts sein 
Hohelied. Er verklärt es, indem er von vornherein sich den Zugang 
zu den Erkenntnissen der Widersprüche in der bürgerlichen Gesell- 
schaft versperrt. Offenkundig liegen diese ja in der Arbeit, ihrer Ver- 
teilung, ihrer Organisation, ihrer Entlohnung. Indem man grundsätz- 
lich das Motiv der Arbeit aufgreift und undifferenziert es auf den 
ebenfalls undifferenzierten Begriff „Volk" anwendet, hat man die 
Gesellschaftsordnung im wörtlichsten Sinn „übersehen", nämlich das, 
was sie als Gesellschaft konkurrierender Gruppen kennzeichnet. Der 
Ideologe steht bei Gustav Freytag also bereits am Anfang, wenn er 
als Motto zu seinem Hauptwerk „Soll und Haben" die Worte von 
Julian Schmidt wählt : „Der Roman soll das deutsche Volk da suchen, 
wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit." 

Schließlich soll noch die Analyse des Todesmotivs, das zu wieder- 
holten Malen in Mörikes „Maler Nolten" und in Meyers „Jürg Je- 
natsch" anklingt, angedeutet werden. Gestaltet Mörike in Leben und 
Dichtung das Schicksal des Biedermeiers, d. h. der noch unrevolu- 
tionären, aber zur Herrschaft bestimmten bürgerliehen Klasse, emp- 
findet er — auch am eigenen Leibe — immer wieder das Todesurteil 
aufstrebender bürgerlicher Existenzen im Zeitalter der Reaktion, 
ist so der Tod in seiner Erzählung durch die Niederlage des Bürger- 
tums seiner Generation zu deuten und die Vergänglichkeit in ideolo- 
gischer Verklärung dieses Schicksals der Schlüssel zum Leben, so 
wird umgekehrt in der Erzählung Meyers der Tod zu einem besonders 
hoch gesteigerten Augenblick aus der Fülle des Lebens. Lucretia 
tötet Jürg Jenatsch; wir dürfen vermuten, daß diese Tat auch der 
Beginn ihrer physischen Vernichtung ist. Aber dieser sinngemäße 
Doppelmord ist der Ausdruck heroischen Lebens; nur diese beiden 
sind einander ebenbürtig, nur diese in Schicksal und Charakter Art- 
verwandten haben ein Anrecht, sich wechselweise zu beseitigen. Die 

7* 



100 Leo Löwenthal 

Solidarität der internationalen führenden Minderheit bewährt sich 
hier bis zum Tode. 

Auch bei der materialistischen Analyse der Stoff wahl sei zunächst 
auf Freytag und Meyer hingewiesen. Beide haben historische Romane 
und Erzählungen geschrieben. So wie das Gesamtwerk Freytags 
als das Schulbuch des mittleren national-liberalen Bürgertums be- 
zeichnet werden darf, das die Tugenden und Gefahren seiner Ange- 
hörigen aufweist, so ist auch die Historie nicht ein Buch der Ver- 
zauberung, sondern ein pädagogisches Organ. Zur Warnung oder 
Nachahmung enthält sie die Geschichte von Menschen und Gruppen, 
aus denen in späteren Generationen tüchtige Bürger werden konnten 
oder die das ungewisse Schicksal des Adels oder gar das verachtungs- 
würdiger anderer Gesellschaftsklassen auf sich nehmen mußten. 
Spricht sich in dieser Haltung zur Geschichte die ökonomische Posi- 
tion eines mit zäher Tüchtigkeit um gesicherte Existenz kämpfenden 
Bürgertums aus, so dürfen wir in der auswählenden Art, in der Meyer 
mit der Geschichte verfährt, einen „großbürgerlichen Historismus" 
erblicken. Wo Geschichte nur je und je durch einzelne Erscheinungen 
konstituiert wird, tritt nicht nur die Überfülle der historischen Phä- 
nomene in ein belangloses Halbdunkel zurück, sondern verliert die 
Kette der Ereignisse als solche jeden Sinn. Es gibt kein Kontinuum 
von Geschehen, welches einen deutbaren Charakter, sei es im Sinne 
der Kausalität oder selbst einer theologischen oder sonst welchen 
Teleologie, hätte. Die Veränderungen als solche haben keinerlei Ge- 
wicht, im Strome des historischen Lebens der Menschen geht nichts 
Entscheidendes vor. Der „Historiker" in diesem eingeschränkten 
Sinne gerät in eine Zuschauerhaltung, in der er das Singulare als ein 
großartiges Schauspiel genießt. Die Kategorie des Spiels geht in die 
reale Geschichte sowohl wie in die Geschichtsforschung derart ein, 
daß das Gewimmel der Mannigfaltigkeit zum Fundus eines Marionetten- 
theaters der Heroen wird und deren Leben selbst zum spielerischen 
Genuß des Deutenden. In der hier in Rede stehenden Epoche des 
Großbürgertums ist der ihr konforme Historiker wesentlich Ästhet. 

Ein anderes Beispiel ist das Problem der Politik. Bei Gottfried Keller 
finden wir eine geradezu kühne Mißachtung der wirtschaftlichen 
Differenzierung der Menschen, dagegen eine außerordentliche Be- 
deutung der politischen Sphäre, sei es, daß sie gelegentlich in der 
Karrikierung der Bierbank oder in den weisen Gesprächen der „Auf- 
rechten" über öffentliche Angelegenheiten getroffen wird. In dieser 
Überschätzung des rein Politischen enthüllt sich, weim auch in der 






Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 101 

Sprache der Verklärung, das Schicksal des gerade noch eben wirt- 
schaftlich gesicherten Schweizer Kleinbürgertums, das Keller dar- 
stellt. Politik als ein isoliertes Phänomen zu nehmen, in der Politik 
eine Sphäre zu sehen, neben der es im gesellschaftlichen Geschehen 
auch andere gibt wie Kunst oder Wirtschaft oder Recht, die 
Politik als eine befriedigende Kampfstätte zu betreten, auf der 
öffentliche Angelegenheiten sich regeln lassen, ja aus der überhaupt 
im Grunde die öffentlichen Angelegenheiten bestehen — alle diese 
trügerischen Vorstellungen entstehen in solchen Schichten, deren 
Situation in der Tat im wirtschaftlichen Kampf zwar nicht verzweifelt, 
aber ohne Chancen erscheint. Soweit in der Politik die Vorstellung 
von dem Ausgleich der miteinander ringenden Kräfte, das Sich- 
Einigen auf einem goldenen Mittelweg, ja letzten Endes die har- 
monische Verschmelzung und Versöhnung der einander nicht recht 
kennenden, an verschiedenen Enden stehenden Menschen auftritt, 
ist diese Vorstellung gerade häufig von gesellschaftlichen Mittel- 
schichten produziert. Denn diese finden eine ideologische Verbrämung 
ihrer Gesamtsituation in dem Glauben, daß die „Mitte" in der Ge- 
sellschaft eine besondere Mission habe. Auch Stendhal verwendet 
politische Stoffe, aber er bedarf bei ihnen, sei es bewußt oder unbewußt, 
nicht der gleichen ideologischen Kunstgriffe, da er dem Lebensgefühl 
der französischen Großbourgeoisie seiner Zeit ein aufgeklärtes Be- 
wußtsein verschafft. Für ihn sind die politischen Geschäfte nur ein 
Teil oder ein Ausdruck großer ökonomischer Auseinandersetzungen, 
und die Regierungen sind ihm nichts anderes als geschäftliche Kon- 
trahenten, die man in ganz bestimmter Weise zu behandeln hat. 

Angedeutet, wenn auch nicht ausgeführt sei, da es sich hierbei nicht 
mehr in erster Linie um eine Frage der künstlerischen Gestaltung 
handelt, daß die materialistische Literaturbetrachtung einen wichtigen 
Fingerzeig immer durch das Studium des Bewußtseins hat, das dem 
Dichter von den Aufgaben und der Stellung seines Berufs im Ganzen 
der bürgerlichen Gesellschaft eignet. An diesem Bewußtsein erhellt 
jedesmal in einer sehr genauen Weise die psychologische Beschaffenheit 
des Schriftstellers, und damit eröffnet es die Möglichkeit des Studiums 
der vermittelnden Zwischenglieder zwischen der gesellschaftlichen 
Struktur und dem Werk durch die Psyche des Dichters hindurch. Die 
rasende Verliebtheit in die künstlerische Position bei Balzac, die hoch- 
mütige Isolierung Flauberts, die gelassene Haltung Stendhals und 
Meyers zu poetischen Aufgaben, die bereite Einordnung des Dichters 
und Schriftstellers in die bürgerliche Ordnung durch Freytag sind 



102 Leo Löwenthal, Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur 

ebensoviele Hinweise auf die bestimmten Formungen, Veränderungen 
und Verdeckungen, die in den ausgeführten Werken dieser Dichter 
die ökonomische Struktur ihrer Tage gefunden hat. 

Schließlich bleibt es geschichtsphilosophisch interessant, daß eine 
für die Forschung so unendlich wichtige und zentrale Aufgabe wie das 
Studium der Wirkung dichterischer Werke fast überhaupt nicht in 
Angriff genommen worden ist, obwohl in Zeitschriften und Zeitungen, 
Briefen und Erinnerungen ein unendliches Material bereitliegt, um. 
über die Aufnahme der Dichtungen in bestimmten gesellschaftlichen 
Gruppen und Individuen sich zu unterrichten. Diese Aufgabe bleibt 
der materialistischen Literaturgeschichte vorbehalten, die unbe- 
kümmert um die bisherige ängstliche Behütung der Poesie deren Stu- 
dium breit zu organisieren hat, ohne dabei fürchten zu müssen, in 
bloßer Philologie und Datensammlung stecken zu bleiben, da die ihr 
zugrunde liegende gesellschaftliche Theorie ihr die Arbeitsrichtung 
vorzuschreiben vermag. 






Zur gesellschaftlichen Lage der Musik. 

Von 
Theodor Wiesengrund-Adorno (Frankfurt a. M.). 

1- — Umriß. — Produktion. 

Wann immer heute Musik erklingt, zeichnet sie in den bestimm- 
testen Linien die Widersprüche und Brüche ab, welche die gegen- 
wärtige Gesellschaft durchfurchen und ist zugleich durch den tiefsten 
Bruch von eben der Gesellschaft abgetrennt, die sie selber samt 
ihren Brüchen produziert, ohne doch mehr als Abhub und Trümmer 
der Musik aufnehmen zu können. Die Rolle der Musik im gesell- 
schaftlichen Prozeß ist ausschließend die der Ware ; ihr Wert der des 
Marktes. Sie dient nicht mehr dem unmittelbaren Bedürfnis und 
Gebrauch, sondern fügt sich mit allen anderen Gütern dem Zwang des 
Tausches um abstrakte Einheiten und ordnet mit ihrem Gebrauchswert, 
wo immer er übrig sein mag, dem Tauschzwang sich unter. Die 
Inseln eines vorkapitalistischen „Musizierens", wie sie das 19. Jahr- 
hundert noch dulden konnte, sind überspült; die Technik von Radio 
und Tonfilm, mächtigen Monopolen zugehörig und in unbeschränkter 
Verfügung über den gesamten kapitalistischen Propagandaapparat, 
hat selbst von der innersten Zelle musikalischer Übung, dem häus- 
lichen Musizieren, Besitz ergriffen, deren Möglichkeit bereits im 
19. Jahrhundert, gleich dem bürgerlichen Privatleben insgesamt, nur 
die Rückseite eines gesellschaftlichen Körpers bildete, dessen Vorder- 
seite die privatkapitalistische Produktion ausmacht. Die Dialektik 
der kapitalistischen Entwicklung hat auch diese letzte Unmittel- 
barkeit — selber eine bloß scheinhafte, in welcher die Balance zwischen 
der individuellen Produktion und dem gesellschaftlichen Verständnis 
stets bedroht und seit dem „Tristan" gestört war — gänzlich auf- 
gehoben. Indem der kapitalistische Prozeß die musikalische Produktion 
und Konsumtion restlos in sich hineinzieht, wird die Entfremdung 
zwischen der Musik und den Menschen vollkommen. Wohl hatte die 
Objektivierung und Rationalisierung der Musik, ihre Ablösung von der 
bloßen Unmittelbarkeit des Gebrauchs, sie als Kunst erst geprägt : an 
Stelle ephemeren Erklingens ihr die Dauer verliehen ; die Macht weit- 
reichender Triebsublimierung, verbindlicher Aussprache des Humanen 
ihr geschenkt. Nun aber verfällt die rationalisierte Musik den gleichen 



104 Theodor Wiesengrund-Adomo 

Gefahren wie die rationalisierte Gesellschaft, in der das Klassen- 
interesse der Rationalisierung Einhalt gebietet, sobald sie wider die 
Klassenverhältnisse selber sich kehren könnte; das nun die Men- 
schen in einem Stande der Rationalisierung beläßt, der, wenn 
ihm die Möglichkeit dialektischer Weiterentfaltung versperrt ist, 
zwischen seinen unaufgelösten Widersprüchen die Menschen zer- 
reibt. Die gleiche Macht der Verdinglichung, die die Musik als Kunst 
konstituierte und die nie in bloße Unmittelbarkeit sich rückver- 
wandeln ließe, wollte man nicht die Kunst auf ein vor-arbeitsteiliges. 
Stadium zurückverweisen — die gleiche Macht der Verdinglichuno- 
hat heute den Menschen die Musik genommen und ihnen bloß deren 
Schein gelassen ; die Musik aber, soweit sie sich nicht dem Gebot der 
Warenproduktion unterwirft, ihres gesellschaftlichen Haftes beraubt 
in den luftleeren Raum verbannt und ihre Gehalte ausgehöhlt. Davon 
hat jede Betrachtung der gesellschaftlichen Lage der Musik auszu- 
gehen, die nicht den Täuschungen verfallen will, die heute — guten 
Teiles der Verhüllung des tatsächlichen Zustandes, auch der ver- 
mittelnden Apologie der ökonomisch eingeschüchterten Musik zu- 
liebe — die Diskussion beherrschen. Diese Täuschungen rühren 
daher, daß die Musik selber unter der Übermacht des monopol- 
kapitalistischen Musikbetriebes zum Bewußtsein ihrer eigenen Ver- 
dinglichung, der Entfremdung von den Menschen gelangte; in einer 
Unkenntnis des gesellschaftlichen Prozesses indessen, die ebenfalls- 
gesellschaftlich produziert und erhalten wird, die Schuld daran nicht 
der Gesellschaft sondern sich selber zuschreibt und sich in der Illusion 
hält, die Isolierung der Musik sei isoliert, nämhch bloß von der Musik 
aus korrigierbar. Statt dessen gilt es hart einzusehen, daß die Gesell- 
schafts-Fremdheit der Musik, all das, wofür ein eilfertiger und rational 
unerhellter musikalischer Reformismus Schimpfwörter wie Individua- 
lismus, Artistentum, technische Esoterik verwendet, selber gesell- 
schaftliches Faktum, selber gesellschaftlich produziert ist. Und darum 
auch korrigierbar nicht innermusikalisch, sondern bloß gesellschaftlich i: 
durch Veränderung der Gesellschaft. Es steht dahin, was zu solcher 
Veränderung dialektisch Musik etwa beitragen mag ; gering aber wird 
ihr Beitrag sein, wenn sie von sich aus eine Unmittelbarkeit herzu- 
stellen trachtet, die gesellschaftlich nicht bloß heute verwehrt 
sondern schlechterdings nicht wiederherstellbar noch selbst wünsch- 
bar ist; und damit zur Verhüllung der Lage beiträgt. Es ist weiter die 
Frage, wie weit Musik, soweit sie etwa selber in den gesellschaftlichen 
Prozeß eingreifen sollte, in der Lage sein wird, als Kunst einzu- 




Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 105 

greifen. Wie immer jedoch es damit sich verhalte: heute und hier 
vermag Musik nichts anderes als in ihrer eigenen Struktur die gesell- 
schaftlichen Antinomien darzustellen, die auch an ihrer Isolation 
Schuld tragen. Sie wird um so besser sein, je tiefer sie in ihrer Gestalt 
die Macht jener Widersprüche und die Notwendigkeit ihrer gesell- 
schaftlichen Überwindung auszuformen vermag; je reiner sie, in den 
Antinomien ihrer eigenen Formensprache, die Not des gesellschaft- 
lichen Zustandes ausspricht und in der Chiffernschrift des Leidens zur 
Veränderung aufruft. Ihr frommt es nicht, in ratlosem Entsetzen 
auf die Gesellschaft hinzustarren: sie erfüllt ihre gesellschaftliche 
Funktion genauer, wenn sie in ihrem eigenen Material und nach ihren 
eigenen Formgesetzen die gesellschaftlichen Probleme zur Darstellung 
bringt, welche sie bis in die innersten Zellen ihrer Technik in sich 
enthält. Die Aufgabe der Musik als Kunst tritt damit in gewisse 
Analogie zu der der gesellschaftlichen Theorie. Wollte man die 
immanente Entfaltung der Musik absolut setzen, als bloße Spiegelung 
des gesellschaftlichen Prozesses, so würde man damit eben den 
Fetischcharakter der Musik sanktionieren, der ihre Not und das heute 
gerade von ihr darzustellende Grundproblem ist. Daß sie andererseits 
nicht nach der bestehenden Gesellschaft gemessen werden darf, die 
sie produziert und zugleich von sich fernhält, steht klar. Daß sie 
vollends nicht, abstrakt und fern von den tatsächlichen gesellschaft- 
lichen Verhältnissen, als „geistiges" Phänomen genommen werden 
sollte, das irgendwelche Wünsche der gesellschaftlichen Veränderung 
unabhängig von deren empirischer Verwirklichung im Bilde vorweg- 
nehmen kann, ist die Voraussetzung jeder historisch-materialistischen 
und nicht bloß „geistesgeschichtlichen" Methode. Damit ist die 
Relation von gegenwärtiger Musik und Gesellschaft nach allen 
Richtungen hin gleich problematisch. Ihre Aporien teilt sie mit der 
gesellschaftlichen Theorie; zugleich aber auch die Verhaltensweisen, 
in der diese den Aporien gegenübertritt oder gegenübertreten sollte. 
Von Musik, die heute ihr Lebensrecht bewähren will, ist in gewissem 
Sinne Erkenntnischarakter zu fordern. In ihrem Material muß 
sie die Probleme rein ausformen, die das Material — selber nie reines 
Naturmaterial, sondern gesellschaftlich-geschichtlich produziert — 
ihr stellt; die Lösungen, die sie dabei findet, stehen Theorien gleich: 
in ihnen sind gesellschaftliche Postulate enthalten, deren Verhältnis 
zur Praxis zwar äußerst vermittelt und schwierig sein mag und die 
keinesfalls umstandslos sich mögen realisieren lassen, über die aber 
in letzter Instanz entscheidet, ob und wie sie in die gesellschaftliche 



106 Theodor Wiesengrund-Adorno 

Wirklichkeit einzugehen vermögen. Der Kurzschluß: diese Musik 
ist unverständlich, also esoterisch-privat, also reaktionär, muß 
abgewiesen werden: ihm liegt mit einer romantischen Vorstellung 
primitiver musikalischer Unmittelbarkeit zugleich die Meinuno- 
zugrunde, das empirische Bewußtsein der gegenwärtigen Gesellschaft, 
das in Enge und Unerhelltheit, ja bis zur neurotischen Dummheit von 
der Klassenherrschaft zu deren Erhaltung gefördert wird, könne als 
positives Maß einer nicht mehr entfremdeten, sondern dem freien 
Menschen zugehörigen Musik gelten. So wenig die Politik von diesem 
Bewußtseinsstand abstrahieren darf, mit dem die gesellschaftliche 
Dialektik zentral rechnen muß, so wenig darf sich dafür die Erkenntnis 
von einem Bewußtsein Grenzen setzen lassen, das von der Klassen- 
herrschaft produziert ist und auch als Klassenbewußtsein des Prole- 
tariats die Male der Verstümmelung durch den Klassenmechanismus 
weiter trägt. Wie die Theorie über dies gegenwärtige Bewußtsein 
der Massen hinausgreift, muß auch Musik darüber hinausgreifen. Wie 
aber die Theorie dialektisch zur Praxis steht, an welche sie nicht bloß 
Forderungen richtet, sondern von der sie auch Forderungen über- 
nimmt, so wird auch eine Musik, die das Selbstbewußtsein ihrer 
gesellschaftlichen Funktion erlangt hat, dialektisch zur Praxis stehen. 
Nicht indem sie heute und hier, Ware gerade im Schein der Unmittel- 
barkeit, sieh dem „Gebrauch" fügt; wohl aber indem sie in sich 
selber, in Übereinstimmung mit dem Stande der gesellschaftlichen 
Theorie, alle die Elemente ausbildet, deren objektive Intention die 
Überwindung der Klassenherrschaft ist, auch wofern deren Ausbildung 
gesellschaftlich isoliert und zellenhaft während der Klassenherrschaft 
sich vollzieht. Wenn die fortgeschrittenste kompositorische Produk- 
tion der Gegenwart, lediglich unterm Zwang der immanenten Ent- 
faltung ihrer Probleme, bürgerliche Grundkategorien wie die schöp- 
ferische Persönlichkeit und ihren Seelenausdruck, die Welt der privaten 
Gefühle und die verklärte Innerlichkeit außer Aktion setzte und an 
ihre Stelle höchst rationale und durchsichtige Konstruktionsprinzipien 
rückte, so ist diese Musik, gebunden an den bürgerlichen Produktions- 
vorgang, zwar gewiß nicht als „klassenlose'" und eigentliche Zukunfts- 
musik anzuschauen, wohl aber als die, welche ihre dialektische Er- 
kenntnisfunktion am genauesten erfüllt. Der ungemein heftige 
Widerstand, dem in der gegenwärtigen Gesellschaft gerade solche 
Musik begegnet und der den gegen alle, sei's noch so sehr literarisch- 
politisch akzentuierte, Gebrauchs- und Gemeinschaftsmusik über- 
trifft — dieser Widerstand scheint immerhin darauf hinzudeuten 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 107 

daß die dialektische Funktion dieser Musik in der Praxis, ob auch bloß 
negativ, als „Destruktion", bereits fühlbar wird. 

Unterm gesellschaftlichen Aspekt läßt sich die gegenwärtige 
Musikübung, Produktion und Konsumtion, drastisch aufteilen in 
solche, die den Warencharakter umstandslos anerkennt und, unter Ver- 
zicht auf jeden dialektischen Eingriff, nach den Erfordernissen des 
Marktes sich richtet und in solche, die sich prinzipiell nicht nach dem 
Markt richtet. Anders gewandt : in der Entfremdung von Gesellschaft 
und Musik stellt die erste Gruppe — passiv und undialektisch — sich 
auf die Seite der Gesellschaft, die zweite auf die der Musik. Die her- 
kömmliche, in der bürgerlichen Musikkultur sanktionierte Scheidung 
von „leichter" und „ernster" Musik fällt mit dieser scheinbar zu- 
sammen. Freilich nur scheinbar. Denn ein großer Teil der vorgeblich 
ernsten" Musik richtet sich wie die Komponisten leichter Musik 
nach den Erfordernissen des Marktes, wäre es auch unterm Schutz 
ökonomisch undurchsichtiger „Mode'', oder kalkuliert wenigstens die 
Markterfordernisse der Produktion ein; die Verhüllung der Markt- 
funktion solcher Musik durch den Begriff der Persönlichkeit, der 
Schlichtheit, des Lebens dient nur dazu, sie zu verklären und damit 
ihren Marktwert mittelbar zu steigern. Andererseits enthält gerade die 
„leichte" Musik, von der gegenwärtigen Gesellschaft geduldet, ver- 
achtet und benutzt gleich der Prostitution, mit der sie als „leicht- 
geschürzt" nicht umsonst verglichen wird, Elemente, die wohl Trieb- 
befriedigungen der heutigen Gesellschaft darstellen, deren offiziellen 
Ansprüchen aber widerstreiten und damit in gewissem Sinne die 
Gesellschaft transzendieren, der sie dienen. In der Scheidung von 
leichter und ernster Musik spiegelt die Entfremdung von Menschen 
und Musik sich nur verzerrt, nämlich so, wie sie dem Bürgertum 
selbst sich darstellt. Sie will die „ernste" Musik von der Entfremdung 
ausnehmen, die doch Strawinskijs Psalmensymphonie mit dem letzten 
Schlager von Robert Stolz teüt, und dafür die Last der Entfremdung 
unter dem Titel „Kitsch" allein jener Musik aufbürden, die als exakte 
Reaktion auf Triebkonstellationen der Gesellschaft als einzige dieser 
angemessen ist, aber gerade durch ihre Angemessenheit die Gesellschaft 
desavouiert. Darum ist die Scheidung leichter und ernster Musik durch 
jene andere zu ersetzen, die die beiden Hälften der musikalischen Welt- 
kugel gleichermaßen im Zeichen der Entfremdung sieht : Hälften eines 
Ganzen, das freilich durch deren Addition niemals rekonstruierbar wäre. 
Die musikalische Produktion im engeren Sinne, die sich nicht 
umstandslos dem Marktgesetz unterwirft, also die „ernste" unter 



108 



Theodor Wiesengrund-Adorno 



Ausschluß der quantitativ freilich überwiegenden, die verkappt 
ebenfalls dem Markt dient, ist die, welche die Entfremdung gestaltet. 
Grob läßt sich schematisieren: ihr erster Typ ist einer, der ohne 
Bewußtsein des gesellschaftlichen Ortes oder gleichgültig dagegen 
bloß immanent seine Probleme und Lösungen auskristallisiert und 
gewissermaßen fensterlos wie die Leibnizsche Monade zwar nicht eine 
prästabilierte Harmonie, wohl aber eine historisch produzierte Disso- 
nanz, nämlich die gesellschaftlichen Antinomien „vorstellt". Dieser 
erste Typ, als „moderne" Musik der allein ernstlich chokierende, 
wird wesentlich von Arnold Schönberg und seiner Schule vertreten. 
— Dem zweiten Typ rechnet Musik zu, die die Tatsache der Ent- 
fremdung, als ihre eigene Isolierung und als „Individualismus", 
erkennt und ins Bewußtsein hebt, aber in sich selbst, formimmanent 
und bloß ästhetisch, also ohne Rücksicht auf die tatsächliche Gesell- 
schaft, aufzuheben trachtet; meist durch einen Rückgriff auf ver- 
gangene Stilformen, die sie der Entfremdung enthoben meint, ohne 
zu sehen, daß sie in völlig veränderter Gesellschaft und völlig ver- 
ändertem Musikmaterial nicht wiederherstellbar sind. Insofern diese 
Musik, ohne sich auf eine gesellschaftliche Dialektik einzulassen, im 
Bilde eine nichtexistente „objektive" Gesellschaft oder, nach ihrer 
Intention, „Gemeinschaft" zitieren möchte, mag sie Objektivismus, 
heißen. Zum Objektivismus zählt in den hochkapitalistisch-indu- 
striellen Ländern der Neoklassizismus, in den unentwickelt erei_ 
agrarischen der Folklorismus. Der wirksamste Autor des Objekti- 
vismus, nacheinander übrigens, aufschlußreicher Weise, seiner beiden 
Hauptrichtungen, ist Igor Strawinskij. — Der dritte Typ ist eine 
Zwischenform. Mit dem Objektivimus geht er von der Erkenntnis der 
Entfremdung aus. Zugleich aber erkennt er, gesellschaftlich erhellter 
als jener, dessen Lösungen als Schein. Er verzichtet auf die positive 
Lösung und begnügt sich, die gesellschaftlichen Brüche durch brüchige, 
sich selbst als scheinhaft setzende Faktur hervortreten zu lassen, ohne 
sie mehr durch ästhetische Totalität zu überwölben. Er bedient sich 
dabei der Formsprache teils der bürgerlichen Musikkultur des 19. Jahr- 
hunderts, teils der heutigen Konsummusik, um sie zu enthüllen. Mit 
der Sprengung der ästhetischen Formimmanenz transzendiert dieser 
Typ zum Literarischen. Weitreichende sachliche Übereinstimmungen 
mit den französischen Surrealisten berechtigen dazu, beim dritten 
Typ von surrealistischer Musik zu sprechen. Sie ist ausgegangen 
vom mittleren Strawinskij, dem der Histoire du soldat zumal. Am 
konsequentesten ist sie von Kurt W ei 11 in den gemeinsam mit Brecht 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 109 

produzierten Werken, besonders der „Dreigroschenoper" und „Maha- 
gonny" ausgebildet worden. — Der vierte Typ ist der solcher Musik, 
die die Entfremdung von sich aus und real zu durchbrechen trachtet, 
sei es auch auf Kosten der immanenten Gestalt. Er wird gemeinhin 
mit dem Namen „Gebrauchsmusik" belegt. Doch zeigt gerade die 
charakteristische Gebrauchsmusik, wie sie zumal von Rundfunk- und 
Theaterbestellungen hervorgerufen wird, bereits zu deutliche Ab- 
hängigkeiten vom Markt, als daß sie hier zur Diskussion stünde. 
Statt ihrer erheischen Aufmerksamkeit Bestrebungen wie etwa die 
einer vom Neoklassizismus ausgehenden „Gemeinschaftsmusik", die 
Hindemith vertritt, und die proletarischen Chorwerke von Hanns 
Eisler. 

Arnold Schönberg, als intellektualistisch, destruktiv, abstrakt 
und esoterisch verfehmt, trifft mit jedem neuen Werk auf Widerstände, 
die denen gegen die Psychoanalyse nicht unähnlich sind. In der Tat 
zeigt er, nicht zwar dem konkreten Gehalt seiner heute von allen 
psychologischen Bezug abgelösten Musik, wohl aber der gesellschaft- 
lichen Struktur nach weitreichende Übereinstimmungen mit Freud. 
Gleich ihm und gleich Karl Kraus, zu dessen sprachkritischer 
Bemühung seine Reinigung des musikalischen Materials das Seiten- 
stück abgibt, rechnet der Wiener Schönberg zu jenen dialektischen 
Erscheinungen des bürgerlichen Individualismus — das Wort ganz 
allgemein genommen — , die ohne Rücksicht auf eine vorgedachte 
gesellschaftliche Totalität in ihren angeblich „spezialisierten" 
Problemkreisen arbeiten, in ihnen aber Lösungen gewinnen, die sich 
unvermerkt wider die Voraussetzungen des Individualismus kehren 
und umschlagen ; Lösungen, wie sie einem gesellschaftlich orientierten 
bürgerlichen Reformismus prinzipiell versagt sind, der seine auf die 
Totalität abzielende Einsicht, die doch nicht den Grund erreicht, 
mit „vermittelnden" und damit verhüllenden Lösungen bezahlen muß. 
Wenn Freud, um zu den objektiven Symbolen und schließlich der 
objektiven Dialektik des Bewußtseins der Menschen in der Geschichte 
zu gelangen, die Analyse des individuellen Bewußtseins und Unbe- 
wußtseins durchführen mußte; wenn Kraus, um in der Sphäre des 
„Überbaus" die Konzeption des Sozialismus gleichsam zum zweiten 
Mal zu vollbringen, nichts anderes tat, als das bürgerliche Leben mit 
seiner eigenen Norm des richtigen individuellen zu konfrontieren und 
mit den Individuen deren Norm enthüllte : dann hat, nach dem gleichen 
Schema, Schönberg die Ausdrucksmusik des privaten bürgerlichen 
Individuums, lediglich ihre eigenen Konsequenzen verfolgend, zur 



HO Theodor Wiesengrund-Adorno 

Aufhebung gebracht und eine andere Musik an ihre Stelle gesetzt, der 
zwar unmittelbare gesellschaftliche Funktionen nicht zukommen, ja 
die die letzte Kommunikation mit der Hörerschaft durchschnitten 
hat, die aber einmal an immanent-musikalischer Qualität, dann an 
dialektischer Aufklärung des Materials alle andere Musik der Zeit 
hinter sich zurückläßt und eine so vollkommene rationale Durch- 
konstruktion darbietet, daß sie mit der gegenwärtigen gesellschaft- 
lichen Verfassung schlechterdings unvereinbar ist, die denn auch in 
all ihren kritischen Repräsentanten unbewußt sich zur Wehr setzt 
mid die Natur wider den Angriff des Bewußtseins zu Hilfe ruft, den sie 
bei Schönberg erfuhr. Mit ihm hat, zum ersten Male vielleicht in 
der Geschichte der Musik, Bewußtsein das musikalische Natur- 
material ergriffen und beherrscht es. Der Durchbruch des Bewußtseins 
aber ist bei ihm nicht idealistisch : nicht als Produzieren von Musik aus 
bloßem Geist zu verstehen. Vielmehr darf in strengem Sinn von 
Dialektik die Rede sein. Denn die Bewegung, die Schönberg vollzogen 
hat, geht aus von Fragestellungen, wie sie im Material selbst gelegen 
sind, und die Produktivkraft, die sie in Bewegung bringt, ist eine 
Triebrealität, nämlich der Drang zu unverstellter und ungehemmter 
Expression des Psychischen und gerade des Unbewußten, wie sie in 
Sehönbergs mittlerer Phase, der der „Erwartung", der „Glücklichen 
Hand" und der Kleinen Klavierstücke, sein Werk in unmittelbare Be- 
ziehung zur Psychoanalyse setzt. Das objektive Problem aber, das diesem 
Drang gegenüber liegt, ist dies : wie vermag das technisch durchgebil- 
detste Material — das also, das Schönberg von Wagner und andererseits 
von Brahms empfing — der radikalen Expression des Psychischen 
sich zu unterwerfen ? Das vermag es nur, indem es sich von Grund 
auf verändert : nämlich alle die vorgegebenen Bindungen aufgibt, die 
— Spiegelungen eines „Einverständnisses" der bürgerlichen Gesell- 
schaft mit der Psyche des Individuums, welches nun von dessen 
Leiden aufgekündigt wird — der Freizügigkeit des individuellen 
Ausdrucks im Wege stehen. Es sind das die überkommenen musi- 
kalischen Symmetrieverhältnisse in jedem Betracht, die auf einer 
wie immer gearteten Technik der Wiederholung basieren, und ihre 
Kritik ereignet sich, abermals in Übereinstimmung mit Karl Kraus, 
aber auch etwa den architektonischen Absichten von Adolf Loos 
als Kritik jeglichen Ornaments. Bei der Verschränktheit aller 
musikalischen Elemente bleibt diese Kritik nicht etwa bei der musi- 
kalischen Architektur, deren Symmetrie und Ornamentik sie 
negiert, stehen; sie geht ebenso auf das harmonische Korrelat der 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 111 

tektonischen Symmetrieverhältnisse, die Tonalität, die zugleich 
von der Dissonanz als dem Träger des radikalen Ausdrucksprinzips 
getroffen wird; mit dem Zerfall des tonalen Schemas emanzipiert 
sich der bislang akkordisch eingeengte Kontrapunkt und erzeugt 
jene Form von Polyphonie, die unter dem Namen der „Linearität" 
bekannt ist; schließlich wird auch der totale, homogene Klang, wie 
er von der Substanz des orchestralen Streichertuttis getragen war, 
angegriffen. Es ist nun die eigentlich zentrale und in der üb- 
lichen Betrachtungsweise niemals recht gewürdigte Leistung Schön- 
bergs, daß er schon von den frühsten Werken, etwa den Liedern op. 6 
an die expressive Kritik des vorgegebenen Materials und seiner 
Formen niemals „expressionistisch", durch selbstherrliches und rück- 
sichtsloses Einlegen subjektiver Intentionen ins heterogene Material 
vollzog, sondern daß jede Geste, mit der er ins materiale Gefüge 
eingreift, zugleich die präzise Antwort ist auf Fragen, welche das 
Material in Gestalt der materialeigenen Probleme an ihn richtet. 
Jede subjektiv-expressive Errungenschaft Schönbergs ist zugleich 
eine Auflösung objektiv-materialer Widersprüche, wie sie sowohl in 
der chromatischen Sequenztechnik Wagners wie der diatonischen 
Variationstechnik Brahmsens fortbestanden. Wenn der esoterische 
Schönberg nicht einer spezialisierten und gesellschaftlich irrelevanten 
Musikgeschichte als Geistesgeschichte vorbehalten ist, sondern in 
seiner materialen Dialektik auf die gesellschaftliche projiziert werden 
darf, so rechtfertigt sich das damit, daß er in Gestalt der materialen 
Probleme, die er übernahm und weitertrieb, die Probleme der Gesell- 
schaft vorfand, die das Material produzierte und in ihm ihre Wider- 
sprüche als technische Probleme aufstellte. Daß Schönbergs Lösungen 
der technischen Probleme trotz ihrer Isoliertheit gesellschaftlich 
belangvoll sind, erweist sich daran, daß er, trotz und vermöge seiner 
eigenen expressiven Ursprünge, in ihnen allen an Stelle der 
privaten Zufälligkeit, die man recht wohl als eine Art anarchischer 
Musikproduktion bezeichnen könnte, eine objektive Gesetzmäßigkeit 
rückte, die dem Material nicht von außen aufgezwungen, sondern 
aus ihm selber herausgeholt ist und es in geschichtlichem Prozeß 
rationaler Durchsichtigkeit annähert. Das ist der Sinn des Um- 
schlages, der technologisch als ,, Zwölf tonkomposition" figuriert. Im 
gleichen Augenblick, da das gesamte musikalische Material der 
Macht der Expression unterworfen ist, erlischt die Expression — 
als ob sie nur am Widerstand des subjekt-fremden, selber „entfrem- 
deten" Materials sich entzündete. Die subjektive Kritik der orna- 



112 



Theodor Wiesengrund-Adorno 



mentalen und Wiederholungsmomente zeitigt eine objektive, nicht- 
expressive Struktur, die an Stelle von Symmetrie und Wiederholung 
den Ausschluß der Wiederholung in der Zelle, nämlich die Verwendung 
aller zwölf Töne des Chromas vor der Wiederholung eines Tones 
daraus setzt und zugleich den „freien", zufälligen, konstruktiv un- 
gebundenen Einsatz irgendeines Tones verwehrt. Entsprechend 
tritt für die expressiv gebundene leittönige Harmonik eine komplemen- 
täre ein. Der äußersten Strenge des immanenten Gefüges ist zuge- 
ordnet radikale Freiheit von allen dinglichen, von außen der Musik 
gesetzten Normen, so daß sie wenigstens in sich selber die Entfremdung 
als eine von subjektiver Formung und objektivem Material aufgehoben 
hat und dem zustrebt, wofür Alois Häba den schönen Ausdruck 
„Musikstil der Freiheit" fand. Freilich überwindet sie die Ent- 
fremdung nach innen nur durch deren Vollendung nach außen. 
Und es wäre romantische Verklärung der Meisterschaft, auch der 
Schönbergs, der größten der gegenwärtigen Musik, Verkennung der 
heute unauflöslichen Aporien der Musik, wollte man annehmen, 
deren immanente Bewältigung sei tatsächlich bruchlos möglich. 
Denn mit der Textwahl zu seiner letzten Oper „Von heute auf morgen", 
einer Verherrlichung der bürgerlichen Ehe gegenüber der Libertinage, 
die „Liebe" und „Mode" bedenkenlos kontrastiert, unterstellt immer- 
hin Schönberg selber seine eigene Musik einer bürgerlichen Privat - 
Sphäre, die sie ihrer objektiven Beschaffenheit nach angreift. Ge- 
wisse klassizistische Neigungen in der großen Formarchitektur, wie 
sie sich beim letzten Schönberg verfolgen lassen, mögen in die gleiche 
Richtung weisen. Vor allem aber: es ist die Frage, ob das Ideal des 
geschlossenen, in sich ruhenden Kunstwerkes, das Schönberg von 
der Klassik übernahm und treu festhält, mit den Mitteln, die er 
auskristallisierte, noch vereinbar ist und ob es, als Totalität und 
Kosmos, sich überhaupt noch halten läßt. Mag immer in der tiefsten. 
Schicht Schönbergs Werk diesem Ideal entgegen sein — das Moment 
der Scheinlosigkeit zeugt dafür, das schon in seinem Kampf gegen 
die Ornamentik sich aussprach und mehr noch in der Nüchternheit 
seiner heutigen musikalischen Diktion, auch der der Texte — ; ma» 
selbst seinem Werk als dessen Geheimnis Kunstfeindschaft inne- 
wohnen: dem expliziten Anspruch nach will es mit historisch durch- 
rationalisierten Mitteln das Beethovensche, autonome, sich selbst 
genügende und symbolkräftige Kunstwerk noch einmal herbei- 
zwingen, und die Möglichkeit solcher Rekonstruktion ist, wie die der 
Krausschen Rekonstruktion einer reinen Sprache, zu bezweifeln. 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 113 

Hier, freilich nur hier und nicht in der Unpopularität seines Werkes 
stößt die gesellschaftliche Einsicht auf seine Grenze; auf die Grenze 
nicht sowohl seiner Begabung als vielmehr die der Funktion von 
Begabung überhaupt. Sie läßt sich musikalisch nicht mehr über- 
schreiten. An ihr hat Alban Berg, Schönbergs Schüler, sich ange- 
siedelt. Kompositionstechnisch stellt sein Werk gewissermaßen die 
rückwärtige Verbindungslinie zwischen dem vorgeschobenen Schön- 
bergschen oeuvre und der vorangegangenen Generation: Wagner, 
Mahler, in mancher Hinsicht auch Debussy dar. Diese Linie ist aber 
vom Schönbergschen Niveau aus gezogen: dessen technische Er- 
rungenschaften: extreme Variation und Durchkonstruktion, auch 
das Zwölftonverfahren sind auf das ältere, chromatisch-leittönige 
Material angewandt, ohne es, wie es im Werke Schönbergs geschieht, 
„aufzuheben": die expressive Funktion wird erhalten. Bleibt nun 
Berg damit mehr als Schönberg der bürgerlich-individualistischen 
Musik — in den herkömmlichen Kategorien der Stilkritik: der neu- 
deutschen Schule — verhaftet, so entringt er sich ihr in anderer 
Richtung, ebenso vollkommen wie Schönberg. Seine Dialektik trägt 
sich zu im Bereich des musikalischen Ausdrucks, der nicht, wie die 
Anwälte einer leer-kollektivistischen Neusachlichkeit ohne Unterlaß 
proklamieren, ohne weiteres als „individualistisch" verworfen werden 
kann. Die Frage nach dem Ausdruck läßt sich statt dessen nur konkret, 
nur nach dem Substrat des Ausdrucks, dem Ausgedrückten, und 
nach der Bündigkeit des Ausdrucks selber beantworten. Wird diese 
Frage im Bereich der bürgerlich-individualistischen Ausdrucksmusik 
ernstlich gestellt, so zeigt sich, daß diese Ausdrucksmusik nicht nur als 
Musik, sondern ebenso auch als Ausdruck fragwürdig ist: daß, ähnlich 
wie in einem großen Teil der „psychologischen" Romanliteratur des 
19. Jahrhunderts, gar nicht die psychische Realität des Bezugs- 
subjekts, sondern eine fiktive, stilisierte und in vielem Betracht 
gefälschte ausgedrückt ward. Auf diesen Sachverhalt deutet in der 
Musik die Verschränkung des psychologischen Ausdrucks- mit 
dem Stilbegriff der Romantik hin. Gelingt es nun der Musik, das 
fiktive psychologische Substrat, also vorweg das heroisch-erotische 
Menschenbild Wagners zu durchstoßen und ins reale Substrat einzu- 
dringen, so ändert sich die Funktion der Musik dem bürgerlichen 
Individuum gegenüber. Sie will es dann nicht mehr verklären und 
als Norm statuieren, sondern seine Not und sein Leiden aufdecken, 
die von der Konvention, der musikalischen nicht anders als der 
psychologischen, verborgen werden; indem sie die Not — oder die 

Zeitschrift für Sozialforschung R 



114 Theodor Wiesengrund- Adorno 

Gemeinheit — des Individuums ausspricht, ohne es in seiner Iso- 
lierung zu belassen, sondern indem sie es zugleich objektiviert, kehrt 
sie sich schließlich gegen die Ordnung der Dinge, in der sie zwar als 
Musik entspringt wie das ausgedrückte Individuum als Individuum, 
die aber in ihr zum Bewußtsein ihrer selbst und ihrer Verzweiflung 
gelangt. Sobald solche Musik, ihrerseits inhaltlich der Psychoanalyse 
verwandt genug und nicht umsonst in den Regionen von Traum und 
Wahnsinn beheimatet, die konventionelle Ausdruckspsychologie tilgt, 
kehrt sie sich zugleich auch gegen die konventionelle Formensprache 
der Musik, die jener Psychologie entspricht, zerfällt deren Ober- 
flächenzusammenhänge und baut aus den Partikeln des musikalischen 
Ausdrucks musikalisch-immanent eine neue Sprache, die trotz des 
gänzlich verschiedenen Weges mit der konstruktiven Schönbergs kon- 
vergiert. Diese Dialektik trägt im Werke Bergs sich zu, und sie 
allein läßt seine Komposition von Büchners Trauerspiel „Wozzeck" 
in ihrer Tragweite verstehen. Wenn eine Parallele zur bildenden 
Kunst erlaubt ist : Berg verhält sich zur Ausdrucksmusik des späteren 
19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wie die Porträts Kpkoschkas 
zu denen der Impressionisten. Die wahrhafte Darstellung der individu- 
ellen Psyche, der bürgerlichen und der vom Bürgertum produzierten 
proletarischen, schlägt mit dem Wozzeck in die gesellschaftskritisch.e 
Intention um, ohne freilich den Rahmen der ästhetischen Immanenz 
zu sprengen. Dabei ist es das tiefe Paradoxon Bergs, in dem die 
gesellschaftliche Antinomik werk-immanent sich abzeichnet, daß 
diese kritische Wendung gerade im Bezug auf ein vergangenes und. 
von seiner Kritik nun transparent gemachtes Material möglich wird. 
So stellt es in einem der bedeutendsten Teile des Wozzeck, der großen 
Wirtshausszene sich dar, und hier überschneidet sich sein Verfahren 
mit dem surrealistischen. Dieser Bezug ist es zugleich, der bislang 
Bergs Werk, zumindest das dramatische, vor der vollkommenen 
Isolierung behütet hat und ihm beim bürgerlichen Publikum eine 
gewisse Resonanz schuf, die, mag sie immer im Mißverständnis des 
Wozzeck als des letzten „Musikdramas" Wagnerischer Provenienz 
gründen, durch die Kanäle des Mißverstehens ins herrschende Be- 
wußtsein einiges von dem einsickern ließ, was als dunkler und ge- 
fährlicher Strom im Wozzeck aus den Höhlen des Unbewußten ent- 
springt. — Es ist in diesem Zusammenhang schließlich in Kürze des 
dritten Repräsentanten der Schönbergschule zu gedenken, dessen 
gesellschaftliche Interpretation, so fraglos die außerordentliche 
musikalische Qualität steht, einstweilen noch die größte Schwierigkeit 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 115 

bereitet und hier nicht einmal versucht werden darf : Anton Weberns. 
Einsamkeit und Entfremdung der Gesellschaft gegenüber, bei Schön- 
berg durch die Formstruktur des Werkes bedingt, werden ihm the- 
matisch und zum Inhalt: die Aussage des Unaussagbaren, also der 
vollkommenen Entfremdung ist mit jedem Laut seiner Musik gemeint. 
Wollte man den für die Schönberg- Schule konstitutiven Grundbegriff 
der immanenten Dialektik auf Webern anwenden: man müßte mit 
einem Untertitel Kierkegaards, der Webern nahe genug liegt, von 
„dialektischer Lyrik" reden. Denn hier wird die äußerste individuelle 
Differenzierung, eine Auflösung des vorgegebenen Materials, die 
musikalisch noch über Schönberg und expressiv noch über Berg 
hinausgeht, zu keinem anderen Zweck geübt als dem : eine Art Natur- 
sprache der Musik, den reinen Laut freizumachen, wie er dem Rück- 
griff auf ein Natur mat er ial, also die Tonalität und die „natürlichen" 
Oberton Verhältnisse, unweigerlich sich versagte. Das Bild der Natur 
in geschichtlicher Dialektik zu produzieren : das ist die Absicht seiner 
Musik und das Rätsel, das sie aufgibt ; das, als Rätsel, zu jeder positiven 
Natur-Romantik als Antwort gänzlich konträr steht. Es wird erst 
später sich dechiffrieren. 

Zur Meisterschaft Schönbergs und seiner Schule setzt die genaue 
Antithesis die Virtuosität Strawinski] s und seines Gefolges; zur 
Scheinlosigkeit das Spiel; zur gebundenen Dialektik, deren Substrat 
umschlagend sich verwandelt, der verführerisch-beliebige Wechsel der 
Masken, deren Träger dafür identisch, aber nichtig bleibt. Die Musik 
des Objektivismus ist gesellschaftlich um soviel durchsichtiger denn 
die der Schönberg- Schule, als sie sich technologisch weniger dicht in 
sich verschließt. Darum hat die gesellschaftliche Interpretation des Ob- 
jektivismusgerade von dessen technischer Verfahrungsweise auszugehen. 
Technisch wird in jeglicher objektivistischen Musik der Versuch ge- 
macht, die Entfremdung der Musik von innen her, also ohne Ausblick 
auf die gesellschaftliche Realität zu korrigieren: nicht aber durch 
Weiterverfolgung ihrer immanenten Dialektik, die als individualistisch- 
überdifferenziert — Strawinski j hat, absurd genug, Schönberg einmal 
mit Oscar Wilde verglichen — , intellektualistisch-abstrakt und natur- 
entfremdet gescholten wird. Sondern die musikimmanente Korrektur 
der Entfremdung wird erhofft von einem Rückgriff auf ältere, durch- 
wegs vorbürgerliche Musikformen, in denen man einen urtümlichen 
Naturstand der Musik, man könnte sagen: eine musikalische Anthro- 
pologie behaupten möchte, der, zugehörig dem Wesen Mensch und 
seiner leibhaften Konstitution — daher die Neigung alles Objektivis- 



116 Theodor Wiesengrund- Adorno 

mus zu Tanzforinen und im Tanz entspringender Rhythmik — , dem 
geschichtlichen Wechsel enthoben und jederzeit zugänglich sein soll. 
Vom stilhistorisch prägnanten Begriff der Romantik, mit einer 
extremen Formel: dem ,, Legendenton" Schumanns unterscheidet der 
Objektivismus sich dadurch, daß er nicht sowohl einen vergangenen 
musikalischen Zustand als positiv dem negativen gegenwärtigen 
gegenüberstellt und sehnsüchtig ihn wiederherzustellen trachtet, als 
vielmehr im Vergangenen das Bild eines schlechterdings Gültigen 
konstruiert, das heut und hier wie jederzeit zu realisieren sei. Darum 
hat der Objektivismus in seinen theoretischen Äußerungen gerade die 
Romantik aufs heftigste befehdet. Das besagt aber praktisch-musi- 
kalisch nichts anderes, als daß der Rückgriff des Objektivismus auf 
seine historischen Modelle, sei es nun echte und falsche bäuerliche 
Volksmusik, mittelalterliche Polyphonie oder der „vorklassische" 
Konzertatstil, nicht einfach auf Wiedereinsetzung jener Modelle 
abzielt: nur in Ausnahmefällen hat der Objektivismus, als Stilkopie, 
um solche Wiedereinsetzung sich bemüht. In der Breite seiner Pro- 
duktion aber strebt der Objektivismus, als „neue Sachlichkeit" seine 
Arriviertheit und Zeitgemäßheit geflissentlich betonend, die alten 
und vermeintlich ewigen Modelle gerade auf das aktuelle Material 
anzuwenden: das gleiche harmonisch-freizügige, zur Polyphonie 
prädisponierte, vom Ausdruckszwang emanzipierte Material, wie es 
aus der Dialektik der Schönbergschule hervorgeht und undialektisch, 
vom Objektivismus übernommen wird. Die vor-arbeitsteilige, statisch- 
naturhafte Formung eines höchst differenzierten, in sich alle Merkmale 
der Arbeitsteilung aufweisenden Materials: das ist das Ideal des 
musikalischen Objektivismus. 

Damit drängen unabweislich aktuelle gesellschaftliche Analo- 
gien sich auf. Die ständisch-korporative Gliederung eines hoch- 
industriellen Wirtschaftszusammenhanges: sie scheint in der ob- 
jektivistischen Musik konform abgebildet, und wie im Faszismus 
über den „Organismus" der Gesellschaft eine „Führerelite", in Wahr- 
heit nämlich die Monopolkapitalisten gebieten, so gebietet über den 
vorgeblich musikalischen Organismus in Freiheit der souveräne 
Komponist ; wann eine Dissonanz einzuführen, wann ein Vorhalt auf- 
zulösen sei, darüber entscheidet weder ein vorgesetztes Schema, das 
ja durchs aktuelle Material außer Kraft gesetzt ist, noch die Immanenz 
des Gefüges, deren rationale Zwangsmäßigkeit gerade im Namen der 
Natur verneint wird, sondern einzig das Belieben, näinlich der „Ge- 
schmack" des Komponisten. So verlockend nun aber die Analogie ist 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 117 

und so viel sie vom wahren Sachverhalt erschließt: Erkenntnis darf 
sich ihr nicht ohne Widerstand überlassen. Zwar ist bei dem russischen 
Emigranten Strawinski] selber oder gar einem kunstpolitisch ambi- 
tionierten Neoklassizisten wie Casella der Zusammenhang mit dem 
Faszismus außer Frage. Jedoch die gesellschaftliche Interpretation 
von Musik hat es nicht mit dem individuellen Bewußtsein der Autoren 
sondern mit der Funktion ihres Oeuvres zu tun. Und da ergeben sich 
Schwierigkeiten. Zunächst müßten für die Beziehung Objektivismus- 
Faszismus, soll sie real verstanden werden, die Vermittlungskategorien 
gefunden und die Vermittlung expliziert werden. Der Vermittlungs- 
mechanismus ist aber noch unbekannt. Er könnte sich am ehesten 
erschließen einer Analyse des Sachverhalts der Mode, die — wie es im 
Fall Strawinskijs etwa seine allgemein geläufigen Abhängigkeiten 
dartun — wesentliche Formelemente des Neoklassizismus nicht in 
immanent-technischen Fragestellungen sich ausprägen ließ, sondern 
sie zunächst von außen hereinwarf, bis sie dann in die technische 
Immanenz des Kunstwerkes übergeführt wurden. Die Mode selbst 
aber weist einsichtig auf gesellschaftlich-ökonomische Tatsachen 
zurück. Indessen es ist damit nicht sowohl eine Lösung des Ver- 
mittlungsproblems für die Musik angegeben als vielmehr nur der 
Ort des Problems genauer bezeichnet. Weiter jedoch ergeben sich 
für die gesellschaftliche Interpretation des Objektivismus auf den 
Faszismus inhaltliche Schwierigkeiten. Und zwar durch den gleichen 
Sachverhalt der Entfremdung, dessen immanent-ästhetische Be- 
seitigung oder Verdeckung der Objektivismus sich zur Aufgabe gestellt 
hat. Gesetzt nämlich, er wäre in der Tat der Intention und objektiven 
Struktur nach die Musik der fortgeschrittensten monopolkapi- 
talistischen Schicht: sie vermöchte ihn trotzdem nicht zu konsumieren 
und nicht zu verstehen. Indem der Objektivismus die Entfremdung 
nur im Bilde zu beseitigen trachtet, läßt er sie in der Realität un- 
verändert bestehen. Die technische Spezialisierung der Musik ist 
so weit gediehen, daß das Publikum eine Musik selbst dann nicht 
mehr adäquat zu begreifen vermag, wenn sie objektiv seine eigene 
Ideologie ist. Dazu kommt, daß ideologische Mächte anderer Art 
wie der Begriff der „Bildung" als einer Akkumulation von geistigem 
Gut aus der Vergangenheit auf das Publikum auch musikalisch weit 
stärker wirken als die unmittelbare Ausformung seiner Gesellschafts- 
ideale in der Musik; allzufremd ist es bereits der Musik geworden, 
um solcher Ausformung noch zentralen Wert beizumessen. Mag immer 
die Musik Strawinskijs großbürgerliche Ideologien unvergleichlich 



118 Theodor Wiesengrund- Adorno 

viel genauer widerspiegeln als etwa die von Richard Strauß als des 
großbürgerlichen Komponisten der letzten Generation: das Groß- 
bürgertum wird trotzdem Strawinskij als „Destrukteur" bearg- 
wöhnen und an seiner Statt lieber Richard Strauß und noch lieber 
Beethovens Siebente Synphonie hören. So kompliziert Entfremdung 
die gesellschaftliche Gleichung. Sie kommt aber auch immanent- 
ästhetisch zutage — und hier mag der wahre Ursprung des Mißtrauens 
der Großbürger gegen „ihre" Musik zu suchen sein. Dem Belieben 
nämlich, mit dem der Komponist über sein Material zu schalten 
vermag, ohne daß es objektiv verbindlich vorgeformt wäre, ohne daß 
aber auch die innere Gefügtheit des musikalischen Gebildes selber 
über musikalisches Recht und Unrecht eindeutig richtete — diesem 
schlechten Belieben entspricht die Unstimmigkeit des Gebildes bei 
sich selber, in dem der Widerspruch zwischen der beschworenen 
Formintention und dem tatsächlichen Materialstand unaufgelöst 
bleibt. 

Am gerechtesten wird ihm noch ein Kompositionsverfahren, 
das, wie etwa der bedeutende ungarische Komponist und Volks- 
liedforscher Bela Bartok, auf die Fiktion von Formobjektivität 
verzichtet und statt dessen auf ein vor-objektives, wahrhaft archaisches 
Material zurückgreift, das aber gerade in seiner partikularen Aufge- 
löstheit dem aktuellen überaus nahesteht, so daß ein radikaler Folk- 
lorismus in der rationalen Durchkonstruktion von partikularem 
Material der Schönbergschule sich erstaunlich angleicht. Bar- 
tok aber ist im Räume des Objektivismus durchaus singulär- 
schon bei seinem früheren Mitarbeiter Kodäly ist die echte Folklore 
zu einem romantischen Wunschbild ungeteilt-völkischen Lebens 
verfälscht, das durch den Kontrast urtümelnder Melodik und sinnlich- 
weicher, spätimpressionistischer Harmonik sich selber denunziert. 
Vor solcher Demaskierung ist Strawinskij s Maskenspiel durch den 
genauesten und vorsichtigsten Kunstverstand geschützt. Es ist 
seine große und gefährliche, auch für ihn selbst gefährliche Leistung, 
daß seine Musik das Wissen um ihre zwangsmäßige Antinomik nutzt 
indem sie sich als Spiel gibt; niemals aber blank als Spiel, niemals als 
offenes Kunstgewerbe : sondern sich in einer steten Schwebe zwischen 
Spiel und Ernst wie zwischen den Stilen hält, die es fast unmöglich 
macht, sie beim Namen zu rufen und in der die Ironie jede Durch- 
schaubarkeit der objektivistischen Ideologie verhindert, der Hinter- 
grund einer Verzweiflung aber, der jeder Ausdruck erlaubt ist, weil 
ihr keiner eindeutig zukommt, das Maskenspiel von der Tiefe 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 119 

seines düsteren Hintergrundes abhebt. Dies Schwanken, darin jeden 
Augenblick das Spiel Ernst werden, ins satanische Gelächter um- 
schlagen kann und mit der Möglichkeit nichtentfremdeter Musik die 
Gesellschaft verhöhnt: dies ist es, was die Aufnahme Strawinskijs 
als des Modekomponisten, dessen Prätention gleichzeitig seine Musik 
erhebt, unmöglich macht. Gerade die artistische Sicherheit, mit der 
er die Unmöglichkeit einer positiv-ästhetischen Lösung der gesell- 
schaftlich bedingten Antinomien anerkennt, damit aber die gesell- 
schaftliche Antinomik selber, macht ihn dem Großbürgertum suspekt 
und provozierte bei seinen besten und exponiertesten Stücken, wie 
der Histoire du soldat, Widerspruch. Strawinskijs Überlegenheit im 
Metier gegenüber allen anderen objektivistischen Autoren gefährdet 
die ungebrochene ideologische Positivität seines Stiles, wie sie die 
Gesellschaft von ihm verlangte : so wird auch bei ihm die artistische 
Folgerichtigkeit gesellschaftlich-dialektisch. Den Verdacht der 
herrschendenMächte gegen großstädtische „Atelier"-Kunst, decadence 
und Zersetzung scheint er erst mit der gewalttätigen Theologie der 
Psalmensymphonie abgewehrt zu haben. 

Es ist die wesentliche gesellschaftliche Funktion Hindemiths, 
den Objektivismus Strawinskijs durch die Naivität zu entgiften, mit 
der er ihn übernimmt. Sein Objektivismus gibt sich ungebrochen- 
ernst; die artifizielle Sicherheit wird zur handwerkerlichen Biederkeit, 
wobei die Idee des Handwerkers als eines „Musikanten" wieder dem 
Ideal eines nicht-arbeitsteiligen Produktionsstandes entspricht, der 
in der Musik die Differenz von Produktion und Reproduktion nicht 
kenne; die satanische Ironie zum „gesunden Humor , dessen Ge- 
sundheit auf den unreflektierten Naturstand des Objektivismus 
deutet, den das Grinsen der Strawinski j sehen Masken verstörte, 
während der Humor, gegenüber der aggressiven, sei's avantgar- 
distischen, sei's snobistischen Ironie, seine prinzipielle Versöhnlichkeit 
mit den gesellschaftlichen Verhältnissen einbekennt. Die Stra- 
winskijsche Verzweiflung aber, eine sehr geschichtliche Verzweiflung, 
die in der „Histoire du soldat" bis zur Grenze der Schizophrenie ge- 
trieben ist, als Ausdruck einer Subjektivität, welche nur noch von 
Fetzen und Gespenstern der vergangenen objektiven Musiksprache 
erreicht wird — diese Verzweiflung moderiert sich bei Hindemith 
zu einer bloß naturhaften, ungelösten, aber auch undialektischen 
Schwermut, die auf den Tod als einen ewigen Sachverhalt blickt gleich 
manchen Intentionen der zeitgenössischen Philosophie, als „existen- 
tiell" den konkreten gesellschaftlichen Widersprüchen ausweicht und 



120 Theodor Wiesengrund-Adorno 

damit dem anthropoogisch-außergeschichtlichen Ideal des Objektivis- 
mus willig sich einordnet. Strawinskij hat die gesellschaftlichen 
Widersprüche in die künstlerische Antinomik aufgenommen und 
gestaltet; Hindemith verdeckt sie, und dafür gerät ihm die blinde 
Gestalt widerspruchsvoll. Der schärfere technische Blick, der die 
Oberfläche lückenlos ineinandergeschlossener Bewegungen und un- 
trüglich instrumentensicherer Klangfaktur zu durchdringen vermao-, 
wird allerorten der Brüchigkeit des Hindemithschen Verfahrens inne : 
der Differenzen zwischen zufälligem Motivmaterial und behaupteter 
Formgesetzlichkeit; zwischen der prinzipiellen ünwiederholbarkeit 
der Elemente und den Wiederholungsformen, die sie äußerlich zu- 
sammenfassen ; zwischen der Terrassenarchitektur im großen und 
der Wahllosigkeit, mit welcher die Terrassen im einzelnen angelegt sind 
und angelegt sein müssen, eben weil die „objektive' 1 Architektur nicht, 
als eine vorgegebene, die einzelnen Produktionsmomente apriorisch, 
umfängt, sondern ihnen von der kompositorischen Willkür auf- 
geklebt wird, falsche Fassade im Zeichen der neuen Sachlichkeit. 
Zufällig bleibt hier, wie bei Strawinskij und gewiß der Schar der 
Gefolgsleute, der Gehalt des Objektivismus; zufällig, das will sagen, 
auswechselbar nach dem wechselnden ideologischen Bedürfnis und 
nicht eindeutig vorgezeichnet von einer gesellschaftlichen Verfassung, 
die an keiner Stelle der ordo ist, für den die Musik zeugen möchte, 
sondern eine Klassenordnung, die die Musik im Zeichen ihrer Mensch- 
lichkeit verdecken soll. Bald wird bloße Formobjektivität ohne allen 
Gehalt, in ihrer Leere, als Gehalt ausgegeben, Objektivität um der 
Objektivität wülen wie häufig bei Strawinskij, und dabei die dunkle 
Leere als irrationale Naturmacht gepriesen; bald wird sie, wie bei 
Hindemith, als Beleg einer Gemeinschaft angeführt, wie sie zwar als 
kleinbürgerlicher Protest gegen die kapitalistischen Mechanisierungs- 
formen sich ausbilden und als Jugendbewegung auch auf die Pro- 
duktion einwirken mag, dem kapitalistischen Produktionsprozeß aber 
lediglich ausweicht. Bald soll die Musik tönendes Spiel sein, das die 
Menschen entspannt oder ihre Gemeinschaft stiftet, bald soll sie als 
kultischer oder existentieller Ernst ihnen begegnen, wie in jenem 
Augenblick, als die Kritik von dem damals noch aggressiveren Hinde- 
mith „Vertiefung" verlangte, welchem Verlangen er mit der Kompo- 
sition des Rilkeschen Marienlebens entsprach. Die Gehalte des musi- 
kalischen Objektivismus sind so divergent wie die Interessen der herr- 
schenden Mächte der Gesellschaft, und vollends eine Differenz wie. 
die von Groß- und Kleinbürgertum — die Begriffe so vag gebraucht,. 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 121 

wie es der Stand der gesesllchaftlichen Erkenntnis einstweilen noch 
vorschreibt — spiegelt in den objektivistischen Produktionen sich 
deutlich wieder; die Frage nach der „Vermittlung" wäre auch hier 
zu stellen. Gemeinsam ist den objektivistischen Musiken nur eines: 
die Intention der Ablenkung vom gesellschaftlichen Zustand. 
Den einzelnen will sie glauben machen, er sei nicht einsam, sondern 
mit den anderen in einer Verbundenheit, die die Musik ihm vorführt, 
ohne ihre gesellschaftliche Funktion zu bestimmen; die Gesamtheit 
will sie, durch ihre bloße Transformation ins tönende Medium, als 
eine sinnvolle, das individuelle Schicksal positiv erfüllende vor- 
stellen. Grund und Sinn aber des Verbundenseins sind auswechselbar. 
Soweit die Intention der Ablenkung real gemeint und nicht bloß 
Spiegelung von Wünschen im isoliert-ästhetischen Bereich ist, darf 
sie als mißlungen gelten. Das Kleinbürgertum, um welches mit 
Singgemeinden und Spielgruppen, „Musikantengilden" und Arbeits- 
kollektiven der Objektivismus intensiv warb, hat für den Absatz völlig 
versagt. Die Not der kapitalistischen Krise hat die vom Objektivismus 
oder seinen Popularisatoren gemeinten Schichten auf andere, hand- 
lichere Ideologien verwiesen als die inhaltlich recht unbestimmten und 
kompliziert geschalteten des Objektivismus. Sie werden kaum Neigung 
spüren, den „esoterischen" Schönberg vom „musikantischen" Hinde- 
mith zu unterscheiden, beide mitsamt der Jazzmusik als kultur- 
bolschewistisch ablehnen und sich ihrerseits an die auferstandenen 
Militärmärsche halten. 

Es ist damit bereits das Wesentliche vorweggenommen zur gesell- 
schaftlichen Problematik derjenigen Typen, die die Tatsache der 
Entfremdung nicht mehr im ästhetischen Bilde meistern, sondern 
real überwinden wollen durch Einrechnung des tatsächlichen gesell- 
schaftlichen Bewußtseinsstandes ins kompositorische Verfahren: 
durch Verwandlung des musikalischen terminus a quo in einen 
gesellschaftlichen terminus ad quem. Zu solchem Verfahren tendiert 
auf seinen niedrigeren Stufen merkbar bereits der Objektivismus; 
sprunglos verwandelt sich ihm die Forderung nach ästhetisch- 
immanent gemeinschaftsmäßiger Musik in die nach ästhetisch ge- 
hobener Gebrauchsmusik. Wenn solchem Verfahren und dem 
schlechten Ideal des Gehobenen gegenüber Kurt Weill als Re- 
präsentant des musikalischen Surrealismus sich weit überlegen 
zeigt, so rührt das daher, daß er, in besserer Kenntnis des gesell- 
schaftlichen Zustandes, nicht sowohl die positive Veränderung der 
Gesellschaft durch Musik als möglich annimmt als vielmehr ihre 



1 22 Theodor Wiesengrund- Adorno 

Enthüllung. Er präsentiert nicht den Menschen eine primitivierte 
Kunstmusik zum Gebrauch, er hält ihnen ihre eigene Gebrauchs- 
musik im Zerrspiegel seines künstlerischen Verfahrens vor und zeigt 
sie als Ware. Nicht umsonst steht der Stil der Dreigroschenoper und 
von „Mahagonny" der „Histoire du soldat" näher als Hindemith: 
ein Stil der Montage, welche die „organische" Oberflächengestalt 
des Neoklassizismus aufhebt und Trümmer und Bruchstücke an- 
einander rückt oder die Falschheit und Scheinhaftigkeit, die heute 
an der Harmonik des 19. Jahrhunderts zutage kommt, real aus- 
komponiert durch Zusatz falscher Töne. Der Chok, mit welchem 
Weills Kompositionsverfahren die gewohnten kompositorischen Mittel, 
überbelichtet, als Gespenster präsentiert, wird zum Schrecken über 
die Gesellschaft, aus der sie entspringen und zugleich zur Negation 
der Möglichkeit einer positiven Gemeinschaftsmusik, die im Gelächter 
der teuflischen Vulgär- als der wahren Gebrauchsmusik zusammen- 
bricht. Mit den Mitteln vergangenen Scheines bekennt das gegen- 
wärtige kompositorische Verfahren sich selbst als scheinhaft, und 
im grellen Schein wird die Chiffernschrift eines gesellschaftlichen 
Zustandes lesbar, der nicht nur jede Beschwichtigung im ästhetischen 
Bilde verwehrt und samt seinen Widersprüchen darin wiederkehrt, 
sondern den Menschen so nah auf den Leib rückte, daß er nicht einmal 
Frage und Versuch des autonomen Kunstwerkes mehr zuläßt. Be- 
wundernswert, welche qualitative Fülle von Ergebnissen Weill mit 
Brecht aus dieser Konstellation entwickelte, welche Neuerungen 
des Operntheaters im Blitzlicht von Momenten angelegt sind, 
die zugleich dialektisch sich gegen die Möglichkeit des Operntheaters 
überhaupt kehren. Fraglos ist Weills Musik heute die einzige von 
echter gesellschaftlich-polemischer Schlagkraft, solange sie auf der 
Spitze ihre Negativität sich hält ; sie hat sich auch als solche erkannt 
und eingeordnet. Ihre Problematik rührt daher, daß sich auf dieser 
Spitze nicht verbleiben läßt; daß der Musiker Weill den Bindungen 
einer Arbeitsweise auszuweichen trachten muß, die von der Musik aus 
notwendig „literarisch" erscheint wie die Bilder der Surrealisten. 
Das Publikumsmißverständnis, das die Songs der Dreigroschenoper, 
die doch sich selbst und dem Publikum feind sind, friedlich als Schlager 
konsumierte, mag als Mittel dialektischer Kommunikation legitimiert 
sein. Der weitere Gang der Dinge aber läßt Zweideutigkeit als Gefahr 
erkennen: der vordem enthüllte Schein spielt in falsche Positivität, 
die Destruktion in Gemeinschaftskunst im Rahmen des Bestehenden 
hinüber, und hinter der höhnischen Primitivität wird, herbeigelockt 



V 



Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 123 

von ihrer Schmerzlichkeit, der naturgläubige Primitivisinus eines 
Rückgriffs nun nicht mehr auf alte Polyphonie, wohl aber auf Hän- 
deische Homophonie sichtbar. Doch steht gerade der Experimentator 
Weill jeglichem Glauben ans unbewußt Organische so gründlich fern 
daß sich damit rechnen läßt, er werde der Gefahr des Ungefährlichen 
nicht erliegen. 

Ihr ist die Gemeinschafts- und Gebrauchsmusik im weitesten 
Umfang verfallen. Indem ihre Aktivität an der falschen Stelle bei 
der Musik anstatt bei der Gesellschaft, ansetzt, versäumt sie beide. 
Denn das menschliche Miteinander, von dem sie ausgeht, ist in der 
kapitalistischen Gesellschaft fiktiv und wo es etwa real sein mag, ohn- 
mächtig gegenüber dem kapitalistischen Produktionsprozeß ; die 
Fiktion von „Gemeinschaft" in der Musik verbirgt ihn, ohne ihn zu 
verändern. Zugleich ist die Gemeinschaftsmusik innermusikalisch 
reaktionär: in gleicher Richtung wie der Objektivismus, nur weit 
gröber lehnt sie die dialektische "Weiterbewegung des musikalischen 
Materials als „intellektuell" oder „individualistisch" ab und zielt auf 
einen schlechten, statischen Naturbegriff in der Restitution der 
Unmittelbarkeit: den „Musikanten". Anstatt die — gewiß berechtigte 
— Kritik am Individualismus dialektisch zu üben und ihn mit der 
Korrektur seiner immanenten Widersprüche zu korrigieren, aber als 
notwendige Stufe der Befreiung der Musik für die Menschen anzu- 
erkennen, wird hier allenthalben auf eine primitive, vorindivi- 
dualistische Stufe rekurriert, ohne daß auch nur noch die neoklassi- 
zistische Frage nach der Umformung des Materials mehr gestellt wäre. 
Der gründende Irrtum liegt in der Auffassung der Funktion von 
Musik dem Publikum gegenüber. Dessen Bewußtsein wird verab- 
solutiert: in der kleinbürgerlichen Gemeinschaftsmusik als „Natur' , 
in der klassenbewußt-proletarischen, wie etwa Eisler sie vertritt, als 
proletarisches Klassenbewußtsein, das bereits heute und hier positiv 
genommen wird. Dabei ist verkannt, daß eben die Forderungen, 
nach denen hier die Produktion sich richten soll, Singbarkeit, Ein- 
fachheit, kollektive Wirksamkeit als solche, notwendig geknüpft sind 
an einen Bewußtseinsstand, der durch die Klassenherrschaft derart 
gedrückt und gefesselt ist — keiner hat das extremer formuliert als 
Marx — , daß er, soll sich die Produktion einseitig an ihm orientieren, 
zur Fessel der musikalischen Produktivkraft wird. Die immanent- 
ästhetischen Resultate der bürgerlichen Geschichte, auch der der 
letzten fünfzig Jahre, können nicht einfach von der proletarischen 
Kunsttheorie und -praxis beiseite geschoben werden, will sie nicht 






124 Theodor Wiesengrund- Adorno, Zur gesellschaftlichen Lage der Musik 

einen von der Klassenherrschaft produzierten Zustand in der Kunst 
verewigen, dessen Abschaffung in der Gesellschaft das unverrückbare 
Ziel des proletarischen Klassenkampfes ist. Dabei wird die Fügsamkeit 
der Gemeinschaftsmusik gegenüber dem gegenwärtigen Bewußtsein 
von diesem selber Lügen gestraft, weil es den Tonfilmschlager vom 
kleinen Gardeoffizier immer noch Heber gebraucht als eine populär 
gedachte Gemeinschaftsmusik zur Verherrlichung des Proletariats. 
Der agitatorische Wert und damit das politische Recht proletarischer 
Gemeinschaftsmusik wie etwa der Eislerschen Chöre steht außer 
Frage, und nur utopisch-idealistisches Denken könnte an ihrer Statt 
eine innerlich der Funktion des Proletariats angemessene, ihm selber 
aber unverständliche Musik fürs Proletariat fordern. Sobald aber diese 
Musik aus der Front der unmittelbaren Aktion heraustritt, reflektiert 
und sich als Kunstform setzt, ist unverkennbar, daß die produzierten 
Gebilde gegenüber der fortgeschrittenen bürgerlichen Produktion nicht 
standhalten und sich als fragwürdige Mischung aus Abfällen inner- 
bürgerlich überholter Stilformen, selbst der kleinbürgerlichen Männer- 
chorliteratur, und aus Abfällen der fortgeschrittenen „neuen" Musik 
darsteUen, die durch die Mischung um die Schärfe des Angriffs wie 
um die Bündigkeit jeder technischen Formulierung gebracht werden. 
Denkbar wäre an Stelle solcher Zwischenlösungen, daß man etwa in 
Umlauf befindlichen Melodien der bürgerlichen Vulgärmusik neue 
Texte unterlegte, um sie auf diese Art dialektisch „umzufunktio- 
nieren". Immerhin verdient es Aufmerksamkeit, daß in der Figur des 
bislang konsequentesten proletarischen Komponisten, Eisler, die Schön- 
bergschule, aus der er hervorging, mit Bestrebungen sich berührt, die 
scheinbar ihr konträr entgegengesetzt sind. Damit diese Berührung 
fruchtbar würde, müßte der Gebrauch seine Dialektik finden: es 
müßte die Musik sich nicht passiv-einseitig nach dem Stand des 
Verbraucherbewußtseins, auch des proletarischen, richten, sondern 
mit ihrer Gestalt selber aktiv ins Bewußtsein eingreifen. 

Ein zweiter Teil folgt. 



Geschichte und Psychologie. 

Von 
Max Horkheimer (Frankfurt a. M.). 

Vortrag, gehalten in der Kant-Gesellschaft Frankfurt a. M. 

Das Verhältnis von Geschichte und Psychologie ist im Laufe der 
letzten Jahrzehnte viel erörtert worden. Sie erwarten von mir aber 
weder einen Bericht über die in der Literatur geführten, zum Teil 
berühmten Diskussionen noch eine systematische Entwicklung der 
verschiedenen Aspekte, die das Problem heute darbietet, sondern die 
Kennzeichnung der Rolle, die der Psychologie im Rahmen einer dem 
Stand der Sozialwissenschaften angemessenen Geschichtstheorie zu- 
kommt. Zu diesem Zweck muß der Geschichtsbegriff erklärt werden, ' 
von dem hier Gebrauch gemacht wird. In der Philosophie erschwert 
nämlich die Geltung mehrerer Bedeutungen von Geschichte, die 
heterogenen geistigen Absichten zugeordnet sind, auch die Ver- 
ständigung über jede Einzelfrage. 

Vor allem werden zwei logisch verschiedene Geschichtsbegriffe 
einander entgegengesetzt. Der erste stammt aus den sich auf Kant 
berufenden Systemen, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahr- 
hunderts als Reaktion gegen materialistische Tendenzen in Wissen- 
schaft und Gesellschaft entstanden sind. Die Gemeinsamkeit ihrer 
Lehre lag darin, den Sinn von Natur, Kunst, Geschichte nicht aus 
unmittelbarer Vertiefung in diese Gebiete selbst, sondern aus einer 
Analyse der ihnen entsprechenden Erkenntnis zu gewinnen. Aus der 
Grundansicht dieser Philosophie, daß die Welt einen subjektiven 
Ursprung habe, ergab es sich, die Eigentümlichkeiten der Seins- 
bereiche auf verschiedene Funktionsweisen des erkennenden Subjekts 
zurückzuführen. Das, was ihrem Wesen nach die Natur ist, sollte 
aus der systematischen Ableitung der konstitutiven Methoden der 
Naturwissenschaft einleuchtend gemacht werden, und ebenso wollte 
man aus einer Darlegung der historischen Methoden erklären, was 
Geschichte sei. Der Geschichtsbegriff dieser Philosophie ist daher 
jeweils am Faktum der Geschichtswissenschaft orientiert; prinzipiell 
kann sie sich zur Geschichtsschreibung auch in einer Zeit, in der diese 
mit ihren Methoden und Auffassungsweisen hinter dem allgemeinen 



126 Max Horkheimer 

Stand der Erkenntnis zurückbleibt, nicht eigentlich kritisch, sondern 
nur apologetisch verhalten. 

Die Philosophie, die dem anderen Geschichtsbegriff zugrunde liegt, 
bewahrt keine solche Bescheidenheit gegenüber den vorhandenen 
Wissenschaften. Sie ist ein Teil des gegenwärtigen Bestrebens, die Ent- 
scheidung über die sogenannten weltanschaulichen Fragen von wissen- 
schaftlichen Kriterien unabhängig zu machen und die Philosophie 
überhaupt jenseits der empirischen Forschung aufzubauen. Im 
Gegensatz zur erwähnten erkenntnistheoretischen Ansicht sollen jetzt 
die verschiedenen Seinsgebiete keineswegs mehr aus den Wissen- 
schaften, sondern aus ihrer einheitlichen Wurzel, dem ursprünglichen 
Sein, zu dem unsere Zeit einen neuen Zugang zu finden beansprucht, 
verständlich gemacht werden. Besonders aus der phänomenologischen 
Schule, deren Wesenslehre ursprünglich völlig unhistorisch war, ist 
ein neuer Begriff von Geschichtlichkeit hervorgegangen. Hatte noch 
Scheler, der besonders in den letzten Lebensjahren die undialektische 
Wesenslehre der Phänomenologie mit dem Faktum der umwälzenden 
Geschichte in Einklang zu bringen versuchte, darunter wesentlich 
die soziale und politische Geschichte verstanden, so bedeutet bei 
Heidegger die Geschichtlichkeit eine Geschehensweise im Seinsgrund, 
den die Philosophie im Menschen zu entdecken hat. Erst aus dieser 
ursprünglichen Geschehensweise soll die Geschichte als Thema der 
Historie Sinn gewinnen. Bei fundamentalen Erörterungen scheint es 
daher heute angemessen zu sein, von dieser Bedeutung auszugehen. 

Für das hier zu behandelnde Thema ist es aber nicht weniger 
problematisch, den Begriff der inneren Geschichtlichkeit zugrunde 
zu legen als den Geschichtsbegriff der traditionellen Wissenschaft. 
Weil die Existenzphilosophie nach phänomenologischer Tradition 
sich von den Ergebnissen der Forschung auf den verschiedenen Ge- 
bieten unabhängig zu machen sucht, weil sie entschlossen ist, ganz 
von vorne anzufangen, und den Sinn von Sein ohne Hinblick auf den 
Stand der gegenwärtigen Forschung neu zu bestimmen trachtet, er- 
scheint ihr Entwurf für unsere Problematik noch zu eng. Nach der 
Auffassung, daß die Geschichte erst aus der inneren Geschichtlichkeit 
des Daseins begriffen werden soll, müßte die Verflochtenheit des 
Daseins in den realen Geschichtsprozeß bloß als äußerliche und schein- 
hafte gelten. Es macht aber die Beschäftigung mit der äußeren Ge- 
schichte ebensowohl das jeweilige Dasein verständlich, wie die Ana- 
lyse der jeweiligen Existenzen das Verständnis der Geschichte bedingt. 
Das Dasein ist in die äußere Geschichte unlöslich verflochten, und 



Geschichte und Psychologie 127 

seine Analyse wird daher keinen Grund entdecken können, der als 
solcher zwar in sich bewegt, jedoch unabhängig von jeder äußeren 
Bestimmung wäre. Die wirkliche Geschichte mit ihren vielfältigen, 
die Individuen übergreifenden Strukturen ist dann nicht, wie es der 
Existenzphilosophie entspräche, bloß ein Abgeleitetes, Sekundäres, 
Objektiviertes. Damit verwandelt sich die Lehre vom Sein im Men- 
schen ebensowohl wie jede Art philosophischer Anthropologie aus 
einer trotz allem statischen Ontologie in die Psychologie der in einer 
bestimmten Geschichtsepoche lebenden Menschen. 

Die Schwierigkeiten, denen die Anwendung der erwähnten Ge- 
schichtsbegriffe begegnet, werden in diesem Zusammenhang noch 
durch ihr negatives Verhältnis zur Psychologie vermehrt. Auf die 
Tendenz der gegenwärtigen Phänomenologie, die Aufgaben der 
Psychologie einer von wissenschaftlichen Kriterien unabhängigen 
Ontologie zu übertragen, habe ich soeben hingewiesen. Die Stellung 
des Kantianismus zu unserer Frage hat sich seit Fichtes Behauptung, 
daß die Psychologie „nichts ist" 1 ), wenig geändert. Der Geschichts- 
theoretiker des Neukantianismus, Rickert, hält die Hoffnungen, „die 
man auf eine Förderung der Geschichtswissenschaft durch die Psycho- 
logie oder gar durch den Psychologismus setzt", für Zeugnisse eines 
Denkens, „dem das logische Wesen der Geschichte völlig fremd ge- 
blieben ist" 2 ). Ich möchte daher statt von der Geschichtsauffassung 
der gegenwärtigen Philosophie von einer Ihnen allen bekannten Ge- 
schichtsphilosophie, nämlich der Hegeischen, ausgehen. Nach einer 
Andeutung ihres Verhältnisses zur Psychologie soll dann die Rolle der 
Psychologie in der ökonomischen Geschichtsauffassung mit einiger 
Ausführlichkeit bestimmt werden. Ich hoffe, daß die Erörterung des 
Problems auf der Grundlage dieser Theorie auch denjenigen unter 
Ihnen eine gewisse Anregung zubieten vermag, denen die historischen 
Fragen unter dem Aspekt einer subjektivistischen Philosophie er- 
scheinen. 

Die philosophische Betrachtung hat es mit der Erkenntnis der 
einheitlichen dynamischen Struktur in der verwirrenden Vielfältigkeit 
des Geschehens zu tun. Diese Aufgabe ist im Sinne Hegels unmöglich 
ohne die aus der dialektischen Logik hervorgehende genaue Kenntnis 
der Idee und ihrer Momente zu lösen, denn philosophische Geschichts- 
betrachtung ist nichts anderes als die Anwendung der Überzeugung 



J ) J. G. Fichte, Werke, hrsg. v. F. Medicus, Leipzig, 3. Bd. S. 589. 
2 ) H. Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, 
Tübingen 1913, 2. Aufl., S. 487. 



128 Max Horkheimer 

von der Macht der Idee, sich in der Wirklichkeit durchzusetzen und 
zu entfalten, auf die Menschenwelt. Dabei empfängt der Geschichts- 
philosoph nicht bloß das Rohmaterial, sondern schon weitgehend 
geformte Bestandteile seiner geschichtlichen Konstruktion von der 
empirischen Historie. Wie nach Hegel der Naturforscher dem 
Naturphilosophen nicht eine bloße Aufzählung der Tatsachen liefert, 
sondern ihm durch die theoretische Formulierung seines Wissens weit- 
gehend entgegenkommt und vorarbeitet, so bietet die Historie der 
Geschichtsphilosophie außer der Kenntnis der wirklichen Ereignisse 
auch so wesentliche kategoriale Bestimmungen wie die ursächlichen 
Zusammenhänge, die Perioden, die Einteilung der geschichtlich 
handelnden Menschen in Rassen, Stämme, Nationen dar. Aber den 
lebendigen Sinn gewinnen die Perioden erst, indem wir sie als Epochen 
der sich entfaltenden Idee begreifen; erst indem sich die weltge- 
schichtliche Nation als Trägerin eines jeweils neuen, eigenen und der 
Idee mehr adäquaten Prinzips erweist, wird sie aus einem Ordnungs- 
begriff zu einer sinnvollen Realität, wird ihr Geist, der Volksgeist, 
aus einer Zusammenfassung von Eigentümlichkeiten zur metaphy- 
sischen Macht und der Kampf der Nationen aus beklagenswerten 
Händeln mit zufälligem Ausgang zu dem in den Gegensätzen sich 
verwirklichenden Weltgericht. 

Hegel nimmt dieses Zusammenspiel von empirischer Historie und 
Geschichtsphilosophie ganz ernst. Er will nicht etwa die empirische 
Geschichte von einem ihr äußerlichen Gesichtspunkt aus nachträglich 
deuten oder sie an einem ihr fremden Maßstab messen, sein Vernunft- 
begriff ist vielmehr so wenig abstrakt, daß z.B. der Sinn des Moments 
der Freiheit, so wie es in der Logik auftritt, erst durch die bürger- 
liche Freiheit im Staat, die der Historiker feststellt, vollständig zu 
bestimmen ist. Erst wenn man weiß, daß es sich in der Logik um die- 
selbe Freiheit handelt, die in den orientalischen Tyrannendynastien 
bloß bei einem einzigen und bei den Griechen bloß bei einigen ver- 
wirklicht war und die daher zur Sklaverei in Widerspruch steht, ver- 
mag man die Freiheit zu begreifen. Das Hegeische System ist wirklich 
ein Kreis; die abstraktesten Gedanken der Logik sind nach ihm nur 
vollendet, insofern die Zeit vollendet ist, d. h. insofern alles 
wesentliche, was die Zukunft enthalten mag, bereits in der Wesens- 
bestimmung der Gegenwart vorweggenommen ist. Das Ende des 
Glaubens an die Gegenwart und der Wille zu ihrer radikalen Ver- 
änderung mußte daher notwendig das Hegeische System, dem 
die Geschlossenheit wenigstens in seiner späteren Gestalt wesentlich 






Geschichte und Psychologie 



129 



zu eigen war, als System aufheben, und zwar in einem neuen, mit 
seinen eigenen Prinzipien nicht zu vereinbarenden Sinn. 

Damit ist auch die Bedeutung der Psychologie für die Erkenntnis 
der Geschichte verändert worden. Bei Hegel sind ja die Triebe und 
Leidenschaften der Menschen wie bei irgendeinem französischen Auf- 
klärer der unmittelbare Motor der Geschichte. Die Menschen werden 
durch ihre Interessen zum Handeln bestimmt, und ebensowenig wie 
die Masse haben die großen Männer „das Bewußtsein der Idee über- 
haupt" 1 ). -Es kommt ihnen vielmehr auf ihre eigenen politischen und 
sonstigen Zwecke an, sie werden durch ihre Triebe bestimmt. Aber 
der psychischen Struktur solcher Menschen nachzugehen, ist nach 
Hegel im Gegensatz zur Aufklärung unwichtig, ja subaltern, denn 
die eigentliche Macht, die sich in der Geschichte durchsetzt, ist grund- 
sätzlich weder aus der Einzelpsyche noch aus der Massenpsyche zu 
verstehen. Hegel lehrt, daß die Heroen ,,aus einer Quelle" schöpfen, 
„deren Inhalt verborgen und nicht zu einem gegenwärtigen Dasein 
gediehen ist, aus dem inneren Geiste, der noch unterirdisch ist, der 
an die Außenwelt wie an die Schale pocht und sie sprengt, weil er ein 
anderer Kern als der Kern dieser Schale ist" 2 ). Er meint damit nicht 
etwa das Unbewußte der modernen Psychologie, sondern die Idee 
selbst, d. h. jenes nicht durch Psychologie, sondern durch Philosophie 
zu begreifende immanente Telos der Geschichte, durch das es ge- 
schieht, daß die Resultate jeweils nicht bloße Resultanten sind, sondern 
Zeugnis ablegen von der Macht der Vernunft und daß Geschichts- 
erkenntnis nicht bloße Feststellung und möglichst umfassende Er- 
klärung von Geschehnissen, sondern Gotteserkenntnis ist. 

Nach dem Zusammenbruch des Hegeischen Systems tritt die 
liberalistische Weltansicht wieder teilweise die Herrschaft an. Sie ver- 
warf zugleich mit dem Glauben an die Macht einer in der Geschichte 
wirkenden Idee die Ansicht von den übergreifenden dynamischen 
Strukturen in der Geschichte und stellte die ihre Interessen ver- 
folgenden Individuen als letzte selbständige Einheiten im ge- 
schichtlichen Gange auf. Die sinngemäße Geschichtsauffassung des 
Liberalismus ist ihrem Wesen nach psychologisch. Die Individuen 
mit den in ihrer Natur fest begründeten ewigen Trieben sind nicht 
mehr bloß die unmittelbaren Akteure der Geschichte, sondern auch 
die letzten Instanzen für die Theorie des Geschehens in der gesell- 



J ) Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (Jubiläumsausgabe, 
Stuttgart 1928, Bd. 11. S. 60). I 
a ) A. a. O. 
Zeitschrift für Sozialforschnng 9 



] 30 Max Horkheimer 

schaftlichen Wirklichkeit. Das Problem, wie trotz dieser chaotischen 
Grundlage die Gesellschaft als Ganzes leben kann oder vielmehr wie 
ihr Leben durch diese Grundlage in steigendem Maß beeinträchtigt 
wird, hat freilich der Liberalismus nicht zu lösen vermocht. Der 
Zukunftsglaube des 18. Jahrhunderts, daß die Triebe der Individuen 
nach Abschaffung der feudalistischen Schranken zur Einheit der 
Kultur zusammenstimmen müssen, hat sich im Liberalismus des 
19. Jahrhunderts in das Dogma der Interessenharmonie verwandelt. 

Andererseits haben Marx und Engels die Dialektik in einem mate- 
rialistischen Sinn übernommen. Sie hielten dabei an der Überzeu- 
gung Hegels von der Existenz überindividueller dynamischer Struk- 
turen und Tendenzen in der geschichtlichen Entwicklung fest, ver- 
warfen aber den Glauben an eine in der Geschichte wirkende selb- 
ständige geistige Macht. Es liegt nach ihnen der Geschichte nichts 
zugrunde, und es kommt in der Geschichte nichts zum Ausdruck, 
was als durchgehender Sinn, als einheitliche Macht, als be- 
wegende Vernunft, als immanentes Telos gedeutet werden dürfte. Das 
Vertrauen auf die Existenz eines solchen Kerns ist nach ihrer Ansicht 
vielmehr ein Zubehör der verkehrten idealistischen Philosophie. Das 
Denken, daher auch die Begriffe und Ideen sind Funktionsweisen 
der Menschen und keine selbständige Macht. In der Geschichte gibt 
es keinen durchgehenden, zu sich selbst kommenden Gedanken, denn 
es gibt keinen von den Menschen unabhängigen Geist. Die Menschen 
mit ihrem Bewußtsein sind bei all ihrem Wissen, ihrer Erinnerung, 
ihrer Tradition und ihrer Spontaneität, ihrer Kultur und ihrem Geist 
vergänglich ; es existiert nichts, was nicht entsteht und vergeht. 

Aber Marx gelangt dabei keineswegs zu einer psychologistischen 
Geschichtstheorie. Die geschichtlich handelnden Menschen werden 
nach ihm nirgends bloß aus ihrem Innern, sei es aus ihrer Natur oder 
aus einem in ihnen selbst zu entdeckenden Seinsgrund, verständlich, 
sie sind vielmehr eingespannt in geschichtliche Bildungen, die ihre 
eigene Dynamik haben. Methodologisch ist Marx hierbei Hegel ge- 
folgt. Dieser hatte eigene Strukturprinzipien jeder großen geschicht- 
lichen Epoche behauptet : die Grundsätze der Verfassungen der Völker 
wechseln nach einer inneren Gesetzmäßigkeit, die Nationen stehen 
in den Kämpfen der Weltgeschichte gegeneinander und erleiden ihr 
Schicksal, ohne daß der Grund in der Psyche einzelner oder gar einer 
Mehrheit von Individuen zu entdecken wäre. Während jedoch die 
Artikulation dieser Dialektik bei Hegel aus der Logik des absoluten 
Geistes, aus der Metaphysik, einsichtig wird, liefert nach Marx keine 



Geschichte und Psychologie ' 131 

der Geschichte logisch vorgeordnete Einsicht den Schlüssel zu ihrem 
Verständnis. Vielmehr ergibt sich die richtige Theorie aus der Be- 
trachtung der jeweils unter bestimmten Bedingungen lebenden und 
mit Hilfe bestimmter Werkzeuge ihr Leben erhaltenden Menschen. 
Weder ist die in der Geschichte zu entdeckende Gesetzmäßigkeit eine 
Konstruktion a priori, noch eine Registrierung von Tatsachen durch 
ein als unabhängig gedachtes Erkenntnissubjekt, sondern sie wird 
von dem selbst in die geschichtliche Praxis einbezogenen Denken als 
Spiegelung der dynamischen Struktur der Geschichte produziert. 

Die ökonomische oder materialistische Geschichtsauffassung, die in 
dieser Einstellung begründet worden ist, erweist sich so gleichzeitig als 
Gegensatz wie als Fortsetzung der Hegeischen Philosophie. In dieser stellt 
sich die Geschichte wesentlich als Kampf der welthistorischen Reiche 
um die Herrschaft dar. Dabei ist es den Individuen ebenso wie den 
Völkern und Staaten um ihre Macht und nicht um den Geist zu tun. Der 
Ausgang der Kämpfe entbehrt aber trotz dieser Bewußtlosigkeit nicht 
des geistigen Sinnes. Die Weltgeschichte wird von Hegel deshalb als 
Weltgericht angesprochen, weil nach ihm stets das Volk die Herrschaft 
antritt, dessen innere Verfassung eine konkretere Gestalt der Freiheit 
darstellt als die des unterliegenden. Das Maß der Entfaltung der 
Staaten „zum Bild und zur Wirklichkeit der Vernunft" 1 ) entscheidet 
über ihren Sieg. Aber daß dieser der Logik des absoluten Geistes ent- 
sprechende Stufengang in den kriegerischen Aktionen sich tatsächlich 
durchsetzt, daß mit anderen Worten das Volk, dessen Staat eine 
adäquatere Darstellung der Idee und ihrer Momente bildet, auch die 
bessere Strategie, die überlegenen Waffen besitzen muß, wird bei 
Hegel nicht mehr erklärt, sondern erscheint als welthistorischer Zu- 
fall, als eine der prästabilierten Harmonien, die notwendig zur idea- 
listischen Philosophie gehören. Soweit die wissenschaftliche Er- 
forschung der vermittelnden Bedingungsreihen an Stelle der bloß 
behaupteten Parallelität erkannte historische Zusammenhänge zu 
setzen vermag, wird der Mythos von der List der Vernunft und damit 
auch das metaphysische Hauptstück dieser Geschichtsphilosophie 
überflüssig. Wir erfahren dann die wirklichen Ursachen, warum 
differenziertere Staats- und Gesellschaftsformen an die Stelle von 
unentwickelteren getreten sind, d. h. nach Hegel die Ursachen des 
Fortschritts im Bewußtsein der Freiheit. Die Erkenntnis der realen 
Zusammenhänge entthront den Geist als autonom die Geschichte ge- 
staltende Macht und setzt die Dialektik zwischen den verschieden- 

*) Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 360. 

9* 









132 Max Horkheimer 

artigen in der Auseiandersetzung mit der Natur wachsenden mensch- 
lichen Kräften und veralteten Gesellschaftsformen als Motor der 
Geschichte ein. 

Die ökonomische Geschichtsauffassung vollzieht diese Wendung 
von der Metaphysik zur wissenschaftlichen Theorie. Nach ihr 
zwingt die Erhaltung und Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens 
den Menschen jeweils eine bestimmte soziale Gruppenordnung auf. 
Diese, die nicht bloß die politischen und rechtlichen Institutionen, 
sondern die höheren Ordnungen der Kultur bedingt, wird 
den Menschen vorgezeichnet durch die verschiedenen Funktionen, 
die im Rahmen des Wirtschaftsprozesses, so wie er in einer 
bestimmten Periode den menschlichen Fähigkeiten entspricht, 
ausgeführt werden müssen. Daß z. B. im alten Rom die Gesellschaft 
in Freie und Sklaven, im Mittelalter in Grundherren und Leibeigene, 
im Industriesystem in Unternehmer und Arbeiter geteilt ist, ebenso 
die Differenzierung dieser Verhältnisse im Innern der Staaten, 
ferner auch die Spaltung in Nationen und die Gegensätze zwi- 
schen nationalen Machtgruppen — all dieses ist weder aus 
dem guten oder bösen Willen, noch aus einem einheitlichen 
geistigen Prinzip zu erklären, sondern aus den Erfordernissen des 
materiellen Lebensprozesses auf seinen verschiedenen Gestaltungs- 
stufen. Je nachdem auf Grund des Entwicklungsgrades der Menschen 
die Technik ihrer Werkzeuge und ihrer Zusammenarbeit geartet ist, 
d. h. je nach der Weise des Produktionsprozesses bilden sich auch die 
Abhängigkeitsverhältnisse und der dazugehörige juristische und poli- 
tische Apparat. Wird durch das Wachstum der produktiven mensch- 
lichen Fähigkeiten eine neue Produktionsweise möglich, welche die 
Allgemeinheit besser versorgen könnte als die alte, so verhindert das Be- 
stehen der gegebenen sozialen Struktur mit den ihr entsprechenden Insti- 
tutionen und festgewordenen menschlichen Dispositionen zunächst ihre 
Ausbreitung als herrschende. Daraus ergeben sich die gesellschaftlichen 
Spannungen, welche in den geschichtlichen Kämpfen zum Ausdruck 
kommen und gleichsam das Grundthema der Weltgeschichte bilden. 

Wenn der Gegensatz zwischen den wachsenden menschlichen 
Kräften und der gesellschaftlichen Struktur, der sich in diesem 
Zusammenhang als Motor der Geschichte erweist, als universales Kon- 
struktionsschema an die Stelle konkreter Untersuchungen tritt oder 
zu einer mit Notwendigkeit die Zukunft gestaltenden Macht erhoben 
wird, so kann sich die soeben angedeutete Geschichtsauffassung in eine 
abschließende dogmatische Metaphysik verwandeln. Gilt sie jedoch 






Geschichte und Psychologie 133 

als die richtige Theorie des uns bekannten geschichtlichen Verlaufs, 
die freilich der erkenntnistheoretischen Problematik der Theorie 
überhaupt untersteht, so bildet sie eine der gegenwärtigen Erkenntnis 
entsprechende Formulierung der historischen Erfahrung. Versuchen 
wir ihr Verhältnis zur Psychologie zu bestimmen, so zeigt sich zu- 
nächst, daß sie, im Gegensatz zur liberalistischen Ansicht nicht 
psychologisch ist. Diese mußte sinngemäß die Geschichte aus dem 
Zusammenspiel der als isoliert gedachten Individuen und ihren im 
wesentlichen konstanten psychischen Kräften, ihren Interessen er- 
klären. Gliedert sich die Geschichte aber nach den verschiedenen 
Weisen, in denen sich der Lebensprozeß der menschlichen Gesellschaft 
vollzieht, so sind nicht psychologische, sondern ökonomische Kate- 
gorien historisch grundlegend. Die Psychologie wird aus der Grund- 
wissenschaft zur freilich unentbehrlichen Hilfswissenschaft der Ge- 
schichte. Durch diese Funktionsänderung wird auch ihr Inhalt be- 
troffen. Ihr Gegenstand verliert im Rahmen dieser Theorie die Ein- 
heitlichkeit. Sie hat es nicht mehr mit dem Menschen überhaupt zu 
tun, sondern in jeder Epoche sind die gesamten in den Individuen 
entfaltbaren seelischen Kräfte, die Strebungen, welche ihren manuellen 
und geistigen Leistungen zugrunde liegen, ferner die den gesell- 
schaftlichen und individuellen Lebensprozeß bereichernden seelischen 
Faktoren zu unterscheiden von den durch die jeweilige gesellschaft- 
liche Gesamtstruktur determinierten und relativ statischen psychischen 
Verfassungen der Individuen, Gruppen, Klassen, Rassen, Nationen, 
kurzum von ihren Charakteren. 

Ist der Gegenstand der Psychologie solchermaßen in die Geschichte 
verflochten, so läßt sich doch andererseits die Rolle der Individuen 
nicht in bloße Funktionen der ökonomischen Verhältnisse auflösen. 
Die Theorie verneint weder die Bedeutung weltgeschichtlicher Per- 
sonen noch diejenige der psychischen Verfassung bei den Ange- 
hörigen der verschiedenen sozialen Gruppen. Die Erkenntnis, daß die 
Ablösung unterlegener Produktionsweisen durch differenziertere, den 
Bedürfnissen der Allgemeinheit besser angepaßte, gleichsam das Gerippe 
der uns interessierenden Geschichte darstellt, ist der zusammenfassende 
Ausdruck für die menschliche Aktivität. Auch die in ihm enthaltene Be- 
hauptung, daß von der Art, wie sich der Lebensprozeß einer Gesell- 
schaft, d.h. ihre Auseinandersetzung mit der Natur vollzieht, die Kultur 
abhänge, ja, daß jeder Teil dieser Kultur den Index jener grund- 
legenden Verhältnisse an sich trage und daß sich mit der wirtschaft- 
lichen Tätigkeit der Menschen auch ihr Bewußtsein verändere, leugnet 



134 Max Horkheimer 

keineswegs die menschliche Initiative, sondern versucht Einsicht in 
die Formen und Bedingungen ihrer geschichtlichen Wirksamkeit zu 
geben. Die menschliche Aktivität muß freilich jeweils an die Lebens- 
notwendigkeiten anknüpfen, die von den vorhergegangenen Gene- 
rationen gestaltet worden sind, aber sowohl die auf Erhaltung als auch 
die auf Veränderung der vorhandenen Verhältnisse gerichteten mensch- 
lichen Energien haben ihre eigentümliche Beschaffenheit, die von 
der Psychologie zu erforschen ist. Vor allem dadurch unterscheiden 
sich ja die Begriffe der ökonomischen Geschichtstheorie grundsätzlich 
von den metaphysischen, daß sie zwar die geschichtliche Dynamik 
in ihrer möglichst bestimmten Form zu spiegeln versuchen, aber keine 
abschließende Sicht der Totalität zu geben beanspruchen, sondern 
im Gegenteil die Instruktionen zu weiteren Untersuchungen enthalten, 
deren Ergebnis auf sie selbst zurückwirkt. 

Dies gilt besonders für die Psychologie. Die in der Theorie be- 
hauptete Bestimmung des geschichtlichen Handelns von Menschen 
und Menschengruppen durch den ökonomischen Prozeß kann im 
einzelnen erst verständlich werden durch die wissenschaftliche Auf- 
hellung der ihnen auf einer bestimmten historischen Stufe jeweils 
eigenen Reaktionsweisen. Soweit noch nicht erkannt ist, wie struktu- 
relle Veränderungen des wirtschaftlichen Lebens durch die psychische 
Verfassung, die bei den Mitgliedern der verschiedenen sozialen Gruppen 
in einem gegebenen Augenblick vorhanden ist, sich in Veränderungen 
ihrer gesamten Lebensäußerungen umsetzen, enthält die Lehre von 
der Abhängigkeit dieser von jenen dogmatische Elemente, die ihren 
hypothetischen Wert für die Erklärung der Gegenwart aufs stärkste 
beeinträchtigen. Die Aufdeckung der psychischen Vermittlungen 
zwischen der ökonomischen und der sonstigen kulturellen Entwick- 
lung wird zwar die Aussage bestehen lassen, daß auf radikale öko- 
nomische Veränderungen radikale kulturelle gefolgt sind, aber sie 
kann unter Umständen nicht bloß zu einer Kritik der Auffassung von 
den funktionalen Verhältnissen zwischen beiden Reihen, sondern 
auch zur Bestärkung der Vermutung führen, daß sich die Folge- 
ordnung in der Zukunft einmal ändern oder umkehren wird. 
Dann müßte sich auch das Rangverhältnis von Ökonomik und 
Psychologie in Beziehung auf die Geschichte verändern, und 
es zeigt sich somit, daß die Auffassung, von der hier die Rede 
ist, ebensosehr die Ordnung der Wissenschaften und damit ihre 
eigenen Thesen in die Geschichte einbezieht wie die menschlichen 
Triebe selbst. 



Geschichte und Psychologie 135 

D/er reale Sachverhalt freilich, der gegenwärtig das Verhältnis 
der beiden Wissenschaften bestimmt, spiegelt sich auch in der 
aktuellen Gestalt der Psychologie. Daß die Menschen ökonomische I 
Verhältnisse, über die ihre Kräfte und Bedürfnisse hinausgewachsen 
sind, aufrecht erhalten, anstatt sie durch eine höhere und rationalere 
Organisationsform zu ersetzen f ist nur möglich, weil das Handeln 
numerisch bedeutender sozialer Schichten nicht durch die Erkenntnis, 
sondern durch eine das Bewußtsein verfälschende Triebmotorik be- 
stimmt ist. Keineswegs bloß ideologische Machenschaften bilden die 
Wurzel dieses historisch besonders wichtigen Moments — eine solche 
Deutung entspräche der rationalistischen Anthropologie der Auf- 
klärung und ihrer historischen Situation — , sondern die psychische 
Gesamtstruktur dieser Gruppen, d. h. der Charakter ihrer Mitglieder 
wird im Zusammenhang mit ihrer Rolle im ökonomischen Prozeß 
fortwährend erneuert. Die Psychologie wird daher zu diesen tief er- 
liegenden psychischen Paktoren, mittels deren die Ökonomie die 
Menschen bestimmt, vorzustoßen haben, sie wird weitgehend Psycho- 
logie des Unbewußten sein. In dieser durch die gegebenen gesell- 
schaftlichen Verhältnisse bedingten Gestalt ist sie keineswegs auf 
das Handeln der verschiedenen gesellschaftlichen Seh chten in 
gleicher Weise anzuwenden. Je mehr das geschichtliche Handeln 
von Menschen und Menschengruppen durch Erkenntnis motiviert 
ist, um so weniger braucht der Historiker auf psychologische Er- 
klärungen zurückzugreifen. Hegels Verachtung der psychologischen 
Deutung der Heroen kommt hier zu ihrem Recht. Je weniger das 
Handeln aber der Einsicht in die Wirklichkeit entspringt, ja dieser 
Einsicht widerspricht, um so mehr ist es notwendig, die irrationalen, 
zwangsmäßig die Menschen bestimmenden Mächte psychologisch 

Die Bedeutung der Psychologie als Hilfswissenschaft der Ge- 
schichte ist darin begründet, daß sowohl jede Form der Gesellschaft, 
die auf der Erde herrschend gewesen ist, einen bestimmten Ent- 
wicklungsgrad der menschlichen Kräfte voraussetzt und daher psy- 
chisch mitbedingt ist, als auch vor allem das Funktionieren einer 
schon bestehenden und auch die Aufrechterhaltung bereits ver- 
sagender Organisationsformen unter anderem auf psychischen Fak- 
toren beruht. Bei der Analyse einer bestimmten Geschichtsepoche 
kommt es besonders darauf an, die psychischen Kräfte und Dis- 
positionen, den Charakter und die Wandlungsfähigkeit der Ange- 
hörigen der verschiedenen sozialen Gruppen zu erkemien. Doch wird 



136 Max Horkheimer 

die Psychologie darum keineswegs zur Massenpsychologie, sondern 
gewinnt ihre Einsichten aus der Erforschung von Individuen. „Die 
Grundlage der Sozialpsychologie bleibt immer die Individual- 
psyche" 1 ). Es gibt weder eine Massenseele noch ein Massenbewußt- 
sein. Der Begriff der Masse im vulgären Sinn scheint aus der Beob- 
achtung von Menschenansammlungen bei aufregenden Ereignissen 
gebildet zu sein. Mögen die Menschen als Teile solcher zufälliger 
Gruppen auf eine charakteristische Weise reagieren, so ist das Ver- 
ständnis hierfür in der Psyche der sie bildenden einzelnen Glieder zu 
suchen, die bei jedem freilich durch das Schicksal seiner Gruppe in der 
Gesellschaft bestimmt ist. An die Stelle der Massenpsychologie tritt 
eine differenzierte Gruppenpsychologie, d. h. die Erforschung der- 
jenigen Triebmechanismen, die den Angehörigen der wichtigen 
Gruppen des Produktionsprozesses gemeinsam sind. Sie wird vor 
allem zu untersuchen haben, inwiefern die Funktion des Individuums 
im Produktionsprozeß durch sein Schicksal in einer bestimmt gearteten 
Familie, durch die Wirkung der gesellschaftlichen Bildungsmächte 
an dieser Stelle des gesellschaftlichen Raums, aber auch durch die Art 
und Weise seiner eigenen Arbeit in der Wirtschaft für die Ausge- 
staltung seiner Charakter- und Bewußtseinsformen bestimmend ist. 
Es wäre zu erforschen, wie die psychischen Mechanismen Zustande- 
kommen, durch die es möglich ist, daß Spannungen zwischen den 
gesellschaftlichen Klassen, die auf Grund der ökonomischen Lage zu 
Konflikten drängen, latent bleiben können. Wenn in manchen Dar- 
stellungen der Psychologie bei ähnlichen Gegenständen viel von Führer 
und Masse gesprochen wird, so ist zu bedenken, daß das bedeutsame 
Verhältnis in der Geschichte weniger die Gefolgschaft einer un- 
organisierten Masse zu einem einzelnen Führer als das Vertrauen der 
gesellschaftlichen Gruppen in die Stabilität und Notwendigkeit der 
gegebenen Hierarchie und der herrschenden gesellschaftlichen Mächte 
darstellt. Die Psychologie hat beobachtet, daß „alle Vervollstän- 
digungen der gesellschaftlichen Organisation, sei es unter demo- 
kratischer oder aristokratischer Form, zur Wirkung haben, einen über- 
legten, zusammenhängenden, individuellen Zweck reiner, weniger 
verändert und tiefer, auf sichereren und kürzeren Wegen in das Gehirn 
der Gesellschaftsmitglieder zu bringen", und daß der Führer eines 
Aufstands mangels einer so vervollkommneten Organisation niemals, 
der General dagegen fast immer vollständig über seine Leute ver- 

x ) E. Bernheim, Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichts- 
philosophie, 5. u. 6. Aufl., Leipzig 1908, S. 677. 



Geschichte und Psychologie 137 

fügen kann 1 ). Aber dieser ganze Fragenkomplex, der das Verhältnis 
von Führer und Masse als ein Spezialproblem enthält, bedarf noch 
der psychologischen Vertiefung 2 ). Der Begriff der „habitude", dem 
die französische Forschung bei der Behandlung sozialpsychologischer 
Fragen eine wichtige Funktion zuweist, bezeichnet vortrefflich das 
Resultat des Bildungsprozesses : die Stärke der zum sozial geforderten 
Handeln treibenden psychischen Dispositionen. Aber es gilt, tiefer 
zu dringen und die Entstehung dieses Resultats, seine Reproduktion und 
fortwährende Anpassung an den sich verändernden gesellschaftlichen 
Prozeß zu begreifen. Dies ist nur auf Grund von Erfahrungen möglieh, 
die in der Analyse von Einzelpersonen zu gewinnen sind 3 ). 

Unter den methodologischen Richtlinien einer für die Historie 
fruchtbaren Psychologie wird u. a. die Anpassungsfähigkeit der Mit- 
glieder einer sozialen Gruppe an ihre ökonomische Lage besonders 
wichtig sein. Die jeweiligen psychischen Mechanismen, die diese An- 
passung fortlaufend ermöglichen, sind freilich selbst im Laufe der 
Geschichte entstanden, aber wir haben sie etwa bei der Erklärung 
bestimmter historischer Ereignisse der Gegenwart als gegeben vor- 
auszusetzen, sie bilden dann einen Teil der Psychologie der gegen- 
wärtigen Epoche. Hierher gehört z. B. die Fähigkeit der Menschen, 
die Welt so zu sehen, daß die Befriedigung der Interessen, die sich 
aus der ökonomischen Situation der eigenen Gruppe ergeben, mit dem 
Wesen der Dinge in Einklang steht, daß sie in einer objektiven 
Moral begründet ist. Das muß sich keineswegs so rational 
abspielen, daß verdreht und gelogen würde. Kraft ihres psy- 
chischen Apparates pflegen die Menschen vielmehr die Welt schon 
so zur Kenntnis zu nehmen, daß ihr Handeln ihrem Wissen ent- 
sprechen kann. Kant hat bei der Erörterung des „Schematismus", 
dessen Leistung wesentlich in der allgemeinen Präformation unserer Ein- 
drücke vor ihrer Aufnahme ins empirische Bewußtsein besteht, von einer 
verborgenen Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele gesprochen, 
„deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten 
und sie unverdeckt vor Augen legen werden" 4 ). Jene besondere Präfor- 
mation dagegen, die den Einklang des Weltbildes mit dem ökonomisch 

*) G. Tarde, L'Opinion et la foule, Paris 1922, S. 172. 

2 ) Einen wichtigen Schritt über die herrschenden Theorien der Massen- 
psychologie hinaus (Le Bon, Mc Dougall) hat Freud in seinem Buch über 
„Massenpsychologie und Ich- Analyse" getan. 

3 ) Die Begründung einer Sozialpsychologie auf psychoanalytischer 
Grundlage wird in den Arbeiten von E. Fromm versucht. Vgl. seinen Beitrag 
zu diesem Heft. 

*) Kritik der reinen Vernunft, 2. Ausg. S. 180/1. 



138 Max Horkheimer 

geforderten Handeln zur Folge hat, wird von der Psychologie zu 
erklären sein, und es ist sogar nicht unmöglich, daß dabei auch etwas 
über den von Kant gemeinten Schematismus ausgemacht wird. Denn 
seine Funktion, die Welt so ins Bewußtsein zu bringen, daß sie nachher 
in den Kategorien der mathematisch-mechanischen Naturwissenschaft 
aufgeht, erscheint — ganz unabhängig von der Entscheidung über 
diese selbst — als ein geschichtlich bedingter psychischer Effekt. 

Zu dem Mißtrauen, das manche Historiker der Psychologie ent- 
gegenbringen,, hat mit Recht die Festlegung einiger psychologischer 
Systeme auf einen rationalistischen Utilitarismus beigetragen. Danach 
sollen die Menschen ausschließlich auf Grund von Erwägungen über 
ihren materiellen Nutzen handeln. Solche psychologischen Vor- 
stellungen haben — freilich im Sinn von Arbeitshypothesen, aber doch 
in ausschlaggebender Weise — die liberalistische Nationalökonomie be- 
stimmt. Gewiß spielt das Privatinteresse in der Gesellschaf t bestimmter 
Epochen eine kaum zu überschätzende Rolle. Aber das, was dieser psy- 
chologischen Abstraktion an den wirklich handelnden Menschen ent- 
spricht, der wirtschaftliehe Egoismus, ist selbst ebenso wie der gesell- 
schaftliche Zustand, zu dessen Erklärung das Prinzip herbeigezogen 
wird, geschichtlich bedingt und radikal veränderlich. Wenn in der 
Auseinandersetzung über die Möglichkeit einer nicht individua- 
listischen Wirtschaftsordnung Argumente eine Rolle zu spielen 
pflegen, denen die Lehre von der egoistischen Menschennatur zu- 
grunde Hegt, so sind sowohl die Anhänger als die Gegner der ökono- 
mischen Theorie im Unrecht, sofern sie ihre Argumente auf die all- 
gemeine Gültigkeit eines so problematischen Prinzips stützen. Die 
moderne Psychologie hat längst erkannt, daß es verkehrt wäre, die 
Selbsterhaltungstriebe im Mensehen als die natürlichen zu behaupten 
und dort, wo individuelle und gesellschaftliche Taten offensichtlich 
nicht auf sie zurückzuführen sind, sogenannte „zentrale" Faktoren 
einzuführen. Der Mensch und wahrscheinlich auch die Tiere sind 
keineswegs psychisch so individualistisch organisiert, daß alle ihre 
ursprünglichen Triebregungen sich notwendig auf unmittelbare Lust 
an materiellen Befriedigungen bezögen. Die Menschen vermögen 
z. B. in der Solidarität mit Gleichgesinnten ein Glück zu erleben, das 
sie Leiden und Tod in den Kauf nehmen läßt. Kriege und Revolutionen 
bieten das sichtbarste Beispiel dafür. Nichtegoistische Tr iebregungenhat 
es zu allen Zeiten gegeben, sie sind auch faktisch von keiner ernsthaften 
Psychologie geleugnet, sondern höchstens durch problematische Erklä- 
rungen auf individualistische Motive zurückzuführen versucht worden. 



Geschichte und Psychologie 139 

Gegenüber jener ökonomistischen Entstellung der Lehre vom Men- 
schen durch psychologische und philosophische Strömungen haben 
manche Soziologen versucht, eigene Trieblehren aufzustellen. Aber diese 

pflegenimGegensatzzurutilitaristischenPsychologie,dieallesauseinem 
Punkte erklärt, große Tafeln von Instinkten und Trieben, die alle 
gleichermaßen als angeboren angesehen werden, zu enthalten und die 
spezifisch psychologischen Funktionsverhältnisse zu vernachlässigen 1 ). 

Jedenfalls entspringen die Handlungen der Menschen nicht bloß 
ihrem physischen Selbsterhaltungsstreben, auch nicht bloß dem un- 
mittelbaren Geschlechtstrieb, sondern z. B. auch den Bedürfnissennach 
Betätigung der aggressiven Kräfte, ferner nach Anerkennung und Be- 
stätigung der eigenen Person, nach Geborgenheit in einer Kollektivität 
und anderen Triebregungen mehr. Die moderne Psychologie (Freud) 
hat gezeigt, wie sich solche Ansprüche vom Hunger dadurch unter- 
scheiden, daß dieser eine direktere und stetigere Befriedigung 
verlangt, während jene weitgehend aufschiebbar, modellierbar und 
der Phantasiebefriedigung zugänglich sind. Aber zwischen beiden 
Arten von Triebregungen, den unaufschiebbaren und den,, plastischen", 
bestehen Zusammenhänge, die im geschichtlichen Gange von großer 
Wichtigkeit sind. Die mangelnde Befriedigung der unmittelbar phy- 
sischen Bedürfnisse kann trotz ihrer größeren Dringlichkeit teilweise 
und eine Zeitlang wenigstens durch die Lust auf anderen Gebieten 
ersetzt werden. Die circenses aller Art sind in vielen historischen 
Situationen weitgehend an die Stelle des panis getreten, und das 
Studium der psychologischen Mechanismen, die dies ermöglichen, ist 
nebst ihrer sachkundigen Anwendung auf den zu erklärenden kon- 
kreten historischen Verlauf eine dringende Aufgabe, welche die 
Psychologie im Rahmen der Geschichtsforschung zu erfüllen hat. 

Das ökonomistische Prinzip könnte bei dieser Leistung nur Schaden 
stiften. Es könnte etwa dazu verführen, die Teilnahme der unteren 
gesellschaftlichen Schichten an Aktionen der Allgemeinheit, von denen 
sie keine unmittelbare Hebung ihrer wirtschaftlichen Lage zu erwarten 
haben, z. B. an Kriegen, auf theoretischen Umwegen doch auf mate- 



*) Im allgemeinen enthält die soziologische Literatur — selbst wenn sie, 
wie die Durkheimschule, die Soziologie von der Psychologie radikal getrennt 
wissen will — tiefere psychologische Erkenntnisse als die traditionelle Schul- 
psychologie. L. v. Wiese z. B. wendet sich gegen eine Belastung semer 
Wissenschaft mit spezifisch psychologischen Aufgaben, wobei er freilich als 
Gegenstand der Psychologie zu Unrecht bloß Bewußtseinsvorgänge angibt. 
Aber seine Arbeiten legen selbst von einem differenzierteren Wissen um 
psychische Vorgänge Zeugnis ab, als es bei denen, welche die Soziologie der 
Psychologie unterordnen, vorhanden zu sein pflegt. 



140 Max Horkheimer 

rielle Zielsetzungen zurückzuführen. Dabei verkennte man aber die 
große psychische Bedeutung, welche die Zugehörigkeit zu einer ge- 
achteten und mächtigen kollektiven Einheit für die Menschen hat, 
wenn sie durch die Erziehung auf persönliche Geltung, Aufstieg, ge- 
sicherte Existenz hingewiesen sind und die Verwirklichung dieser 
Wertordnung ihnen als Individuen kraft ihrer gesellschaftlichen 
Lage unmöglich gemacht ist. Eine erfreuliche und die Selbstachtung 
hebende Arbeit läßt physische Entbehrungen leichter ertragen, und 
schon das einfache Bewußtsein des Erfolges kann weitgehend die 
Unlust an schlechter Nahrung wettmachen. Ist diese Kompensation 
der drückenden materiellen Existenz den Menschen verwehrt, so 
wird die Möglichkeit, sich in der Phantasie mit einer überindividuellen 
Einheit zu identifizieren, die sich Achtung verschafft und Erfolg hat, 
um so lebenswichtiger. Wenn wir von der Psychologie lernen, daß di& 
Befriedigung der hier zugrunde liegenden Bedürfnisse eine psychische 
Realität ist, die an Intensität nicht hinter den materiellen Genüssen 
zurückzustehen braucht, so wird für das Verständnis einer Reihe 
weltgeschichtlicher Phänomene schon viel gewonnen sein. 

Ich gebe ein weiteres Beispiel für die Rolle der Psychologie im 
Rahmen der Geschichtstheorie. Die differenzierten Vorgänge und 
Konflikte im Bewußtsein fein organisierter Individuen, die Phänomene 
ihres Gewissens sind insofern ein Produkt der ökonomischen Arbeits- 
teilung, als die für den Bestand der Gesellschaft notwendigen groben 
Verrichtungen ihnen abgenommen werden. Obwohl ihr Leben, so wie 
sie es führen, davon abhängt, daß es Gefängnisse und Schlachthäuser 
gibt und eine ganze Reihe von Arbeiten ausgeführt werden, deren 
Verrichtung unter den gegebenen Verhältnissen ohne Brutalität über- 
haupt nicht zu denken ist, können sie doch infolge ihrer gesellschaft- 
lichen Entfernung von den groben Formen des Lebensprozesses diese 
Vorgänge aus ihrem Bewußtsein verdrängen. Ihr seelischer Apparat 
vermag infolgedessen so fein zu reagieren, daß ein unbedeutender 
moralischer Konflikt in ihrem eigenen Leben die größten Erschütte- 
rungen zur Folge haben kann. Sowohl ihr Verdrängungsmechanismus 
als auch ihre bewußten Reaktionen und Schwierigkeiten werden von 
der Psychologie zu erfassen sein, die Bedingung ihrer Existenz ist 
dagegen ökonomisch. Das Ökonomische erscheint als das Umfassende 
und Primäre, aber die Erkenntnis der Bedingtheit im einzelnen, die 
Durchforschung der vermittelnden Hergänge selbst und daher auch 
das Begreifen des Resultats hängen von der psychologischen Ar- 
beit ab. 



Geschichte und Psychologie 141 

Mit der Ablehnung einer Psychologie, die auf ökonomistische Vor- 
urteile festgelegt ist, soll aber nicht davon abgelenkt werden, daß die 
wirtschaftliche Situation der Menschen bis in die feinsten Veräste- 
lungen ihres Seelenlebens hinein wirksam ist. Nicht bloß der Inhalt, 
sondern auch die Stärke der Ausschläge des psychischen Apparats 
sind ökonomisch bedingt. Es gibt Verhältnisse, die es mit sich bringen, 
daß die geringste Schikane oder eine unbedeutende erfreuliche Ab- 
wechslung Gemütsbewegungen von einer für die Außenstehenden 
kaum verständlichen Stärke auslösen. Die Reduktion auf einen 
kleinen Lebenskreis bedingt eine entsprechende Verteilung der Liebe 
und Lust, die auf den Charakter zurückwirkt und ihn qualitativ be- 
einflußt. Günstigere Situationen im Produktions prozeß, z. B. die 
Leitung großer Industrien, gewähren dagegen einen solchen Über- 
blick, daß Genüsse und Betrübnisse, die für andere Menschen große 
Schwankungen ihres Lebens bedeuten, belanglos werden. Welt- 
anschauliche und moralische Vorstellungen, die von denen, für welche 
die gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht sichtbar sind, starr fest- 
gehalten werden und die ihr Leben bestimmen, werden von hohen 
ökonomischen Positionen aus in ihren Bedingungen und Schwan- 
kungen überschaut, so daß sich ihr starrer Charakter auflöst. Selbst 
wenn wir voraussetzen, daß die angeborenen psychischen Unter- 
schiede äußerst groß sind, so wird doch die Struktur der Grundinter- 
essen, die jedem durch sein Schicksal von Kindheit an aufgeprägt 
wird, der Horizont, der jedem durch seine Funktion in der Gesellschaft 
vorgezeichnet ist, in den seltensten Fällen eine ungebrochene Ent- 
faltung jener ursprünglichen Unterschiede zulassen. Die Chance 
dieser Entfaltung selbst ist vielmehr je nach der sozialen Schicht, der 
ein Mensch angehört, verschieden. Vor allem können sich Intelligenz 
und eine Reihe sonstiger Tüchtigkeiten desto leichter entwickeln, je 
weniger Hemmungen von Anfang an durch die Lebenssituation ge- 
setzt sind. Die Gegenwart ist mehr noch als durch das bewußte 
ökonomische Motiv durch die unerkamite Wirkung der ökonomischen 
Verhältnisse auf die gesamte Gestaltung des Lebens gekennzeichnet. 

Das Verdienst, die Beziehungen zwischen Psychologie und Ge- 
schichte wirksam zum Gegenstand philosophischer Erörterungen ge- 
macht zu haben, gebührt Dilthey. Zu diesem Problem ist er im Laufe 
seiner Arbeit immer wieder zurückgekehrt. Er hat eine den Bedürf- 
nissen der Geisteswissenschaften entgegenkommende, die Mängel der 
Schulpsychologie überwindende neue Psychologie gefordert. Die Ent- 
wicklung der einzelnen Geisteswissenschaften ist nach ihm an die 



142 Max Horkheimer 

Ausbildung der Psychologie gebunden; ohne den seelischen Zusammen- 
hang, in dem ihre Gegenstände gegründet sind, bilden die Geistes- 
wissenschaften „ein Aggregat, ein Bündel, aber kein System 1 )." 
„Es ist so", schreibt er, „und keine Absperrung der Fächer kann es 
hindern: Wie die Systeme der Kultur: Wirtschaft, Recht, Religion, 
Kunst und Wissenschaft, wie die äußere Organisation der Gesellschaft 
in den Verbänden der Familie, der Gemeinden, der Kirche, des Staates, 
aus dem lebendigen Zusammenhang der Menschenseele hervor- 
gegangen sind, so können sie schließlich nur aus diesem verstanden 
werden. Psychische Tatsachen bilden ihren wichtigsten Bestandteil 
ohne psychische Analyse können sie also nicht eingesehen werden" 2 ). 
Aber wenn die Psychologie bei Dilthey als Hilfswissenschaft für die 
Geschichte fungiert, so gilt ihm die Geschichte selbst wesentlich als 
ein Mittel zur Erkenntnis des Menschen. Es steht ihm fest, daß in den 
großen Kulturperioden der Geschichte das einheitliche Menschen- 
wesen sich nach seinen verschiedenen Seiten, die ursprünglich in 
jedem Menschen angelegt sind, entfalte, die repräsentativen Persön- 
lichkeiten jeder Epoche sind ihm nur die besten Ausdrucksformen 
für je eine dieser verschiedenen Seiten. „Menschenrassen, Nationen, 
gesellschaftliche Klassen, Berufsformen, geschichtliche Stufen, Indi- 
vidualitäten: alle diese sind . . . Abgrenzungen der individuellen 
Unterschiede innerhalb der gleichförmigen Menschennatur" 3 ), die 
sich in jeder Epoche auf besondere Weise offenbart. 

So sehr die Diltheysche Forschung einer den Bedürfnissen der Ge- 
schichtsforschung entgegenkommenden Psychologie berechtigt ist, 
so wenig richtig muß es erscheinen, daß den Kultursystemen 
einer Epoche ein einheitlicher seelischer Zusammenhang zugrunde 
liege und daß gar dieser seelische und durchgehend verständliche 
Zusammenhang eine Seite des totalen Menschenwesens darstelle, das 
sich erst in der Gesamtentwicklung der Geschichte voll zur Entfaltung 
bringe. Diese Einheit der Kultursysteme in einer Epoche und der 
Epochen untereinander müßte wesentlich eine geistige Einheit sein, 
denn sonst könnten ihre Äußerungen nicht als verständliche, durch 
die Methoden einer verstehenden Psychologie zugängliche Äußerungen 
behauptet werden. Die von Dilthey geforderte Psychologie ist ja eine 
Psychologie des Verstehens, und die Geschichte wird daher in seiner 
Philosophie wesentlich zur Geistesgeschichte. Nach dem hier Dar- 

*) Gesammelte Schriften (Leipzig und Berlin) V, S. 147f. 

2 ) A. a. O. 

3 ) A. a. O. S. 235. 



Geschichte und Psychologie 143 

gelegten ist aber weder eine Epoche noch gar die sogenannte Weltge- 
schichte, auch nichtdie Geschichteder einzelnen Kulturgebiete aus einer 
solchen Einheit verständlich zu machen, wenn auch manche Stellen 
etwa der Philosophiegeschichte, vielleicht die Folge der Vorsokratiker, 
sich in einem einheitlichen Gedankenzug darstellen lassen mögen. Mit 
Seelischem und mit Geistigem sind die geschichtlichen Veränderungen 
jeweils gleichsam durchsetzt, die Individuen in ihren Gruppen und 
innerhalb der vielfach bedingten gesellschaftlichen Antagonismen 
sind psychische Wesen, und daher bedarf es auch der Psychologie in 
der Geschichte ; aber es wäre weit gefehlt, Geschichte an irgendeiner 
Stelle aus dem einheitlichen Seelenleben einer allgemeinen Menschen - 
natur begreifen zu wollen. 

Das Verständnis der Geschichte als Geistesgeschichte pflegt auch 
mit dem Glauben verbunden zu sein, der Mensch sei wesentlich 
identisch mit dem, als was er sich selbst ansieht, fühlt, beurteilt; 
kurz, mit seinem Bewußtsein von sich selbst. Diese Vermengung der 
Aufgabe des Geisteswissenschaftlers mit der desÖkonomen, Soziologen, 
Psychologen, Physiologen usf. geht auf eine idealistische Tradition zu- 
rück, bildet aber eine Verengerung des geschichtlichen Horizonts, die 
mit dem Stande der gegenwärtigen Erkenntnis schwer zu vereinbaren 
ist. Was für die Individuen gilt, gilt auch für die Menschheit im all- 
gemeinen : wenn man wissen will, was sie sind, darf man nicht dem 
glauben, was sie von sich halten. 

Mit diesen Ausführungen habe ich Ihnen nicht mehr als einige 
Gesichtspunkte zur Frage nach dem logischen Ort der Psychologie 
in einer Geschichtstheorie, die der gegenwärtigen Situation entspricht, 
geben können. Trotz der Orientierung an der ökonomischen Auf- 
fassung konnte diese Ansicht keineswegs auch nur einigermaßen voll- 
ständig umrissen werden. Die Frage, inwiefern die psychologische 
Arbeit in ihren Einzelheiten überhaupt für die Geschichtsforschung 
etwas bedeutet, ist jedoch nicht unwichtig, weil die psychologischen 
Probleme von manchen Soziologen und Geschichtsforschern aus 
prinzipiellen Gründen vernachlässigt werden, und vor allem, weil als 
Folge davon in vielen geschichtlichen Darstellungen eine primitive 
Psychologie unkontrolliert eine Rolle spielen darf. Auch erhält 
die Psychologie in der Gegenwart noch eine besondere Bedeu- 
tung, die freilich flüchtig sein mag. Mit der Beschleunigung der 
ökonomischen Entwicklung können nämlich die Änderungen der 
menschlichen Reaktionsweisen, die unmittelbar durch die Wirtschaft 
bedingt sind, d. h. die unmittelbar aus dem wirtschaftlichen Leben 



) 



144 Max Horkheimer, Geschichte und Psychologie 

sich ergebenden Gewohnheiten, Moden, moralischen und ästhetischen 
Vorstellungen so rasch wechseln, daß ihnen gar keine Zeit mehr 
bleibt, sich zu verfestigen und richtige Eigenschaften der Menschen 
zu werden. Dann gewinnen die relativ ewigen Momente in der psy- 
chischen Struktur an Gewicht und dementsprechend auch die all- 
gemeine Psychologie an Erkenntniswert. In stabileren Perioden 
scheint die bloße Unterscheidung gesellschaftlicher Charaktertypen 
auszureichen, jetzt tendiert die Psychologie dazu, die wichtigste Quelle 
zu werden, aus der über die Seinsweise des Menschen etwas zu er- 
fahren ist. Schon deshalb wird die Psyche in kritischen Momenten 
mehr als sonst zu einem ausschlaggebenden Moment, weil darüber, 
ob und in welchem Sinn die zur abgelaufenen Geschichtsperiode ge- 
hörende moralische Verfassung von den Mitgliedern der verschiedenen 
gesellschaftlichen Klassen bewahrt oder verändert wird, nicht ohne 
weiteres selbst wieder ökonomische Faktoren entscheiden. 

Weder die Bedeutung eines Problems noch diejenige einer Theorie 
ist unabhängig vom Stand der Geschichte und von der Rolle, die 
ein Mensch in ihr spielt. Dies gilt auch für ihre ökonomische Auf- 
fassung : es mag Existenzen geben, denen die Geschichte andere Seiten 
zukehrt oder für die sie überhaupt keine Strukturiertheit zu haben 
scheint. Es ist dann schwer, in diesen Fragen Einverständnis zu 
erzielen und zwar keineswegs bloß wegen der Verschiedenheit der 
materiellen Interessen, sondern auch weil die theoretischen unter 
scheinbarer Parallelität in verschiedene Richtungen führen. Aber 
dies betrifft die Schwierigkeit der Verständigung, nicht die Einheit 
der Wahrheit. Bei aller Verschiedenheit der Interessen ist auch das 
subjektive Moment in der Erkenntnis der Menschen nicht ihre Will- 
kür, sondern der Anteil ihrer Fähigkeiten, ihrer Erziehung, ihrer Ar- 
beit, kurz, ihrer eigenen Geschichte, die im Zusammenhang mit der 
Geschichte der Gesellschaft zu begreifen ist. 







i 




Besprechungen. 

Der Besprechungsteil dient der Absicht, ivichtige Erkenntnisse aus ver- 
schiedenen Wissensgebieten für die Erfassung gesellschaftlicher Vorgänge 
jsu verwerten. Es ist seine Aufgabe, auf die in Betracht kommenden 
wichtigen neuen Arbeiten, möglichst aus allen Sprachgebieten, durch kurze 
Berichte über Inhalt und Grundeinstellung des Verfassers hinzuweisen; 
besonderes Gewicht wird darauf gelegt, daß die Schriften möglichst inner- 
halb kurzer Zeit nach ihrem Erscheinen angezeigt werden. Bei sehr wich- 
tigen Werken mag dann später im Hauptteil eine ausführliche Würdigung 
erfolgen, oder sie mögen auch in einem Sammelreferat über ein Einzel- 
gebiet wieder erscheinen; zunächst aber gilt es, durch kurze Angaben auf 
Bücher und Aufsätze aufmerksam zu machen, gleichgültig, ob diese gut 
oder schlecht erscheinen. 

Es versteht sich, daß der zur Ausgestaltung des Besprechungsteils not- 
wendige Apparat erst im Lauf der Zeit ausgebaut werden kann. In den 
ersten Heften werden nicht nur wichtige Schriften aus den behandelten 
Sachgebieten unenvähnt bleiben, sondern es werden auch die Erscheinungen 
■mancher Länder überhaupt fehlen. Wirkliche Vollständigkeit aber ist in 
gar keiner Gruppe des Besprechungsteils erstrebt. Seine Aufgabe ist ledig- 
lich, über Philosophie, Soziologie, Psychologie, Geschichte, soziale Be- 
wegung, Sozialpolitik, ökonomische Theorie und auch über belletristische 
Werke zu berichten, soweit die Sozialforschung ein besonderes Interesse 
daran hat. 



V 










Zeitschrift für Sozialforschnng 



10 



146 Besprechungen 

Philosophie. 

Jaspers, Karl, Diegeistige Situation der Zeit. De Gruyter, Berlin u. Leip. 
zig 1931. (191 S., EM. 1,80) 

Wenn Jaspers in der Novalisschen Art philosophieren will, „in der univer- 
salen Heimatlosigkeit faktisch eine neue andere Heimat" zu gewinnen, so 
lehnt er doch die romantischen Versuche ab, sich in verlassene „Heimaten" 
zurückzufinden. „Mit der Technisierung ist ein Weg beschritten, der weiter 
gegangen werden muß", sagt er an einer Stelle, ohne allerdings näher zu 
bestimmen, wie er gegangen werden soll. Der Weg kann keineswegs in 
vertrauendem Befolgen dessen bestehen, was empirische Forschung an das 
bisher Geleistete anfügt oder was vorfindliche Kräfte im „Dasein" be- 
wirken. Über dieses bloß vorfindbare „Dasein" will alle Existenzphilosophie 
„hinausgreifen", um in „philosophischer Weltorientierung" und „Existenz- 
erhellung" zum „Beschwören der Transzendenz" in der Metaphysik zu ge- 
langen. Über die gegenwärtige „Massenordnung in Daseinsfürsorge" muß 
also wohl hinausgegangen werden, wenn auch der Weg der Technisierung 
weiterbeschritten werden soll. Und hier findet J. im Hinblick auf diese 
transzendierende Orientierung im Dasein, daß die „Kampffronten verwirrt" 
sind. 

Aber diese dennoch vorhandenen Kampffronten bleiben so hart wie die 
Tatsachen von jeher, und auf sie hin und an ihnen muß sich eine Philosophie 
entscheiden, die die menschliche Existenz an der geschichtlich orientierten 
Entscheidung aufhängen will. Was und wie diese Kampffronten sind, 
kann nur der Forschung empirischer Wissenschaften überlassen bleiben. 
Wahrscheinlich würde eine genauere Analyse ergeben, daß die Jasperssche 
Philosophie hierbei die Hinweise auf die Befunde widerlegten (Bestimmung 
des Staats, des Sozialismus, des Fascismus, der Psychoanalyse usw.). Aus 
diesem Grunde darf man in diesem Büchlein die Klärung eines aktuellen 
Entscheidungsbegriffes nicht erwarten, wohl aber die interessante beschrei- 
bende Charakterisierung aktueller Erscheinungen. 

W. Strzelewicz (Berlin). 

Lehrbuch der Soziologie und Sozialphilosophie, hrsg. v. Karl Dunkmann*. 
T. 1: Gerhard Lehmann, Sozialphilosophie. — T. 2: Karl Dunkmann, 
Soziologie. — T. 3: Soziologie der Kultur. Mit Beiträgen von Heinz Sauer- 
land und den Obengenannten. Junker u. Dünnhaupt. Berlin 1931. (486 S.~ 
br. EM. 22.—, geb. EM. 25.—) 

Bei der engen Beziehung, die in Deutschland stets zwischen Philosophie 
und Soziologie geherrscht hat, war zu erwarten, daß die jüngste Entwick- 
lung der Philosophie nicht ohne Einfluß auf die Soziologie bleiben werde. 
Die in der Hegelrenaissance und der Existenzialphilosophie angelegten 
sozialphilosophischen Elemente mußten sich, zusammen mit der umwäl- 
zenden Einwirkung des primär sozialtheoretisch orientierten Marxismus, 
zu einem starken Antrieb für die sozialphilosophische Selbstbesinnung dea 
bürgerlichen Denkens verdichten. Dafür zeugt nicht minder die „Soziologie 
als Wirklichkeitswissenschaft" von Freyer wie das vorliegende Kollektiv- 



Philosophie 147 

werk, das auf den „Grundsätzen einer methodologisch verwerteten ,Existenzial- 
dialektik'" basiert. Die äußere Dreiteilung des Buches in eine Sozialphilo- 
sophie, der die Aufgabe der Sinnerfragung und damit Sinngebung des Gegen- 
stands der Soziologie zugewiesen wird ; in eine Soziologie, die — unter Geltend- 
machung ihres historisch gewordenen Substrats — systematisch ausgegliedert 
ist; und schließlich in eine Kultursoziologie, die alle „ Gemeinschaf tsobjekti- 
vation" (Kunst, Wirtschaft, Recht, Religion, Erziehung) nach ihrem sozialen 
Urgrund erforscht — dieser Aufbau soll der Lösung des richtig erfaßten 
Grundproblems des sozialtheoretischen Denkens dienen: der unlösbaren 
Durchdringimg und wechselseitigen Bedingtheit von Sozialphilosophie und 
Sozialforschung. Allein die Berechtigung einer gesonderten Sozialphilo- 
sophie ist m. E. weder aus der vorausgesetzten Konzeption der „metaphy- 
sischen Erkenntnis" als der „begleitenden Beziehung metaphysischer Ge- 
staltung (Poiesis) und reiner, d. h. sachlicher Erkenntnis" (S. 11) abzuleiten, 
noch aus den fruchtbaren Ergebnissen, zu denen der dialektisch-existenzielle 
Ansatz der sozialphilosophischen Betrachtung verhilft. 

Dank jenem Ansatz wird das philosophierende Bewußtsein von vorn- 
herein als „gespaltenes, mit sich selbst zerfallenes" gefaßt und der Grund 
der Sozialphilosophie in die „Zerrissenheit des sozialen Bewußtsein" (S. 18) 
gelegt. Vom gleichen Ausgangspunkt her gelingt es, bei der Bestimmung 
des Verhältnisses von Erkenntnistheorie und Sozialphilosophie ihr dialek- 
tisches Ineinander sichtbar zu machen: die „Struktur des erkennenden 
Bewußtseins" wird als „soziale Struktur" angesprochen und Erkenntnis 
als „sozialer Prozeß" begriffen (S. 20, 21). Das „Lehrbuch" kann sich daher 
konsequent auf die bedeutsamen Ergebnisse stützen, zu denen die Bemühung 
um eine „soziale Logik" (H. Pichler) geführt hat. Unter Ablehnung der 
„gegenständlichen" Erkenntnis (S. 60) als dem Sozialen inadäquat wird die 
„zuständliche" (S. 159), d. h. die sich als Selbstbewußtsein des sozialen 
Prozesses verwirklichende Erkenntnis gefordert. Das impliziert, daß die 
sozialphilosophische „verstehende" Erfahrung letzten Endes „politisches 
Handeln" im Sinne „persönlicher Entscheidung" (S. 111) bedeutet. Dem 
entspricht als sozialtheoretisch wertvollstes Resultat ein Begriff des „sozialen 
Gesetzes", die „anscheinende Paradoxie, daß es soziale Gesetze nur gibt, 
indem sie wirklich und willentlieh befolgt werden" (S. 61). 

Neben dem bisher Gesagten gehören zahlreiche anregende Einzelbemer- 
kungen zu den wissenschaftlich fruchtbaren Leistungen des Lehrbuchs. 
Allerdings verbleibt ein peinlicher Rest von Abstraktheit gerade dort, wo 
das wirkliche Subjekt „existenzial dialektischen" Denkens — die konkrete 
Klasse im historischen Elemente des Klassenkampfes — aufzuzeigen wäre, 
Die Hauptfunktionen des Staats werden „Kultur und Wehrmacht"; der 
„Imperialismus . . . erscheint als unentbehrliches Moment in jedem Staat" 
(S. 250),die inneren Antagonismen des Staats verflüchtigen sich zu einer 
„soziologischen Antinomie im Staatsbegriff " (S.249), in der die Machtordnung 
mit der Kulturordnung kollidiert. Aus der ökonomischen Abhängigkeit 
der Lohnarbeiter wird nach D. eine „widerwillige Gefolgschaft" (S. 241), 
die mit ihren „Führern", die man „in der Wirtschaft ganz allgemein , Wirt- 
schaftsführer', , Generaldirektoren'" (S. 241) nennt, nicht harmoniert. 
Als methodische Grundlage für diese Begriffsbildung dient eine ausdrück- 

10* 



148 Besprechungen 

lieh als „platonisch-mittelalterlich" bezeichnete Unterscheidung von über- 
geschichtlich Realem und geschichtlich Konkretem, zu der die Realdialektik 
von Julius Bahnsen hinzugenommen wird. 

A. F. Westermann Frankfurt a. M. 

Seifert, Friedrich, Charakterologie. — Seifert, Friedrich, Psychologie. 
Metaphysik der Seele. — Groethuysen, Bernhard, Philosophische Anthro- 
pologie. In: Handbuch der Philosophie, hrsg. v. Baeumler u. Schröter, 
Abt. III, Mensch und Charakter. R. Oldenbourg. München- Berlin 1931, 
(899 S.; UM. 42.—) 

Der Rahmen der Zeitschrift verlangt Beschränkung auf die im engeren 
Sinne anthropologischen Beiträge. Als systematische Abhandlung kommt 
vor allem Seifert, Charakterologie, in Betracht. Bemerkenswert ist die 
methodische Ausgangsstellung dieser Arbeit. S. will nicht den Ort einer neuen 
Wissenschaft Charakterologie im bestehenden Wissenschaftsgefüge durch 
Bestimmung ihres Gegenstandsbereichs und ihrer methodischen Besonder- 
heiten festlegen. Charakterologie ist ihm ein Name für eine Reihe in die 
gleiche Richtung zielender Bewegungen, die mit einer veränderten Ein- 
stellung an die von den Wissenschaften aufgeteilte menschliche Gesamt- 
wirklichkeit herangehen. Der Erlebnishintergrund dieses neuen wissenschaft- 
lichen Wollens ist für ihn der neue Realismus des 20. Jahrhunderts. Diesen 
„Realismus" grenzt er ab gegen den Naturalismus und den Idealismus. 
Realismus ist hier nicht erkenntnistheoretisch als Anerkennung eines vom 
Bewußtsein unabhängigen Seins gemeint, Realität nicht als Gegenüber eines 
zum Bezugskorrelat verflüchtigten Subjekts. Sofern Realität überhaupt 
ein Gegenüber ist, ist sie es in der lebendigen Auseinandersetzung und nicht 
in der vergegenständlichenden Betrachtung. Zunächst ist sie die zu über- 
nehmende, auszuhaltende und zu bewährende eigene konkrete Wirklichkeit. 
Obwohl die alternativen Begriffspaare des Idealismus: Subjekt-Objekt, 
Allgemeines-Besonderes, Vernünftiges und empirisches Ich die Erfassung 
der menschlichen Wirklichkeit erschwert haben, glaubt der Verf. doch, daß 
in der philosophischen Entwicklung des deutschen Idealismus auch Kate- 
gorien herausgearbeitet worden sind, die dem neuen Verständnis der mensch- 
lichen Wirklichkeit dienstbar gemacht werden können, vor allem die aus 
der Beschäftigung mit der künstlerischen, organischen und geschichtlichen 
Wirklichkeit hervorgegangene Kategorie der Totalität und der aus der 
Naturspekulation stammende Begriff der Polarität. 

Der zweite Beitrag von S. über die Metaphysik der Seele ist durch die 
systematische Grundhaltung, die im vorigen skizziert wurde, bestimmt. 
Man kann dies an der Gegenüberstellung des aristotelisch-thomistischen 
und des augustinischen Seelenbegriffs ersehen. Für Aristoteles steht die 
Seele an bestimmter Stelle im hierarchisch gegliederten Formenkosmos, 
sie ist selbst gegliedert, einmal gestaltendes Prinzip der vitalen Funktionen, 
dann als Nous Prinzip der Wesenserkenntnis. Das eigentlich Persönliche 
geht hier ebenso verloren wie bei der idealistischen Aufteilung des Menschen 
in Vernunft und Sinnlichkeit. Demgegenüber steht Augustin, der Ent- 
decker der menschlichen Gesamtwirklichkeit, des abgründigen Lebens, des 
cor humanuni. Für ihn ist Seele der Ort unmittelbaren und erschütternden 



Philosophie 149 

Aligesprochenseins vom Unbedingten. S. hebt gegenüber den immer wieder 
angeführten unter neuplatonischem Einfluß stehenden augustinischen 
Frühschriften die Bedeutung der späten Schriften hervor; vor allem sind 
für ihn die „Konfessionen" als Aussprechen des Ringens, Unterliegens und 
Erlebens der Einzelseele Ausdruck einer gegenüber der griechischen Situation 
völlig veränderten Auffassung von der persönlichen Wirklichkeit. 

Die historischen Darlegungen des Verf. bleiben jedoch -weitgehend hinter 
dem Programm des neuen „Realismus" zurück. Allzusehr noch werden 
nebeneinandergereihte Meinungen vorgetragen. S. läßt uns nicht sehen 
wie diese Meinungen in der Auseinandersetzung geschichtlicher Menschen 
mit den Problemen ihrer Situation erwachsen. Allzuhäufig werden Begriffe 
die in konkreter historischer Situation deren Erleben und Ringen Ausdruck 
verschaffen, wie ein jederzeit verfügbarer Kategorien Vorrat gebraucht. 
Dieser Mangel drängt sich vor allem da auf, wo der Verf. ungelöste Probleme 
in der Geschichte sieht, zu deren Bewältigung den betreffenden Denkern 
die begrifflichen Mittel gefehlt hätten. 

Die Groethuysensche Untersuchung ist demgegenüber mehr aus der 
Analyse konkreter historischer Situationen erwachsen. Auf das Inhaltliche 
der sorgfältig und mit großem historischen Verständnis durchgeführten 
Einzelanalysen kann hier leider nicht eingegangen werden. Wir müssen uns 
auf einige Bemerkungen über das Methodische beschränken. G. s Beitrag 
will eine Geschichte der menschlichen Selbstbesinnung geben. Diese Selbst- 
besinnung tritt in doppelter Form auf. Die erste als Lebensphilosophie be- 
zeichnete Form umfaßt alle begrifflichen, aber auch künstlerischen Aus- 
drucksformen, in denen der Mensch, im Lebenszusammenhang verbleibend, 
Lebenserfahrungen ausspricht, Lebensstimmungen und Motivzusammen- 
hänge zur Darstellung bringt. Diese dem Leben selbst zugehörige Selbst- 
besinnung „gibt die Atmosphäre an, in der die geistigen Schöpfungen ent- 
stehen". Sie bildet die ständige, das Erleben selbst mit aufbauende Unter- 
strömung alles expliziten Fragens nach dem, was der Mensch sei. Diese 
letztgenannte Form der Selbstbesinnung stellt sich außerhalb des eigenen 
Lebenszusammenhanges, um von dort her nach dem Wesen der Seele, des 
Bewußtseins, des Ichs usw. zu fragen. Durch das Mittelglied der deutenden 
Darstellung eigenen Erlebens in alltäglicher Rede, Brief, Tagebuch, Gedicht 
usw. versucht G. die Verbindung zwischen dem kontinuierlichen Gang des 
Erlebens in Zusammenhang und Auseinandersetzung mit der eigenen see- 
lischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit und den isolierten Aufgipfelungen 
menschlich-kultureller Leistungen zu gewinnen. Es ist die Methode, die der 
Verf. schon in seinem früheren Werk über die Entstehung der bürgerlichen 
Weltanschauung in Frankreich mit so großem Erfolg verwendet hat. 

Franz Steinrath (Frankfurt a. M.). 

Spengler, Oswald, Der Mensch und die Technik. Beitrag zu einer Philoso- 
phie des Lebens. C. H. Beck. München 1931. (V u. 88 S., br. RM. 2.—, 
geb. RM. 3.20) 

Die Broschüre, vorgetragen mit jenem polternd generösen Pathos, kraft 
dessen seit Nietzsche kulturphilosophische Überlegungen gern den An- 
spruch urtümlicher Schau erheben, stellt in Wahrheit sich dar als Entwurf 



1 50 Besprechungen 

einer anthropologischen Naturdialektik, wie sie seit der Aufklärung bis 
zu Engels stets wieder in Angriff genommen ward. Die Kategorien aber, aus 
denen hier die Dialektik entspringt und die von der Dialektik umschlossen 
werden, sind eben die Nietzscheschen. Idealisten, die die Fragenach der Technik 
als untergeistig abweisen, werden wirklichkeitsfremd, Materialisten, die 
dem Nutzen der Technik nachfragen, flach gescholten. Legitimes Erkenntnis- 
mittel soll der „physiognomische Takt" (S. 6) sein: der Spenglersche Erbe 
des alten Intuitionsbegriffs, in welchem die Lebensphilosophen die Frage 
nach wahr und falsch nun einmal verlöschen lassen. Anders als sonst im 
Leben hat es der Takt nicht mit dem Kleinen sondern einzig mit dem Großen 
zu tun: dem Schicksal, dem man am taktvollsten begegnet, wenn man sich 
ihm fügt (cf. S. 13). Der Rhythmus dieses Schicksals hebt an mit dem Satze: 
„Denn der Mensch ist ein Raubtier" (S. 14); Raubtier, wohlverstanden, 
der Seele nach, denn Spengler ist ja beileibe kein Materialist, aber doch 
Raubtier von Natur und ein für allemal. Sein Leben — freilich doch wohl 
nicht bloß das Seelenleben — besteht im Töten (S. 16). Weil ihm die Frei- 
heit des Tötens eignet, darum findet der physiognomische Takt, das Raub- 
tier sei „die höchste Form des freibeweglichen Lebens" (S. 17). Eine Onto- 
logie der Sinnesorgane kommt ihm zuhilf e: die Nase sei bloß das Organ der 
Verteidigung, dem Raubtier und Menschen aber sei das Auge als Organ der 
Angriffs gegeben (cf. S. 19). Die Menschenseele, gelegentlich von Spengler 
ganz schlicht der „göttliche Funke" geheißen (S. 20), konstituiert sich als 
solche durch die Distanz von der Gattung, wie sie irgendwie bereits im 
spähenden Blick angelegt sein soll, ohne daß deutlich würde, warum dann 
die Panther nicht auch des Geschenks der Nietzsche- Spenglerschen Einsam- 
keit teilhaftig werden. Technik heißt danach die Lebenstaktik des erfinde- 
rischen, gattungsunabhängigen Raubtieres. Sie wird anthropologisch auf 
die Hand zurückgeführt: Hand und Werkzeug — und damit Technik — 
sollen im Ursprung korrespondieren (S. 28). In der naturerzeugten Taktik 
von Hand, Auge, Werkzeug setzt der Mensch sich als Antithesis zur 
Natur: „der Natur wird das Vorrecht des Schöpfertums entrissen" (S. 35). 
Damit beginnt für Spengler, und nicht umsonst steht an dieser Stelle eine 
ästhetische Kategorie an Stelle einer geschichtsphilosophischen, die „Tragödie 
des Menschen, denn die Natur ist stärker" (S. 35). Auf der zweiten Stufe 
gelangt das Für-sich-sein des Menschen zur Darstellung: der zweiten Stufe 
in der Geschichte des geschichtlichen Menschenwesens nämlich und nicht 
der Gesellschaft: Sprechen und Unternehmen sind, als Antithesis zu Hand 
und Werkzeug, die Signa jener zweiten Stufe. Die Seele bringt es rein aus 
sich heraus zum Übergang vom organischen zum organisierten Leben und 
damit zum Staat (S. 53). Es folgt die Synthesis als Katastrophe. Freilich 
etwas vag und allgemein : die Technik, ursprünglich von Spengler als Taktik, 
als Verhaltensweise angesetzt, wird von ihm verabsolutiert, ohne daß auch 
bloß die Frage gestellt wäre, ob nicht gerade die Verselbständigung derTechnik 
gegenüber ihrem gesellschaftlichen Gebrauch durch eine Veränderung der 
gesellschaftlichen Struktur korrigierbar wäre. Die Kritik an der falschen 
Funktion der Technik hintertreibt er mit einer technischen Mythologie, 
die die Fetische noch anbetet, nachdem ihr Fetischcharakter erkannt ist: 
„Wie einst der Mikrokosmos Mensch gegen die Natur, so empört sich jetzt der 



Philosophie 151 

Mikrokosmos Maschine gegen den nordischen Mensehen. Der Herr der Welt 
wird zum Sklaven der Maschine" (S. 75). Folgerecht-mythisch spricht 
Spengler von „Frevel und Sturz des faustischen Menschen" (S. 75) und 
prophezeit baldigen Untergang der abendländischen Technik, die in Ver- 
gessenheit geraten müsse, weil für die kommenden, nichtfaustischen Seelen 
„die faustische Technik kein inneres Bedürfnis" (S. 87) sei, obwohl doch 
nach Spenglers eigener Aussage „die Japaner . . binnen 30 Jahren technische 
Kenner ersten Ranges" (S. 86) wurden. Den betroffenen Abendländern bleibt 
nichts übrig als heroisch-tragische Gesinnung. 

Zur Kritik ist die kurze Anzeige nicht der Ort. Es sollen statt dessen 
einige Sätze Spenglers stehen, die für sich selbst sprechen: „Jetzt aber, seit 
dem 18. Jahrhundert, arbeiten die zahllosen , Hände' an Dingen, von deren 
tatsächlicher Rolle im Leben, auch im eigenen, sie gar nichts mehr wissen 
und an deren Gelingen sie gar keinen inneren Anteil nehmen" (S. 74). Das 
ist richtig, wenn auch anderwärts schärfer formuliert. Wie aber interpre- 
tiert Spengler die Warenform ? „Eine seelische Verödung greift um sich, 
eine trostlose Gleichförmigkeit ohne Höhen und Tiefen, die Erbitterung 
wec kt" — gegen wen wohl ? — „gegen das Leben der Begabten, die schöpfe- 
risch geboren sind" (S. 74). Die schöpferisch Geborenen aber sind ihmheutzu- 
tage die kapitalistischen Unternehmer, die das Schicksal gnädig an ihren Platz 
stellte: „Die kleine Schar der geborenen Führer, der Unternehmer und Er- 
finder, zwingt die Natur . . ." (S. 72). Es gibt eben „von Natur Befehlende 
und Gehorchende" (S. 50) und bei der Theodizee der Edelmenschen fällt der 
Satz : „Nur Kinder glauben, daß der König mit der Krone zu Bett geht, und 
Untermenschen der Großstädte, Marxisten, Literaten glauben von Wirt- 
schaftsführern etwas Ähnliches" (S. 51). Es wird nicht verraten, welche Art 
von Menschen heute noch kapitalistische Unternehmer für die naturgewollten, 
begnadeten Führer ansieht. Aber der Satz läßt wenigstens keinen Zweifel, 
welchen zwischenmenschlichen Beziehungsformen der physiognomische 
Takt hier zugute kommt und welche konkrete Bestätigung die These, der 
Mensch sei ein Raubtier, durch Spenglers Philosophie selber etwa finden mag. 

Theodor Wiesengrund- Adorno (Frankfurt a. M.). 

Marck, Siegfried, Die Dialektik in der Philosophie der Gegenwart. 
1. und 2. Halbbd. I. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Tübingen 1929 und 1931. 
(IV u. 166 und VI u. 174 S.; geb. in einem Band EM. 20.—) 

Das Werk will einen Querschnitt durch die Philosophie der Gegenwart 
unter dem Gesichtspunkt des Problems der Dialektik geben. Mit dieser Ab- 
sicht greift es bewußt in die auch von anderer Seite als Leitfaden durch die 
Fülle der Probleme und Systeme dargestellte „Reproduktion" der Problem- 
geschichte von Kant bis Hegel auf „erweiterter Stufenleiter" ein. Das Ziel 
des Verfassers ist die Rechtfertigung einer „kritischen Dialektik", die 
gegen die spekulative Dialektik des Neuhegelianismus und den nichtdia- 
lektischen Kritizismus der Neukantianer abgegrenzt und als Konvergenzpunkt 
der Gegenwartsphilosophie aufgewiesen wird. 

Die entscheidende Leistung, die dem Kritizismus die Einbeziehung der 
nachkantischen Motive ermöglicht, ohne daß er den metaphysischen Konse- 
quenzen der nachkantischen Systeme verfallen müßte, sieht der Verfasser 



1 52 Besprechungen 

in der vor allem durch R. Hönigswald erreichten Wendung der Denkpsycho- 
logie zur philosophischen Prinzipienlehre. — Außer Hönigswald werden 
J. Cohn, H. Bauch, P. Hofmann, E. Cassirer und Th. Litt als Vertreter der 
kritischen Dialektik behandelt. 

Im Sinne der oben erwähnten Abgrenzung erfolgt die kritische Auseinander- 
setzung mit H. Rickert, E. Lask, R. Kroner, Kierkegaard, Barth, Gogarten, 
E. Brunner, P. Tillich, G. Lukacs, E. Griesebach, M. Heidegger, G. Simmel, 
P. Natorp, A. Liebert, N. Hartmann, E. Troeltsch, E. Przywara und P. Wust. 

Obwohl im übrigen der Bezug der philosophischen Probleme auf die 
Probleme der Einzelwissenschaften nicht behandelt wird — so sehr auch die 
kritische Dialektik (kantisch gesprochen) eine kritische Analytik fordert — , so 
darf doch besonders auf die klare Darstellung der Denkpsychologie hin- 
gewiesen werden, die in den bisher nur zu wenig bekannt gewordenen Werken 
R. Hönigswalds eine Fülle grundlegender Einsichten und scharfsinniger 
Untersuchungen für die Probleme der Geistes- und Sozialwissenschaften 
enthält. Freilich, die methodologischen Probleme der Soziologie kommen 
entgegen der in der Vorrede zum ersten Halbbd. vom Verfasser geäußerten 
Absicht zu kurz. Franz Meyer (Breslau). 

Sauerland, Kurt, Der dialektische Materialismus, 1. Buch: Schöpferischer 
oder dogmatischer Materialismus? Berlin 1932. (320 S.; RM. 4.80) 
Das Buch bildet den ersten Band eines größeren Werkes, in dem die 
Leninsche Auffassung des dialektischen Materialismus den westeuropäischen 
Auffassungen entgegengestellt werden soll. Der vorliegende Band ver- 
sucht einen historischen Abriß der Entwicklung des dialektischen Materialis- 
mus zu geben, die systematische Darstellung soll erst im 2. Bande folgen. 
Als erste Aufgabe wird die „Wiederherstellung des wahren Marxismus" 
(S. 3) bezeichnet. Die sozialdemokratischen Theorien, einschließlich der- 
jenigen R. Luxemburgs und K. Liebknechts, werden dabei im wesentlichen 
als Mißverständnisse betrachtet. Der Verfasser bestimmt die materialistische 
Dialektik im Anschluß an Lenin als „die wissenschaftliche Lehre von 
den Gesetzen der Entwicklung aller materiellen und geistigen Dinge, d. h. 
der Entwicklung alles konkreten Inhalts der Welt und der Erkenntnis 
derselben" (S. 40), und gibt ihr die dreifache Funktion, Weltanschauung, 
Methodologie und Erkenntnistheorie zu sein (S. 42). Die „materialistische 
Dialektik" ist nach S. zugleich „die Logik des revolutionären proletarischen 
Klassenkampfes" (S. 261). 

Die wissenschaftliche Behandlung des Gegenstands entspräche in der Tat 
einem Bedürfnis. Der Wert des Buches wird aber entschieden dadurch 
beeinträchtigt, daß die Thesen weniger durch logische Beweisführungen als 
durch Berufung auf politische Autoritäten gestützt werden, deren Be- 
deutung bestimmt nicht auf philosophischem Gebiet zu suchen ist. Ein 
endgültiges Urteil wird sich erst nach Erscheinen des zweiten Bandes ab- 
geben lassen. A. F. Westermann (Frankfurt a. M.) 

Gouhier, Henri. La Vie d' 'August Comte. („ Vies des hommes illustres", 

Nr. 63). Gallimard. Paris 1931. (300 S.) 

Henri Gouhier ist ein junger Philosophiehistoriker, der durch seine aus- 
gezeichneten Arbeiten über Malebranche und Descartes bekannt ist. Seine 



Allgemeine Soziologie 153 

Comte-Biographie gehört nicht zu der Gattung der heute so beliebten 
„biographies romancees", sondern ist ein wissenschaftlich relevantes 
Buch. Allerdings ein Buch, das für ein breiteres Publikum bestimmt und 
sehr leicht, man möchte sogar sagen spannend, geschrieben ist. Die Lehre 
Comtes ist darin nicht berücksichtigt worden, aber das Persönliche wurde 
stets im Hinblick auf das theoretische Werk behandelt. Der Verf. hat sich 
eine doppelte Aufgabe gestellt: „Ich muß Auguste Comte so wiederfinden 
wie er sich selbst gesehen hat; es ist mir untersagt, auf das Wissen zu ver- 
zichten, ob er sich so gesehen hat, wie er war" (S. 9). 

Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob G. diese Aufgabe richtig 
gelöst hat; aber alles, was er sagt, ist interessant, durchdacht und mit reich- 
lichem und gut gewähltem Zitatmaterial belegt. 

A. W. Kojevnikoff (Vanves [Seine]). 

Allgemeine Soziologie. 

Vierkandt, A., Handwörterbuch der Soziologie. Hrsg. in Verb, mit 
G. Briefs, F. Eulenburg, F. Oppenheimer, W. Sombart, F. Tönnies, A.Weber, 
L. v. Wiese. Ferd. Erike. Stuttgart 1931. (XII u. 690 S.; geh. RM. 69.—, 
geb. EM. 74.—) 

Die von dem Herausgeber im Vorwort ausgesprochene dreifache Absicht 
dieses Handwörterbuches ist: 1. die Kenntnis der Soziologie ,,in weiteren 
Kreisen zu verbreiten", 2. „gleichsam durch einen Akt der Kodifikation" 
den gegenwärtigen Stand der Soziologie festzulegen und 3. zur Selbstbesin- 
nung der Soziologie zu dienen und auf ihren Fortschritt hinzuwirken. Ist 
die Durchführung des ersten Punkts durch den hohen Preis erschwert und 
der dritte durch die Zukunft zu beantworten, so wird man feststellen müssen, 
daß dem Herausgeber die Übersicht über das, was heute unter Soziologie 
verstanden und in ihr geleistet wird, in hohem Maß gelungen ist. 

Mitgearbeitet haben an diesem Werk fast sämtliche Soziologen an deutschen 
Universitäten und technischen Hochschulen. In 62 Artikeln von 4 — 30 Seiten 
Umfang behandeln die Autoren die verschiedenen Probleme der Soziologie. 
Eine systematische Inhaltsübersicht teilt das Buch in 5 Abteilungen ein: 
Allgemeines, Gesellschaftssoziologie, allgemeine Kultursoziologie, Soziologie 
der einzelnen Kulturgüter, einzelne Kulturen und Epochen. Zwar wird der 
Leser keine durchgängige Auffassung über das, was Soziologie sei, fest- 
stellen können, es sei denn die, daß es sich um so etwas wie um die Erfor- 
schung des „Gesellschaftlichen" handele; was aber in diesen Bereich einzu- 
beziehen, was aus ihm auszuschließen sei, darüber hat fast jeder Autor seine 
eigene Meinung. Die Soziologie befindet sich im Stadium des Experimen- 
tierens, aber sie ist darum nicht weniger fruchtbar und bietet nicht 
weniger Erkenntnisse als bei starrer Fixierung. Man kann den Spielraum 
und die Weite der Soziologie am besten an einer Gegenüberstellung von 
Sombart und Mannheim erläutern. Sombart (Art. Grundformen des mensch- 
lichen Zusammenlebens) anerkennt nur die durch „Geist" konstituierten 
Gruppen („echte" Verbände) als legitime Objekte der Soziologie, Mannheim 
(Art. Wissenssoziologie) zieht sämtliche Erscheinungen des historisch- 
sozialen Lebens in seine Fragestellung und untersucht sie auf ihre Bezie- 



154 Besprechungen 

hung zum realen gesellschaftlichen Sein hin. In diese Spannung ordnen sich 
je nach Gegenstand und Methode die anderen Auffassungen von Soziologie 
ein. Es würde den Rahmen dieses Referates sprengen, wollte man auf alle 
Aufsätze einzeln eingehen und sie nach ihrem Werte würdigen. Es kann nur 
auf einige hingewiesen werden, die uns besonders bemerkenswert und wichtig 
erscheinen. So die Aufsätze von G. Briefs über die Sozialstruktur der 
Gegenwart (Betriebssoziologie, Sozialform und Sozialgeist der Gegenwart, 
Proletariat). Klar und einsichtig weist hier der Verf. auf den Prozeß der 
Verdinglichung der menschlichen Beziehungen im modernen Betrieb, auf 
die Klassenspaltung der kapitalistischen Gesellschaft und auf das Phänomen 
der Entproletarisierung des Proletariats, von dem „Verbürgerlichung" nur 
ein möglicher Weg ist, hin. Eine wertvolle Ergänzung findet die Soziologie 
der Gegenwart in dem temperamentvoll geschriebenen ausgezeichneten Aufsatz 
von A. Meusel über Bürgertum, der die mannigfaltige Schichtung und 
Gliederung des modernen Bürgertums darstellt. Ferner erwähnt seien die 
klaren formalsoziologischen Artikel von Th. Geiger über Führung, Gesell- 
schaft, Gemeinschaft und Revolution. Gundlach zeigt in einem aus- 
geschliffenen Aufsatz über die Soziologie des Ordens neben vielem Sachlichen 
die Mentalität der modernen katholischen Soziologie. Bemerkenswert 
erscheint uns auch der Aufsatz von K. Mannheim über Wissens- 
soziologie, der im Rahmen der Behandlung des Wissens in seiner Beziehung 
zu den gesellschaftlichen Gruppierungen einen Vorstoß in das Gebiet der 
Erkenntnistheorie unternimmt. An diese Abhandlung wird sich sicher 
noch eine lebhafte Diskussion anschließen. Daneben bietet das Handwörter 
buch eine Fülle von Aufsätzen über die Soziologie der Gruppen (Tönnies, 
Vierkandt, Sombart, Oppenheimer, Colm), der zwischenmensch- 
lichen Beziehungen (L. v. Wiese), zwei Aufsätze über allgemeine Kultur- 
soziologie (A. Weber, Frey er), mehrere über besondere Kulturen: China. 
Aufklärung, Mittelalter, Renaissance (v. Rosthorn, B. v. Wiese, v. Mar- 
tin). Die Soziologie der Politik findet ihre Behandlung durch Michels, 
Heller, Mitscherlich, v. Beckerath, Grabowsky u. a., die über 
Patriotismus, Staat, Volk und Nation, Faschismus, Bolschewismus usw. 
referieren. Religionssoziologie, Pädagogische Soziologie, Rechtssoziologie 
werden von Wach, A. Fischer und J. Kraft behandelt. Schering und 
Ziegen fuß berichten über die Soziologie der Kunst (Musik, Literatur 1 und 
bildende Kunst). Wie nicht anders zvi erwarten ist, sind bei der Beschränkt- 
heit des Raumes nicht alle Probleme im Handwörterbuch zu Wort gekommen, 
und nicht alle sind so ausführlich behandelt worden, wie sie es eigentlich 
verdienten. Deshalb sind auch die einzelnen Aufsätze nicht von gleichem 
Wert. Im großen und ganzen kann jedoch gesagt werden, daß das Hand- 
wörterbuch seinen Zweck, einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der 
Soziologie in Deutschland zu geben, erfüllt. W. Gollub (Frankfurt a. M.). 

V erhandlung en des Siebenten deutschen Soziologentag es vom 2S. Sep~ 
tember bis 1. Oktober 1930 in Berlin. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 
Tübingen 1931. (X u. 203 S.; RM. 11.40) 

Durch die Überlastung der Tagesordnung mit fünf Fragen wurden die 
Debatten kürzer, die Auseinandersetzungen weniger ausführlich als auf 



Allgemeine Soziologie 155 

früheren Soziologentagen, obzwar hervorgehoben werden muß, daß trotz 
der Kürze der Zeit wertvolle Vorträge und Diskussionsreden gehalten wurden. 
Nur auf einiges kann im Rahmen einer kurzen Besprechung hingewiesen 
werden. 

Der erste Punkt der Tagesordnung lautete: Presse und öffentliche 
Meinung. Brinkmann sieht die geschäftsmäßige Entwicklung des modernen 
Pressewesens und vergleicht sie mit der der anderen monopoloiden Groß- 
produktionen. Er sieht auch die Gefahren dieser Entwicklung für öffentliche 
Meinung und Kultur, erhofft aber die Hilfe von der Herausbildung einer neuen 
aristokratischen Schicht führender Geister und Organe, die die Presse zu 
ihren idealen Zwecksetzungen zurückführen werde. Von Eckard t arbeitete 
die Verflochtenheit der Presse mit Wirtschaft, Kultur und Staat heraus und 
wies besonders auf die ökonomische Fundierung des Zeitungswesens mit allen 
ihren Begleit- und Folgeerscheinungen hin. In der Diskussion bekämpfte 
Kapp die Behauptung, daß die Presse die Partei mache, und zeigte auf große 
Schichten hin, die gegen den publizistischen Willen der großen Presse immun 
sind. 

In der Untergruppe für Methodologie wurden über die Begriffsbildung 
in der Soziologie zwei Vorträge gehalten. Stoltenbergs, eines an sich an- 
regenden Soziologen, Vortrag kann schwer gewürdigt werden, denn er hat 
die Leidenschaft, für die ihm wichtig erscheinenden Begriffe sofort auch 
neue Worte zu schaffen, deren Erfassung viel Zeit und Geduld erfordert. 
Koigen suchte die Aufgabe der Soziologie im wissenschaftlichen Aufbau des 
soziologischen Gegenstandes, in der Auffindung der Begriffe und der Regeln, 
nach denen sich der soziologische Tatbestand aufbaut. Aus der Diskussion : 
Pieper warnte vor der Überschätzung der Erfahrung. Stepun zeigte, daß 
das Miterleben der russischen Revolution die nachträgliche adäquate Er- 
fassung der französischen Revolution erleichterte. Gierlichs warf den 
fruchtbaren Gedanken einer Soziologie des Alltagslebens auf. 

Über die Soziologie der Kunst sprach als erster v. Wiese. Unter 
Zugrundelegung seiner Beziehungslehre zerlegte er die Aufgabe in zwei 
Problemkreise: die Kunst als Komplex sozialer Prozesse und die Kunst als 
soziales Gebilde. Nach Rothacker ist die Aufgabe der Kunstsoziologie, die 
soziale Bedingtheit der Entstehung und Wandlung der Lebens-, Kultur- und 
Kunststile darzulegen. Breysig betrachtete das geistige Schaffen als Gegen- 
stand der Gesellschaftslehre, und alle drei Gattungen des geistigen Verhaltens : 
das nexiernde Erzeugen, das nachahmende Weitergeben und das hinnehmende 
Empfangen, machte er zum Gegenstand seiner Untersuchungen. Die drei 
Vorträge zeichneten sich durch eine Fülle geistiger Anregungen aus. Dement- 
sprechend war auch die Diskussion bemerkenswert. Schmalenbach wies 
mit Recht darauf hin, daß nicht nur das Kunstwerk soziologisch wirkt, 
sondern daß es auch soziologisch erwirkt ist. Honigsheim widmete seine 
Ausführungen der Soziologie des Publikums. 

Über die Soziographie sprach zuerst Tönnies. Die S. hat die ver- 
borgenen Quellen, die sich der Statistik verschließen, aufzuspüren. Der 
soziographisehe Begriff der Stadt, den er als Beispiel entwickelte, ist sehr 
lehrreich. In der Diskussion warnte Bortkiewicz vor der Gegenüber- 
stellung von Soziographie und Soziologie. 



1 56 Besprechungen 

In der Untergruppe für politische Soziologie wurden „Die deutschen 
Stämme" behandelt. Die einleitenden Worte sprach Eulenburg, der eine 
rassenmäßige Lösung des Problems als unwissenschaftlich zurückwies. 
Hellpach befaßte sich mit der naturforschenden und geisteswissenschaft- 
lichen Seite des Themas und empfahl die strengste Wertungsenthaltsam- 
keit. Na dl er hielt über die literaturhistorischen Erkenntnismittel des 
Stammesproblems einen interessanten Vortrag. Au bin sprach von den 
geschichtlichen Grundlagen der deutschen Stämme; als entscheidendes 
Merkmal der Stammesbildung betrachtet er das gemeinsame und von 
der Umwelt sondernde Erleben und zeigt, daß „reine" Stämme über- 
haupt nicht existieren. Aus der Diskussion wollen wir folgendes erwähnen: 
Hertz: Die Lösung des Stammesproblems ist bisher nicht gelungen, weil 
dieses eigentlich eine Gleichung mit vielen Unbekannten darstellt, zu deren 
Lösung bisher noch nicht genug Gleichungen vorhanden sind. Die natur- 
wissenschaftlichen Erkenntnisversuche leiden an einem Mangel geschichtlicher 
Kenntnisse. Sombart: Der Stamm als eine Angelegenheit der Blutsver- 
wandtschaft und Abkommenschaft ist kein soziologischer Begriff. Volk ist 
diejenige soziologische Gruppe, die eine gemeinsame Tradition hat, Nation 
eine Gruppe, die ein gemeinsames Ziel hat. 

Der Anhang enthält schriftliche Beiträge zur Soziologie der Kunst von 
Müller-Freienfels, Hanna Meuter und Alfred Peters. 

Der Berliner Soziologentag stand auf einem hohen geistigen Niveau, und 
trotz der Überfüllung der Tagesordnung war er imstande, eine ersprießliche 
Arbeit zu leisten. Paul Szende (Wien). 

Soziologie von heute. Ein Symposion der Zeitschrift für Völkerpsychologie 
und Soziologie. Hrsg. v. Richard Thurnwald. C. L. Hirschfeld, Leipzig 
1932. (VIII, ISS S.; RM. 5.—, geb. RM. 6.50) 

In diesem „Symposion" vereinigt Th. zu dem Thema: Aufgaben und 
Grenzen der Soziologie die programmatischen Ausführungen führender 
Soziologen. Nur einige kommen zu Wort: Freyer, Ginsberg, Maclver, 
W. F. Ogburn, Plenge, Sorokin, Steinmetz, Thurnwald, Tönnies und Walther! 
Die Aussprache dient einem „allgemeinen Gedankenaustausch" und soll 
mehr das Verbindende und Einigende als das Trennende in wichtigen Grund- 
überzeugungen betonen, damit sich — wie der Herausgeber im Vorwort 
hervorhebt — „mit der Zeit ein fester Wissens- und Methodenkern heraus- 
bildet, ohne den es nicht möglich sein darf, Soziologie zu treiben". Um dieses 
Programms willen und weil hier so ganz verschieden geartete deutsche mit 
amerikanischen Soziologen diskutieren, verdient dieser soziologische „Sänger- 
krieg", wie Tönnies die Diskussion humorvoll bezeichnet, Beachtung. 

Gemeinsam fordern die 4 amerikanischen und 6 deutschen Soziologen 
eine Weiterführung der methodologischen Klärung und lehnen den „Sprung 
in die Empirie" mit guten Gründen ab. Daß die konkrete Einzelforschung 
mit der Prinzipienbetrachtung engen Konnex behalten oder neu finden 
müsse, sagen auch die amerikanischen Soziologen, von denen besonders 
Maclver interessante Ausführungen über die behavioristische Sozialpsycho- 
logie in Amerika macht. Unter Ablehnung „dogmatischer Verengungen" 
begibt man sich gemeinsam auf den Boden methodisch -liberaler Toleranz; 






Allgemeine Soziologie 157 

die verschiedenen soziologischen Schulen können „in friedlichem Nebenein- 
ander organiseh-verbunden existieren", meint Sorokin, und Freyer spricht 
von ihrem „sinnvollen Zusammenspiel" und ihrer „sachbedingten Ko- 
operation". So wie eine gewisse Wendung zur methodologischen Theorie in 
den amerikanischen, so ist eine neuartige Betonung der Gegenwart und 
Praxis in den deutschen Beiträgen auffällig. 

Daß es trotzdem den „Rednern im Symposion" mit ihren Beiträgen weder 
eine gemeinsame Gesprächsbasis zu finden gelungen noch bedeutungsvollere 
theoretische Übereinstimmungen aufzuzeigen geglückt ist, hat seine besonderen 
Gründe. Denn wenn auch die Soziologie durch Differenzierung ihrer Methoden 
und Vermehrung ihrer Forschungsergebnisse weiter fortgeschritten ist, so 
ist sie in Wirklichkeit doch noch weit entfernt von jenem „Konsolidierungs- 
zustand", der eine der notwendigen Vorbedingungen für jenes oben an- 
gedeutete „Symposion" wäre. Gerade denjenigen, der die Gesellschafts- 
wissenschaften gerne mit dem von Freyer neuentdeckten Begriff das „Selbst- 
bewußtsein einer Epoche" nennen möchte, wird es nicht wundernehmen, 
wenn eine Zeit wie die Gegenwart auch bewußtseinsmäßig schärfste 
Spaltungen erzeugt. Erich Winter (Frankfurt a. M.). 

Freyer, Hans, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. Logische 

Grundlegung des Systems der Soziologie. Teubner. Leipzig und Berlin 1930. 

(310 S., br. RM. 10.—, geb. RM. 12.—) 
Freyer, Hans, Einleitung in die Soziologie. Quelle & Meyer. Leipzig 1931. 

(149 S., RM. I.SO) ~ 

In seinem bedeutsamen Buch zur Grundlegung eines „Systems der Sozio- 
logie" sucht Freyer die Soziologie als eine Wissenschaft mit eigenem Gegen- 
standsgebiet und besonderen Erkenntnismethoden neu zu konstituieren. 
Zwei Drittel des Buches dienen der kritischen Auseinandersetzung mit der 
deutschen Soziologie. Da die Soziologie „das organische Produkt einer 
bestimmten Kultur und darum in eine andere Kultur nicht einfach über- 
tragbar ist" (Zitat F.s aus Walther S. 7) und da die europäische Soziologie 
„durch ihre eigene Geschichte auf ganz bestimmte Problemstellungen ver- 
pflichtet" sei, will er sich mit der amerikanischen Soziologie nicht auseinander- 
setzen. Gegen die Auffassungen, die die Soziologie „als Philosophieersatz 
für die philosophisch ungläubig Gewordenen anpreisen" setzt er die These, 
daß die Soziologie „in aller Strenge des Worts System ist" und die Aufgabe 
habe, „die gesellschaftliche Wirklichkeit der Gegenwart ins wissenschaft- 
liche Bewußtsein zu heben" (S. 12). 

Die geisteswissenschaftliche Fundierung der Soziologie bei Dilthey, 
Simmel und Spann habe gerade die Eigentümlichkeit des Gegenstandes 
und der Methode der Soziologie verwischt. Für die „Logoswissenschaften" 
werde „die gesellschaftliche Wirklichkeit mit ihren Gegensätzen, Kämpfen, 
Entwicklungen und Entscheidungen zu dem Kräftespiel, in dem sich der 
Sinnzusammenhang der Kulturformen verwirklicht" (S. 35). Diese logos- 
wissenschaftliche Soziologie müsse scheitern, weil „drei grundlegende Eigen- 
schaften, die einander bedingen .... die gesellschaftlichen Gebilde von allen 
Formen des objektiven Geistos unterscheiden" (S. 81). Erstens seien sie 
.„Formen aus Leben"; deshalb auch sei der Soziologie die theoretische Hai- 



158 Besprechungen 

tung des geisteswissenschaftlichen ,,Verstehens" versagt. Sie seien zweitens 
„der konkreten Zeit eingelagert"; deshalb müsse die Soziologie „ein System 
des Nacheinander sein" (S. 87). Die dritte Bestimmung sei, daß die gesell- 
schaftlichen Gebilde „die existenzielle Situation des Menschen sind" (S. 97). 
Sinn der soziologischen Theorie sei „Vertiefung der eigenen Entscheidung, 
Unterbauung der eigenen Wirklichkeit". „Nicht souverän soll der Erken- 
nende werden, sondern verantwortlich . . ."; so trete neben die Logoswissen- 
schaften ein zweiter Typus von Geisteswissenschaften: „die Ethoswissen- 
schaften" (S. 91). 

Wenn auch „von einem höchsten Blickpunkt aus, philosophisch be- 
trachtet, alles Sein zur Wirklichkeit, der der Mensch existenziell angehört, 
alle Wissenschaft vom Sein zur Wirklichkeitswissenschaft im hier gemeinten 
Sinn" (S. 201/02) werde, so sei doch in den drei Wissenschaftsgruppen (Natur-, 
Geistes-, Wirklichkeitswissenschaften) „ein notwendiges Gliederungsgesetz 
der Erkenntniswelt zu erfassen" (S. 202). „Wirklichkeitswissenschaften 
(Psychologie, Geschichte, Soziologie) sind zugleich ethische Wissenschaften" 
(S. 206). Dabei beruhe die zentrale Aufgabe der Soziologie in der Analyse 
der Beziehung von Staat und Gesellschaft. 

Im dritten Teil seines Buches will F. seine Methode praktisch durch- 
führen. An Phänomenen wie „Gesellschaft", „Staat und Gesellschaft", 
„Klassen" u. a. sucht er die soziologischen Sätze zu erhärten, daß die eigen- 
tümlichen soziologischen Strukturbegriffe generalisierbar sind, die gesell- 
schaftliche Wirklichkeit geschichtet ist und in ihr „relativ reine und relativ 
unreine, d. h. verhüllte, getrübte oder überschichtete Strukturen" feststellbar 
sind (S. 224); „für jede einzelne Grundstruktur" gebe es „typische Formen 
der Einschichtung" anderer Strukturelemente. 

F. versucht die Existenzialphilosophie zur Begründung seines Systems 
zu verwenden. Die philosophische Kritik seines Werkes müßte sich gerade 
diesem existenzialphilosophischen Ansatzpunkt F.s zuwenden und sich 
fragen, ob nicht F. schließlich doch die Soziologie als „Philosophieersatz", 
zumal einer philosophisch-soziologischen Ethik aufzubauen sucht. Wenn 
F. im Kampf gegen die Logoswissenschaften auf Marx und Hegel zurück- 
greift und die Dialektik von dort übernimmt, so steht diesem unbestreit- 
baren Verdienst doch entgegen, daß er sich auf die Philosophie, nicht aber 
auf die politische Ökonomie von Marx bezieht, Das Buch F.s, so interessant 
und wichtig die eigenartige Behandlung der Probleme ist, erbringt keinen 
vollgültigen Beweis für die Notwendigkeit eines soziologischen Systems, das 
neben der Ökonomie, der Geschichte, Kulturkreisforschung oder über ihnen 
zu stehen hätte. Es rechtfertigt keineswegs ein neues System im Rahmen 
der Wissenschaft, sondern stellt lediglich mit Hilfe geistesgeschichtlicher 
und philosophischer Methoden fest, wie stark die begriffliche und sachliche 
Differenzierung des Denkens bei dem sein muß, der sich mit den Kämpfen 
des gesellschaftlichen Lebens theoretisch befaßt. 

In seiner „Einleitung" faßt F. die Ergebnisse seines oben besprochenen 
Buches kurz zusammen. Der historische Teil über die Geschichte der Soziolo- 
gie ist neu hinzugekommen. Das kleine Buch ist sowohl historisch instruktiv 
wie auch lehrreich für den Einbruch der Existenzialphilosophie üi das Gebiet 
der Soziologie. Erich Winter (Frankfurt a. M.). 



Allgemeine Soziologie 159 

Neurath, Otto, Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der 

Geschichte und Nationalökonomie. Jul. Springer. Wien 1931. (151 S. ' 

RM. 9.60) 

Neuraths Buch ist eine Programmschrift, eine Schrift über Wesen 
und Methode der Soziologie mit scharf polemischer antitheologischer und 
antimetaphysischer Spitze. Es gibt nur eine Wissenschaft mit einer Methode 
(„Einheitswissenschaft"), die sich in der Physik als der vorgeschrittensten 
und grundlegendsten aller wissenschaftlichen Disziplinen am reinsten ver- 
körpert („Physikalismus"). Jede Wissenschaft (die es mit der Wirklichkeit 
zu tun hat, von Logik — Mathematik abgesehen) stellt sich dar als Logi- 
sierung empirisch gefundener Daten, sie faßt diese Beobachtungstatsachen 
daher in ihrem funktionellen Abhängigkeitsverhältnis und in ihrer raum- 
zeitlichen Ordnung, derart, daß kontrollierbare Voraussagen von Erfahrungs- 
tatsachen möglich werden. Von dieser Grundthese ausgehend lehnt N. die 
prinzipielle Scheidung zwischen natur- und geisteswissenschaftlicher Er- 
kenntnis, die Trennung von „erklärender" und „verstehender" Wissenschaft, 
die Behauptung von der weltanschaulichen Grundlage oder der Wert- 
beziehung geisteswissenschaftlicher Forschung ab. Er sieht ferner im Ge- 
schichtsmaterialismus, im Marxismus, den „geschlossensten aller bisherigen 
Versuche, eine streng wissenschaftliche, unmetaphysische physikalistische 
Soziologie zu schaffen". 

Das kleine Buch ist von erfreulicher Klarheit und Entschiedenheit, und 
vor allem der Forderung, daß die Soziologie nur klare und erfahrungsmäßig 
definierte Begriffe verwenden dürfe, möchte Ref. nachdrücklich zustimmen. 
Es ist heute besonders notwendig zu betonen, daß die Begriffe einer echten 
Wissenschaft t ermini sein müssen und nicht etwa „ausdruckskräftige Worte 
der Sprache", die „die Lebendigkeit in ihr Recht einsetzen wollen" — um 
eine bezeichnende Wendung eines modernen philosophischen Werks zu 
zitieren. Der Gefahr des Einbruchs solcher Philosophie und ihrer „Begriffe" 
in die Soziologie vorzubeugen, ist ein Verdienst, das ich auf alle Fälle Neurath 
und seiner Richtung zuerkennen möchte, auch wenn ich ihm im einzelnen 
nicht überall folgen kann. Vor allem führt ihn das Vorbild der Physik m. M. 
nach zu weit: so wenn er sich den „Behaviorismus" zum Muster nimmt, der 
sich trotz exakter Reiz- und Reaktionsbestimmungen als völlig unfruchtbar 
erwiesen hat, wo es sich darum handelte, grundlegende gesetzmäßige Zu- 
sammenhänge zu finden; nie wäre man z. B. auf seinen Wegen zu der be- 
deutendsten und durchaus empirischen Schöpfung der modernen Psycho- 
logie, zur Psychoanalyse Freuds gekommen. Im Grunde begeht der Be- 
haviorismus denselben Fehler wie die metaphysische Soziologie: er geh- 
mit vorgefaßtem Programm an die Tatsachen, anstatt sich von ihnen leiten 
zu lassen. Mit Recht betont N. selbst, daß Soziologie soziologisch betrachtete 
Geschichte werden muß — m. a. W. historische Reihenbildung, aus dem 
einmaligen historischen Material herausgearbeitet, die zugleich das Einmalige 
in seinem Zusammenhang und seiner Richtungstendenz erkennen läßt und 
das „Typische" seines Ablaufs, das man in andern Fällen wiedererkennt, 
gleichgültig, ob es sich in einem Gesetz im strengen Sinn formulieren läßt. 
Es wäre, scheint mir, günstig für die Soziologie, wenn die Erörterung der 
Programme und Methoden (einer Wissenschaft, die selbst erst in ihren An- 



160 Besprechungen 

fangen steht!) hinter der praktischen Arbeit mehr zurückträte. In der Natur- 
Wissenschaft ist die erkenntnistheoretische Reflexion der Wissenschaft 
gefolgt, nicht ihr vorausgegangen. E. v. Aster (Gießen). 

Tönnies, Ferdinand, Einführung in die Soziologie. Ferd. Enke, Stuttgart 

1931. (327 S.; br. RM. 11,50, geb. RM. 13.—) 

Wer Tönnies ist und wo sein wissenschaftlicher Standort ist, weiß jeder. 
Es kann sich also nur darum handeln anzugeben, was von dem Gedankengut 
des Forschers gerade in diesem Buch zu finden ist, was nicht. Es fehlt die 
sog. generelle Soziologie, deren Hauptbestandteile die physische Anthropologie 
in ihrer soziologischen Bedeutung und die Sozialpsychologie sind. T. gibt nur 
den theoretischen Teil der reinen Soziologie ; das Ziel seiner Darstellung sind 
Normalbegriffe und ideelle Typen (dieser Terminus scheint ihm angemessener 
als „Idealtypen" zu sein). Im Mittelpunkt seines Interesses steht auch hier 
der Komplex Gemeinschaf t- Gesellschaf t ; die „Einführung in die Soziologie" 
kann geradezu als Fortsetzung des Buches „Gemeinschaft und Gesellschaft" 
aufgefaßt werden. Das Buch berichtet von der Statik und von der systema- 
tischen Ordnung der sozialen Wesenheiten, nicht von ihrer Dynamik. 

T. hält überall die Linie des Theoretikers inne; wo er Aussagen über das 
„wirkliche Leben" macht und über die Veränderungen und Bewegungen, in 
die die sozialen Wesenheiten durch das wirkliche Leben geraten, handelt es 
sich um sorgfältig ausgewählte Beispiele einer Verifizierung des Behaupteten. 
Daß er mit warmem Herzen an den Sorgen unserer Zeit teilnimmt, zeigt 
schön eine Stelle der Vorrede, wo er sagt, daß er seine Hoffnung nur in die 
Internationalität der nationalen Arbeiterbewegungen setze, wenn er an eine 
bessere Zukunft denke. Justus Streller (Leipzig). 

Karl Marx / Friedrich Engels, Die heilige Familie und die Schriften 
von Marx von Anfang 1844 bis Anfang 1845. (Marx-Engels Gesamt- 
ausgabe; I. Abteilung, 3. Band.) Marx-Engels- Verlag GmbH., Berlin 1932. 
(640 S., RM. 18.—) 
Karl Marx, Der historische Materialismus. Die Frühschriften, 2 Bände, 
hrsg. von S. Landshut und J. P. Mayer. (Kröners Taschenausgaben) 
Kröner. Leipzig 1932. (414 u. 638 S., je RM. 3.75) 

Der neue Band der Gesamtausgabe ist von V. Adoratskij, dem Nachfolger 
des verdienstvollen und kenntnisreichen D. B. Rjazanov, im Auftrag des 
Marx-Engels Instituts, Moskau, herausgegeben und weist die textwissen- 
schaftlichen und bibliographischen Vorzüge der vorhergegangenen Bände 
auf. Der vorliegende Band enthält — wie auch Band I der Landshut-Mayer - 
sehen Ausgabe — ein zum ersten Mal veröffentlichtes Manuskript philo- 
sophisch-ökonomischen Inhalts aus dem Jahr 1844, das für die Kenntnis der 
Jugondgeschichte M.s von besonderem Wert ist. Das Jahr 1844 in Paris ist 
für M. damit bedeutsam geworden, daß er dort — wie aus den abge- 
druckten Exzerptheften hervorgeht — die englische und französische 
ökonomische und sozialistische Literatur und die französische Ar- 
beiterbewegung aus persönlicher Anschauung kennenlernt. Das Manu- 
skript enthält denn auch seine ersten kritischen Bemerkungen über die 
bürgerliche politische Ökonomie sowie eine Kritik der utopischen kommu- 
nistischen und sozialistischen Schriften. Im Zusammenhang mit dem Pro- 



Allgemeine Soziologie 161 

blera der Selbstentfremdung des Menschen findet sich auch eine Auseinander- 
Setzung mit Hegel. Jenes Problem hat M. während seiner ganzen Frühzeit 
beschäftigt und nimmt in den Gedankengängen des Manuskripts eine ent- 
scheidende Stelle ein. Hier tritt es zum letzten Male als philosophisch- 
metaphysisches Problem auf, um dann in der materialistischen Geschichts- 
auffassung, wie sie in der „Deutsehen Ideologie" von 1845—46 zum ersten 
Mal ausgeführt ist, in den ökonomisch -soziologischen Begriff der Verding- 
lichung überzugehen. Die Frage, inwieweit M. in seiner Grundhaltung immer 
Hegelianer geblieben ist oder ob seine Kritik an Hegel seinen späteren ameta- 
physischen Materialismus zureichend begründet hat, ist allein auf Grund 
jenes Manuskripts nicht zu entscheiden. 

Deswegen ist auch die ethisierend-idealistische Interpretation, als deren 
Verfechter S. Landshut und J. P. Mayer in der Einleitung zu ihrer Ausgabe 
auftreten, recht problematisch. Sie ist auch unzureichend fundiert, weil sie 
auf den Anteil des Feuerbachschen Humanismus an der Prägung des M.schen 
Begriffs vom Menschen und auf die spätere Entwicklung M.s und die Selbst- 
kritik an seiner hegelianisch-philosophischen Vergangenheit gar nicht ein- 
geht. Die Bemühungen, M. zum „vielleicht echtesten Hegelianer" 
zu stempeln, wirken umso befremdender, als die Herausgeber M. mangelndes 
Hegelverständnis vorwerfen. 

Der zweite Band der Landshut-Mayerschen Ausgabe enthält den voll- 
ständigen Abdruck der „Deutschen Ideologie" mit einigen bisher unver- 
öffentlichten Bruchstücken. 

A. F. Westermann (Frankfurt a. M.). 

Heider, Werner, Die Geschichtslehre von Karl Marx. Gotta. Stutt- 
gart u. Berlin 1931. (VIII u. 201 S.; BM. 9.50) 

Als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen nimmt H. die Marxsche mate- 
rialistische Geschichtsauffassung; die Darstellung will er, nach Breysigs 
Beispiel, „vom Boden der Geschichtswissenschaft selbst aus" unternehmen, 
und sein Ziel sieht er darin gegeben, „die in zahlreichen Schriften Marx' 
verstreuten Bausteine seiner Geschichtslehre zusammenzutragen und sinn- 
voll ineinander zu fügen". Im Dienste eben dieses Leitmotivs haben „alle 
Arbeiten Marx' gestanden", und so gilt es, gegen die Wirtschaftstheoretiker 
zu kämpfen, die die Bedeutung des „Historisch-Philosophischen in Marx' 
Arbeiten zu gering anschlagen und als Quintessenz der Forschungsergeb- 
nisse Marx' die Mehrwert-, Krisentheorie usw." betrachten. 

Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt. Im ersten werden „die wissen- 
schaftlichen Grundlagen der Marxschen Geschichtslehre" als die philo- 
sophischen Voraussetzungen und die Methode Marx' aufgezeichnet, im 
zweiten „das System der geschichtlichen Formen und Kräfte" — was etwa 
dem Thema Produktivkräfte — Produktionsverhältnisse entspricht — 
behandelt und im letzten, „Bewegung und Entwicklung", die Gesetze der 
dialektischen Bewegung und die Stufenreihe der Entwicklung angegeben 
und an Hand der Marxschen Erklärungen der einzelnen Stufen seine Ge- 
schichtslehre erläutert. H. versucht erfolgreich, jeglicher Polemik fernzu- 
bleiben, geht deshalb direkt auf keine der vielen früheren Untersuchungen 
des Problems ein, belegt desto mehr seine Ausführungen mit Marxzitaten, 
Zeitschrift für Sozialforschung ji 









162 Besprechungen 

wobei auch die erst neuerdings veröffentlichten Schriften von Marx 

— insbsondere die „Deutsche Ideologie" — stark herangezogen werden; 
die Darstellung ist sehr lebendig und klar, und das ganze Werk liest sich 
sehr leicht. 

Hier ist kein Platz für eine Auseinandersetzung vorhanden, es muß aber 
betont werden, daß die Aufgabe, die der Verf. sich setzt, nicht in der Weise 
bewältigt werden kann, daß die „verstreuten Bausteine Marxscher Geschichts- 
lehre" zusammengetragen werden. Bei einem solchen Vorgehen werden 
die verschiedenartigen Elemente nebeneinandergestellt, die dann eben nur 

— sinnvoll oder überhaupt nicht geordnet werden können. Warum aber 
„brüchige Stellen" in der Marxschen Geschichtslehre entstanden sind und 
auf welche Weise sie ausgefüllt werden sollen — diese Fragen sind unbeant- 
wortet geblieben. Dem Leser drängen sie sich desto mehr unaufhörlich auf. 

Michael Milko (Berlin). 



Essays on Research in the Social Sciences. The Brookings Institution. 

Washington 1931. (194 S.) 

Das Brookings Institut lud 1930/31 eine Anzahl bekannter Forscher ein, 
zu dem Problem wissenschaftlicher Forschungsmethoden in den Sozial- 
wissenschaften Stellung zu nehmen. Diese Vorträge liegen nun in Buch- 
form vor. 

Angeregt von dem Erfolg der Naturwissenschaften, allerdings mit der 
einschränkenden Erkenntnis, daß die Sozialwissenschaften durch die Be- 
sonderheit ihres Materials kaum gleiche Resultate haben können, versucht 
man Arbeitsmethoden zu finden, die ebenfalls relativ sichere Schlüsse zu- 
lassen. Die grundlegende Frage: was ist Wissenschaft? wird allerdings von 
W. F. G. Swann m. E. kaum beantwortet. W. W. Cook, der die Möglich- 
keiten gesellschaftlicher Studien als Wissenschaft untersucht, verwirft die 
künstliche Scheidung zwischen Tatsachen- und Werturteilen und gibt eine 
Analyse dessen, was wir unmittelbare Tatsachen nennen, um zu zeigen, daß 
jede gegebene Tatsache im Augenblicke, wo wir sie beschreiben, denjenigen 
Aspekt zeigt, den unser Interesse gerade beleuchtet. Die Naturwissenschaften 
sind deshalb nicht mehr als die Sozialwissenschaften imstande, absolute 
Wahrheiten zu enthüllen. Es sind immer nur der Situation entsprechende 
relative Wahrheiten auffindbar. — Dann folgen Aufsätze über die Methoden, 
in den einzelnen Wissenschaftsgebieten, die zur Sozialwissenschaft gehören: 
in der politischen Geschichte (Beard), in der Volkswirtschaft (I. M. Clark), 
im Recht (K. L. Llewellyn), in der Psychologie (M. Bentley) und in der Ge- 
schichte (A. M. Schlesinger). 

Was dieser Abschnitt eigentlich nur zeigt, ist, daß gegenseitige Befruch- 
tung sehr selten stattfindet und daß der Forscher doch zumeist Historiker, 
Volkswirt usw., nicht aber Sozialwissenschaftler ist. 

Fast alle Aufsätze wehren sich gegen eine Überschätzung der quanti- 
tativen Methode. Sie ist „eine Phase, nicht etwa ein besonderer Typus des 
Denkens", durch die sich Wahrheitsfragmente erreichen lassen; Hypo- 
thesen sind nötig, um die sich die sonst chaotischen Tatsachen lagern müssen. 
Interessant ist im Gegensatz dazu Ogburns Aufsatz über die Grundsätze 
■ 



Allgemeine Soziologie 163 

der Auswahl von Forschungsproblemen, die nach ihm alle allein der Wissen- 
schaft, also der „Entdeckung neuen dauernden Wissens" dienen sollen; ent- 
scheidend bei der Auswahl soll sein, ob es zuverlässiges Material darüber gibt, 
das sich mit den Methoden, die uns zur Verfügung stehen, wissenschaftlich 
erforschen läßt. Ein Aufsatz von W. I. Thomas folgt, der das menschliche 
Verhalten nicht durch statistische Methoden, sondern aus der Gesamt- 
situation her studiert sehen will. 

Die gesammelten Aufsätze geben uns, ohne die methodologischen Pro- 
bleme etwa erschöpfend zu behandeln, einen guten Überblick über die Art 
wie man sich in den einzelnen Gebieten der Sozialwissenschaft in Amerika 
über die jedem gemäßen Forschungsmethoden klar zu werden versucht. 

Margareta Lorke (Frankfurt a. M.). 



Roß, E. A., Principles of Sociology, Revised Edition. The Century 
Co. New York 1930. (592 S. $ 4) 

In noch stärkerem Maße als die Erstauflage ist diese neue veränderte 
Ausgabe der „Principles of Sociology" (die auch in Deutschland als „Das 
Buch der Gesellschaft", Verlag G. Braun, Karlsr ulie 1926, vorliegen) das 
Werk eines Forschers, der die fernsten Länder — Mexiko, Portugiesisch- 
Afrika, Südafrika, Indien, Java, Siam, Ägypten und Palästina — bereist, 
um die lebendigen Probleme unserer heutigen Zeit mit anzuschauen und dar- 
zustellen. Mutig bekennt er sich zu Veränderungen, wie dem Weglassen 
der früher oft zur Erklärung herangezogenen Instinktpsychologie oder dem 
Hinzufügen früher wenig beachteter anthropologischer Erkenntnisse. Ein 
System — wenigstens in unserm Sinn, als ein Einordnen der gesamten sozio- 
logischen Phänomene in ein in sich selbst beständiges Gedankengebäude — 
ist es auch jetzt nicht. Vielmehr geht R. mit reichem Tatsachenmaterial auf 
die sozialen Probleme unserer Zeit ein. Demgemäß ist denn auch eine ver- 
stärkte Betonung auf den Abschnitt „Konflikt" gelegt worden! 

Wenn R. als einen der Gründe für die Neuausgabe die in der Forschung ge- 
machten Fortschritte angibt, so will er damit nicht etwa sagen, daß er nun 
die neusten „exakf'-wissenschaftlichen Methoden der neuen Forschungs- 
richtung hätte anwenden wollen. Das hieße sein gesamtes Lebenswerk in 
Frage stellen. R., der sich, soviel ich weiß, früher niemals veranlaßt gesehen 
hat, seine Forschungsmethode theoretisch zu rechtfertigen oder überhaupt 
zum Problem der Methodologie Stellung zu nehmen, sieht sich jetzt gegen- 
über der unter dem Banner „exakter" oder „quantitativer" Forschungs- 
methoden immer mächtiger heranmarschierenden Front der jüngeren ameri- 
kanischen Soziologen veranlaßt, in seinem Artikel „The Uniqueness of the 
Social Sciences" in „Sociology and Social Research", September- Oktober 
1931, S. 3 — 6, seine eigene Methode zu verteidigen. Daß auch dieser Artikel 
keine Auseinandersetzung mit den grundsätzlichen Problemen bietet, liegt 
nichtnuranderBeschränktheitdes Raums, sondern auch an R.s Temperament 
und Einstellung, die Lebendiges lebendig anpackt und der jede ausgesponnene 
methodologische Vorfrage als Zeitvergeudimg erschiene. 

Margareta Lorke (Frankfurt a. M.) 

11* 



164 Besprechungen 

Spahr, Earl, und Rinehart John Swenson, Methods and Status of Scienti. 
fic Research. Harper & Brothers. New York 1930. (XXI u. 553 S.; 
$ 4.—) 

Ein Hilfsbuch für amerikanische Studenten, das ihnen sowohl den wissen- 
schaftlichen Geist als Voraussetzung bei Forschungsarbeit analysiert als 
auch die sämtlichen technischen Phasen einer Arbeit beschreibt. Es gibt 
wichtige Information über Bibliotheksbenutzung, nationale und inter- 
nationale Forschungsinstitute, Anlegen übersichtlicher Kartotheken, An- 
fertigung von Manuskripten und Korrekturlesen und über Bücherbespre- 
chungen: kurzum über alles Technische wissenschaftlicher Arbeit, das zu 
wissen nötig ist und viel Zeit erspart. 

Margareta Lorke (Frankfurt a. M.). 

Dayy, Georges, Sociologues d'hier et d'aujourd'hui. Felix Alcan. 
Paris 1931. (308 S.) 

Die moderne französische Soziologie wandelt noch immer in Durkheims 
Fußstapfen; der Einfluß Spencers und sogar der Comtes ist im Verschwinden 
begriffen. Auch Le Play vermag der jetzigen Generation wenig zu sagen, 
seine Anhänger rekrutieren sich meistens aus reaktionär und klerikal ein- 
gestellten Wissenschaftlern. Von diesem Stand der französischen Soziologie 
gibt das vorliegende Buch ein ausführliches Bild. Die Einleitung schildert die 

I Entwicklung der französischen Soziologie in der ersten Nachkriegszeit. Das 

Buch umfaßt vier Abhandlungen : In der ersten wird das Werk des Soziologen 
Espinas, der von Spencer ausging, aber später auch Wege der Durkheim- 
Schule einschlug, beschrieben. Das 2. Kapitel bespricht die Lehre Durkheims 
von Familie und Verwandtschaft, im 3. ist eine Parallele zwischen der 
Sozialpsychologie des englischen Gelehrten William McDougall und der 
Soziologie Durkheims gezogen. Im letzten Kapitel wird ausführlich das 
Lebenswerk von Levy-Bruhl, seine Leistung auf dem Gebiete der Psycho- 
logie der primitiven Völker gewürdigt. Schade, daß die letzte Schrift Levy- 
Bruhls „Das Übernatürliche und die Natur im Denken der primitiven Völker" 
später erschienen ist und daher nicht mehr berücksichtigt werden konnte. 
Das Buch gewährt eine aufschlußreiche Orientierung. 

Paul Szende (Wien). 

Turgeon, Charles, Critique de la Conception materialiste de Vhistoire. 
Librairie du Recueil Sirey. Paria 1931. (III u. 530 S.) 

Turgeon will beweisen, daß die materialistische Geschichtsauffassung 
weder neu, noch logisch, noch wissenschaftlich ist. Der Angriff geht auf 
drei Fronten vor sich. Zuerst sucht er zu zeigen, daß die Produktivkräfte 
nicht die einzige Triebkraft in der Geschichte bilden. Gegen den Determinis- 
mus der materialistischen Geschichtsauffassung operiert er dann mit der 
abstrakten Idee der individuellen Freiheit : nicht die ökonomischen Tatsachen, 
sondern Pflichtgefühl und religiöser Glaube bestimmen nach seiner Ansicht 
die menschlichen Handlungen. ,,Die ersten deutschen Kanonenschüsse 
durchbrachen diesen internationalistischen Zauber, die materialistischen 



Allgemeine Soziologie 165 

Trugschlüsse. Freiwillig, in einem triebhaften Schwung, sind alle franzö- 
sischen Arbeiter zu den Grenzen geeilt, um das Vaterland zu verteidigen, 
als ob sie ihrer Mutter zu Hilfe gelaufen wären". Die Zunahme der 
Religiosität in Frankreich nach dem Kriege benützt der Verf. auch als Argu- 
ment gegen die materialistische Geschichtsauffassung. Er verwechselt aber 
zwei Sachen: nicht die Religiosität hat im Frankreich der Nachkriegszeit 
zugenommen, sondern die Macht der Kirche, die sich mit der Schwerindustrie 
und Hochfinanz verbündet und ihre Kräfte den Geldmächten zur Verfügung 
gestellt hat. Entsprechend seiner klerikalen Einstellung hält es der Verf. 
nicht für möglich, die letzten Gründe der geschichtlichen Entwicklung zu 
entdecken: „Angesichts dieses vielleicht unergründlichen "Unbekannten 
müssen wir ein großes religiöses Stillschweigen bewahren, das sich allen 
Seelen von gutem Glauben, die nicht bar jeder Bescheidenheit und Vorsicht 
sind, auferlegt". Auch ein wissenschaftlicher Standpunkt! 

Paul Szende (Wien). 

Steinmetz, S. R-, Inleiding tot de sociologie. (Einleitung in die Sozio- 
logie) Haarlem 1931. (256 S.) 

Diese Einführung in die Soziologie von der Hand des bekannten hol- 
ländischen Soziologen hätte m. E. besser mit dem Titel „Einführung in 
die Probleme der Soziologie" bezeichnet werden können. Die Soziologie 
steht nach S. noch erst in ihren Anfängen, man hat zu lange über Methode, 
Definition und Begrenzung dieser Wissenschaft diskutiert, statt mit dem 
Studium der vielen noch nicht aufgedeckten gesellschaftlichen Probleme 
anzufangen. Bei jeder Gelegenheit versucht S. deshalb nachzuweisen, welche 
ungelösten Fragen es gibt, und betont die Notwendigkeit, diese gründlich 
und unbefangen zu studieren. 

Die Schrift will gleichzeitig eine Anklage gegen den Dilettantismus auf 
soziologischem Gebiet sein. Um diesen zu bekämpfen, sei es zunächst nötig, 
den direkten Zusammenhang zwischen dieser Wissenschaft und anderen, 
welche sich mit dem Menschen und der Gesellschaft beschäftigen, festzu- 
stellen. Als wichtige Hilfswissenschaften sollen neben Psychologie und Ge- 
schichte die politische Ökonomie, die Ethnographie und Sonographie gelten, 
deren Bedeutung, auch an der Hand von umfangreichem holländischem 
Material, in dieser „Einleitung" besonders hervorgehoben wird. 

Von den zur Behandlung gelangten Themen nennen wir besonders „Die 
Gemeinschaft und ihre Seele", „Die Macht der .großen Männer'" und „Die 
Arten der Gruppierungen und ihre Einteilung". Am meisten hat die Behand- 
lung des letztgenannten Themas unsere Aufmerksamkeit erregt, da es hier 
eine Fülle von anregenden Gedanken gibt; zu bedauern ist nur, daß in diesem 
Abschnitt über die Bedeutung und das eigene Lebensgesetz der verschie- 
denen sozialen Gruppierungen viel zu wenig gesprochen wird. 

Generell muß festgestellt werden, daß die Vielheit der Fragen und die 
Anhäufung von Problemen zusammen mit dem aggressiven Charakter der 
Schrift für Anfänger nicht direkt ermutigend wirkt. Vielmehr ist diese 
„Einführung" als Meditationsschrift geeignet für diejenigen, welche bereits 
mit den verschiedenen soziologischen Richtungen vertraut sind. Die viel- 



166 Besprechungen 

fach wiederholte, übrigens berechtigte Bemerkung, daß diese Zeit experimen- 
telle soziologische Studien fordere, richtet sich wohl auch mehr an die Fach- 
leute als an diejenigen, denen diese „Einführung" an erster Stelle dienen 
soll- Andries Sternheim (Genf). 



Psychologie. 

Breysig, Kurt, Die Geschichte der Seele im Werdegang der Menschheit. 
M. &H. Marcus. Breslau 1931. (XXXVII. u. 526 S.; br. RM. 15.— 
geb. RM. 17.—) 

Breysig will die Weltgeschichte (politische wie Geistesgeschichte) als 
eine Geschichte der menschlichen Seele, ihre einzelnen Perioden als Ausdruck 
verschiedener seelischer Grundverfassungen — nicht eines fiktiven Zeit- 
geistes oder einer Volksseele, sondern der wirklichen handelnden und schaf- 
fenden Menschen — „deuten". Die Perioden selbst — Urzeit, Altertum, 
Mittelalter, neuere und neueste Zeit — werden in ihrer Abgrenzung voraus- 
gesetzt, übrigens zugleich als Allgemeinbegriffe genommen. Auch die Pri- 
mitiven der Gegenwart leben in der Urzeit, von einer neueren und neuesten 
Zeit wird auch bei den alteuropäischen Völkern gesprochen. In früheren Wer- 
ken hatte B. einen Versuch solcher „Weltseelengeschichte" durch die Unter- 
scheidung der beiden alternierenden Perioden eines überwiegenden „Hingabe"- 
und „Ichbehauptungstriebes" gemacht, diese Unterscheidung soll nicht 
aufgehoben, sondern ergänzt werden durch das vorliegende Buch, das von 
den vier „Seelenkräften" Einbildungskraft, Gefühl, Wille, Verstand ausgeht. 
Die Urzeit wird bestimmt durch die Vorherrschaft der Einbildungskraft 
(als des Quells der großen Mythen, aber auch der Sprache und der Ge- 
schlechtsordnungen, in deren minutiöser Regelung B. das Walten „frei 
spielender Lust" (?) erkennen will) unter starker Anteilnahme des Gefühls. 
Das Altertum ist durch den Primat des vom Verstand unterstützten Willens 
gekennzeichnet: der Despotismus als Staatsform, übergewaltige Götter- 
gestalten zeigen diesen Willenscharakter ebenso wie die Pyramiden der 
Ägypter oder der gewaltige Bau der babylonischen Astralreligion. Das Mittel- 
alter zeigt wieder Verwandtschaft mit der Urzeit, nur daß in ihm das Gefühl 
herrscht, die Einbildungskraft die unterstützende Rolle spielt; die neuere 
Zeit entspricht dem Altertum, nur daß dem Verstand die überragende Stellung 
zufallt Die neueste Zeit - mit dem Hervortreten des Gefühls in der Rousseau- 
zeit und der Romantik beginnend, dann in den Willensprimat der Diktaturen 
eines Robespierre und Napoleon umschlagend, später zwischen Imperialismus 
und Demokratismus, kapitalistischem Eroberertum und sozialistischer Heils- 
botschaft, zerfließender Mystik und zielbestimmter Begriffstechnik, natura- 
listischer Hingabe an den Stoff und Wertung geprägten Stils - zwischen Ge- 
fühls- und Willensbewegungen in schnellstem Wechsel schwankend, mehr und 
mehr gleichzeitig in sie gespalten, zeigt nicht mehr das Dominieren einer 
Seelenkraft, sondern ein stoßweises Hin und Her. Andererseits weist das 
Ganze der weltgeschichtlichen Entwicklung eine fortschreitende Richtung 
auf in der Seite des stärkeren Hervortretens der Bewußtheit alles Gesche- 
hens. 



Psychologie 1 67 

Das Hauptbedenken, das man gegen Breysigs Versuch haben wird, 
ist natürlich die Unbestimmtheit jener vier Grundbegriffe, es sind sozusagen 
Begriffe einer naiven Vermögenspsychologie. Läßt sich z. B. der quali- 
tative Unterschied zwischen dem Denken und Fühlen der Primitiven 
und dem unsrigen auf die einfache Formel von der Herrschaft der „Ein- 
bildungskraft" bringen ? Mir scheint, wir müßten, wie die Dinge heute lägen, 
erst eine genauere Psychologie der Menschen der verschiedenen Zeiten und 
(besonders je näher wir der Gegenwart kommen) auch der Klassen haben, 
ehe wir eine Geschichte der menschlichen Seele durch die Weltgeschichte 
verfolgen können. Damit will ich dem B. sehen Buch Wert und Verdienst 
nicht absprechen, es besitzt sie schon durch die historische Sachkenntnis des 
Verfassers und durch seine Fähigkeit, Ähnlichkeiten und Gleichgerichtet- 
heiten in den verschiedenen Seiten gleichzeitiger Tat- und Geistesgeschichte 
zu entdecken, und das Prinzip von der Dominanz und Mischung der Seelen- 
kräfte ist natürlich ein Ordnungsprinzip, das wie jedes an den Tatsachen 
gewonnene Ordnungsprinzip heuristischen Wert hat. E . v. A s t e r ( Gießen ) . 

Jung, C. G., Seelenprobleme der Gegenwart. Rascher. Zürich 1931. 

(435 S., geb. RM. 11.20) 

Das Buch vereinigt Vorträge und Aufsätze teilweise polemischer Form. 
„Probleme der modernen Psychotherapie" sind identisch mit Psychoanalyse, 
allerdings in einem weit über Freud hinaus erweiterten Sinn. Die erste 
Stufe der Psychologie ist die Reinigung: durch die Idee der Sünde entsteht 
das Verdrängte, das von der Gemeinschaft abscheidet und als „kleine ein- 
geschlossene Psyche" seine Schatten auf das Bewußtsein wirft. Da meist 
der Kranke diese nicht erkennen kann, muß der Arzt aufklären und evtl. 
deuten, namentlich die Übertragung. Dies kann zerstörerisch sein, denn 
„selbst unsere reinsten und allerheiligsten Anschauungen ruhen auf tiefen 
dunklen Grundlagen". Es sei ein Irrtum Freuds, zu glauben, daß „das Lichte 
nicht mehr bestehe, weil es von der Schattenseite her erklärt ist. Dieser 
„Relativismus" sei „als ferne östliche Wahrheit" eine Ergänzung zu „unseren 
abendländischen Illusionen und Beschränktheiten". Die dritte Stufe, die 
Erziehung zum sozialen Menschen, basiere Adler auf der „Psychologie des 
Unterdrückten und sozial Erfolglosen", dessen „einzige Leidenschaft das 
Geltungsbedürfnis" sei. Adler wolle den normalen Menschen. Da aber nicht 
jeder ein „Durchschnittsmensch" sein könne, sieht für ihn J. die ethische 
Forderung: „du mußt der sein, als der du wirken willst" und „führt so an 
die irrationalen Faktoren der menschlichen Persönlichkeit heran". Dieser 
Einleitungsaufsatz zeigt den psychologischen und soziologischen Ort von J. : 
er ist befangen von Ressentiments gegen den als überlegenen Geist emp- 
fundenen Freud. Aus ihnen heraus stellt er Dinge, die sein Lehrer vor 30 Jahren 
als Selbstverständlichkeiten voraussetzte (z. B. Selbsterforschung des Ana- 
lytikers, ethische und ästhetische Wertungen) als neue Funde im großen 
Gegensatz zu Freud dar. Dabei nimmt die Polemik für Verhältnisse medi- 
zinischer Literatur erstaunlich klare Formen an: J. ist der Verteidiger des 
abendländischen Ethos gegen die östliche Skepsis und im Falle Adler noch 
der bodenständige Schweizer gegenüber dem Vertreter der sozial Erfolglosen. 
Er ist der Verfechter des archaischen Menschen und seiner dichterischen 



1 68 Besprechungen 

Phantasien gegenüber dem geistigen. Und so stellt er in seiner „Psycho- 
logischen Typologie" den Weitabgewandten, der mit dem Abkömmling 
seines Unbewußten zufrieden spielt, dem anderen gegenüber, der der Außen- 
welt zugekehrt ist, um sie zu verändern. J. bringt so, gerade weil er pole- 
misch und daher sehr offen ist, einen glänzenden Beitrag zur Psychologie 
des Intellektuellen, der zurück zur Natur, weg vom Sozialen, der Bewunde- 
rung der Persönlichkeit — seiner eigenen — lebt. 

Karl Landauer (Frankfurt a. M.). 

Freud, Sigmund, Über libidinöse Typen. In: Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, XVII. Band. Intern. Psychoanalytischer Verlag. 
Wien 1931. (S. 313—316) 

Es gibt viele Möglichkeiten, die Menschen nach Typen einzuteilen. Die 
ideale Typisierung unterscheidet nach körperlich-seelischen Bildern (wie 
das auch Kretschmer vorschwebt. D. Ref.). Da dies z. Z. noch nicht möglich 
ist, so versucht F. eine Typisierung nach der vorwiegenden Unterbringung 
der Libido in den Provinzen des seelischen Apparates. I. Reine Typen: 
1. Der erotische Typ hat sein Hauptinteresse dem Liebesleben zugewendet. 
Die Personen sind beherrscht von der Angst vor Liebesverlust und abhängig 
von denen, die ihnen die Liebe versagen können. Sozial wie kulturell ver- 
treten sie die elementaren Triebansprüche des Es. 2. Der Zwangstyp ist 
charakterisiert durch die Vorherrschaft des Überichs. Beherrscht von Ge- 
wissensangst, zeigt er innere Abhängigkeit statt der äußeren, entfaltet ein 
hohes Maß von Selbständigkeit und wird zum eigentlichen, vorwiegend 
konservativen Träger der Kultur. 3. Der nazistische Typ ist negativ charakte- 
risiert durch das Fehlen der Spannimg zwischen Ich und Überich und der 
Übermacht der erotischen Bedürfnisse. Sein Hauptinteresse gilt der Selbst- 
erhaltung. Hohe Bereitschaft zur Aktivität. Lieben wird vor dem Geliebt- 
werden bevorzugt. Derartige Menschen imponieren als „Persönlichkeiten", 
übernehmen oft die Rolle von Führern, geben der Kulturentwicklung neue 
Anregung und schädigen das Bestehende. — Viel häufiger sind IL die Misch- 
typen: 1. Beim erotischen Zwangstyp ist die Übermacht des Trieblebens durch 
das Überich eingeschränkt. 2. Der häufigste Typ überhaupt ist der erotisch- 
narzistische; er vereinigt Gegensätze, die sich gegenseitig mäßigen. 3. Der 
nazistische Zwangstyp, die kulturell wertvollste Variation, fügt zur äußeren 
Unabhängigkeit und Beachtung der Gewissenforderungen die Fähigkeit 
zur kraftvollen Betätigung hinzu. - Ein erotisch - zwangshaft - nazi- 
stischer Mischtyp wäre die absolute Norm, die ideale Harmonie. In bezug 
auf die Anwendung der Typenlehre für das Verständnis der Neurosen und 
ihre Entstehung äußert sich Freud sehr vorsichtig, wie überhaupt dieser 
kleine Aufsatz die ganze Weisheit und Zurückhaltung des greisen Forschers 
kund tut. Karl Landauer (Frankfurt a. M.). 

Bumke, 0., G. Kolb, H. Roenier, E. Kahn, Handwörterbuch der Psy- 
chischen Hygiene und der Psychiatrischen Fürsorge. DeGruyter. 

Berlin und Leipzig 1931. (VI u. 400 S., geh. RM. 23.—, geb. RM. 25 )\ 

Es handelt sich um den ersten Versuch einer zusammenfassenden Dar. 

Stellung der psychischen Hygiene, einer wissenschaftlichen Bestrebung^ 



Psychologie 169 

die in den letzten Jahren hauptsächlich auf amerikanischen Anstoß hin ins 
Leben trat. Bis vor ganz kurzem waren die einschlägigen Arbeiten an den 
verschiedenartigsten Stellen zu suchen, auch fehlte ein Forum das 1930 
im Intern. Kongreß für Psych. Hygiene (Washington) geschaffen wurde. 
Der Neuartigkeit des darzustellenden Gesamtthemas entspricht es, wenn 
nicht ein lehrbuchmäßiger Aufbau sich schon jetzt ermöglichen ließ, vielmehr 
die Einteilung nach Schlagworten im Sinne eines Wörterbuches gewählt 
wurde. Man hat für die einzelnen Kapitel bewährte Autoren gefunden, so für 
„Ausbildung der mit Ps. H. befaßten Personenkreise" Sioli, „Grundsätzliches 
zur Eugenik" Luxemburger, „Fürsorge für Encephalitiker" Stern-Kassel, 
„Beschäftigungsbehandlung der Geisteskranken" Simon- Güntersloh, „Ent- 
wurf des preußischen Irrenfürsorgegesetzes und neues Strafgesetzbuch" 
Schulze-Göttingen, „Pathopsychologie" Schneider-Köln, „Psychotherapie" 
Kretschmer. Man wird demzufolge die verschiedenen sich widersprechenden 
psychiatrischen und soziologischen Anschauungen vertreten finden und sich 
über sie orientieren können. 

Karl Landauer (Frankfurt a. M.). 

Römer, G. A., Die wissenschaftliche Erschließung der Innen- 
welt einer Persönlichkeit. Emil Birkhäuser & Cie. Basel 1930. (32 S.. 
RM. 1.80) 

Diese Arbeit aus dem Stuttgarter „Ärztlich -psychologischen Institut" 
versucht mit Erfolg, auch die tieferen Schichten des Menschen experimentell 
zu erfassen. R. benützt die durch ihn wesentlich ausgebaute Methode von 
Rorschach (Phantasien zu Tintenklecksen), die mit zahlreichen z. T. ge- 
schickt verbesserten Tests verknüpft wird. So kann er zeigen, daß zu den 
verschiedenen Konstitutionen bestimmte Atemtypen gehören. Auch bringt, 
er Tatsachen bei, die es schwer werden lassen, weiterhin ein Unbewußtes 
abzulehnen. Neben diesem theoretisch wichtigen Resultat bringt die kluge 
und fleißige Arbeit dem Eignungsprüfer auch reichlich praktische An- 
regung. Karl Landauer (Frankfurt a. M.). 

Murphy, Gardener, and Louis Barclay Murphy, Experimental Social 
Psychology. Harper & Brothers. New York 1931. (709 S.; % 3.50) 
Die experimentelle Sozialpsyehologie besitzt in Amerika seit längerer 
Zeit die Stellung einer anerkannten Disziplin, die in engstem Kontakt zu 
den allgemeinen biologischen Fragen, z. B. zum Instinktproblem (Mac- 
Dougall), sowie zur Kinder- und Tierpsychologie steht. 

Viel statistisches Material über die Bedeutung von Anlage und Erziehungs- 
einfluß für die individuellen Unterschiede wird beigebracht (Zwillings- 
forschungen; der Einfluß von Säuglingsheim und Kindergarten; die Be- 
dingungen für die bessernde Wirkung einer Anstalt auf straffällige Kinder, 
insbesondere die große Bedeutung der Stellung des Kindes zur Arbeit usf.). 
Nach Collins ist der Einfluß des Berufs der Eltern auf die Intelligenz der 
Kmder nicht groß (verglichen wird eine ganze Stufenfolge vom sozial ge- 
hobensten Berufe bis zum ungelernten Arbeiter). Trotz einer Fülle von 
Untersuchungen hat sich kein eindeutiger Intelligenzunterschied zwischen 
Negern und Weißen ergeben, wohl aber besteht ein deutlicher Intelligenz- 



1 70 Besprechungen 

unterschied zwischen den Negern auf dem Lande und in der Stadt. Man 
sucht zu ermitteln, ob hier die Stadt selektiv wirkt oder ob eine Änderung 
durch die Umwelt vorliegt. 

Ausführlich werden die Probleme der Nachahmung, der Suggestibilität 
und Hypnotisierbarkeit behandelt, die Entwicklung des sozialen Verhaltens 
beim Kinde, des sozialen Kontaktes, die Bedeutung der Sprache. Wichtig 
ist eine Reihe russischer Arbeiten über Gruppenbildung und Führerschaft 
bei Kindern (Doroschenko ) ; Beziehung von Altersgleichheit und Freund- 
schaft; Zusammenarbeit in der Gruppe; Gruppendenken in Konfliktsitua- 
tionen; die Abhängigkeit der Dauer einer Gruppe von ihrer Größe; ver- 
schiedene Arten des Zerfalls der Gruppen ; Vergleich der Tendenz zur Gruppen- 
bildung bei Kindern von russischen Arbeitern und russischen Beamten u. ä. m. 

Die Bedeutung der Stellung eines Kindes in der Familie, vor allem in 
der Geschwisterreihe, und die Wirkung der Berufsarbeit der Mutter werden 
untersucht. Amerikanische Arbeiten berichten über die Einstellung der 
Mitglieder verschiedener Rassen und Klassen zueinander (dabei können 
der ersten Frage 22 Seiten, der zweiten 1 Seite gewidmet werden). 

Murphys Buch gewährt eine ausgezeichnete Orientierung über ein 
gegenwärtig bereits recht umfangreiches Tatsachenmaterial. Es läßb auch 
erkennen, wo innerhalb der statistischen Tatsachensammlung Tendenzen 
auftreten, über die gebräuchliche Problemstellung zu tieferen Fragen vor- 
zustoßen. Kurt Lewin (Berlin). 



Folsom, Joseph K., Social Psychology, Harper & Brothers. New York 1931. 
(XVIII— 701 S. § 3,50) 

Das vorliegende Buch ist ein Lehrbuch der Sozialpsychologie vom be- 
havioristischen Standpunkt. Es legt besonderen Wert auf den Aufbau der 
Einzelpersönlichkeit, wobei in getrennten Kapiteln die angeborene und er- 
worbene Organsiation des Verhaltens, Wünsche und Organisation der Per- 
sönlichkeit, Wunschvereitelung und Wiederherstellen (readjustment) der 
Persönlichkeit, individuelle Unterschiede und ihre Messung behandelt 
werden. 

Im zweiten Teil geht der Verfasser zu den Wechselwirkungen (inter- 
actions) zwischen den Persönlichkeiten über. Ein dritter Teil behandelt die 
Wirkung der Kultur auf das Individuum. 

Die Masse wird im wesentlichen in Übereinstimmung mit Allport als 
Summe der einzelnen Individuen aufgefaßt, und durch diese einseitige 
Haltung fehlt eine Auseinandersetzung mit der Tatsache der verschiedenen 
Gruppentypen, mit der Rolle des einzelnen in einer ursprünglichen Gemein- 
schaft (wie bei den Naturvölkern vor der Berührung mit den Kulturvölkern), 
mit der individualistischen Gesellschaftsform u. a. m. (vgl. die Auseinander- 
setzung mit Levy- Brühl). 

Der Literaturnachweis gibt eine Auswahl solcher Literatur, die in eng- 
lischer Sprache vorliegt, so daß wichtige Werke fehlen (Karl Marx, Wundt, 
Erismann, Bühler, Kunkel u. a.). 

S. Liebmann (Berlin). 






Psychologie jjl 

Young, Kimball, Social A ttitudes. Henry Holt. New York 1931. (382 S.) 
Um den Begriff „Social Attitudes", den W. I. Thomas in seinem Buch 
„Der polnische Bauer in Europa und Amerika" zum Verständnis sozial- 
psychologischer Probleme gebrauchte, gruppieren sich die in diesem Sammel- 
bande vereinigten Aufsätze seiner Freunde und Schüler. Dieser gemeinsame 
Hintergrund bringt freilich nicht auch eine Übereinstimmimg aller Ansichten 
mit sich. Faris stellt zuerst einmal den Begriff in seiner Bedeutung für die 
Soziologie dar. Gegenüber dem Versuch, das menschliche Verhalten und 
die Institutionen durch exakt zu definierende Instinkte zu erklären, erklärt 
man es nun durch die Erfahrung und die Betätigung der Gruppe, in der das 
Individuum aufwächst. Hier entwickelt sich die „Definition einer Situation" 
— hier eine bestimmte Einstellung den Werten (Thomas) oder Dingen (Faris) 
der Umwelt gegenüber, die sich in Handlungen auswirkt. In den Einstel- 
lungen sind die Erfahrungen und Einsichten einer Persönlichkeit zusammen- 
gefaßt und organisiert. Sie sind selbstverständlich subjektiv, es gibt keine 
festgelegte Beziehung zwischen einem Gegenstand und einer bestimmten 
daraus unabänderlich resultierenden Einstellung. Besonders dem Behavio- 
rismus gegenüber betont dann Park die richtunggebende Kraft, die die Ein- 
stellungen auf das Verhalten des Organismus haben. Sie wurzeln in der Er- 
fahrung, lassen sich jedoch ebenfalls unter gewissen Umständen auch dorthin 
übertragen, wo die Voraussetzung der Erfahrung fehlt (Massenstimmungen). 
Bernard weist die Quellen auf, aus denen sich eine Umwandlung der Ein- 
stellung und damit des Verhaltens vor allem in kritischen Zeiten ergibt, in 
denen die alten Ansichten veränderte Situationen nicht mehr adäquat er- 
klären. E. F. Young zeigt das dynamische Sichausbalanzieren neuer Ein- 
stellungen, die alte Wertordnungen durchstießen, um sich dann selbst wieder 
zu organisieren. Wenn in dem Beitrag von Kimball Young das Wort 
„Attitüde" auch kaum vorkommt, so zeigt er uns doch das wichtigste Mittel 
auf, durch das die Atmosphäre und die Denkformen, und dadurch die Ein- 
stellungen, bedingt werden : nämlich die Sprache der Gruppe, in der wir zur 
Persönlichkeit wurden. McKennzie schreibt über die kulturellen und rassen- 
mäßigen Unterschiede als Basis menschlicher Symbiose, während sich 
Steiner und Burgeß für den Wandel der Sitten und der Familientradition, 
die sie als „Attitudes" sehen, interessieren. Es schließen sich an Unter- 
suchungen von Queen über den Stand der Kontroverse um den Begriff 
„Attitüde", von Thrasher und Sutherland über die Beeinflussung von 
jugendlichen Delinquenten durch die Gruppen, in denen sie leben, und eine 
Reihe anderer Arbeiten. 

Wenn es den einzelnen Autoren auch nicht gelang, uns ein geschlossenes 
und in sich beständiges Bild über Bedeutung und Funktion der „Social Atti- 
tudes" zu übermitteln (vielleicht lag das nicht einmal in ihrem Plan), so weisen 
sie uns doch das gesamte Gebiet auf, in dem der Begriff sozialpsychologisch 
fruchtbar verwendet wird. Margareta Lorke (Frankfurt a. M.). 

JEulenburg, Franz, Phantasie und Wille des wirtschaftenden Menschen. 
J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Tübingen 1931. (47 S., br. RM. 1.50) 
Die im „Weltbild der Gegenwart wichtigen emotionellen Kräfte" werden 

in ihrer Bedeutung für den wirtschaftenden Menschen untersucht. Wille 



1 72 Besprechungen 

und Phantasie sind nach E.s Meinung treibende Faktoren für die in der 
Wirtschaft Tätigen und sollen entscheidenden Einfluß auf ihre Stellung und 
ihr Handeln besitzen. Die Bedeutung dieser beiden Kräfte wird für die 
verschiedenen „wirtschaftlichen Typen der Gegenwart" dargelegt. Beim 
Bauer und Handwerker sind Phantasie und Wille dem mehr statischen 
Charakter dieser Wirtschaftstypen entsprechend begrenzt. Ganz anders 
liegt es beim Händler, dessen Tätigkeit ausschlaggebend von diesen Trieb- 
federn bestimmt wird. Auch der moderne Industrielle wirtschaftet mit „schöpfe- 
rischer Phantasie" und „starker Willenskraft". Ihre Mitwirkung an der 
Wirtschaftsentwicklung wird, so glaubt E., auch trotz Rationalisierung und 
Mechanisierung im Bürobetrieb noch längere Zeit andauern. Phantasie und 
Wille „gehören zu den wirksamsten Mächten der Gegenwart und zu den 
eigentlich gestaltenden Kräften des sozialen Lebens". 

In den mit vitalistischen Kategorien arbeitenden, ausschließlich psycho- 
logischen Untersuchungen bleiben die ökonomischen und sozialen Einflüsse 
auf den in der Wirtschaft tätigen Menschen unbeachtet. So kommt E. bei 
seinen wirklichkeitsfremden Betrachtungen zu Trugschlüssen, die den Er- 
kenntnissen ökonomischer und soziologischer Forschung widersprechen: 
„Der Lebenskampf ist ein Zeichen gesteigerten Willens"; die Sport- 
bewegung, die eine eindeutige soziale Funktion hat, ist „ein starker Aus- 
druck für den Lebensdrang"; „das Hochhaus ist der klare Ausdruck 
für das willensmäßige Emporstreben". Romantisch glorifiziert der 
Verfasser die Tätigkeit des Händlers als „von der Phantasie beflügelt". 
Die Reklame wird nicht als Hilfsmittel für den Absatz der Überproduktion 
und für die Erzeugung künstlichen Bedarfes enthüllt, sondern von ihr wird 
ausgesagt, daß sie „intuitive, nervöse Einfühlung in den fremden Menschen 
erfordert". Ebenso ist „die kaufmännische Phantasie dynamisch 
feinfühlig, feinnervig". Wie wenig die Betrachtungen des Verfassers 
die realen Vorgänge in der Wirtschaft treffen, beweist z. B. die Dar- 
stellung, die er von dem Ausleseprozeß gibt. Er setzt sich über alle ökono- 
mischen und sozialen Vorbedingungen hinweg und behauptet: „Die Auswahl 
der speziellen Begabung, die immer zugleich eine solche der Willensenergie 
ist, wird aus den Reihen des geistig unverbrauchten Volkes getroffen. Aus 
ihm erwachsen die Männer, die in schnellem Aufstieg in Führerstellen ein- 
rücken". Die Arbeit stellt sich als romantische Verherrlichung des Unter- 
nehmers dar, der, von „schöpferischer, extensiver, musischer Phantasie"" 
beflügelt, seine Aufgabe mit stärkster Willenskraft erfülle. 

CarlDreyfuß (Frankfurt a. M.). 

Vergin, Fcdor, Das unbewußte Europa. Psychoanalyse der europäischen. 
Politik. Heß. Wien, Leipzig 1931. (342 S.; br. RM. 6.50, geb. RM. 8.50) 

Dieses Buch, das die geheimen, unbewußten Triebfedern und Hinter- 
gründe der europäischen Politik aufzeigen und sogar ein praktischer Weg- 
weiser für die Politik sein will, mutet wie eine Karrikatur einer falschen, 
psychologistischen Soziologie an. Karrikatur deshalb, weil die von dieser 
Methode gemachten Fehler, soziales Geschehen ohne Zusammenhang mit 
seinen wirtschaftlichen Wurzeln als Produkt irgendwelcher an der rechten 
Stelle auftauchender Triebe zu „erklären", hier bis zum grotesken Extrem. 



Psychologie 173 

übertrieben werden. Der Autor meint einleitend: „Hinsichtlich der Politik 
muß jedoch zuerst ernsthaft die Forderung erhoben werden, daß die poli- 
tischen Erscheinungen in ihren übertriebenen Symptomen als seelisch krank- 
haft erkannt und anerkannt werden". Er gibt dann weiter an: „Von 
Wichtigkeit . . . sind allerdings alle rein materiellen, rein wirtschaftlichen 
Ursachen. Dies wurde, wenn auch vielfach stillschweigend, in Rechnung 
gestellt". Als Quelle seiner Orientierung über diese Frage gibt der 
Verfasser — Lewinsohn (Monis), „Geld in der Politik" an. Er kommt zum 
Schluß, die Weltfinanz sei „dem Seelenleben des einzelnen wie den kollek- 
tiven Größen ebenso Untertan, als ob das Geld nicht existiere". Auf diesem 
Niveau geht es das ganze Buch hindurch weiter. Es sei nur bemerkt, daß 
der Verfasser auch von der Psychoanalyse nur die oberflächlichsten Kennt- 
nisse zu haben scheint, daß es sieh also durchaus nicht etwa um eine psycho- 
analytische Untersuchung handelt. Erich Fromm (Berlin). 

Halbwachs, M., Les causea du suicide. Felix Alcan. Paris 1931. (VII 

u. 520 S.) 

Das Buch M. Halbwachs', zuerst als Zusatz zu der Neuausgabe des klas- 
sischen Werkes Durkheims (Le suicide, 2 ed. Paris 1930) gedacht, ist 
schließlich zu einer großangelegten und völlig selbständigen Arbeit 
geworden, welche die Durkheimschen Thesen weitgehend modifiziert und 
auch methodologisch seine Theorien umgestaltet. Und zwar handelt es 
sich nicht nur um die Verwendung der neuesten und feinsten statistischen 
Methoden, mittels deren das reichhaltige Material bearbeitet wird, sondern 
um eine entsprechende Verfeinerung und Vertiefung der psychologisch- 
phänomenologischen Analyse. Nirgends zeigt sich dies deutlicher als in. 
der Definition des Selbstmordes selbst, welcher von D. folgendermaßen 
formuliert wurde: „Man nennt Selbstmord jeden Fall des Todes, welcher 
direkt oder indirekt die Folge eines — positiven oder negativen — Aktes 
ist, der von dem Opfer selbst vollzogen wird und von dem es wußte, daß 
er dieses Resultat herbeiführen müsse." Dieser Begriffsbestimmung, deren 
eigenster Sinn darin liegt, daß sie — bewußt und absichtlich — auf jegliche 
innere Charakterisierung verzichtet (was D. ermöglicht, alle Arten des selbst- 
gewollten Todes, so z. B. auch das Selbstopfer, als Selbstmord zu bezeichnen), 
wird von H. — für den die sozialen Kräfte aus äußeren Ursachen zu inneren, 
die Motivationsstrukturen der Seele und deren Aufbau bestimmenden Fak- 
toren geworden sind — eine andere substituiert: „Der Selbstmord ist ein 
Fall des Todes, welcher aus einem, von dem Opfer selbst in der Absicht 
sich zu töten (von mir gesperrt) vollzogenen Akt resultiert und der kein 

Opfer ist." 

Denn nach H. ist ein Selbstopfer — Ausdruck einer Selbstifidentizierung 
des einzelnen mit der Gemeinschaft — ein von dem Selbstmord, dem Aus- 
druck eines sich von der Gemeinschaft Loslösens, einer Vereinsamung eines 
seine Stelle in der Gesellschaft nicht — oder nicht mehr — ■ findenden Indi- 
viduums, toto coelo verschiedenes Phänomen, welches deshalb auch in der 
Untersuchung von dem ersteren streng geschieden werden muß. Daß in 
beiden Fällen soziale Faktoren wirksam sind, ist für H. selbstverständlich; 
es sind aber andere Faktoren, die jedesmal am Werke' sind; deshalb wird auch 



1 74 Besprechungen 

der Selbstmord von der Gesellschaft auf gänzlich verschiedene Weise be- 
urteilt. Es ist eben nicht dasselbe, ob einer aus dem Leben flüchtet, der Ge- 
sellschaft auf diese Weise absagend, oder sich richtet oder sich tötet, um 
seine Ehre usw. zu retten, wodurch er eben die gesellschaftliche Wertskala 
bejaht. Diese Fälle unterschiedslos unter eine Rubrik zu bringen, war ein 
Fehler D.s gewesen. 

In einer Reihe von Kapiteln werden von H. zunächst die Untersuchungs- 
methoden (Kap. I u. II), dann die statistischen Daten über die Häufigkeit 
des Selbstmordes in verschiedenen europäischen Staaten (Kap. III bis 
VII), bei der Land- und Stadtbevölkerung (Kap. VII) behandelt. Kap. VIII 
untersucht den Einfluß der Familie, Kap. IX denjenigen der Religion, wobei 
H. der landläufigen Behauptung, daß der Katholizismus eine den Selbstmord 
verhindernde Kraft ist, ziemlich skeptisch gegenübersteht. Kap. XI und XII 
analysieren den Einfluß der Kriege und Krisen, wobei H. den Hauptfaktor 
in der Vereinfachung der sozialen Struktur dieser Perioden oder umgekehrt 
in deren Verkomplizierung sieht. — Endlich wird gegen die psychiatrische 
These von der psychologischen Natur des Selbstmordes die sozialpsycho- 
logische Auffassung verfochten (Kap. XIII, XIV und Schluß). Eine 
Anzahl übersichtlicher Tabellen erleichtern die Benutzung und erhöhen 
den „Gebrauchswert" des ausgezeichneten Buches. 

A. Koyre (Paris). 

Fromm, Erich, Die Entwicklung des Christusdogmas. Intern, psycho- 
analyt. Verlag. Wien 1931. (72 S.; RM. 3.—) 

Mit dieser Studie liefert Fromm den ersten Versuch, die Methode einer 
Verknüpfung des Marxismus mit der Freudschen Psychoanalyse an einem 
konkreten Beispiel aufzuzeigen. Er hat glänzend nachgewiesen, daß aus der 
Psychoanalyse der verschiedenen Fassungen des Christusdogmas das Ver- 
ständnis der dem Christentum zugrunde liegenden sozialen Strömungen 
und damit des Christentums selbst überhaupt erst gewonnen werden kann. 
Die dabei angewandte Methode ist — im gröbsten — etwa folgende: Eine 
scheinbare Entfremdung von Ideologie und Wirklichkeit tritt ein, wenn eine 
Klasse keine Aussicht hat, ihre Klassenziele durch Kampf in der Realität 
durchzusetzen. Dann tritt an Stelle der realen Befriedigung die Phantasie- 
befriedigung der mit den realen Kampfobjekten unzertrennlich verbundenen, 
aber inhaltlich realitätsfremden, unbewußten Triebziele. Diese können, da 
unbewußt, auch in der Phantasie nur in transformierter Gestalt, an Sym- 
bolen, befriedigt werden. Der Sinn solcher symbolischer Massenphantasien 
verschließt sich dann jedem zweckrationalen Deutungsversuch; sie sind 
der rocher de bronce der Lehre von der Selbständigkeit und Eigengesetz- 
hchkeit ideologischer Gebilde, und nur die Psychoanalyse kann ihre Bezie- 
hung zur gesellschaftlichen Realität aufdecken. — Ein solcher Zwang zur 
Regression lag für die unterdrückten Massen z. Z. der Entstehung des Christen- 
tums in der Aussichtslosigkeit ihres Kampfes gegen die Kaisermacht. Die 
dem Kampf gegen die Staatsautorität zugeordnete unbewußte Triebregung 
war die Rebellion gegen den Vater. Daher tritt zunehmend an Stelle des 
realen Kampfes gegen die Staatsgewalt die Phantasie vom Sturze des Vater- 
symbols, Gottes, teilweise zunächst in Kombination mit passiven, messia- 



Psychologie 175 

nischen Hoffnungen auf einen Fall der Herrschenden. Das Urchristentum 
ist adoptianisch, es läßt den Menschen Jesus zu Gott werden, vernichtet 
dadurch das Herrscherprivileg des Vatergottes. In einer dreihundertjährigen 
Entwicklung wird das christliche Dogma zum Ausdruck der Interessen der 
Herrschenden, da sich auch die Kirche zu einem Instrument der Herrschenden 
entwickelt. Im nicäanischen Dogma ist endgültig festgelegt, daß Christus 
von Ewigkeit her mit Gott eins war. Gott läßt sich jetzt also zum Menschen 
herab, aber durch diese Herablassung zum menschlichen Leiden ermöglicht 
er es den leidenden Massen immer noch, sich mit ihm — nun unter Wahrung 
der Unterwürfigkeit — zu identifizieren. F. lehnt entschieden die Auf- 
fassung Reiks ab, der eine Selbstentwicklung des Dogmas nach Analogie 
des spontanen Ablaufs von Fällen von Zwangsdenken bei Individuen an- 
nimmt; andererseits aber auch die Kautskys, der zwar die zentrale Rolle 
des Klassenkampfs in der Geschichte des Christentums als erster ausführlich 
nachgewiesen hat, das Dogma aber für ein bloßes, charitative Einrichtungen 
deckendes Firmenschild hält. Fromm beansprucht nicht, mit dem vor- 
liegenden Büchlein die historischen Bedingungen des Christentums allseitig 
zu erfassen. Darum fehlt wohl die Untersuchung der sozialpyschologischen 
Bedingungen des "Übergangs zum Monotheismus und zur spiritualistischen 
Auffassung der Gottheit, die die allgemeinste Voraussetzung der Entstehung 
des Christentums bilden. Franz Borkenau (Wien). 

Jüngst, Hildegard, Die jugendliche Fabrikarbeiterin. Ein Beitrag zur 
Industriepädagogik. Ferdinand Schöningh. Paderborn 1929. (136 S.; 
RM. 8.—) 
Franzen-HcUersberg, Lisbeth, Die jugendliche Arbeiterin. Ihre Arbeits- 
weise und Lebensform. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Tübingen 1932. 
(XII u. 144 S.; br, RM. 6.—, geb. RM. 8.70) 
Rada, Margarete, Das reifende Proletariermädchen. Deutscher Verlag 

für Jugend und Volk. Wien-Berlin 1931. (82 S.; RM. 4.—) 
Kelchner, Mathilde, Schuld und Sühne im Urteil jugendlicher Ar- 
beiterinnen. J.A.Barth. Leipzig 1932. (IV u. 147 S.; geb. RM. 8.40) 
Es ist erfreulich, daß diese Arbeiten mit vereinten Kräften einem Problem 
zu Leibe rücken, das bisher in der soziologischen und psychologischen For- 
schung nur wenig Interesse und so gut wie keinerlei Klärung gefunden hat. 
Die früheren Arbeiten von Rosa Kempf, Erna Barschak und Mathilde 
Kelchner etwa wirken den umfassenden Versuchen von Hildegard Jüngst 
und Lisbeth Franzen -Hellersberg gegenüber wie erste Ansätze. Auch in 
dieser Reihe bleibt übrigens die Kelchner sehe Arbeit an sachlichem Ge- 
wicht nicht unbeträchtlich hinter den andern zurück. Wie schon bei ihrer 
Schrift „Kummer und Trost jugendlicher Arbeiterinnen" (deren wesent- 
lisches Resultat : positive Stellung der jugendlichen Arbeiterin zur Familie — 
durch die Arbeiten von Jüngst, Franzen -Hellersberg und Rada überein- 
stimmend als falsch erwiesen wird), so zeigt sich auch jetzt wieder, daß eine 
so einlinige Methode, wie sie sie zur Anwendung bringt (Anfertigen von Auf- 
sätzen über gestellte Themen in Berufsschulklassen und Auswerten dieser 
Aufsätze in vergleichender Betrachtung), einen so hohen Zufallsquotienten 
in sich hat, daß die gezogenen Schlußfolgerungen nur mit allergrößter Vor- 



176 Besprechungen 

sieht aufgenommen werden können. Außerdem wird hier ganz übersehen, 
daß Urteil und Haltung durchaus zweierlei sind. Jedenfalls aber bleibt 
die Arbeit als Materialsammlung ebenso interessant wie wertvoll. 

Auch Margarete Rada benutzt Aufsätze, die sie die Kinder (11 bis 
13jährige Mädchen aus einem Wiener Proletarierviertel) schreiben läßt. Aber 
diese Aufsätze gehen über Jahre und behandeln die allerverschiedensten 
Themen, die sich aus einer sorgfältigen Beobachtung der Kinder ergeben. 
Dazu werden diese Beobachtungen von Frau Rada als der Lehrerin der 
Kinder aufgezeichnet und außerdem ergänzt durch systematische Haus- 
besuche. Das Ziel aller dieser Beobachtungen und Untersuchungen ist, fest- 
zustellen, was für das innere und äußere Leben des reifenden Proletarier- 
mädchens charakteristisch ist, namentlich in welchen Beziehungen es zu 
seiner Umwelt steht. Das Resultat ist, kurz zusammengefaßt, dieses: daß 
das reifende Proletariermädchen für seine innere und äußere Entwicklung 
von der Familie wenig oder nichts, von der Schule im allgemeinen etwas 
mehr, wirklich viel aber nur hat von einem Verein, wenn es Anschluß an 
ihn findet und wenn der Verein eine ideelle oder politische Orientierung hat. 
„Die Idee, für die das Mädchen sich hier begeistert, wirkt sich in seiner ganzen 
Lebensführung aus, gibt ihm Halt und dem Leben eine gewisse Einheitlich- 
keit." In die pädagogische Auswertung dieses Resultates spielen dann aller- 
dings Wertungen hinein, die kritisch zu nehmen sind und die doch auch 
vielleicht für den Gang der Untersuchung nicht ganz unmaßgeblich waren. 

Die beiden Monographien über die jugendliche Arbeiterin sind in ihrem 
Charakter denkbar verschieden, und doch berühren sie sich in der Methode, 
die sie ausbilden und anwenden, wie auch in den Resultaten. Und gerade 
dieser doppelte Umstand macht ihr Studium so aufschlußreich. Die Arbeit 
von Hildegard Jüngst ist in ihrem Ansatz begrenzter (ihr wesentliches 
Material schöpft sie aus einer mehrmonatigen Mitarbeit in einer Schoko- 
ladenfabrik als Arbeiterin unter Arbeiterinnen und aus einem anonymen 
Mitwohnen zeitweise in einem Arbeiterinnenheim, zeitweise in einer Schlaf- 
stelle), die Atmosphäre des Buches ist ausgesprochen jugendlich, die Nei- 
gung zum Optimismus behauptet sich gegen die Angriffe der Realität. Die 
Untersuchung von Frau Franzen-Hellersberg ist reifer und großzügiger, 
sie charakterisiert ihre Methode selbst als „kombinierende und relativierende 
Methode der Erkundung" und registriert ihre pessimistischen Beobachtungen 
ohne Abzug auch da, wo sie einer Frau unangenehm sein müssen. Aber auch 
Hildegard Jüngst macht sich (in wirklich gediegenen methodischen Über- 
legungen) die Fehlerquellen ihres begrenzten Untersuchungsganges klar 
und zieht andere Forschungsmittel heran, die denen von Franzen-Hellers- 
berg ganz ähnlich sind. 

Die entscheidende Überlegenheit der Franzen-Hellersbergschen 
Arbeit erweist sich darin, daß sie es zu einer zusammenhängenden Charakte- 
ristik bringt, sowohl hinsichtlich der privaten Existenz der jugendlichen 
Arbeiterin wie ihrer industriellen oder gewerblichen Arbeit wie endlich 
charakteristischer Äußerungsformen proletarischer Mädchen. Natürlich 
ist dabei auch die Gefahr der Verallgemeinerung gegeben, der gegenüber 
eine Reihe von Einzelbemerkungen bei Hildegard Jüngst als notwendige 
Einschränkungen empfunden werden müssen. Als die im Zusammenhang 



Psychologie ify 

der modernen soziologischen und psychologischen Forschung durchschla- 
gendste Erkenntnis (auf die eine Arbeit über „Gemeinschaftsformen jugend- 
licher Mädchen" von Gertrud Herrmann schon hinzielte) erscheint aber bei 
Franzen-Hellersberg die von der „vitalen Existenzform" der jugendlichen 
Arbeiterin. Das Jugenderlebnis der Proletarierin hat positive Inhalte (Freund 
Sexualverkehr, gemeinsames Sonntagsvergnügen zu mehreren Paaren' 
Schwimmen, Tanzen, Kino, Schmuck, schöne Kleider usw.) zum Geeen- 
stand. Ihre Vorstellung der Weltordnung ist durch dieses Früherlebnis fest- 
gelegt. („Dagegen ist die Pubertätszeit kultivierter Mädchen ausgefüllt von 
Reflexionen über sich und über die Welt. Ihnen scheint noch alles unsicher 
und fragwürdig. Proletarische Mädchen aber erfahren einen primitiven 
letzten Sinn ihrer Existenz durch ihr höchst realistisches Reifeerlebnis.") 
Die drei andern Arbeiten nehmen ihre Maßstäbe für die Gruppierung und 
Auswertung ihrer Beobachtungen zuletzt doch aus dem Reifeerlebnis des 
„kultivierten" Mädchens. Hier zum erstenmal ist die existentiale Eigenform 
der körperlich arbeitenden Frau in voller Klarheit erkannt und ausdrück- 
lich zugestanden. Daß demgegenüber die pädagogischen Konsequenzen, 
die Hildegard Jüngst aus ihren Feststellungen zieht, fragwürdig anmuten, 
ist nur selbstverständlich. Auch die Arbeit von Franzen-Hellersberg 
ist gewiß noch mehr Anfang als Ende, aber eine Häufung von Erkenntnissen 
jedenfalls, mit denen jede sozialpsychologische wie sozialpädagogische 
Arbeit der Zukunft sich wird auseinandersetzen müssen. 

Karl Mennicke (Frankfurt a. M.). 

Kunkel, Fritz, Grundzüge der politischen Charakterkunde. Junker und 

Dünnhaupt. Berlin 1931. (118 S.; RM. 4.80) 

Aufgabe einer politischen Charakterkunde ist nach K. die Erforschung 
der Wechselwirkung zwischen ich und wir (Individuum und Kollektiv) von 
einem „psychophysisch neutralen" Standpunkte aus. Die Grundlage aller 
politischen Charakterkunde sei in den Sätzen von Karl Marx enthalten, daß 
das Bewußtsein der Menschen vom gesellschaftlichen Sein bestimmt werde 
und daß Umstände und Erziehung, deren Produkt der Mensch sei, eben von 
dem Menschen verändert werden, daß der Erzieher selbst erzogen werden 
müsse. 

In den Mittelpunkt rückt K. die innere Krise des einzelnen und deren 
produktive Lösung im Sinne einer Anerkennung der Forderungen der Wirk- 
lichkeit und der Gemeinschaft („Wirhaftigkeit"). Echte Führer sind die- 
jenigen, die in privaten Krisen ihre Ichhaftigkeit überwunden haben. Bei 
genauer Charakteranalyse zeigt sich, daß gewisse Mitläufer des Radikalismus 
an Stelle einer inneren Revolution in die äußere geflohen sind. „Nicht das 
Proletariat steht als vorwärts treibende Kraft dem hemmenden Bürgertum 
gegenüber, sondern die wenigen reifenden Menschen, die es gibt, stehen im 
Bürgertum ebenso wie im Proletariat einer hemmenden Masse von Mit- 
läufern gegenüber." — Die Charakterform, unbewußt und in der frühen Kind- 
heit erworben, ist das Resultat „ichhafter" Erziehung. Der Erzieher ist aber 
letzten Endes eindeutig von der Gesellschaftsform bestimmt. Im Zeitalter 
des Individualismus und der Privatwirtschaft gibt es nur ichhafte Erzieher. 
Aber die Änderung der Gesellschaft erfolgt bloß auf die ernsthafte Charakter- 
Zeitschrift für Sozialforschung in 



178 Besprechungen 

krise des einzelnen hin, in welche er durch die unerbittliche reale, soziale Not 
getrieben wird. Die Entscheidung aber ist frei, keine historische Notwendigkeit 
und keine Mechanik der Gehirnmoleküle kann sie beeinflussen. 

Auf die zugrunde liegende Auffassung vom Menschen kann hier nicht 
eingegangen werden, da dies in eine Kritik der Adlerschen Individualpsycho- 
logie einmünden müßte. Manchmal sind allzu einfach auf soziale Probleme 
die Gesichtspunkte angewandt, die sich in der Kinderstube bewähren mögen. 
Doch ist die Herkunft K.s aus der psychotherapeutischen Arbeit wohltuend 
fühlbar ebenso wie das ehrliche Ringen mit den Problemen und Nöten der 
Zeit. Das Buch ist ganz im Dienst wirklicher Anwendbarkeit geschrieben; 
es kann einen guten Einblick in die individualpsychologische Gedanken- 
welt speziell Künkelscher Prägung geben. 

S. H. Fuchs (Frankfurt a. M.). 

Behrendt, Richard. Politischer Aktivismus. C. L. Hirschfeld. Leipzig 

1932. (178 S.; RM. 5.80) 

Neurotiker, denen die Einordnung in die Gesellschaft Schwierigkeiten 
macht, erreichen sie, indem sie sich die Umgestaltung derselben zum Ziel 
setzen; Narzisten, denen es unmöglich ist, mit Gleichen zusammenzuleben, 
gelingt ein soziales Dasein, indem sie sich zu Herrschern machen. Mit dem 
Wegfall einer Reihe leidkompensierender Kulturgebilde (Religion usw.), 
mit der zunehmenden Rationalisierung und Technisierung des modernen 
Lebens verfallen ganze gesellschaftliche Gruppen, insbesondere Intellektuelle, 
einer neurotischen Asozialität und können den Anschluß an das soziale 
Leben nur auf dem Umweg über revolutionären politischen Aktivismus 
finden. Diese Tatsachen, die der Schrift von B. zugrunde liegen, sind richtig 
und altbekannt. Ein wahrer Skandal ist es aber, daß er sie für das Ent- 
scheidende an der Psychoanalyse und Soziologie der politischen Aktivität 
hält. Diese Behauptung stützt B. mit der These, daß alle politischen Inhalte 
bloß akzidentell seien, im Wesen sei Politik nichts als Aktivität um der Aktivi- 
tät willen. Eine Behauptung, die durch nichts als eine Zitatensammlung aus 
Michels, Scheler, Wiese, Treitschke, Taine, Sorokin usw. gestützt wird. 
Schlußfolgerung: jede Änderung der Gesellschaft sei nutzlos, da sie ja die 
unbewußten Triebkräfte der Krankheit „politische Aktivität" doch nicht 
beseitige. Wie man sieht, lohnt eine Spezialkritik nicht. Nur auf zweierlei 
sei hingewiesen. Das Resultat, politische Aktivität sei im Wesen nur Neu- 
rose, ergibt sich aus der vorgefaßten Meinung von der Nichtigkeit aller 
spezifisch politischen Inhalte, d. h. die für die Untersuchung angeblich 
grundlegenden psychoanalytischen Einsichten sind nichts als Aufputz der 
antipolitischen Grundthese, die ohne diese Scheinpsychologie doch allzu 
wenig eindrucksvoll wäre. Denn — dies ist das zweite — es ist Scheinpsycho- 
logie, weil der Begriff der neurotischen Asozialität zu weit ist, um eine kon- 
krete psychologische Typologie des Politikers zu ermöglichen, und weil 
eine solche Typologie überhaupt nur möglich wäre, wenn der Gesichtspunkt 
der psychischen Struktur mit dem der Klassengebundenheit und der poli- 
tischen Situationsnotwendigkeiten kombiniert würde. Selbst psychologisch 
ist B.s Schrift belanglos. Zum Glück beginnen in letzter Zeit auch autori- 
tative Psychoanalytiker — ich nenne nur O. Fenichel — gegen die scheinbare 



Psychologie \ 79 

Fundierung falscher Soziologien auf schlecht verarbeitete psychoanalytische 
Lesefrüchte zu protestieren. Franz Borkenau (Wien). 

Privat, Edmond, Le ehoc des patriotism.es. — Les sentiments collec- 
tifs et la morale entre nations. F6lix Alcan. Paris 1931. (179 S.- 
frs. 15.— ) 

P. untersucht das Massengefühl „Nationalismus" und seine Bedeutung 
im Zusammenleben der Nationen. Nach ihm sind nicht nur — bereits hin- 
länglich behandelte — ökonomische und politische Faktoren bestimmend 
für die Haltung der Massen, sondern auch ihre Gefühle und Religionen. 
Im Nationalismus sieht P. eine solche Religion. Diese stünde in krassem 
Gegensatz zur Individualmoral : Mord, Raub, Vergewaltigung und Ver- 
leumdung seien oberster pflichtmäßiger Dienst an ihr, Kritik und Besinnung 
aber Sakrileg. Kennzeichen des Nationalismus seien Intoleranz und Feind- 
seligkeit gegen alles Fremde, die sich noch bis in die Sprachbildung aus- 
wirkten. Schule, Presse und Kirche nährten dieses Massengefühl. Jede 
große Idee bedürfe der Mystik, um die Massen mitzureißen; die des Natio- 
nalismus seien die schmetternden Hymnen, flatternden Fahnen, die Tradition 
des Heroismus. Notwendig müsse diese Einstellung zum Konflikt mit 
anderen gleichen Nationalismen führen, der nur im blutigen Kriege gelöst 
werden könne. Nach dieser Darstellung wirft P. die große Menschheits- 
frage auf, ob es denn notwendig so sein müsse, ob die Hekatomben, die der 
Nationalismus fordere, nicht zu vermeiden, Toleranz und friedliche Lösung 
der Gegensätze im Zusammenleben der Nationen nicht möglich wären. 
Und er bejaht diese Frage. Über dem engen Nationalismus beginne eine 
neue Massenmoral sich durchzuringen, die im Einklang mit der Einzel- 
moral: „Du sollst nicht töten" die Nationen durch die Menschheit ersetze. 
In der S. d. N., im Esperanto, in Ghandis „non-violence"-Bewegung und 
in Polens passivem Erdulden roher Mordgewalt 1861 sieht P. erste Keime, 
die er begrüßt. Nur die Mystik fehle dieser neuen Religion noch, und daher 
stoße sie auf Widerstände im Massenempfinden. 

P. steht hart an der Grenze der Psychologie, auf die er sich auch ab und 
zu beruft, ohne aber ihre Methodik oder ihr Aufgabenbereich einzuhalten. 
Über die Entstehung des Nationalismus sagt er nichts: „Im 20. Jahr- 
hundert übernimmt Europa von Asien dessen herrschende Religion . . . den 
Nationalismus". Die moderne Psychologie weiß, daß die Existenz- 
bedingungen Massengefühle gestalten und berücksichtigt sie in ihrer Anam- 
nese (cf. Fromm, „Psychoanalyse und Politik", Psychoanalytische Be- 
wegung, III, 5u. Fromm, „Entwicklung des Christusdogmas", Wien 1931). 
Mystik um Religionen aber ist oft nur der Fetisch, hinter dem sich das Inter- 
esse verbirgt. Aufgabe der Psychologie ist es, den Mechanismus zu erklären, 
in dem die Masse auf die realen Untergründe ihrer Existenz reagiert. P., 
der im Nationalismus einen gegebenen selbständigen Faktor erblickt, dessen 
Entstehung er nicht untersucht, ist an dieser Frage vorbeigegangen. So 
gibt er wohl ein scharfes Abbild des Nationalismus, aber keine Analyse, 
obwohl er sieht, daß innerhalb jeder nationalistischen Gruppe „les classes 
opprim6es", deren Interessen sich nicht mit denen der Gruppe decken, Träger 
seiner neuen internationalen Religion sind . . . genau so bereit zum blutigen, 

12* 



180 Besprechungen 

intoleranten Kampf für ihre Religion wie die Anhänger des Nationalismus 
für diesen. Verdienstvoll aber ist jeder Pionierversuch, der in das bislang 
noch so rätselhafte Gebiet der Massenpsychologie vordringt, und ein Erfolg 
ist es schon, eine Darstellung gegeben zu haben, auf der die Analyse auf- 
bauen kann. Emil Grünberg (Frankfurt a. M.) 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik. 

Brügel, Fritz und Benedikt Kautsky, Der deutsche Sozialismus von Lud- 
wig Gall bis Karl Marx. Heß. Wien, Leipzig 1931. (302 S.; br. 
RM. 6.—, geb. 7.50.) 

In der letzten Zeit regt sich das Interesse am deutschen Frühsozialismus. 
Während aber K. Mielcke in seinem „Deutschen Frühsozialismus" nur Weit- 
ling und Heß in den Kreis seiner Betrachtungen zieht, versuchen Fritz 
Brügel und Benedikt Kautsky in dem vorliegenden „Lesebuch des 
Sozialismus" „den Entwicklungsgang der sozialistischen Idee in Deutschland 
von Ludwig Gall bis zum »Kapital' von Karl Marx und dem Allgemeinen 
Deutschen Arbeiterverein von Lassalle, also den Weg von der Utopie bis 
zur wissenschaftlichen und politisch-praktischen Formulierung, an der Hand 
von ausgewählten wissenschaftlichen und politischen Dokumenten darzu- 
stellen. Einundvierzig Lesestücke sind in chronologischer Reihenfolge ge- 
ordnet. Neben bekannteren Namen wie Ludwig Gall, Georg Büchner, Weit- 
ling, Rodbertus, Engels, Moses Heß, Lorenz von Stein, Ferdinand Lassalle 
findet man auch weniger bekannte Lesestücke von Bettina von Arnim und 
vor allem manches aufschlußreiche anonyme Schriftstück. Es ist klar 
daß die Auswahl sich auf typische Stellen beschränken mußte und daß Karl 
Marx ausgiebig zu Wort kommt. Es ist den beiden Herausgebern damit ge- 
lungen, ein lebendiges Bild des deutschen Frühsozialismus zu zeichnen, das 
durch die knappe und übersichtlich geschriebene Einleitung wertvolle Unter- 
malung erfährt. Emil J. Walter (Zürich). 

Louis, Paul, Les idies essentielles du socialisme. Marcel Rivibre. Paris 
1931. (204 S.; frs. 12.—) 

Der Historiker des französischen Sozialismus und der französischen 
Arbeiterklasse sucht in seinem neuesten Buche Klarheit über die letzte 
Entwicklung des Weltsozialismus zu gewinnen. Ausgehend von der Tat- 
sache, daß die sozialistischen Parteien zersplittert, ihre revolutionäre Kraft 
geschwächt, ihre theoretische Einstellung und Schulung gegen frühere 
Epochen zurückgegangen und die Kämpfe zwischen den beiden sozialistischen 
Hauptlagern der Kommunisten und der Sozialdemokraten zu einem er- 
bitterten Bruderkrieg ausgeartet sind, stellt er die Frage, ob die marxistischen 
Thesen noch gelten, ob die Gedanken der sozialen, ökonomischen Revolu- 
tion und der vorübergehenden Diktatur des Proletariats noch Lebenskraft 
haben. L. gibt zu diesem Zwecke eine planmäßige und klare Übersicht über 
die im Sozialismus widerstreitenden Hauptströmungen und bewertet 
sie an den tatsächlichen Ereignissen. Dabei prüft er die wichtigsten marxi- 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 181 

stischen Thesen, wiegt sie gegen die Theorien der Reformisten ab und kommt 
zur Schlußfolgerung, daß diese Thesen heute noch Geltung haben, daß nur 
durch die soziale- ökonomische Revolution eine Änderung der Lage der Ar- 
beiterklasse möglich sei, während die Geschehnisse der letzten Zeit die Sinn- 
losigkeit der Teilnahme an einer bürgerlichen Regierung zeigten, durch die nur 
der zu stürzende Staat gegen die Revolution verteidigt werde. Die Kommu- 
nisten freilich sind nach L. Marx insofern untreu geworden, als sie den Grund- 
satz der Einigkeit des Proletariats verlassen haben und in sektenhafter Abge- 
schlossenheit in ihren Reihen Gewissensterror üben. So seien sie Anlaß neuer 
Spaltungen und somit einer neuen Schwächung des Proletariats geworden. 
Die vorübergehend unerläßliche Diktatur des Proletariats dauere in Ruß- 
land bereits zu lange an und werde in gleicher Form in Westeuropa 
unbedingt einen Sieg der Reaktion bedeuten. Trotz aller Fehler aber sei 
die russische Revolution der kostbarste Besitz der Arbeiterklasse und unter 
allen Umständen und mit allen Mitteln zu schützen : sie bedeute den ersten 
sozialistischen Keil im kapitalistischen System. Die Arbeiterklasse aber 
müsse — und dies ist sein endgültiges Ergebnis — wieder geeint werden. 
Nicht eine militante, terrorisierende Minderheit, sondern die Gesamtheit 
des Weltproletariats allein könne die Befreiung herbeiführen. 

Diese Ideen sind flüssig und leicht dargestellt. Sie ermangeln aber der 
Tiefe und theoretischen Fundierung. L. hält sich an die allgemeinste Form 
der marxistischen Thesen, wie sie im „Kommunistischen Manifest" nieder- 
gelegt sind. Er verteidigt die materialistische Geschichtsauffassung, ohne 
sie aber auf seine eigene Fragestellung anzuwenden. Nirgends versucht er 
einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Ereignissen und den von 
ihm besprochenen Thesen und Handlungen der Sozialisten herzustellen. 
Dadurch verliert sein Versuch, die Marxsche Lehre zu verteidigen, wesent- 
lich an Wert. In seiner Polemik bringt er kein neues Argument, sondern 
begnügt sich, die bekannten in allerdings klarer und scharfer Form heraus- 
zuarbeiten. Am wertvollsten ist das Kapitel „L'experience social-democrate 
et l'exp6rience communiste", in dem er diese beiden Hauptrichtungen des 
Sozialismus und ihre bisherigen Erfahrungen und Erfolge gegeneinander- 
stellt. Der große Wert des Buches liegt aber in der leichten und verständ- 
lichen Darstellung der prinzipiellen Gedanken des Sozialismus, zumal des 
wissenschaftlichen Sozialismus, und der historischen Tatsachen. 

Emil Grünberg (Frankfurt a. M.). 

Mielcke, Karl, Deutscher Frühsozialismus. Gesellschaft und Geschichte 

in den Schriften von Weitling und Heß. J. G. Gottasche Buchhandlung. 

Stuttgart und Berlin 1931. (XII, 199 S.; EM. 9.50) 

Goitein, Irma, Probleme der Gesellschaft und des Staates bei Moses 

Heß. C. L. Hirschfeld. Leipzig 1931. (VI, 181 S.; RM. 8.80) 

Mit Recht betont Mielcke, daß die Theoretiker des Sozialismus vor 

Marx selbständige richtige Denkansätze und Sehweisen entwickelt haben. 

Er sucht daher den Anteil von Weitling und Heß, den beiden bedeutenden 

Vertretern des deutschen Frühsozialismus, am Gesamtbau des Sozialismus 

zu würdigen. Leider bleiben in seiner Arbeit die Beziehungen des deutschen 

Frühsozialismus zum französischen Sozialismus einerseits, zur deutschen 



182 Besprechungen 

Philosophie und zum Marxismus andrerseits einer kurzen Schlußbetrachtung 
vorbehalten. Die Formeln, auf die M. die Bestrebungen von Weitling und 
Heß gemeinsam zu bringen meint: Organisation der Erziehung, Organi- 
sation der Arbeit, Idee des Rechts, eröffnen sehr weitgehende Parallelen ge- 
rade in einer international vergleichenden Betrachtung. Weitling und Heß 
faßten ihre Gedanken nicht zu einem geschlossenen System. Die Schrift 
vonM. gibt daher zuerst eine getrennte Gegenüberstellung der philosophischen 
Ausgangspunkte, der Gesellschaftsanschauungen und der Geschichtsanschau- 
ungen von Weitling und Heß. Der Verf. ist der Ansicht, Weitlings System 
sei konstruiert, ohne daß die Entwicklungstendenzen der voraufgegangenen 
Zeit gewürdigt seien, während Heß dagegen wisse, daß der Sozialismus, 
wie er durch die Entwicklung des Geistes gebieterisch gefordert werde, auch 
seine Voraussetzungen in realen Verhältnissen habe. Dagegen sprechen aber 
u. E. Weitlings Hinweise auf die notwendigen Übergangslösungen. Weit- 
lings Aufsätze in der „Republik der Arbeiter" werden leider, weil ihre Ver- 
öffentlichung erst in spätere Zeit nach Erscheinen des „Kommunistischen 
Manifestes" fällt, vom Verf. nicht berücksichtigt. Die Gesellschaftslehre 
Weitlings scheint uns in ihrem historischen Gehalt mit seiner Geschichts- 
auffassung nicht so lose verbunden. M. selbst hat den soziologischen Ent- 
wicklungsgedanken Weitlings sehr deutlich herausgestellt: die Auflösung 
der überlieferten, in der inneren Harmonie der Menschen garantierten Ord- 
nung, die Vereinzelung des Individuums im Zusammenhang mit der Ent- 
wicklung des Eigentums und die Ausbildung einer neuen Sozialordnung 
auf der Grundlage gemeinsamen Zweckinteresses, die, insoweit in ihr das 
Wissen als Ausdruck des geistig-moralischen Lebens die Menschen zusammen- 
hält und das gesellschaftliche Leben gestaltet, ideeller Natur ist. Ganz 
richtig kennzeichnet der Verfasser Weitlings Stellung zum religiösen Sozialis- 
mus : Glaube ist ihm eine bloße Vorstufe des Wissens, an der Religion wird 
vor allem die ethische Seite gesehen. Dieser naturrechtlich begründeten 
Gesellschaftslehre entspricht auch Weitlings Fortschrittsgedanke im Geiste 
der Aufklärung. Die widersprechenden Anklänge an Rousseau sind eine 
leicht verständliche Wendung des Revolutionärs zum Mythos. Der Vergleich 
mit Moses Heß wird deshalb so schwer, weil hier fraglos sehr voneinander 
verschiedene Epochen der Gesellschafts- und Staatskritik von Heß unter- 
schieden werden müssen. 

Das Gemeinsame bleibt, daß der Sozialismus von Heß, wie Irma Goitein 
hervorhebt, immer — welche Wandlungen er auch erfuhr — ethisch fun- 
diert und ethisch orientiert war. Weiter sei hingewiesen auf die auffallend 
übereinstimmenden Züge in dem anonym erschienenen Aufsatz in den 
Rheinischen Jahrbüchern, dessen Verfasserschaft Goitein erstmalig Heß zu- 
schreibt. Die Arbeit von Irma Goitein zeigt die Stellung von Moses Heß 
zwischen Idealismus und historischem Materialismus an seinem sozia- 
listischen Entwicklungsgang auf. Die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge 
werden so in den einzelnen Phasen des Schaffens von Heß sichtbar. Die 
Gesellschafts- und Staatskritik der Strauß, Bauer, Feuerbach, des Jung- 
hegelianismus kennzeichnet die geistige Situation der Erstlingswerke von 
Heß. Der zunehmende Einfluß von Feuerbach und Fichte findet dann seinen 
Niederschlag in einer Radikalisierung des Heßschen Sozialismus. Ein drittes 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 18-3 

Stadium bedeutet die Zeit seiner Auseinandersetzung mit Marx, Proudhon 
Herzen. Besonders wertvoll ist in diesem Zusammenhang die Veröffent- 
lichung bisher ungedruckter Handschriften und Briefe von Heß, sowie der 
Abdruck der seltenen Broschüre von Heß „Roter Katechismus für das 
deutsche Volk" und der anonym erschienenen Abhandlung „Kommuni- 
stisches Bekenntnis". Kurt Moldonhauer (Berlin). 

Brentano, Lujo, Mein Leben im Kampf um die soziale Entwicklung 
Deutschlands. Eugen Diederichs. Jena 1931. (423 S.; br. RM. 14.50, 
geb. 18.—) 

Der Titel dieser Memoiren ist kennzeichnend für den Menschen und sein 
Werk. Brentano war ein Kämpfer sein Leben lang, und wenn die zahlreichen 
Schriften, die er im Laufe von sechs Jahrzehnten veröffentlichte, auch einen 
sehr weiten Kreis theoretischer und praktischer Fragen berührten, so stand 
im Zentrum seiner Untersuchungen doch die Problematik der modernen 
wirtschaftlich-sozialen Entwicklung — eine Problematik, die den Ausgangs- 
punkt für seine wissenschaftliche Arbeit bildete und zu der er immer wieder 

zurückkehrte. 

Brentano war Liberaler, aber einer, der sich mehr als dem deutschen 
dem „sozialpolitisch" orientierten Liberalismus Englands verbunden fühlte, 
jenes Landes, dessen ökonomische und politische Anschauungen und Ein- 
richtungen für seine Ideenwelt schon frühzeitig von entscheidender 
Bedeutung wurden. Sein erstes großes Werk, die zweibändigen „Arbeiter- 
gilden der Gegenwart" (1871/2) brachte sozusagen die „Entdeckung" 
der englischen Gewerkvereine für Deutschland, und am Ende seines 
wissenschaftlichen Schaffens steht die umfassende „Geschichte der wirt- 
schaftlichen Entwicklung Englands" ( 1927 ff.). Seine Untersuchungen führten 
ihn, den „Bürgerlichen", an die Seite der Arbeiterschaft, deren be- 
rechtigte Forderungen er in Wort und Schrift gegen den Interessentenansturm 
zu Zeiten verteidigte, in denen solche Haltung noch nicht oder nicht mehr 
als „zeitgemäß" galt. Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und echte Humani- 
tät — das waren die Leitsterne seines Lebens, die Ideale, für die er auf wirt- 
schafts- und sozialpolitischem, aber auch auf Staats- und hochschulpohtischem 
Gebiete unzählige Kämpfe führte, die sich in dem vorliegenden Erinnerungs- 
werk widerspiegeln. 

Die berühmte Familie, der Brentano entstammte und deren Geschichte 
er einleitend mit Stolz und Liebe schildert, vermittelte ihm Beziehungen zu 
zahlreichen politisch einflußreichen Persönlichkeiten, von denen mancher 
bemerkenswerte Zug berichtet wird und die sich vielfach seines sachkundigen 
Rats bedienten. Mit seinen englischen Gesinnungsfreunden verband ihn 
ein Treueverhältnis, das durch den Krieg nur eine vorübergehende Trübung 
erlitt. Nicht zuletzt diese Freundschaft hat es ihm ermöglicht, Deutschland 
, wertvolle politische Dienste zu leisten, wenn er auch offizielle politische 
Missionen (so das der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt gewordene An- 
gebot, als erster Botschafter der Republik nach Washington zu gehen) stets 
abgelehnt hat. 

Man pflegt B. meist zur sog. „jüngeren historischen Schule" der National- 
ökonomie zu zählen, doch wird man Inhalt und Methode seines Werkes mit 



i 






1 84 Besprechungen 

einer solchen Klassifikation kaum gerecht. Gewiß nimmt das Historische 
einen breiten Raum bei ihm ein, aber es hat die Theorie nicht überwuchert 
und seiner Grundauffassung entsprechend, die im Menschen „Ausgangs- 
und Endpunkt der Volkswirtschaft" sieht, sucht er die ökonomisch-sozialen 
Entwicklungen nicht mechanistisch, sondern soziologisch zu erkennen und 
zu deuten. Sorgsamstes Detailstudium hindert ihn freilich, mag es sich nun 
um Einzelfragen des Gewerkschafts- oder Wohnungswesens, der Lohntheorie, 
der Agrarreform, des Kartellwesens usw. handeln oder um zusammenfassende 
geschichtliche Darstellungen wie das Englandbuch oder die antike Wirt- 
schaftsgeschichte, sich in allgemeine Phrasen zu verlieren. Stets hat sein 
strenges wissenschaftliches Gewissen sein leidenschaftliches Kämpfer- 
temperament zu zügeln gesucht. 

Seine Lebenserinnerungen geben so das Bild einer machtvollen, ge- 
schlossenen und geradlinigen Persönlichkeit. Sie schließen mit einer Motivie- 
rung seines Austritts aus dem — von ihm selbst mit begründeten — „Verein 
für Sozialpolitik", den er vollzog, weil dieser zu den großen sozial- und 
handelspolitischen Fragen der Gegenwart nicht jene Stellung einnahm, die 
seine Tradition ihm nahegelegt hätte. Noch die letzte Seite des Buchs zeigt 
in ihren anklägerischen Fragen an die Vereinsleitung den ungebrochenen 
Kämpfer für wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit, ausklingend 
in den Satz: „Ich verstehe diese Politik nicht; will man eine soziale Revo- 
lution ?" Fritz Neumark (Frankfurt a. M.). 

Harnack, Arvid, Die vormarxistische Arbeiterbewegung in den Ver- 
einigten Staaten. Gustav Fischer. Jena 1931. (X u 167 S • aeb 
RM. 8.—) ' iv* 

Der Verfasser der vorliegenden Studie hat in den Jahren 1926 bis 1928 
dank der Unterstützung des „Laura Spelman Rockefeiler Memorial" vor 
allem in Wisconsin und Washington die Geschichte der amerikanischen. 
Arbeiterbewegung studiert. Die vorliegende Arbeit bildet „den ersten Teil 
einer Geschichte der amerikanischen Arbeiterbewegung". 

Als vormarxistische Periode wird von H. die Periode von 1792 bis. 
1857 bezeichnet. In einem einleitenden Kapitel wird zunächst der ökono- 
mische und politische Hintergrund aufgezeigt, auf dem sich die amerika- 
nische Arbeiterbewegung dieser Zeit bewegt. Sich stark an Friedrich Liste. 
Wirtschaftsstufentheorie anlehnend, zeichnet der Verfasser ein anschau- 
liches Bild der geographischen, bevölkerungspolitischen und staatsrecht- 
lichen Grundlagen der amerikanischen Wirtschaft, der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung und der Entwicklung der Klassengegensätze zwischen Industrie, 
Großgrundbesitz und Farmern und innerhalb der Industrie selbst. Von 
großem Einfluß auf die Arbeiterbewegung waren die Wirtschaftskrisen, die 
in Amerika ganz besonders scharfe Formen annahmen, so jene von 1819, 
1837 und 1857. Die Leiter der aufstrebenden Industrie des Nordostens* 
und die Sklavenbesitzer des Südens waren die Hauptfaktoren der Politik 
der Vereinigten Staaten. Nach und nach schoben sich zwischen diese beiden 
Klassen die Farmer, welche der Freilandbewegung und der Antisklaven- 
bewegung schließlich zum Sieg verhalfen. 




Soziale Bewegung und Sozialpolitik 185 

Die Arbeiterbewegung stützte sich in der vormarxistischen Periode vor 
allem auf die Arbeiter der von Verlegern und Kaufleuten abhängigen Be- 
triebe. Die Fabrikarbeiterschaft wurde damals von der Arbeiterbewegung 
kaum erfaßt. „Der freie Mann auf freier Scholle und der selbständige 
Handwerker war das Ziel." 

Die vormarxistische Periode zerfällt in vier Unterabschnitte. Die erste 
Periode, die der ersten Gewerkschaften, begann 1792 und endete in den Krisen- 
jahren 1814 bis 1819. Die Schuhmacher und die Drucker der Küstenstädte 
suchten durch gewerkschaftlichen Zusammenschluß ihre Lage zu verbessern. 
Durch Monopolisierung des Arbeitsmarktes, Kontrolle des Lehrlingswesens und 
auch durch Streiks suchten sie ihr Ziel zu erreichen, erlagen aber bald der 
Gegenwehr der Arbeitgeber und der richterlichen Rechtsprechung. In der 
langdauernden Depressionsperiode nach 1815 mißlangen alle gewerkschaft- 
lichen Versuche. Deshalb versuchten die Arbeiter in den Jahren 1827 bis 

1832 durch die Beeinflussung des Staates ihre Lage zu verbessern. Arbeiter- 
parteien vermochten in einzelnen Staaten vorübergehende Wahlerfolge zu 
erzielen, aber innere Spaltungen ließen die Bewegung bald zusammenbrechen. 
Sie gewann nur indirekten Einfluß auf die Entwicklung, indem der Forde- 
rung auf öffentliche Schulen, Abschaffung der Schuldhaft, strengere Über- 
wachung der Banken, Abschaffung der Miliz und der Fabrikgesetzgebung 
vorgearbeitet wurde. Mit der Besserung der Wirtschaftslage setzt um 

1833 wieder die gewerkschaftliche Bewegung auf verbreiterter Basis ein. 
In New York werden 1833 über 30 Gewerkschaften gegründet. Die Zahl 
der Streiks steigt. Es kommt zur Bildung von Ortskartellen, Zentral- 
gewerkschaften und einem Zentralkartell. Aber die Arbeiter der Fabrik- 
industrie werden kaum erfaßt. An vielen Orten führten die Kämpfe für den 
Zehnstundentag zum Erfolg. Die Einzelheiten der Organisation entsprechen 
modernen gewerkschaftlichen Grundsätzen. Aber die schwere Krise des 
Jahres 1837 bedeutete auch für diese zweite Periode der Gewerkschafts- 
bewegung das Ende. Die letzte Periode von 1837 bis 1857 ist die 
der Reformer. Albert Brisbane, der Schüler Fouriers, regte in den 
Jahren 1843/44 die Gründung zahlreicher „phalansteres" an, die aber in 
der Mehrzahl nach kurzer Frist wieder zusammenbrachen zufolge des Fehlens 
der Rechtspersönlichkeit, des Kapitalmangels, ungeschickter Leitung oder 
innerer Streitigkeiten. G. H. Evans verfocht die Landreform, das Recht 
des amerikanischen Bürgers auf gleichmäßige, unentgeltliche Zuteilung von 
Land und leitete damit einen der heißesten Kämpfe der Geschichte des 
amerikanischen Parlaments ein. Er erlebte den Sieg seiner Idee durch 
die Annahme des Heimstättengesetzes 1862 nicht mehr, da er schon 
1856 verschied. Die Konsumgenossenschaftsidee wurde seit 1842 durch 
die „New England Workingsman Association" intensiv gefördert. Der 
Bürgerkrieg zerstörte aber diese Ansätze zu einer starken Konsumgenossen- 
schaftsbewegung, indem etwa noch bestehende Unternehmungen sich in 
privatwirtschaftliche Gesellschaften umwandelten. Endlich lebte die Be- 
wegung für den Zehnstundentag wieder auf und faßte in den Fabriken Fuß. 

Wenn man auch im einzelnen der vorliegenden Arbeit eine tiefer schür- 
fende Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der einzelnen 
Perioden wünschen möchte, ist sie doch ein anregendes Werk, das durch die 



186 Besprechungen 

Skizzierung amerikanischer Verhältnisse indirekt manches Streiflicht auf 
die Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung fallen läßt. 

Emil J. Walter (Zürich). 

Posse, Ernst H., Der Marxismus in Frankreich 1871—1905. Prager. 
Berlin 1930. (82 S.; RM. 3.50) 

Der „Marxismus" wurde in Frankreich im letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts in der Form des „Guesdismus" rezipiert, ganz ebenso wie er in 
der gleichen Periode in Deutschland in der Form des „Kautskyanismus", 
in wieder anderen spezifisch verschiedenen Formen in Italien und in Ruß- 
land rezipiert worden ist. Aber während der kautskyanische deutsche 
Marxismus in dem Lande der „demokratischen und revolutionären Ohn- 
macht" (Jaures) in dieser Periode eine zwar nur ideologische, aber in dieser 
Form auch fast unbestrittene Vormachtstellung innerhalb der sozialistischen 
Gesamtbewegung einnahm, mußte der Guesdistische französische Marxis- 
mus unter den ganz anders gearteten gesellschaftlichen und politischen 
Bedingungen der dritten Republik fast vom ersten Augenblick seiner Exi- 
stenz an die praktische Brauchbarkeit seiner theoretischen Prinzipien für 
die wirkliche Aktion der Arbeiterklasse bewähren und hierbei zugleich noch 
einen unaufhörlichen scharfen Konkurrenzkampf gegenüber den aus der 
früheren Entwicklung überlieferten und den aus der lebendigen Entwick- 
lung neu entstehenden Theorien und Taktiken bestehen. P. zeigt, wie in 
diesem jahrzehntelangen Ringen der Guesdismus einerseits seinen anfäng- 
lich absoluten, revolutionär-proletarischen Charakter mehr und mehr 
einbüßt und am Ende fast am äußersten rechten Flügel der damaligen 
sozialistischen Gesamtbewegung angelangt ist, wie aber andererseits zu- 
gleich in dieser Periode die von den beiden Alten in London bis zu ihrem 
Tode stets als „unsere Partei" bezeichnete Gruppe Guesdes die erfolg- 
reichste Erziehungsarbeit geleistet und der Gesamtbewegung in einer im Guten 
und Bösen noch heute nachwirkenden Weise ihren marxistischen Stempel 
aufgedrückt hat. 

Ist angesichts dieser widerspruchsvollen Entwicklung die herkömmliche 
Auffassung begründet, nach welcher der formelle Sieg der marxistisch- 
guesdistischen Minderheit über die reformistische und zentristische Mehr- 
heit des Pariser Einigungskongresses von 1905 einen Sieg des revolutionären 
proletarischen Klassenstandpunktes in der französischen Arbeiterbewegung 
der Vorkriegszeit bedeutet ? Zu dieser Frage hat der Autor in dem hier 
rezensierten Buche nicht mehr klar und eindeutig Stellung genommen. Er 
laßt zwar in seiner Darstellung der Kritik, die seit der Jahrhundertwende 
einerseits vom revolutionären Syndikalismus (Pelloutier, Lagardelle, Sorel), 
andererseits von der Richtung Jaures am französischen Guesdismus und 
deutschen Kautskyanismus geübt worden ist, deutlich genug erkennen, 
daß er diese kritischen Angriffe im einzelnen als begründet ansieht. Er 
bleibt aber gleichwohl in seiner Gesamtbeurteilung der von ihm behandelten 
geschichtlichen Entwicklungsphase bei dem konventionellen Schema aus- 
drücklich stehen. Insofern besteht zwischen dem formell ausgesprochenen 
und dem wirklichen Resultat seiner Darstellung ein unbehebbarer Widerspruch, 
der noch deutlicher hervorträte, wenn der Autor seine Untersuchung 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 187 

nicht von vornherein in zweifacher Hinsicht, zeitlich auf die Entwicklung 
bis 1905, sachlich auf die im engeren Sinne „politische" Bewegung, ein- 
geschränkt hätte. Trotz des ungelösten Restes von Zweideutigkeit in ihrem 
formellen Resultat hat die Schrift von P. durch ihren materiellen Inhalt 
zu der Lösung der schwierigen Aufgabe, einen „von der Parteien Gunst und 
Haß verwirrten" wichtigen Abschnitt der wirklichen Entwicklungsgeschichte 
des Marxismus kritisch-wissenschaftlich aufzuklären, einen wesentlichen 
Beitrag geleistet. Karl Korsch (Berlin). 

Wirz, J. Paul, Der revolutionäre Syndikalismus in Frankreich. Oirs- 
berger & Co. Zürich 1931. (XI u. 214 S.; schw. frs. 13.75) 
Die vorliegende Arbeit bildet ein weiteres Glied der von Prof. Saitzew 
in den „Zürcher Volkswirtschaftlichen Forschungen" systematisch geför- 
derten Studien über den französischen Sozialismus. W. beschreibt zunächst 
die Entstehung des revolutionären Syndikalismus, wobei in interessanter 
Weise die 1895 erfolgte Gründung der „Confederation Generale du Travail" 
(C. G. T.) in die Entwicklung der französischen Arbeiterbewegung eingereiht 
wird Unter revolutionärem Syndikalismus definiert der Verf. die Prinzipien, 
welche die Mehrheit der 0. G. T. in den Jahren 1902—1914 geltend machte: 
1. die Berufsorganisation wird als Zelle der zukünftigen Gesellschaftsordnung 
betrachtet, 2. die föderalistische Organisation, 3. die Betonung des abso- 
luten Klassengegensatzes von Arbeiter und Unternehmer, der zur Revolution 
und zum Siege des Proletariates führen müsse, 4. der Antietatismus, die 
Ablehnung der parlamentarischen Kampf methoden. 

In einem zweiten „Die Organisation des revolutionären Syndikalismus" 
überschriebenen Teil untersucht W. die Organisationsprobleme der C. G. T„ 
das Problem der Industrieverbände, das föderalistische Prinzip in der syndika- 
listischen Organisation, die Abneigung der revolutionären Minderheit gegen 
eine prozentuale Vertretung im syndikalistischen Kongreß. Der dritte Teil 
ist dem „Antietatismus" gewidmet, der vierte Teil der „Sozialpolitik des 
revolutionären Syndikalismus". Einzig auf dem Gebiete der Organisation 
des Arbeitsmarktes hat der Syndikalismus durch Errichtung von Arbeits- 
börsen einige Erfolge erzielt. Der Ausbruch des Weltkrieges vollendete die 
Zersetzung der Prinzipien des revolutionären Syndikalismus. In der Gegen- 
wart deckt sich das Programm der C. G. T. mit dem Programm der sozia- 
listischen Partei, während der linke abgespaltene Flügel der französischen 
Gewerkschaften der Parole der Kommunisten folgt. 

Die vorstehend gebotene Skizze des Inhaltes der Dissertation von Wirz 
läßt vielleicht mehr erwarten, als die Arbeit wirklich bietet. So breit sie 
angelegt scheint, so krankt sie doch an wesentlichen methodischen Mängeln. 
W. schrieb eine geisteswissenschaftliche Studie, die wohl treffende 
Bemerkungen enthält, als Ganzes aber nicht befriedigt. Es fehlen 
vor aUem Daten und statistische Angaben. Sogar im Kapitel „Biogra- 
phisches" sucht man vergeblich nach einigen Lebensdaten der bedeu- 
tendsten syndikalistischen Führer. Ebenso spärlich sind die Angaben 
über die organisatorische Entwicklung des revolutionären Syndikalismus. 
Wichtiger als eine „geisteswissenschaftliche" Untersuchung der Gedanken- 
welt des revolutionären Syndikalismus wäre eine anschauliche Beschreibung 



188 Besprechungen 

seiner soziologischen Grundlagen und eine lebendige Schilderung der 
französischen Arbeiterbewegung gewesen. So aber bietet die Schrift bloß 
eine Darstellung der Ideen des revolutionären Syndikalismus, wie sie sieh 
im Kopfe des Verf. spiegeln. Ob W. Endgültiges zu sagen vermochte, läßt 
sich daher nicht entscheiden. 

Emil J. Walter (Zürich). 

Saposs, David J., The Labor Movement in Post- War France. Columbia 

University Press. New York 1931. (508 S., $ 6. — ; 

S. ist ein Schüler des bekannten Historikers der amerikanischen 
Arbeiterbewegung John R. Commons. Zur Zeit unterrichtet er an der 
Schule der American Föderation of Labor, am Brookwood College. Aus 
beidem ergibt sich der Blickpunkt, von dem aus das vorliegende Buch ge- 
schrieben ist: S. steht der gegenwärtigen Wirtschaf tsordnung nicht ab- 
lehnend gegenüber, er wünscht aber ihre Besserung auf evolutionärem Wege. 
Das Buch basiert auf einer außerordentlich gründlichen Quellenforschung 
und wird deshalb für jeden, der sich mit der Geschichte der Arbeiterbewe- 
gung beschäftigt, von großem Werte sein, auch wenn er sich den Urteilen 
seines Verfassers in vielem nicht anschließen kann. 

Die Arbeit zerfällt in fünf Teile. Der erste befaßt sich mit der Gewerk- 
schaftsbewegung. Es wird in ihm geschildert, wie schon vor dem Kriege 
syndikalistische Strömungen durch die reformistischen verdrängt wurden, 
wie der Krieg zunächst den vollständigen Sieg der letzteren bedeutete* 
dann aber doch zur Heranbildung des radikalen Flügels führte, wie schließ- 
lich nach dem Kriege die Spaltung eintrat und wie sich danach die Bewegung 
entwickelte. 1927 zählte die der Zweiten Internationale angeschlossene 
Confederation Generale du Travail rund 900000 Mitglieder, die der Dritten 
Internationale zugehörige Confederation Generale du Travail Unitaire immer- 
hin beinah eine halbe Million. Die daneben bestehenden katholischen und 
syndikalistischen Organisationen hatten keine Bedeutung. Teil 2 und 3 
handeln von der Sozialpolitik des Staates und der Stellung, die die Unter- 
nehmer der Arbeiterfrage gegenüber einnahmen. Auch in Frankreich brachte 
der Krieg einen gewaltigen Ausbau der vorher dürftigen Sozialgesetzgebung 
mit sich. Sie fand ihre Krönung in dem Sozialversicherungsgesetz vom 
5. April 1928, das die bisherigen Bestimmungen zusammenfaßte und er- 
weiterte. Es sieht Zahlungen bei Krankheit, Unfällen, Arbeitsunfähigkeit 
infolge Alters, Todesfällen, Schwangerschaft und Arbeitslosigkeit vor. Die 
meisten der großen Unternehmer nehmen den Gewerkschaften gegenüber 
eine offen feindliche Stellung ein. In Teil 4 wird die Entstehung der Genossen- 
schaftsbewegung dargestellt und ihre Nachkriegssituation eingehend analy- 
siert. Die Konsumgenossenschaften zählten 1926 rund 2,2 Millionen Mit- 
glieder. Sie haben überwiegend eine kleinbürgerliche Ideologie und neigen 
deshalb politisch der radikalsozialen Partei zu. Bezeichnend für die Stärke 
der kleinbürgerlichen Einflüsse und der Proudhonschen Tradition ist 
auch die Tatsache, daß die Produktivgenossenschaften eine gewisse 
Bedeutung behielten. 1923 betrug ihr Umsatz 155 Millionen Francs. 
Den Abschluß des Buches (Teil 5) bildet eine Darstellung der politischen 
Arbeiterbewegung. Die Sozialistische Partei erhielt 1928 rund 1,7, die 






Soziale Bewegung und Sozialpolitik 189 

Kommunistische rund 1 Million Stimmen bei einer Gesamtstimmenzahl 
von rund 9 Millionen. Arvid Harnack (Berlin). 

Meyer, Hakon, Den politiske arb eid erb eveg eise i Norge. (Die politische 

Arbeiterbewegung Norwegens.) Det norske arbeiderpartis forlag. Oslo 1931. 

(176 S.; Kr. 3.—) 

Das Buch ist in erster Linie als Handbuch für die Studiengemeinschaften 
und Vorlesungskurse der Norwegischen Arbeiterbildungszentrale geschrieben. 
Es beschränkt sich deshalb auf eine Übersicht des geschichtlichen Entwick- 
lungsganges der politischen Arbeiterbewegung Norwegens. M. macht keinen 
Anspruch auf eingehende wissenschaftliche Erörterungen der eigenartigen 
Entwicklung der norwegischen Arbeiterbewegung während und nach dem 
Kriege. Sein Werk hat jedoch Bedeutung als die einzige vorliegende Dar- 
stellung der ganzen bisherigen Geschichte unserer Bewegung. 

Die ersten Seiten schildern in sehr konzentrierter Form die Periode der 
Vorläufer, 1848 — 1880. Etwas ausführlicher werden dann die 80er Jahre 
behandelt, die Periode des Durchbruchs des bürgerlich-bäuerlichen Parla- 
mentarismus und der bürgerlichen Kultur, aber auch die Zeit der Entste- 
hung der Gewerkschaften und der norwegischen Arbeiterpartei und ihrer 
Emanzipation von bürgerlich-liberaler Ideologie. Der zweite Teil schildert 
dann die Entwicklung von der propagandistischen Sekte zur praktisch- 
politischen Partei während der Periode der Wahlrechtskämpfe der 90er Jahre, 
die Konsolidierung der Partei auf parlamentarischem Gebiete 1903—12, 
unter Zuziehung kleinbürgerlicher und kleinbäuerlicher Elemente, und die 
ersten Ansätze einer syndikalistisch beeinflußten Opposition. Die Entste- 
hung einer neuen oppositionellen Führergeneration 1912—15 und der Durch- 
bruch dieser „neuen Richtung" 1914—18 werden dann sehr klar geschildert, 
ohne daß jedoch die Ursachen dieser Entwicklung, die in erster Linie 
in der Eigenart und dem überschnellen Tempo der Industrialisierung Nor- 
wegens während dieser Periode zu suchen sind, genügend hervortreten- Die- 
selbe Kritik der mangelnden Berücksichtigung wirtschaftlicher Faktoren 
trifft auch die Schilderung der ersten Parteispaltung durch den Austritt 
der bewußt sozialdemokratischen Elemente nach dem Beitritt der Partei 
zur dritten Internationale 1919—20, der weiteren Spaltung als Folge des 
Streites zwischen der halbsyndikalistischen Mehrheit der Arbeiterpartei 
und der Leitung der Internationale 1920—23 und der allmählichen Vor- 
bereitung der Sammlung, die durch das Zusammengehen der Sozialdemo- 
kraten und der Arbeiterpartei 1927 erfolgte. Die letzten Kapitel schildern 
den politischen Aufschwung der letzten Jahre und die lehrreiche Episode 
der Arbeiterregierung von 1928. 

Als Anhang enthält das Buch eine kurze Übersicht der Wahlrechts- 
bestimmungen seit 1814, eine Tabelle über die Vertretung der Partei bei 
internationalen Kongressen, die Parteivorsitzenden und Redakteure des 
Hauptorgans, die Stimmenzahlen und die Vertretung bei Wahlen, die Mit- 
gliederbewegung und ein ausführliches Namensregister. 

Wie schon angedeutet, leidet das Buch bei all seiner Klarheit und Über- 
sichtlichkeit daran, daß es in engstem Sinne Organisationsgeschichte sein 
will. Die wirtschaftliche Entwicklung, die Verschiebungen der Klassen- 



* 



190 Besprechungen 

gegensätze und der politischen Konstellationen der bürgerlichen Welt werden 
nur angedeutet, und auch die parlamentarische Wirksamkeit der Arbeiter- 
partei selbst -wird kaum in Betracht gezogen. Dadurch entsteht eine ge- 
wisse Einseitigkeit in der Beurteilung der verschiedenen Phasen der Partei- 
entwicklung, die besonders der sozialdemokratischen Periode sowie der rein 
sozialdemokratischen Strömung in der jetzigen Partei kaum Gerechtigkeit 
leistet. Halvard M. Lange (Oslo). 

Tönnies, Georg Ove, Die Auflehnung der Nordmark- Bauern. Küsten- 
landverlag. Flensburg 1930. (30 S.; RM, 1.20). — Luetgcbrune, Walt., 
Neu- Preußens Bauernkrieg. Hanseatische Verlagsanstalt. Hamburg 
1931. (213 S.; RM. 3.80). — Karsthans, Die Bauern marschieren. 
Stalling. Oldenburg 1931. (297 S.; RM. 4.80, geb. RM. 5.80). — Fallada, 
Hans, Bauern, Bonzen und Bomben. Rowohlt. Berlin 1931. (565 S.; 
RM.6.—, geb. RM. 8.50) 

Die durch die verzweifelte Lage der deutschen Bauern entstandene poli- 
tische Umschichtung hat ihren Niederschlag in zahlreichen Broschüren und 
Büchern gefunden. Die beginnende politische Aktivierung geht in den 
kapitalistischen Ländern Europas nach den verschiedensten Richtungen: 
zum Faschismus (Bekämpfung der Arbeiterschaft in Österreich), zur bäuer- 
lichen Demokratie (Bündnis mit der Arbeiteraristokratie in Rumänien), zum 
Kampf gegen die Stadt (Bulgarien), im Gegensatz zum Bolschewismus 
(Bündnis mit dem Proletariat in der Sowjet-Union). 

Die kleine Broschüre von Tönnies eröffnet interessante Einblicke in 
die politische Atmosphäre der Bauernbewegung. Der Verf. lehnt die Gewalt 
ab, mißtraut den Parteien und polemisiert gegen Stadt und Industrie ; gleich- 
zeitig reißt er also eine Kluft auf, die er auf der anderen Seite schließen will. 
Er berichtet von den Leiden der Bauern, die seit Jahrhunderten die Lasttiere 
der Gesellschaft gewesen seien. Heute sei ein „bäuerliches Klassenbewußt- 
sein" entstanden. Während T. einerseits den Arbeiter als Bundesgenossen 
für eine neue Ordnung sucht, betont er immer wieder, daß der Bauer völlig 
allein stehe, und kommt so zu stadtfeindlichen Schlußfolgerungen und stän- 
dischen Gedanken, für die er nur eine zentralistische Handhabung verwirft. 
Er fordert „Bauernland" und „Bauernräte", die als berufsständische Schlich- 
tungsausschüsse wirken und die Steueraufbringung regeln sollen, bekennt 
sich also zur reformistischen Lösung. 

Der rechtsradikale, aus zahlreichen Prozessen gegen Nationalsozialisten 
und Land volkleute bekannte Anwalt Luetgebrune liefert in seinem Buch 
eine Kampfschrift gegen das „preußische Regierungssystem". Es enthält 
zahlreiche amtliche Schreiben, Urteile, Gutachten, Gesetzestexte und Ver- 
waltungsentscheidungen und zerfällt in drei Abteilungen: „Kampf der 
Finanzbehörden", „Kampf des Verwaltungsapparates", „Kampf durch die 
Justiz". Die Gruppierung und die Auswahl des autentischen Materials 
machen das Buch zwar zu einer Anklageschrift. Durch den Verzicht auf jede 
politische und ökonomische Analyse bleibt jedoch das Problem ungelöst; so 
kommt L. zu schiefen Behauptungen und primitiven Erklärungen wie der, daß 
die Notlage der Bauern eine Folge der Reparationszahlungen und der Ver- 
waltungsschikanen sei. 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 191 

Karsthans schildert in Romanform den Krieg von 1525, dessen Tradition 
in der heutigen Landvolkbewegung eine große Rolle spielt. Mit deut- 
licher Beziehung auf die heutige Zeit ist dies Buch geschrieben; das ge- 
schichtliche Beispiel soll warnend und mahnend die Bauern wachrütteln so 
hofft der Verf. im Vorwort. Die Darstellung der historischen Ereignisse ist 
teilweise zwar sehr dramatisch, packend und eindrucksvoll, aber die Parallele 
zu den aktuellen Vorgängen ist — getrübt durch romantische Vorstellungen 
— völlig irreführend. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Herbert Blank 
von den „Revolutionären Nationalsozialisten". 

In dem ausgezeichneten Roman von Fallada wird die moderne Land- 
volkbewegung in sehr lebendiger und interessanter Weise geschildert. Es 
handelt sich um einen Schlüsselroman, der deutlich als Hintergrund die be- 
kannten Ereignisse in Neumünster erkennen läßt. Der Verfasser bemüht sich 
um eine naturgetreue Wiedergabe der Vorgänge. So ist das Buch als unter- 
richtende Materialsammlung der aktuellen Bauernbewegung zu werten. 
Aber indem F. allen gerecht werden will, kommt es zu einem — standpunkt- 
losen Standpunkt! Hans Jaeger (Berlin). 

Mein Arbeitstag — mein Wochenende. 150 Berichte von Textilarbeite- 
rinnen. Ges. u. hrsg. vom Dt. Textilarbeiterverband, Hauptvorstand, Ar- 
beiterinnensekretariat. Berlin 1930. Verlag Textilpraxis. (230 S.; RM. 2.50) 
— Suhr, Susanne, Die weiblichen Angestellten. Arbeits- und Lebens- 
verhältnisse. Eine Umfrage des Zentralverbands der Angestellten. Zentral- 
verband der Angestellten. Berlin 1930. (48 S.; RM. 1.40) — Die wirt- 
schaftliche und soziale Lage der Angestellten. Ergebnisse und Er- 
kenntnisse aus der großen sozialen Erhebung des Gewerkschaftsbunds der 
Angestellten. Vollst, erw. Ausgabe B, Berlin. Sieben-Stäbe-Verlag. Berlin 
1931. (334 S.; RM. 10.—) — Die Gehaltslage der Kaufmanns- 
gehilfen. Eine Fragebogenerhebung des D.H. V. (Bearb. Werner Deiters). 
Hanseat. Verlagsanstalt. Hamburg 1931. (159 S.; RM. 7.—) — Was 
verbrauchen die Angestellten? Ergebnisse der dreijährigen Haus- 
haltungsstatistik des Allgemeinen Freien Angestelltenbundes. Freier Volks- 
verlag. Berlin 1931. (82 S.; RM. 1.75) — Die Lebenshaltung des 
Landarbeiters. Wirtschaftsrechnungen von 130 Landarbeiterfamilien. 
Eine Erhebung des Reichsverbands ländlicher Arbeitnehmer, bearb. von 
Max Hof er. Landvolk- Verlag. Berlin 1930. (245 S.; RM. 7.50) — 
Bernier, Wilhelm, Die Lebenshaltung, Lohn- und Arbeitsverhältnisse von 
145 deutsehen Landarbeiterfamilien. Ergebnis einer Erhebung d. dt. 
Landarbeiterverbandes in der Zeit vom 1. Juli 1929 bis 30. Juni 1930. 
Hrsg. vom Vorstand d. Dl. Landarbeiterverbandes, Berlin 1931. (120 S.; 
RM. 4. — ) — Die Lebenshaltung der Bauarbeiter nach Wirt- 
schaftsrechnungen aus dem Jahre 1929. Deutscher Baugewerksbund. 
Berlin 1931. (167 S.; geh. RM. 8.—) 

Das Arbeiterinnensekretariat beim Hauptvorstand des freigewerkschaft- 
lichen Deutschen Textilarbeiter-Verbandes hat im Herbst 1928 den Mit- 
gliedern die Preisaufgabe gestellt, anschaulich und wahrhaftig den regel- 
mäßigen Verlauf eines Samstags und Sonntags zu schildern. Von je 1000 
weiblichen Mitgliedern beteiligte sich je eines. Die 150 Antworten („Mein 



192 Besprechungen 

Arbeitstag — mein Wochenende") sind ungewöhnlich wertvoll, da 
sie Verhältnisse und Bewußtseinszustände zu erfassen gestatten, die sonst 
sehr schwer faßbar sind. Das Buch, 150 monotone Anklagen (durchschnitt- 
liche Arbeitszeit in Betrieb und Haushalt: 13 8 / 4 Std.), sei jedem Sozial- 
und Bevölkerungspolitiker, jedem Soziologen und Sozialpsychologen nach- 
drücklich empfohlen, auch den Gewerbeaufsichtsbeamten. Arbeits- und 
Lebensverhältnisse der weiblichen Angestellten hat der freigewerkschaft- 
licho Zentral- Verband der Angestellten durch eine kleine Erhebung (5741 Per- 
sonen) ermittelt („Die weiblichen Angestellten"). Die Ergebnisse sind 
unter folgenden Gesichtspunkten statistisch und textlich dargestellt: Alter, 
Familienstand usw. (92% ledig), Schulzeit und Berufsausbildung (84,1% 
Volksschulbesucher), Stellungswechsel und -dauer (54% traten die erste 
Stellung zwischen dem 14. und 15. Jahr an), Arbeitszeit (fast die Hälfte 
machte Überstunden, davon 46% ohne jedes Entgelt), Einkommen: 
146,24 RM. Durchschnitt, 46% unter 125 RM. brutto. Die sachlich um- 
fassendste Erhebung über „Die wirtschaftliche und soziale Lage der 
Angestellten" hat im Frühjahr 1929 der freiheitlich-nationale Ge- 
werkschaftsbund der Angestellten durchgeführt. Jeder Fragebogen ent- 
hielt über 100 Fragen, mehr als 75 Millionen Lochkarten waren zur Verarbei- 
tung nötig. Die Enquete erfaßte über 120000 männliche und weibliche An- 
gestellte aller Kategorien. Besonders aufschlußreich für den Soziologen sind 
die Ermittlungen über die soziale Herkunft in den einzelnen Ortsgrößenklassen, 
die in Verbindung mit der Altersgliederung Rückschlüsse auf die Verände- 
rung der sozialen Aufstiegsvorgänge gegenüber der Vorkriegszeit ermög- 
lichen. „Die Gehaltslage der Kaufmannsgehilfen", eine Fragebogen- 
erhebung des Deutschnationalen Handlungsgehilfen- Verbandes vom 3. 2. 1929, 
ist sachlich enger begrenzt, stützt sich aber auf über 188000 Fälle und ist 
in der tabellarischen Darstellung ausführlicher. Besonders wertvoll ist die 
ins einzelne gehende Aufgliederung nach Berufen. Nebenbei sei erwähnt, 
daß ein Vergleich der letztgenannten Arbeiten auch recht interessante 
Einblicke in die soziale Struktur der beiden Verbände zuläßt. Die jüngste 
Haushaltsstatistik von Angestellten hat der Afa-Bund veröffentlicht („Was 
verbrauchen die Angestellten?"), der besondere Bedeutung schon 
deswegen zukommt, weil sie sich über 3 Jahre (vom 1. 7. 1928 — 31. 7. 1931) 
erstreckt und daher auch Aufschlüsse über die Wirkung der Konjunktur 
auf die Haushaltsführung gibt. Leider wurde der letzte Abschnitt, in dem 
Haushaltsrechnungen erwerbsloser Angestellter ausgewertet werden, aus 
zeitlichen Gründen kürzer gefaßt als die übrigen Kapitel. Der christlich- 
nationale Reichsverband ländlicher Arbeitnehmer hat an Hand von 130 Wirt- 
schaftsrechnungen ,die Lebenshaltung des Landarbeiters' im Jahre 1927 
genau untersucht. Das durchschnittliche Monatseinkommen je Durch- 
schnittsfamilie (4,92 Personen) betrug einschließlich der Einnahmen aus 
Naturallohn, Eigenwirtschaft, Mitarbeit von Frau und Kindern 162,56 RM. 
In Ostpreußen, Nordwest- und Ostdeutschland lag es darunter. Nur in 
9 Familien wurde während weniger Wochen die Lohnsteuerfreigrenze erreicht ! 
Die später, in der Zeit vom 1. Juli 1929 bis 30. Juni 1930, durchgeführte 
Erhebung des freigewerkschaftlichen Deutschen Landarbeiter- Verbandes 
kommt zu ähnlich traurigen Resultaten. Leider können ihre Ergeb- 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 193 

nisse mit denen der vorhergenannten Erhebung nicht verglichen werden 
vor allem wegen der teilweise abweichenden Bewertung von Depu- 
tat- und Eigenwirtschaftserzeugung sowie wegen der differierenden stati- 
stischen Aufbereitung des Materials. Doch zeigen sich weitgehende relative 
Übereinstimmungen im Großen, z. B. in bezug auf die starken Unterschiede 
der Einkommenszusammensetzung und Lebenshaltung in den verschiedenen 
Wirtschaftsgebieten und Einkommensstufen. Die Arbeit des D. L V ist 
thematisch weiter gefaßt: interessant, wenn auch bei der geringen Teil- 
nehmerzahl nicht unbedingt von typischem Wert, sind die Ermittlungen 
über das Verhältnis von Zeit- und Akkordlohnarbeit. Im übrigen geht die 
Arbeit des Reichsverbandes stärker ins einzelne und ist übersichtlicher 
gruppiert. Beide Erhebungen vermeiden Schwarzmalerei; sie geben bei 
großer Vorsicht in der Naturallohnberechnung ein objektives Bild, was um 
so verdienstvoller ist, als die Notlage der Landarbeiterschaft von Arbeit- 
geberseite zuweilen statistisch gemildert wird. Zum Schlüsse sei auf die Haus- 
haltsstatistik des freigewerkschaftlichen Baugewerksbundes hingewiesen: 
„Die Lebenshaltung der Bauarbeiter nach Wirtschaftsrechnungen aus 
dem Jahre 1929". Sie stützt sich auf 896 Fälle ( !) und ist methodisch muster- 
haft. Durch die Gliederung nach Berufsgruppen, Ortsgruppenklassen und -ge- 
bieten, durch Untersuchungen, wie Arbeitslosigkeit und Familiengröße die 
Lebenshaltung beeinflussen und wie diese sich von der der Eisenbahner und 
Schuhmacher unterscheidet, ergeben sich wichtige neue Aufschlüsse über 
die Lage dieser Arbeiterschicht. Es ist zu wünschen, daß der Verband die 
Arbeit fortführt. 

Hans Speier (Berlin). 



Kuczynski, Jürgen u. Margucrite, Die Lage des deutschen Industrie- 
arbeiters. Internat. Arbeiterverlag. Berlin 1931. (166 S.; EM. 2.50) 

Das kleine Buch versucht, die Lage des deutschen Industriearbeiters 
in der Nachinflationszeit statistisch darzustellen, und führt zu diesem Zweck 
Daten aus den Gebieten des Arbeitsmarkts, der Entwicklung der Löhne sowie 
der Unfallhäufigkeit als Folge der Rationalisierung auf. Nach einem kurzen 
Überblick über die Gesamtsituation werden die einzelnen Industriezweige 
entsprechend untersucht. Bemerkenswert sind die Errechnungen des Real- 
lohns und der relativen Verelendung des deutschen Arbeiters; nur fehlen 
genaue Angaben über die Quellen des Materials. Überdies sind die Unter- 
lagen zu den eigenen Berechnungsmethoden ungenügend erläutert, so daß sie 
nicht hinreichend überprüft werden können. Auch stünden die Schluß- 
folgerungen für den Arbeiter selbst, die sich am Ende der Beschreibung der 
Lage in jedem Industriezweig wiederholen, besser zusammenhängend und aus- 
führlicher am Abschluß der ganzen Arbeit. Kuczynski bringt in knappem 
Rahmen reiches Material ; auf Grund seiner Berechnungen sucht er den Nach- 
weis zu erbringen, daß der Lebenshaltungsindex des Statistischen Reichsamts 

unbrauchbar ist und daß die Reallöhne in keinem der Nachinf lationsj ahre 

mit Ausnahme von 1928 — an die Vorkriegslöhne heranreichten. 

Hilde Weiß (Frankfurt a. M.). 
Zeitschrift für Sozialforachung i o 



194 Besprechungen 

Stcnbock-Fermor, Graf Alexander, Deutschland von unten. Engelhorn. 
Stuttgart 1931. (159 S.; hart. RM. 5.50, geb. RM. 7.50) 

Schwarz, Georg, Kohlenpott. Büchergilde Gutenberg . Berlin 1931. (207 S. 
geb. RM. 3.—) 

„Überall wohin ich kam, steigendes Elend, steigende Verbitterung, 
steigende Verzweiflung. Eine Welt der Armut und des Hungers und der 
Ausbeutung." So faßt Stenbock die Eindrücke zusammen, die er auf 
einer Reise durch die vom Proletariat dicht besiedelten Gegenden Deutsch- 
lands empfangen hat. Die Reportage berichtet von den Webern des Eulen- 
gebirges, den Glasbläsern im Thüringer Wald, den Spielzeugschnitzern und 
Holzarbeitern im Erzgebirge, den Holzflößern und Heimarbeitern im Franken- 
wald, den Bergleuten in Waidenburg und dem Ruhrgebiet, den Arbeitern 
des Leunawerkes. Im grauenvollsten Elend, in entsetzlicher Not fristen 
Millionen von Menschen ihr Dasein, diese untere Schicht des Proletariats, 
von deren Existenzbedingungen nichts bekannt ist; die Presse schweigt 
hierüber. Wir erfahren, daß zahllose mehrköpfige Heimarbeiterfamilien 
von 40 Mark im Monat leben müssen, wenn man den langsamen Hungertod 
in überfüllten baufälligen Wohnhöhlen so nennen will. Zehn Menschen 
hausen in einem Raum, Erwachsene und Kinder arbeiten fünfzehn Stunden 
am Tag, um dann erschöpft und hungrig auf dem mit Lumpen bedeckten 
Fußboden den Schlaf zu finden. Der Bericht ist von einer grausamen Objek- 
tivität. Nackte Tatsachen, nüchterne Zahlen werden aufgezeigt, von einer 
großen Anzahl erschütternder Photographien belegt, von Zeitungsmel- 
dungen und historischen Darlegungen ergänzt. Jeder, der sich mit wirt- 
schaftlichen, sozialpolitischen und soziologischen Fragen beschäftigt, muß 
dieses Buch lesen; es verdient stärkere Beachtung als zahlreiche Versuche 
wirklichkeitsfremder Theoretiker. 

Auch die Reportage über das Ruhrrevier von Georg Schwarz ist eine 
wertvolle Tatbestandsaufnahme, aus Einzelschilderungen und Illustrationen 
zusammengefügt, die eine genaue Sachkenntnis des Verfassers verraten. Der 
Leser erhält — in einer allerdings unerfreulichen Ausdrucksform — eine 
anschauliche Vorstellung von diesem Industriegebiet, von seiner historischen 
Entwicklung, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen, von 
den Organisationen und Vereinen, von den Werken und ihrer Rationali- 
sierung. Allerdings ist dem Verfasser, der sich eindeutig zur Sozialdemo- 
kratie bekennt, die Darstellung der Existenzbedingungen und der Freizeit- 
gestaltung des Proletariats besser gelungen als die Schilderung des Bürger- 
tums, dessen Sein und Bewußtsein oft falsche oder oberflächliche Deu- 
tungen finden. 

Carl Dreyfuß (Frankfurt a. M.). 

Probleme der Arbeitslosigkeit im Jahre 1931. Internationales Arbeits- 
amt, Reihe C, Nr. 16 der Studien und Berichte. Genf 1931. (316 S.; 
schw. frs. 7.50) 

Les Aspects Sociaux de la Rationalisation. Bureau International du 
Travail, JStudes et Documents, Serie B (Gonditions dconomiques). No. 18 
Genf 1931. (415 S.; schw. frs. 10.— ) 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 195 

Internationale Arbeitskonferenz. 16. Tagung, Genf 1932. Bericht des 

Direktors. Internationales Arbeitsamt. Genf 1932. (112 S.; RM. 4. ) 

Das Internationale Arbeitsamt hat sich seit seiner Gründung und selbst- 
verständlich besonders während der letzten Jahre dem Studium der Arbeits- 
losigkeit gewidmet. So erschien im vorigen Jahr das Buch über „Probleme 
der Arbeitslosigkeit", das neben einem Auszug aus dem Bericht des 
Direktors eine Reihe von Studien enthält, welche teils vom I.A.A. selbst, 
teils von Sachverständigen aus verschiedenen Ländern geschrieben wurden. 
Die Beiträge über die Frage der Geldwertschwankungen und Arbeitslosigkeit 
sowie über Rationalisierung und Beschäftigung wurden vom Amt selbst ge- 
liefert. Außerdem schrieben Prof. Ansiaux, Brüssel, über die Störungen des 
Welthandels, Prof. Albert Hahn, Frankfurt a. M., über die Ungleichheiten 
der internationalen Kapitalverteilung, Professor Hersch, Genf, über das 
Bevölkerungsproblem und Cole, Oxford, über die Löhne, alles im Zusammen- 
hang mit dem Problem der Arbeitslosigkeit. 

Der Beitrag des inzwischen verstorbenen Direktors gibt eine allgemeine 
Analyse der Krisenursachen. Wir möchten diesen Bericht vor allem als 
„document humain" betrachten, denn hier spricht jemand, der das Elend 
der Massen kennt und sich Mühe gibt, eine Lösung herbeizuführen. Die 
weiteren Studien befassen sich nur mit Teilproblemen. Diese Methode hat 
ihre Vor- und Nachteile: Einige Studien, wie die über Bevölkerungsfragen 
und Rationalisierung, stellen geglückte Versuche dar, die behandelten Themen 
eingehend zu beleuchten ; ein Nachteil ist jedoch der Mangel einer einheitlichen 
Auffassung in den verschiedenen Arbeiten und einer gegenseitigen Ergänzung. 
Die Arbeit über die Geldwertschwankungen führt aus, daß die Preis- 
schwankungen nicht als eine Ursache der Arbeitslosigkeit bezeichnet werden 
können. Die Studie über Kapitalverteilung legt den Nachdruck auf die Not- 
wendigkeit der Elastizität der Löhne, auf die Gefahren brüsker Kapital- 
ausfuhr und den Vertrauensmangel, der die freie Zirkulation des Kapitals 
behindert. Ansiaux stellt fest, inwieweit Import- und Exportbeschränkungen 
nachteilig wirken. Herseh gelangt zu der Überzeugung, daß die Ursachen 
der Krise nicht in einer Übervölkerung, sondern teilweise in einer zu geringen 
Bevölkerungszunahme liegen. Die Arbeit über Rationalisierung stellt fest, 
daß diese auf die Dauer für die ganze Gesellschaft eine gute Auswirkung 
haben muß, und verteidigt teilweise noch die Kompensationstheorie; schließ- 
lich ist Cole der Meinung, daß die Handhabung der Löhne nie Ursache der 
Arbeitslosigkeit sein kann. Der große Wert der Studien liegt in der Auf- 
rollung einer Reihe mit der Arbeitslosigkeit zusammenhängender Probleme. 
Jedoch zeigt sich hier, wie gesagt, die unbedingte Notwendigkeit, alle Kräfte 
zu koordinieren, die gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Faktoren 
zu untersuchen, wobei dann von selbst die tiefer liegenden fundamentalen 
Ursachen der Krise aufgedeckt werden. ■ 

In der bisher nur französisch erschienenen zweiten hier besprochenen 
Veröffentlichung des I.A.A. wird die Rationalisierung zwar ausschließlich 
von ihrer sozialen Seite studiert, aber dennoch unter verschiedenen Gesichts- 
punkten : im Zusammenhang mit Ertrag, Arbeitsdauer, Gehalt, Beschäftigung, 
Vorbeugung von Unfällen, Arbeitsmethode, Beziehungen zwischen Arbeit- 

13* 






196 Besprechungen 

geber und Arbeitnehmer und Bedeutung der auf genossenschaftlichem 
Prinzip basierten Unternehmungen. 

Die ausgezeichneten, wenn auch in vielen Fällen auf lückenhaftem Mate- 
rial aufgebauten Studien zeigen, welchen gewaltigen Aufschwung die Ra- 
tionalisierung seit dem Krieg genommen und wie sie, wenn auch eine Port- 
setzung der bereits vor dem Krieg sich zeigenden Mechanisierung der Wirt- 
schaft, grundlegende Änderungen im Wirtschaftsleben hervorgerufen hat. 
Wenn die Rationalisierung auch nicht als die Ursache der Krise betrachtet 
wird — der Bericht wagt nicht, sich in positiver Form darüber auszusprechen 
— so zeigt sich doch, daß sie einen stark mitwirkenden Faktor darstellt. 
Festgestellt wird, daß die Rationalisierung immer Arbeitslosigkeit hervor- 
ruft — wenn auch vorübergehend. Da die Ausdehnung der Rationalisierung 
mit den großen weltwirtschaftlichen Störungen parallel läuft, ergeben sich 
daraus Schwierigkeiten, ihre Folgen genau abzugrenzen. Besonders hin- 
gewiesen wird in dem Bericht auf die durch die Rationalisierung entstandene 
engere Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf sozial- 
politischem Gebiet. 

Wenn auch die Weltkrise in dieser Arbeit außer Betracht gelassen wird, 
so hat das empirisch gesammelte Material doch großen Wert. Der Gedanke, 
der sich beim Durchlesen dieser Veröffentlichung aufdrängt, ist wohl der, 
daß die planlose Rationalisierung schließlich Folge der planlosen Wirtschaft 
ist und daß unter Beibehaltung dieses planlosen Systems die Rationalisierung 
die Krise verschärft, anstatt ihr entgegenzuwirken. 

Es ist eine gute Gewohnheit, daß der jährlich stattfindenden Arbeits- 
konferenz nicht mehr wie früher ein umfangreicher Bericht über die ganze 
Tätigkeit des I.A.A. vorgelegt wird, sondern ein kurzer, der die brennenden 
Fragen der Gegenwart behandelt. Der diesjährige befaßt sich ausschließlich 
mit dem Problem der Arbeitslosigkeit und der Weltkrise. Auch werden die 
Maßnahmen dargelegt, welche das I.A.A. selbst zur Aufhebung der Krise 
vorgeschlagen hat, und welche von einem ernsten Willen zeugen, alles zu tun, 
was das in seinen Befugnissen immerhin stark begrenzte Amt vermag. 

Ein ganzes Kapitel ist diesmal der organisierten Wirtschaft gewidmet, 
wobei auch viel Material über den Stand der planwirtschaftlichen Fragen 
gebracht wird. Dies zeigt wieder, daß das I.A.A. von allen neuen Tendenzen 
in der Wirtschaftswissenschaft genau Kenntnis nimmt und daß es bestrebt 
ist, eine vitale Kraft in der heutigen Gesellschaft zu sein. 

Daß es sich bei diesen Bestrebungen mit rein wirtschaftlichen Problemen 
befassen muß, während das Sozialpolitische relativ in den Hintergrund 
gedrängt wird, ist ein neuer Beweis für die vom I.A.A. vertretene These, daß 
in letzter Instanz auf sozialpolitischem Gebiet keine bedeutenden Fortschritte 
gemacht werden können, ohne daß die Wirtschaft gesundet. 

Andries Sternheim (Genf). 

Douglas, Paul H., and Aaron Director, The Problem of Unemployment 
The Macmillan Company. New York 1931. (XIX, 505 S.) 

Dieses Buch, das eine umfassende Analyse des Arbeitslosenproblems 
in der kapitalistischen Wirtschaft anstrebt, steht sowohl seinem sachlichen 






Soziale Bewegung und Sozialpolitik 197 

Gehalt nach wie auch in seiner sozialpolitischen Intention in Parallele zu 
dem bekannten grundlegenden Werk von Beveridge „Unemployment a 
Problem of Industry" aus der Vorkriegszeit. Die Arbeitslosigkeit wird auf- 
gefaßt als Friktionserscheinung des in seiner lokalen, beruflichen und zeit- 
lichen Fluktuation gehemmten Arbeitsangebots mit der unstetigen Bewe- 
gung der Industrie. Als die wichtigsten Ursachen der Schwankungen der 
Arbeiternachfrage der Industrie werden jahreszeitliche Einflüsse, technische 
Fortschritte und Konjunkturbewegung hervorgehoben und die ihnen ent- 
sprechenden Formen der Arbeitslosigkeit: Saisonarbeitslosigkeit, techno- 
logische und zyklische Arbeitslosigkeit am amerikanischen Material einer 
quantitativen Analyse unterzogen und mit entsprechenden europäischen 
Zahlen in Vergleich gesetzt. Mit den so gewonnenen Resultaten werden die 
verschiedenen Projekte zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit wie etwa Regu- 
larisierung der Beschäftigung in einzelnen Unternehmungen und ganzen 
Industriezweigen oder Ausschaltung von Konjunkturschwankungen durch 
Dosierung öffentlicher Aufträge oder Kreditpolitik konfrontiert und — eine 
sehr positive Seite des Buches — auf das wirkliche Maß ihrer möglichen 
Wirkung reduziert. Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung werden 
als notwendige sozialpolitische Maßnahmen herausgearbeitet. Die theore- 
tischen Ausführungen, zu denen die Verf. bei der Behandlung der techno- 
logischen und zyklischen Arbeitslosigkeit gekommen sind, sind schwach. 
Beispielsweise glauben die Verf. die Unmöglichkeit eines absoluten Arbeiter- 
überschusses einfach aus der Übertragung der Kaufkraft der freigesetzten 
Arbeiter auf andere Bevölkerungsschichten beweisen zu können. Typisch 
für die Art, wie die ökonomische Theorie dabei behandelt wird, ist die Fest- 
stellung in einer Anmerkung, daß „Sismondi, Rodbertus und natürlich Marx 
sowie neuerdings Henry Ford" die Depression daraus erklärten, daß der 
Arbeiter nicht sein volles Produkt zurückkaufen könnte, weshalb es sich 
als Vorrat ansammle und schließlich die Produktion verstopfe, bis die Läger 
wieder geräumt seien. 

Die zweite Hälfte des Buches wird von einer Beschreibung der Arbeits- 
losenversicherung und Arbeitslosenvermittlung in den verschiedenen Ländern 
ausgefüllt, wobei entsprechend dem praktischen Zweck des Buches beson- 
deres Gewicht auf die Organisation und Verwaltung gelegt wird. Während 
die Beschreibung der europäischen Institutionen wenig Neues bringt, ist 
die Schilderung der amerikanischen Verhältnisse gerade auch in ihren De- 
tails für den nichtamerikanischen Leser von großem Interesse. 

Jakob Feinberg (Frankfurt a. M.). 

Employment Regularization in the United States of America. 

American Section International Chamber of Commerce. Washington D. C. 

1931. (84 S.) 

Dieses von der Internationalen Handelskammer herausgegebene Heft 
sei hier erwähnt, weil es eine interessante Darstellung eines bestimmten 
Zweiges der amerikanischen Arbeitslosenpolitik gibt, nämlich der Versuche 
einzelner Unternehmungen und Gruppen von Unternehmern, die Arbeits- 
losigkeit durch Vergleichmäßigung des Produktionsumfangs zu reduzieren. 
Es werden eine ganze Reihe von Budgetierungsplänen einzelner Unter- 



iI9'8 Besprechungen 

nehmungen zur Ausschaltung der Saisonbewegungen der Produktion ge- 
schildert. Was hingegen die Beseitigung der zyklischen Arbeitslosigkeit 
angeht, so muß sieh dieser Versuch der Beschreibung der spezifisch indivi- 
dualistisch-amerikanischen Formen der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit 
im wesentlichen auf die Aufführung unzähliger Komitees für diesen Zweck 
beschränken. Jakob Feinberg (Frankfurt a. M.). 

Gase Studies of Unemployment. Compiled by the Unemployment Gommi- 
tee of the National Federation of Settlements. University of Pennsylvania 
Press, Philadelphia 1931. (XLIX, 418 S.) 

Calkins, Clinch, Some Folles Won't Work. Harcourt, Brace and Company. 
New York o. J. (1931). (202 S.) 

Die beiden Bücher sind entstanden aus einer Untersuchung des Arbeits- 
losigkeitsausschusses der National Federation of Settlements. Ihre Bedeu- 
tung liegt erstens in der sozialwissenschaftlich-methodisch wichtigen For- 
schungsweise der Untersuchung, zweitens darin, daß sie klarer als dies all- 
gemein in der amerikanischen Arbeitslosenliteratur geschieht, ein System 
der Sozialpolitik fordern und begründen. Die Untersuchung stellt es sich 
zur Aufgabe, die Wirkung der Arbeitslosigkeit auf die Familie als die 
unmittelbar durch den Einkommensausfall getroffene soziale Einheit fest- 
zustellen. In den „Case Studies" unterbreiten die Verfasser das Quellen- 
material dieser Untersuchung: die Chronik von 150 Familien im Laufe 
mehrerer Jahre, in denen diese während größerer oder geringerer Zeit- 
räume und mit wechselnder Häufigkeit von Arbeitslosigkeit betroffen 
wurden. Die Berichte über die einzelnen Familien sind von Settlement- 
workers in verschiedenen Städten auf Grund sehr eingehender persönlicher 
Bekanntschaft an Hand von sachkundig ausgearbeiteten Fragebogen ge- 
liefert worden und ergeben eben durch diese Verbindung von wissenschaft- 
licher Methode mit unmittelbarster Nähe der Beobachtung ein weder durch 
Statistik hoch durch allgemeine Erfahrung ersetzbares Urmaterial. 

Die sozialpolitische Gedankenführung der Verf. zeigt große Ähnlichkeit 
mit der europäischen, insbesondere englischen Arbeitslosenliteratur des 
Vorkriegsjahrzehnts. Wie diese versuchen die Verfasser, „die Arbeitslosen 
von den .unemployables' zu sondern" und nachzuweisen, daß sie nicht 
identisch mit der Schicht der Paupers sind, daß vielmehr die Arbeitslosig- 
keit ein „Problem der Industrie" ist und daß ihr Arbeiter von guter 
Qualifikation und industriellem Standard verfallen. Zu diesem Zweck 
schließen die Verfasser aus den Berichtfällen alle Familien ausdrücklich aus, 

• bei deren Arbeitslosigkeit „Streiks, Krankheit, Lebensgewohnheiten oder 
andere persönliche Faktoren überwiegend waren". Der zweite Schritt der 
Argumentation ist die aus den untersuchten Fällen überzeugend nach- 
gewiesene Tatsache der Unzulänglichkeit aller individuellen „Schutzwälle" 

;-des Arbeiters gegen die Arbeitslosigkeit und zwar nicht nur in Zeiten 
der Depression, sondern bereits in der Prosperität. ( Sämtliche Fälle sind 
vor dem Eintritt der Krise gesammelt worden, illustrieren also dadurch 
die Verhältnisse der amerikanischen „Normalarbeitslosigkeit", wodurch das 
Buch ein ganz besonderes Interesse gewinnt.) In allen Fällen, setzt 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 199 

mit einem gut herausgearbeiteten typischen Verlauf der bei dem relativ 
hohen Lebensstandard des amerikanischen Arbeiters besonders auffällige 
Prozeß des Abstiegs auf der industriellen und sozialen Stufenleiter ein, an 
dessen Ende der qualifizierte Arbeiter zum Gelegenheitsarbeiter geworden 
ist, der schließlich in vielen Fällen in die Schicht des Pauperismus versinkt, 
jedenfalls mit größter Schwierigkeit nur seinen früheren sozialen Standard 
wieder erreicht. Auf die sehr interessante Schilderung dieses Prozesses 
im einzelnen kann hier nur hingewiesen werden. 

Die sozialpolitischen Forderungen der Verfasser übernehmen im wesent- 
lichen die Prinzipien der europäischen Vorkriegssozialpolitik : Glättung der 
Konjunkturzyklen (hier berühren sich ihre Gedankengänge mit den zahl- 
losen amerikanischen „regularization of employmentf'-Vorschlägen), Organi- 
sation des Arbeitsmarkts (um das „hunting the Job" zu beseitigen) und 
Arbeitslosenversicherung, um „ein Minimum sozialer Vorkehrungen gegen 
die schlimmsten Formen der Not zu schaffen". 

Das Buch von Calkins ist eine propagandistisch populäre, sehr tempera- 
mentvolle und gut geschriebene Zusammenfassung der Resultate aus den 
„CaseStudies". Das zum Titel gewählte Schlagwort „SomeFolkswon't Work", 
das der Verfasser als eine in Amerika noch vielfach als ausreichend erachtete 
Erklärung des Arbeitslosenproblems bezeichnet, charakterisiert die Rück- 
ständigkeit der „öffentlichen Meinung", gegen die das Buch ankämpfen will. 

Jakob Feinberg (Frankfurt a. M.). 

Weber, Adolf, Sozialpolitik. Reden und Aufsätze. Duncker & Humblot. 
München u. Leipzig 1931. (235 S.; br. RM. 9.—, geb. RM. 11.— ) 
Während die üblichen Lehrbücher der Sozialpolitik die Geschichte der 
sozialpolitischen Organisation und Gesetzgebung in den Vordergrund zu 
rücken pflegen, bemüht sich diese Sammlung von Essays aus der Hand Adolf 
Webers ausschließlich um die Klärung der theoretischen Grundfragen der 
„Grenzen und Gefahren der Sozialpolitik" — wie es der Titel des letzten 
Abschnitts treffend umschreibt. Drei Problemgruppen stehen d * bß i Z™ 
Zentrum der Diskussion: 1. die grundsätzliche Gesellschafts- und Wirt- 
schaftsordnung, 2. das Verhältnis von Staat und Wirtschaft innerhalb 
einer grundsätzlich freien Verkehrswirtschaft und 3. das Verhältnis von 
Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die erste Frage wird von W. klar zu- 
gunsten der freien Verkehrswirtschaft und gegen die Planwirtschaft ent- 
schieden. Die grundsätzlich zu bejahende kapitalistische Verkehrswirtschaft 
biete für politische Beeinflussung und Regulierung nur wenig Raum. Die 
Wirtschaft habe ihre Eigengesetzlichkeit, die weder durch private Monopol- 
bildungen noch durch staatliche Interventionen ungestraft durchbrochen 
werde. Auf die Dauer stelle das freie Spiel der Kräfte die im Gesamt- 
interesse liegende beste Versorgung her, und es könne nur darauf an- 
kommen, durch Stärkung der Anpassungskräfte die unvermeidlichen 
Friktionen zu mildern. Diese Einstellung bedeute nicht die Forderung 
atomisierter Konkurrenz, wie sie der Theorie der Klassiker zugrunde ge- 
legen habe. Die Konkurrenz schreie geradezu nach Organisation der 
Selbsthilfe. Der Hauptfehler der Kartelle und Gewerkschaften bestehe in 
der Behinderung der Elastizität der Preisbildung und der Anpassungs- 



200 Besprechungen 

prozesse. Politische Preise jeglicher Art führten stets zu unwirtschaftlicher 
Überteuerung f und zu Kapitalfehlleitungen mit nachfolgender Kapitalver- 
nichtung. — Das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern müsse 
mit Verständnis für das volkswirtschaftlich Notwendige in Vertrauen 
und Selbstverantwortung gestaltet werden. Der Klassenkampfgedanke 
sei schroff abzulehnen und an seine Stelle der Gedanke der „Mitarbeit" 
zu setzen, der in Arbeitsgemeinschaften von Unternehmern und Arbeitern, 
die beide das gleiche Interesse der Wohlstandssteigerung hätten, verwirk- 
licht werden könnte. — W.s Liberalismus läßt ihn eine Rückbildung der 
Sozialpolitik fordern, sein Katholizismus hebt um so stärker die Bedeutung 
der ethischen und religiösen Motive für die Lösung der sozialen Frage 
hervor. 

Fritz Burchardt (Frankfurt a. M.). 

Brauer, Theodor, Sozialpolitik und Sozialreform. G.Fischer Jena 1931 
(116 S.; RM. 4.50) 

Sozialpolitik ist Handhabung der öffentlichen Angelegenheiten im Hin- 
blick auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse. Gesellschaft ist die allerall- 
gemeinste Zusammenfassung von Menschen, und die gesellschaftlichen Be- 
dürfnisse gruppieren sich um das Problem der qualitativen Schichtung- 
diese qualitative Schichtung ist die naturgemäße Organisation der Gesellschaft' 
B. behandelt nur die deutschen Verhältnisse und nur die staatliche Sozial- 
politik. Er findet, daß in Deutschland eine qualitativ geschichtete Gesell- 
schaft nicht vorhanden ist, weil eine solche Schichtung auf differenzierten 
Leistungen beruhen müßte; tatsächlich beruhe sie aber lediglich auf diffe- 
renziertem Besitz. Dieser Pseudo-,, Gesellschaft" steht ein Staat gegenüber, 
der sich ausschließlich von der Staatsräson leiten und der alle Erwägungen 
hinter dem Interesse an der Erhaltung seiner selbst zurücktreten läßt. Dieser 
Staat treibt keine Sozialpolitik; die Gesellschaft verlangt es auch nicht, da 
sie eben rein mengenmäßig konstituiert und zur Erhebung von sozialkon- 
stitutiven Forderungen nicht imstande ist. Richtig verstandene Sozialpolitik 
muß Sozialreform sein; Ansätze dazu liegen in der Berufsberatung vor, in 
Teilen des Koalitions- und Arbeitsrechts. — B. zeigt dann, wie er sich eine 
sozialkonstitutive Sozialpolitik denkt: berufsständische Gliederung der Ge- 
sellschaft, freiwillige Bildung von Arbeitsgemeinschaften zwischen Gewerk- 
schaften und Arbeitgeberverbänden, Verteilung der Aufgaben des Arbeit- 
nehmerschutzes, der Altersversorgung, der Arbeitsmarktpolitik und der 
Sozialversicherung auf die Berufsgemeinschaften. Dem Staat kommt die 
Aufgabe zu, die Interessenbereiche der Berufsgemeinschaften gegeneinander 
abzugrenzen und Grenzverletzungen zu verhindern. 

B.s Sprache ist einfach und klar. Über die ungeheuren Schwierigkeiten 
einer berufsständischen Dezentralisierung der heutigen staatlichen sozial- 
politischen Einrichtungen macht er sich keine Illusionen. Leider geht er an 
zwei Problemen, die zu seinem Thema gehören, vorüber. Er behauptet, daß 
die berufliche Tätigkeit dasjenige sei, was auf die Wesenheit des Menschen den 
stärksten Einfluß habe und infolgedessen am besten zum Ausgangspunkt 
von sozialkonstitutiven Maßnahmen gewählt werde. Er läßt ununtersucht, 
ob nicht die „Arbeitnehmerhaftigkeit" und das „Chefsein" viel stärkere 



Soziale Bewegung und Sozialpolitik 201 

Bildungsfaktoren sind oder, falls sie das seiner Ansicht nach nicht sind, ob 
nicht „Tischlersein" und „Arbeitnehmersein" im Falle der Konstituierung 
der Berufsgemeinschaften doch in einen Konflikt miteinander geraten können 
bzw. müssen, der die Berufsgemeinschaft gefährdet. Zweitens kümmert 
sich B. nicht um das Phänomen „Betrieb", nicht um das Verhältnis 
zwischen Berufszugehörigkeit und Betriebszugehörigkeit, nicht um die An- 
sätze zur Bildung von Betriebsgemeinsehaften (wir meinen liier nicht die 
künstlichen „Werksgemeinschaften"). Im übrigen sagt B., daß zunächst das 
„prinzipielle Mißtrauen (d. h. der Arbeitnehmer gegen die Arbeitgeber und 
umgekehrt), diese Teufelsgeburt'' überwunden werden müsse. 

Justus Streller (Leipzig). 

Pipkin, Charles W.,Social Politicsand Modem Democracies. Macmülan. 
New York 1931. (Bd. 1, XXXIV u. 377 S., Bd. 2, VII u. 417 S.) 
Der Gegenstand des Buches ist „die Entwicklung der Sozialgesetzgebung 
und -Verwaltung in England und Frankreich", aufgefaßt als „die Geschichte 
des Versuchs zweier großer Staaten, die Probleme eines sich verändernden 
Wirtschaftssystems" zu bewältigen. Dabei kommt es dem Verfasser darauf 
an, die Herausbildung der modernen Sozialpolitik innerhalb und vermittels 
der parlamentarischen Demokratie zu zeigen, eine Entwicklung, die er als 
„die Annahme von Vernunft und Gerechtigkeit zum leitenden Prinzip der 
innerstaatlichen Politik" interpretiert. Den größten Teil des 1. Bandes 
nimmt eine historische Darstellung der sozialpolitischen Gesetzgebung in 
England sowie der Umformung der Verwaltung zu ihrer Durchfülirung ein. 
Ausführlich behandelt wird die Zeit von der Jahrhundertwende an bis zur 
Gegenwart als die Periode, in der die Sozialpolitik zu einem geschlossenen 
Kreis vorbeugender und unterstützender Maßnahmen ausgebaut worden ist. 
Der Begriff Sozialpolitik ist weit gefaßt ; Fabrikgesetzgebung, Jugendlichen- 
schutz, Wohnungswesen sowie die gesamte Sozialversicherung werden ein- 
bezogen. Den Sinn aller dieser Maßnahmen sieht der Verfasser in der Fixie- 
rung und staatlichen Sicherung eines „national Standard of life". Der histo- 
rischen Darstellung ist neben viel zeitgenössischer Literatur in der Hauptsache 
das Quellenmaterial der Parlamentsberichte zugrundegelegt. Die Wahl der 
Quellen, die dem Buch seinen besonderen Charakter in der sozialpolitischen 
Literatur verleiht, ergibt sich aus der Art, in der der Verfasser den Zu- 
sammenhang der Sozialpolitik des 20. Jahrhunderts mit der parlamenta- 
rischen Staatsform sieht. Er versucht, aus der detaillierten Schilderung der 
parlamentarischen Geschichte jedes einzelnen sozialpolitischen Gesetzes 
den Fortschritt der öffentlichen Meinung herauszuarbeiten, die in einer 
Demokratie auf dem Wege über die Volksvertretungswahlen die Triebkraft 
der Gesetzgebung sei. Nicht allein versäumt der Verfasser — bis auf ge- 
legentliche Bemerkungen — den Zusammenhang der sozialpolitischen Ge- 
setzgebung mit der Herausbildung und Umformung der Arbeiterklasse im 
19. Jahrhundert aufzuweisen, er unterläßt es auch, die parlamentarische 
Haltung der verschiedenen Parteien in die jeweilige politische Situation 
einzuordnen. 

Den zweiten Teil des 1. Bandes bildet eine Untersuchung über die Rück- 
wirkung des Parlamentarismus und der Sozialgesetzgebung auf die englische 






202 Besprechungen 

Arbeiterbewegung. Der Verfasser begründet die Herausbildung der Labour- 
Party aus der Gewerkschaftsbewegung mit der Einsicht der Gewerkschaften 
in die Notwendigkeit einer selbständigen Vertretung im Parlament zur 
Sicherung ihrer juristischen Stellung und zu kräftigerer Durchsetzung 
staatlicher sozialpolitischer Maßnahmen. Als Resultat des Ubergreifens 
der Gewerkschaften in die politische Sphäre stellt der Verfasser die Er- 
weiterung der Ziele der Arbeiterbewegung dar: zu einem Volksprogramm 
der Arbeiterpartei einerseits, zu einer Ausgestaltung des Gewerkschafts- 
programms in der Richtung eines wirtschaftsdemokratischen Ausbaus der 
Stellung der Arbeiter in Staat und Wirtschaft andererseits. Unter dieser 
Perspektive wird der Prozeß des Einbaus der Gewerkschaften in den admini- 
strativen Apparat der Sozialpolitik (einschließlich des Schlichtungswesens) 
betrachtet, wobei sich der Verfasser allerdings meist auf die Herausstellung 
der Ansätze dieser Entwicklung in den einzelnen Gesetzen beschränkt. 

Der zweite, Frankreich behandelnde Band ist ähnlich aufgebaut ; Raum- 
mangel verbietet eine inhaltliche Besprechung. 

Jakob Feinberg (Frankfurt a. M.). 

Eibcl, Meycr-Brodnitz, Preller, Praxis des Arbeitsschutzes und der 
Gewerbehygiene. Mit einem Vorwort von Theodor Leipart. Verlags- 
gesellschaft des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Berlin 1931. 
(233 S.; RM. 3.50, Org.-Ausgabe RM. 2.60) 

Das handliche Buch gibt eine ausgezeichnete und klare Übersicht über 
alle für den Betriebsrat wesentlichen Fragen aus der Organisation und dem 
Recht des Arbeitsschutzes, aus dem Gesundheitsschutz des arbeitenden 
Menschen (wobei den Berufskrankheiten besondere Aufmerksamkeit ge- 
widmet ist), dem betrieblichen Arbeitsschutz und schließt mit Ratschlägen 
für erste Hilfe. Besondere Hervorhebung verdienen die in einer Tasche bei- 
gefügten Tafeln über das geltende Arbeitszeitrecht, den besonderen Kinder-, 
Frauen- und Jugendlichenschutz, die Sonntagsarbeit und die Schutzbestim- 
mungen für einzelne Gewerbe. Die Arbeit kann als vorbildlich für die Be- 
handlung komplizierter Fragen des modernen Betriebs- und Arbeitslebens 
für das Verständnis der Arbeiterschaft bezeichnet werden. 

Fritz Croner (Berlin). 

Richter, Lutz, Sozialversicherungsrecht. Enzyklopädie der Rechts- und 
Staatswissenschaft, Bd. XXXIa. Julius Springer. Berlin 1931. (XII u. 
235 S.; RM. 12.60) 

Richter wendet sich nach Ablehnung der „Versicherungstheorie" und 
der „Fürsorgetheorie" auch gegen die Auf f assung Kaskels, insbesondere gegen 
dessen Auffassung des Arbeitsrechts (also auch der Sozialversicherung) als 
Sonderrecht des Proletariats. Er behauptet, daß die Sozialversicherungsgesetze 
den Eintritt des Versicherungs Verhältnisses usw. nicht an „außerhalb des sach- 
lichen Tatbestands" liegende persönliche Merkmale, sondern an „bestimmte 
Tat bestände", d. i. die „Arbeiter- Arbeit" bzw. „Angestellten-Arbeit", knüpfen. 
Diese Auffassung steht nicht nur im Widerspruch zu der eigenen Ableitung 
R.s von der Entstehung und Funktion der Sozialversicherung, sie 
führt ihn auch in größte Schwierigkeiten bei dem Versuch, von dieser Basis 



Spezielle Soziologie 203 

aus den Personenkreis der Sozialversicherung abzugrenzen. Da er den 
Sonderrechtscharakter der Sozialversicherung nicht zugeben will, kon- 
struiert er einen Unterschied zwischen dem Proletarier, der als soziologische 
Erscheinung für die Sozialversicherung nicht relevant sei, und dem „Arbeiter 
in concreto", der den allein entscheidenden Tatbestand des Arbeiterseins 
für die Sozialversicherung repräsentiere. Zu welchen Künstlichkeiten diese 
Unterscheidung bei den Angestellten führt, wo von der „gesellschaftlichen 
Gesamtstellung als Angestellte" im Gegensatz zum „Angestellten in con- 
creto" die Rede ist, ist leicht einzusehen. Die Unterscheidung ist aber auch 
unfruchtbar, wenn man sie vom Boden des R. sehen Systems zu Ende denkt . 
Nach R. ist der Kreis der Sozialversicherung abgesteckt durch den „Arbeiter 
in concreto", nicht durch den Proletarier, weil rechtserheblich „nur" die 
persönliche Abhängigkeit, nicht auch die wirtschaftliche sei, die zwar „oft", 
aber „nicht notwendig" dazutrete. R. übersieht, daß die sog. „persönliche" 
Abhängigkeit nicht existiert ohne wirtschaftliche Abhängigkeit. 
Die „Eigenart" der Arbeit, die zum Ertragen solcher persönlichen Abhängig- 
keit zwingt, ist eben, daß sie von Proletariern verrichtet wird. Das Gegen- 
beispiel R. s, die Versicherungspflicht nebenberuflicher Tätigkeit, schlägt — 
ganz abgesehen von seiner zahlenmäßigen Bedeutungslosigkeit — nicht 
durch, da von diesen nebenberuflichen Tätigkeiten entweder die von R. ge- 
nannten Kennzeichen persönlicher Abhängigkeit nicht erfüllt werden oder 
aber auch für sie zugleich der Tatbestand wirtschaftlicher Abhängigkeit 
gegeben ist. 

Die Darstellungsmethode des Sozialversicherungsrechts bei R. ist neu- 
artig. Er gliedert nicht nach Sozialversicherungszweigen, also vertikal, 
sondern horizontal jeweils durch die gesamte Sozialversicherung nach den 
einzelnen Rechtsverhältnissen. Das Buch setzt also eine gute Kenntnis 
der Sozialversicherung voraus. Zur Einführung ist es nicht dienlich. Wohl 
aber kann es gute Dienste bei jeder Überlegung und Maßnahme leisten, die 
das Ganze der Sozialversicherung angehen, so etwa bei einer Reform der 
Sozialversicherung. Fritz Croner (Berlin). 



Spezielle Soziologie. 

Schmitt, Karl, Der Begriff des Politischen. Duncker & Humblot. 

München 1932. (81 S.; RM. 2.40) 

In der geistreichen Abhandlung des Verf., die unter gleichem Titel be- 
reits in Band 58 des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" er- 
schienen ist, wird der Begriff der Politik von der „letzten" Unterscheidung 
aus bestimmt, „auf die alles im spezifischen Sinne politische Handeln zurück- 
geführt werden" könne: von der Unterscheidung Freund-Feind, Feind im 
Sinne von hostis, nicht von inimicus verstanden. Der Verf. betont, daß 
seine Begriffsbestimmung gegenstandsgerecht sei, jede juristische oder 
moralische Behandlung dagegen die Klarheit des Gegenstands trüben müsse. 
Die Möglichkeit soziologischer Betrachtung berücksichtigt S. nicht, ob- 
wohl seine Polemik gegen den Liberalismus, der — ohnmächtig zur Totali- 
tätsbetrachtung — die politischen Begriffe nach der wirtschaftlichen und 



204 Besprechungen 

ethischen Seite aufgelöst habe, nämlich Kampf in Konkurrenz und Dis- 
kussion usw., bestes soziologisches Erbgut ist: Saint-Simon, Comte, Marx u. a. 
haben freilich angegeben, welche konkreten Kräfte die Freund-Feind- Grup- 
pierung nun eigentlich bewirken. S. unterläßt es. Er hält die formale 
Scheidung in Freund und Feind für eine seinsmäßige, also nicht weiter ab- 
leitbare. Wie die Soziologie in der Polemik gegen das politische Denken 
(Hobbes) entstanden ist, als es eine ausreichende Deutung des öffentlichen 
Lebens nicht mehr zu leisten vermochte, so setzt sich heute die Restauration 
der Politik dem soziologischen Denken entgegen. Dabei wird dieses zur 
Chimäre, zum Anhängsel des Liberalismus, als seien Smith und W. v. Hum- 
boldt und nicht Mill und Hegel seine Bahnbrecher gewesen. Es wäre zu 
wünschen, daß die Kritik ebenso präzis und energisch geübt wird, wie Schmitt 
seine Thesen vorgetragen und begründet hat. 

Hans Speier (Berlin). 

Schmitt, Karl, Der Hüter der Verfassung. J. C. B. Mohr. Tübingen, 
1931. (VI u. 159 S.; br. RM. 10.50, geb. RM. 12.50) 

Das in politischen Restaurationsperioden, also in der neueren Verfassungs- 
geschichte zuerst in England nach dem Tode Cromwells, in Deutschland 
mit der Weimarer Verfassung, aktuell werdende Problem des „Hüters der 
Verfassung" wird in dieser gedanken- und materialreichen Untersuchung 
wissenschaftlich, d. h. im Zusammenhang mit der konkreten Verfassungs- 
lage behandelt. S. widerlegt zunächst die Anschauung, wonach für den 
heutigen deutsehen Staat ebenso wie für USA. die Justiz zum Hüter der 
Verfassung berufen sein soll. Er prüft dann in eindringlicher Analyse der 
drei nach seiner Meinung aus der konkreten Verfassungslage der Gegenwart 
hervorbrechenden staatsauflösenden Tendenzen des „Pluralismus", der 
„Polykratie" und des „Föderalismus" die Frage, warum es im heutigen 
deutschen „demokratischen Verfassungsstaat" überhaupt eines besonderen 
„Hüters der Verfassung" bedarf und warum nicht einfach nach der für den 
„Gesetzgebungsstaat" des 19. Jahrhunderts selbstverständlichen Vor- 
stellung das Parlament „seiner Natur und seinem Wesen nach in sich selbst 
die eigentliche Garantie der Verfassung enthält". Nach S. steht und fällt 
diese „parlamentarische" Anschauung mit der liberal-bürgerlichen Gegen- 
überstellung von Gesellschaft und Staat. Sie ist heute endgültig überholt 
einerseits durch die „Entwicklung des Parlaments zum Schauplatz eines 
pluralistischen Systems", andererseits durch die über alle hemmenden und 
kreuzenden Gegentendenzen hinweg sich siegreich durchsetzende „Wendung 
vom nicht-interventionistisch neutralen zum Wirtschafts- und totalen Staat". 
Infolge dieser beiden letzten Endes aus der ökonomischen Entwicklung 
entspringenden Tendenzen steht der Staat heute vor der Alternative, ent- 
weder die (nach S. zu seinem Wesen gehörige) Einheit und Ganzheit völlig 
aufzugeben und sich in ein „pluralistisches System", einen bloßen „Vertrag 
der sozialen Machtkomplexe", umzuwandeln, mit allen daraus entstehenden 
Konsequenzen, oder aber „zu versuchen, aus der Kraft der Einheit des 
Ganzen heraus die notwendige Entscheidung herbeizuführen". Als gegen- 
wärtig besten Weg zur Durchführung dieses Versuchs proklamiert S. im 
wesentlichen Anschluß an Benjamin Constant die von der Weimarer Ver- 



Spezielle Soziologie 205 

fassung bereits vorgezeichnete und in den letzten 10 Jahren gewohnheits- 
rechtlich weiterentwickelte Ausbildung eines plebiszitären „pouvoir neutre" 
in Gestalt des „vom ganzen deutsehen Volke" gewählten Reichspräsi- 
denten. 

Die Stärke der hiermit in den Grundzügen dargestellten Theorie liegt 
in ihrer kritischen Analyse der bisher vorherrschenden bürgerlich-liberalen 
Staatsauffassung, die dem tatsächlichen Pluralismus der wirtschaftlichen 
und gesellschaftlichen Interessen einen neutralen, in wirtschaftliche und 
gesellschaftliche Angelegenheiten nicht intervenierenden Staat überbauen 
zu können vermeinte. S. schildert überzeugend die dialektische Entwick- 
lung, in der sich dieser liberale Staat und sein Parlament „aus dem Schau- 
platz einer einheitbildenden, freien Verhandlung freier Volksvertreter, aus 
dem Transformator parteiischer Interessen in einen überparteiischen Willen 
zu einem Schauplatz pluralistischer Aufteilung der organisierten gesellschaft- 
lichen Mächte, zu einer „Börse, an der die verschiedenen Stücke sozialer 
Macht gehandelt werden", verkehrt hat. In Wirklichkeit aber tritt in dieser 
von S. ausgemalten pluralistischen Auflösung nicht nur der illusionäre und 
widerspruchsvolle Charakter der bisherigen parlamentarisch-liberalen S taats - 
form in Erscheinung, sondern ein viel tiefer liegender, auf der heute ge- 
gebenen ökonomischen Grundlage dem ganzen bürgerlichen Staat inne- 
wohnender Konflikt: der Widerspruch zwischen den sich entwickelnden 
Produktivkräften und den jeweilig fixierten Produktionsverhältnissen und 
der aus diesem Widerspruch entspringende Gegensatz und Kampf der ge- 
sellschaftlichen Klassen. Und gerade dieser Widerspruch wird nicht über- 
wunden, sondern nur noch einmal und sogar in verschärfter Form aktuali- 
siert in jenem faschistischen „Totalstaat", von dessen endlicher Heran- 
kunft S. heute ganz ebenso unkritisch wie einst die liberalen Bourgeois 
von ihrem „Rechtsstaat" die positive Lösung des von ihm behandelten 
Staatsproblems erwartet. Nicht ohne Grund beginnt die wirkliche Geschichte 
des juristischen Problems des „Hüters der Verfassung" mit jenen lake- 
dämonischen Ephoren, deren Aufgabe nach der von S. zitierten Darstel- 
lung von Busolt-Swoboda darin bestand, „vor allem auch die bestehende 
Ordnung gegen eine Rebellion der unterdrückten Heloten zu sichern . 

Karl Korsch (Berlin). 

Salomon, Gottfried, Allgemeine Staatslehre. Industrieverlag Späth 
& Linde. Berlin-Wien 1931. (166 S.; br. RM. 4.80, geb. RM. 6.60) 

Das Buch ist eine Zusammenfassung von Vorlesungen an Beamten- 
hochschulen über die historisch-soziologische Seite des Materials. S. stellt 
sich die Aufgabe, die Entwicklung des Staates, der Staatsgewalt, der Staats- 
verfassungen und der Staatsform historisch-kritisch zu beleuchten und das 
Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft zu erläutern. Im zweiten Teile 
des Buches gibt er eine übersichtliche Geschichte der Staatslehren; endlich 
befaßt er sich mit der Politik als Wissenschaft. 

Es gelingt dem Verf., die Wirklichkeit des Staates in seinem Verhältnis 
zur Gesellschaft illusionsfrei darzustellen. Nach S. darf eine Soziologie 
des Staates nicht parteilich gebunden sein, weil die Staatslehre als Wissen- 
schaft im Gegensatz zur Parteilehre antidogmatisch ist. Wir wollen jetzt 



206 Besprechungen 

nicht darüber streiten, ob eine wirklich unparteiische Staatslehre überhaupt 
denkbar ist, sondern nur darauf hinweisen, daß der Verf. schon auf S.2 seines 
Buches feststellt: „Der Staat ist Macht im Verhältnis der herrschenden 
zur beherrschten Gruppe. Der Kampf um die Macht ist der Inhalt der 
politischen Geschichte." Diese Feststellung wird gewiß auch durch die 
politischen Kämpfe in der Jetztzeit bestätigt. 

S. hat die Gabe, aus dem unübersehbaren Material geschichtlicher Tat- 
sachen die wichtigsten und kennzeichnendsten auszuwählen, obzwar alle 
historisch aufgetretenen Staats- und Machtgebilde wie auch die sie be- 
treffenden Theorien in Betracht gezogen worden sind. Als besonders ge- 
lungene Kapitel heben wir das über die Rechtfertigung und den Zweck des 
Staates und die Staatsformen hervor. Sehr glücklich ist seine Definition 
der französischen Republik: „Frankreich hat ein liberales System erhalten, 
welches die Gleichheit in der Freiheit, die Verallgemeinerung des Eigentums 
und der Bildung und die völlige Freiheit der kapitalistischen Wirtschaft 
entsprechend dem Charakter dieses bourgeoisen Volkes verfassungsmäßig 
festlegt". In der Besprechung der staatsrechtlichen Umwälzungen der 
Nachkriegszeit weist er mit Recht darauf hin, daß es nicht Ideen, sondern vor 
allem materielle Leiden waren, welche die Revolution und die Demokratie, 
den Aufstand und Aufstieg des Volkes bewirkten. 

In der Geschichte der Staatslehren kommt auch die materialistische 
Geschichtsauffassung zur Würdigung. Paul Szende (Wien). 

Zicglcr, Heinz 0., Die moderne Nation. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 
Tübingen 1931. (VIII u. 30S S.; br. EM. 14.—, geb. RM. 17.—) 

Die Behandlung politischer Gegenstände wurde in Deutschland in der 
Regel sei es vom Staatsrecht, sei es von der Ideengeschichte her unter- 
nommen. So hat man auch seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts immer 
von neuem versucht, dem Phänomen „Nation" von der Ideen- und Be- 
griffsgeschichte her nahe zu kommen. Verf. weist nach, daß alle Versuche, 
objektivistische oder subjektivistische Definitionen zu geben, notwendig 
scheitern müssen. Besonders eingehend und wichtig bleibt seine Kritik an 
Otto Bauers Theorie von der Nation als historischer Schicksalsgemeinschaft. 
Demgegenüber schlägt der Verfasser einen anderen Weg ein, der durch eine 
soziologische Fragestellung gekennzeichnet ist. Alles soziale Zusammen- 
leben wird gebunden und gekittet durch bestimmte Vorstellungen, die den 
Institutionen erst ihre Legitimität und Wirksamkeit verleihen. Diese soziale 
Verbindlichkeit von Vorstellungen und Ideen gerade innerhalb der poli- 
tischen Sphäre ist der eigentliche Gegenstand einer politischen Soziologie. 
Der methodischen Einleitung folgt ein historisch-politisches Kapitel, in 
welchem im wesentlichen auf Grund der Literatur über die französische 
Revolution der Zusammenhang und der Gegensatz zu dem absoluten Staat 
aufgezeigt wird. Übernommen wird die Staatseinheit und der Zentralis- 
mus, die Souveränität der politischen Entseheidungseinheit, neu und be- 
sonders aber ist die Kollektivierung der Souveränität in der Nation. Im 
folgenden Kapitel werden für Deutsehland diejenigen ideellen Voraus- 
setzungen aufgezeigt, die für die Geltung der modernen Nationvor- 
stellung wichtig geworden sind. Und zwar sieht der Verf. mit Recht 



I 



Spezielle Soziologie 207 

in der deutschen Identitätsphilosophie den wichtigsten Bestandteil für ein 
neues politisches Bewußtsein. Indem das Bewußtsein von der geschicht- 
lich-sozialen Welt aus einem religiös-transzendenten Zusammenhang heraus- 
gerissen und in den Geschichtsprozeß selbst eingelagert wurde erhält dieser 
eine Absolutheit, die alles politisch-soziale Geschehen zum Ausdruck eines 
absoluten Geistes macht. In diesem Zusammenhang ist auch die Verabsolu- 
tierung der Nation beheimatet. Die Bedeutung dieses philosophischen 
Denkens für die deutsche Geschichtswissenschaft und die deutsche Staats- 
philosophie wird durch ausgezeichnete Charakteristiken von Ranke und Stahl 
erhärtet. Besonders dankenswert ist das Eingehen auf Dahlmann, dessen 
„Politik" leider immer noch zu den unbekannten Büchern deutscher Staats- 
lehre gehört. Am wichtigsten ist das letzte Kapitel: Nation und Politik. 
Hier führt Z. die soziologische Analyse radikal zu Ende und trennt alle 
liberal-konstitutionelle Entwicklung von dem demokratischen Absolutis- 
mus, der mit der nationalen Souveränität identisch ist. Die Konsequenz 
der national-demokratischen Legitimität führt zu einer Reihe politischer 
Krisenerscheinungen, die systematisch entwickelt werden. Der Umbau 
der nationalen Idee wird erforderlich; der Zusammenhang zwischen ratio- 
naler Ordnungstechnik des politischen Geschehens und den irrationalen 
Kräften ihrer Mobilisierung wird sowohl innen- wie außenpolitisch mit 
vollster Deutlichkeit aufgewiesen. Zieglers Buch ist ein bedeutender Bei- 
trag zur politischen Soziologie. Albert Salomon (Köln). 

Gegenwartsfragen aus der allgemeinen Staatslehre und der Ver- 
fassungstheorie. Hrsg. von Hans Gmelin und Otto Koellreuter. Fest- 
gabe für Richard Schmidt zu seinem 70. Geburtstag. C. L. Hirschfeld. 
Leipzig 1931. (VI, 273 S.; geh. RM. 18.—, geb. RM. 20.—) 
Das Werk enthält außer rein staatsrechts-theoretischen Aufsätzen über 
Reichsreform, Wahlrechtsgrundsätze und Selbstverwaltung Aufsätze, die 
nicht mehr in unmittelbarem Zusammenhange mit der Staatslehre als einer 
juristischen Disziplin stehen. Sie gelten einer Verbindung der Staatslehre 
mit politischen, geopolitischen, historischen und soziologischen Frage- 
stellungen, wie dies der Methode und den Arbeiten Richard Schmidts ent- 
spricht. Da im Rahmen dieser Besprechung nicht darauf eingegangen werden 
kann, ob eine solche Verbindung der Jurisprudenz mit den genannten Dis- 
ziplinen überhaupt möglich ist, so müssen wir uns hier mit dem Hinweis auf 
einige wichtige Beiträge begnügen. 

Gmelin bezeichnet in seinem Aufsatz über „Politische Abhängigkeit 
von Staaten untereinander" als neue Aufgabe der allgemeinen Staatslehre 
die Untersuchung neu entstandener und entstehender zwischenstaatlicher 
Abhängigkeiten, eine Aufgabe, die von der Geopolitik bisher nur unter ein- 
seitiger Berücksichtigung der geographischen Zusammenhänge behandelt 
werde. Besonders die juristisch noch nicht erfaßten Abhängigkeitstypen 
sollen untersucht und gleichsam als Modelle und Idealtypen für neue 
staatstheoretische Begriffsbildungen benutzt werden. Demgemäß wird eine 
Aufstellung der hauptsächlich vorkommenden zwischenstaatlichen Abhängig- 
keitsverhältnisse gegeben, ferner eine Darstellung der Abstufung dieser 
Abhängigkeit, aber ohne präzise Trennung der realen Momente (geographische, 



208 Besprechungen 

militärische, wirtschaftliche Situationen) von den ideologischen (gemeinsame 
Religion, „Parteisympathien", persönliche Beziehungen). Leider geht G. 
kaum über diese Aufzählung heraus, die als solche ebensogut in das Gebiet 
der politischen Soziologie gehört. Einen wertvollen Hinweis für die Staats- 
theorie i. e. S. gibt er nur mit den Ausführungen über den geschichtlichen 
und im ursprünglichen Sinne nicht mehr zureichenden Begriff der Sou- 
veränität. 

Eine ausgezeichnete Darstellung der Geschichte und zukünftigen Per- 
spektiven des politischen Verhältnisses Asien-Europa ist der Beitrag Gra- 
bowskys „Die Konstruktion des eurasischen Raums". Von besonderem 
Interesse ist schließlich die Abhandlung Koellreutters über „Parteien 
und Verfassung im heutigen Deutschland", die die eingangs erwähnte Ver- 
bindung der allgemeinen Staatslehre mit der „wissenschaftlichen Politik" 
bis zu einem Punkte vortreibt, an dem u. E. die Wissenschaft aufhört und 
der — subjektive — Glaube beginnt. K. betont zunächst gegen Kelsen die 
Notwendigkeit der politischen Methode in der Staatslehre. Er untersucht 
dann mit den Mitteln der „politischen Methode" die Möglichkeiten staat- 
licher Willensbildung unter der Parteienkonstellation in Deutschland seit 
1918. Mit dem Anwachsen der Parteien, die die Weimarer Verfassung seit 
ihrem Bestehen bekämpfen, d. h. der KPD., der DNVP. und der 
NSDAP., und dem entsprechenden Rückgang der Parteien der Weimarer 
Koalition wurde das Problem einer demokratischen Regierungsbildung 
immer schwieriger; schon vorher war das Problem in Staaten mit einer 
KPD.- oder NSDAP.-Mehrheit (Sachsen 1923, Thüringen) aufgetaucht. 
K. versucht nun eine Rechtfertigung des Einmarsches von 1923 in Sachsen 
und des Fehlens einer ähnlichen Reichsexekution etwa gegen Braunschweig 
1931 mit folgender Explikation des Begriffes revolutionär: die deutsche 
Verfassung bildet nur den Rahmen für die geschichtlich gewordene Einheit 
der Nation. Wer diese Einheit zerstören will, handelt revolutionär* nicht 
dagegen, wer innerhalb dieser Einheit — u. U. mit Gewalt — die Macht 
erringt; er handelt nur „illegal". Die Nationalsozialisten können demnach 
gar nicht revolutionär handeln, wohl aber die Kommunisten : denn sie würden 
im Aufstand die Grundlagen der deutschen Nation zerstören, Privateigentum, 
Ehe, Religion. Also sind die Kommunisten nicht an die Regierung zu lassen, 
selbst im Falle einer demokratischen Mehrheit für sie. 

Die Unnahbarkeit der juristischen Konstruktion dieses Vorschlags zu 
beweisen, ist nicht unsere Aufgabe. Als Kritik der politischen Methode möge 
folgendes Zitat genügen: „Das scharfe Wort Erich Kaufmanns, daß „die 
bloß technische Rechtswissenschaft eine Hueo sei, die für alle und zu allem 
zu haben ist", enthält sehr viel Wahrheit. Denn jede Verfassung ist . . . nur 
das Gefäß für die politische Substanz der Nation . . . Deshalb muß aber auch 
die Auslegung der einzelnen Verfassungsbestimmungen danach ausgerichtet 
werden . . ., wobei ganz bewußt in jedes Verfassungsrecht ein politisches 
Element hineingetragen wird. Das ist keine Mythologie, . . . sondern es 
bedeutet nur die Anerkennung der Tatsache, daß Volksgeist und Volkswille 
reale Größen einer bestimmten Seinsstruktur sind." Das bedeutet also 
— abgesehen von der sinnleeren Formulierung der letzten Aussage — realiter, 
daß in dieser neuesten Richtung der deutschen Staatslehre wieder einmal 



Spezielle Soziologie 209 

„das alte Gespenst des Volksgeistes" dazu herhalten muß, eine „über- 
persönliche Autorität" zu konstruieren. 

P. v. Haselberg (Frankfurt a. M.). 

Ie Henaff, Armand, Le pouvoir politique et les forces sociales. Re- 
cueil Sirey. Paris 1931. (162 S., frs. 20. — ) 

H. untersucht die Entstehung und Entwicklungsgeschichte der politischen 
Macht. Über ihre Anfänge stellt er die Hypothese auf: die Urgruppen waren 
Träger der Macht durch ihre absolute Einheitlichkeit und das Aufgehen des 
Individuums. Allmählich lösen sich daraus der Rat der Alten begabte 
Krieger, Zauberer und Priester. Die Gesellschaft beginnt sieh zu 
Untergruppen zu spezialisieren: Familie, durch die Arbeitsteilung hervor- 
gerufene Gruppierungen, territoriale Gruppen. Die Macht wird dadurch 
komplizierter. Ihre Aufgabe kann es nicht mehr sein, allgemeingültige Vor- 
schriften zu erlassen und auch sofort durchzuführen, denn die Untergruppen 
treten für ihre divergierenden Interessen ein. Sie muß jetzt diese verschie- 
denen Interessen gegeneinander abwägen und dem Gemeinwohl nutzbar 
zu machen suchen. Dies führt zur Teilung der Macht : exekutive und legisla- 
tive. Die Exekutive führt aus und hat das Gleichgewicht zur Aufgabe, die 
Legislative vertritt die verschiedenen Interessengruppen, gibt der Exekutiven 
so die Richtlinien an und übt die Kontrolle aus. Durch die ganze Geschichte 
schildert H. an den verschiedenen Erscheinungsformen der politischen 
Macht diese Entwicklung, die zu einer immer stärkeren Betonung des Indi- 
viduums führt, das durch die Spezialisierung zunehmend aus der einst 
homogenen Masse herausgehoben wird. Die Entwicklung führt so zu einer 
immer größeren Betonung des Individuums in den verschieden gearteten 
Formen des Parlamentarismus und der Demokratie. Nebenher kann als 
dritte Macht noch die Gerichtsbarkeit bestehen, über die H. nichts weiter 
aussagt. Das treibende Entwicklungsmoment ist der Gegensatz zwischen 
Einzel- und Gesamtinteresse; die notwendige Ausbalancierung des Gleich- 
gewichts: der Kompromiß. Von diesem Standpunkt urteilt H. auch über 
den Wohlfahrtsausschuß der französischen Revolution, die U.S.S.R. und 
den Faschismus, die durch ihre sich an keine Regeln haltende Machtausübung 
das Individuum seiner Rechte und vor allem jeder Sicherheit beraubten. 
Es sei eingeflochten, daß es unmöglich ist, in diesem Zusammenhang die 
drei Machtformen zu beurteilen: es sind revolutionäre Ausnahmezustände, 
in denen sich gewaltsam eine Entwicklung vollzieht und die erst in großem 
zeitlichen Abstand aus ihren Ergebnissen heraus abgeurteilt werden können. 
Für den italienischen Faschismus und die U.S.S.R. fehlt dieser Abstand 
noch. — H. begrüßt die berufliche Gruppierung, wie etwa der Faschismus 
sie kennt, und in ihr — allerdings ohne ihr große Gewalt zu übertragen — 
erblickt er einen wichtigen Faktor der künftigen Formen politischer Macht, 
da sie die sich immer stärker zersplitternden Individuen wieder zusammen- 
fasse und die Herstellung des Gleichgewichts-Kompromisses erleichtere. 
H. spricht viel über die Formen politischer Macht . . . über die sozialen 
Kräfte sagt er nichts : der Widerstreit der Interessen ist ihm erklärendes 
Moment, das daher selbst nicht weiter untersucht zu werden braucht. Ein- 
mal erwähnt er den feudalen Grundbesitz als Machtquelle, da dieser durch 
Zeitschrift für Sozialforschung ->a 



210 Besprechungen 

Leibeigene militärische Macht gewähre. Aber die Bedeutung des Privat- 
eigentums schlechthin und seine Wandlungen führt er nirgends in die Ana- 
lyse ein. Er zeichnet nur abstrakte Idealtypen verschiedener Regierungs- 
formen, die nie existiert haben, nicht aber die lebendigen Kräfte, die hinter 
den Formen stehen und sie gestalten, nicht einmal die Wirklichkeit dieser 
Formen. Zu seiner Ausgangsthese — Entstehung der Urmacht — sei noch 
gesagt, daß sie in seiner Konzeption auf die ungelöste Schwierigkeit stößt,, 
aus einer für lange, lange Zeiträume unveränderlich angenommenen Statik 
der absolut homogenen Gruppe plötzlich und ohne ersichtlichen Grund zu 
einer Dynamik zu kommen. Emil Grünberg (Frankfurt a. M.)< 

Glotz, 0., La cil6 grecque. (L r Evolution de VhumaniU, Bd. XIV) La 
Renaissance du livre. Paris 1931. (XXI u. 476 S.) 

Das neue Buch von Glotz ist ein modernes Gegenstück zu dem klassischen 
Werke Fustel de Coulanges' „La cite antique". Der Titel schon ist bezeich- 
nend : zugleich Anlehnung und Gegensatz. Fustel de Coulanges hat bekannt- 
lich die antike Polis aus einem einzigen, übermächtig wirksamen Faktor, 
der Familienreligion, abgeleitet. Nach G. ist das eine durchaus unberechtigte 
Vereinfachung, die der komplexen und reichhaltigen soziologischen Struktur 
des griechischen Stadtstaates nicht Rechnung trägt. 

Wenn für F. de Coulanges die antike Polis eine vergrößerte Familie war, 
so betont G. demgegenüber, daß sie sich überhaupt nur in einem Kampf 
gegen den Patriarchalismus hat behaupten können. In der antiken (grie- 
chischen) Gesellschaft sieht G. drei einander bekämpfende Kräfte am Werke, 
deren Wechselwirkung und relatives Übergewicht die jeweilige konkrete 
soziale Struktur bestimmen. Es sind: die Familie, die Stadt, das Individuum. 
In einer ersten Periode „setzt sich die Polis aus einer Anzahl von Familien 
zusammen, die aber eifersüchtig ihr Sonderrecht sowohl dem Ganzen als 
dem einzelnen gegenüber bewahren und das Individuum in ihrem Kollektiv- 
wesen aufgehen lassen". Dies ist die älteste Form, die aristokratische Ur- 
polis, welche von der Tyrannis — einer Sozialrevolutionären Bildung, die- 
ein Werkzeug des Machtwirkens der untersten Klassen war und deren Sinn 
es gewesen, die traditionellen Herrschaftsformen zu brechen — vernichtet 
wurde, um einem neuen Gleichgewicht, der auf einem Bündnis zwischen 
dem Individuum und dem Staate gegen die Familienherrschaft beruhenden 
demokratischen Polis Platz zu machen. „Die Polis unterwirft sich die Fa- 
milien, indem sie das befreite Individuum zu Hilfe ruft." 

Der Analyse der sozialen Struktur der demokratischen — vor allem der 
athenischen — Polis ist der zweite Teil des ausgezeichneten Buches gewidmet, 
der mit großer Präzision und Klarheit den verwickelten Aufbau der 
atheniensischen Institutionen schildert. Nach G. sind die dem athenien- 
sischen Staate gewidmeten Kritiken — zumindest für die Perikleische Zeit — 
teils unberechtigt, teils übertrieben; das ganze komplizierte Gebäude hatte 
den Zweck — den es auch eine Zeitlang erfüllte — , ein Gleichgewicht zwischen 
den Rechten des Individuums und des Gemeinwesens zu stiften und zu 
erhalten, ohne das eine dem anderen zu opfern. — Ausgedehnte Kapitel, 
Literaturverzeichnis, Quellennachweise machen aus diesem mit einer muster- 
gültigen Klarheit und Schlichtheit geschriebenen Buche — das sich des 



Spezielle Soziologie 211 

Vergleichs mit dem von F. de Coulanges nicht zu schämen braucht — ein 
höchst wertvolles „Instrument de travail". A. Koyre (Paris). 

Lot, F., La fin du monde antique et les debuts du moyen-äge. La 
Renaissance du Livre. Paris 1931 

Es gibt für den soziologisch interessierten Historiker (und auch für den 
Soziologen) kaum ein reizvolleres Problem als „das Ende der Antike und 
die Entstehung des Mittelalters". Daß es keine Umwälzung, keine Revolution, 
sondern ein stetiger Prozeß gewesen, weiß man genügend. Um so schwieriger 
ist es, die ineinandergreifenden und sich durchkreuzenden Faktoren und 
Kräfte, welche die — trotz der Stetigkeit der Entwicklung und des Über- 
ganges — völlig neue soziologische Struktur des M.A. geschaffen haben, heraus- 
zuanalysieren, ohne dabei irgendeine Gruppe — seien es die politischen Macht- 
faktoren, seien es die ökonomischen oder religiösen Kräfte — einseitig hervor- 
zuheben. Es ist die Vielseitigkeit des entworfenen Bildes — oder der Bilder — , 
die das nüchterne Buch Lots auszeichnet. Der erste Teil des Werkes schildert 
die allmähliche Verwandlung des Verwaltungs- und Finanzwesens (Bürokratie 
und Fronwirtschaft), die Verfremdung des Heeres, die Parasitierung der 
Städte und die Verarmung und Proletarisierung des Landes, die Ausbreitung 
der Mysterienreligionen und den Sieg — zugleich aber die Verstaatlichung — 
des Christentums. 

Die alte Werteskala wird allmählich durch eine neue ersetzt, und die antike 
Welt ist eigentlich in dem Moment schon tot, als sie ihr Prestige verliert, 
als namentlich die gesellschaftliche Hierarchie sich der Rangordnung des 
kaiserlichen Beamtentums anpaßt und sich dieser letzteren unterwirft. 
Und das Mittelalter ist in dem Momente da, als sich der Kampf zwischen dem 
machtlosen Prestigeträger — dem römischen Kaiser — und dem prestige- 
losen Machtträger — dem barbarischen Heerführer — zugunsten des 
letzteren entscheidet. Oder vielmehr in dem Moment, wo dieser letztere 
genügend Prestige selbst besitzt, um das Imperium an sich zu reißen. Dieser 
Prestigekampf wird von L. an trefflichen Beispielen sorgfältig beleuchtet: 
Wandlung der Tracht (Hosenmode); Wandlung der Waffen; Wandlung der 
Namen, deren Etappen — a) Romanisierung, b) Nichtromanisierung des 
barbarischen Namen und endlich c) die Verbreitung der barbarischen Namen 
inmitten der romanisierten Bevölkerung — die Etappen der Barbarisierung 
des Römischen Imperiums genau nachzeichnen. 

Der zweite Teil des Buches gibt eine kurzgefaßte Geschichte des Früh- 
mittelalters — einer nach L. völlig trostlosen Zeit. Die romantische Auf- 
fassung einer Neubelebung der Alten Welt hat in L. keinen Freund: 
nach ihm haben die Barbaren der Alten Welt nur den Begriff — und die Tat- 
sache — des Raubkönigtums ( Quelle der europäischen Monarchie) gegeben. 

A. Koyre (Paris). 

Kleinberg, Alfred, Die europäische Kultur der Neuzeit. B. G. Teubner. Leipzig 
und Berlin 1931. (XII u. 233 S., brosch. RM. 5.80, geb. RM. 7.20) 
Das kleine Buch deklariert als Programm: „Nicht die großen, sichtbaren 
Einzelereignisse wie Kriege und andere Völkerkatastrophen, nicht die hervor- 
ragenden Einzelpersönlichkeiten machen das Wesen der Geschichte aus, 

14* 






212 Besprechungen 

sondern die unauffälligen, stetig wirkenden Gemeinschaftsbildungen der 
Wirtschaft und der gesellschaftlichen Ordnung und ihr ebenso kollekti- 
vistisch bestimmter Überbau." Dies Programm mag als Bekenntnis zur 
materialistischen Geschichtsauffassung gemeint sein. So -wenig aber der 
vorausgesetzte Begriff der „Stetigkeit" durch die Theorie der materiali- 
stischen Dialektik zu legitimieren wäre, die gerade die Idee sprungloser 
Entwicklung zentral streitig macht, so wenig nimmt das Buch das eigentliche 
Problem einer materialistischen Kulturgeschichte selber in Angriff: das der 
„Vermittlung". Die Frage, wie die Produktionsverhältnisse jeweils den Über- 
bau konkret bestimmen, ist nicht aufgeworfen. Das Buch bleibt statt dessen 
bei der Konstatierung allgemeiner struktureller Übereinstimmungen von 
Unterbau und Überbau stehen; behauptet wohl gelegentlich die Abhängigkeit 
des Überbaus vom Unterbau, aber abstrakt und ohne die ökonomischen 
Bedingungen für das Sosein eines geistigen Phänomens so tief zu analysieren, 
daß das Phänomen selber verständlieh würde. Trotz des materialistischen 
Programmes handelt es sich darum in Wahrheit um immanente Geistes - 
geschichte, die ihre Stilbegriffe — unter denen auch „der" mittelalterliche 
Mensch nicht fehlt — freilich nicht auf die Sphäre der Kultur und des ob- 
jektiven Geistes beschränkt, sondern auch an den wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen demonstriert. Modell dieser Strukturen bleibt durchwegs der als 
bewegt gedachte Menschengeist; zwar nicht ausdrücklich, denn stets 
wird als Fundament die Klassenlage entworfen, aber tatsächlich, indem die 
Abhängigkeit von der Klassenlage wohl behauptet, aber nicht an realen 
Abhängigkeitsverhältnissen aufgewiesen ist. Die materialistische Erkenntnis 
wird damit um jede Schärfe gebracht; Kleinberg hat mit Dilthey mehr zu 
tun als mit Marx, ohne freilich jemals die Anschauungskraft Diltheys zu 
erreichen. Dem gemäßigten Materialismus der Geschichtsauffassung ent- 
sprechen genau gewisse irrationalistisehe und intuitionistische Sympathien 
des Autors, die freilich an einer Stelle (S. 208) klug eingeschränkt werden. — 
Es bleibt zu bedenken: daß man dem Buch mit scharfen methodologischen 
Forderungen vielleicht Unrecht tut, da es sich seiner Grenzen bewußt ist 
und lieber bekannte Zusammenhänge human und faßlich darstellen als neue 
fremd und aggressiv konstruieren möchte. Aber wollte man es etwa — mit 
einer Geste, die weder dem Ernst des Gegenstandes noch der Wirkung recht 
ansteht — für Volkshochschulen, Pädagogien, Arbeiterakademien empfehlen, 
so geriete man in Verlegenheit wegen einer Unzuverlässigkeit im Detail, 
die der Fragwürdigkeit der methodischen Grundhaltung merkwürdig ent- 
spricht. Wo man ernsthaft zugreift, findet man Halbrichtiges und Falsches. 
Ich zitiere aufs Geratewohl: „Das Kernelement dieses Gedankenbaues, die 
ausdehnungslose, rein geistige Krafteinheit der „Monade", die alles Sein 
zusammensetzen und doch ein unbeeinflußbares, völlig abgeschlossenes 
Individuum sein soll, war willkürlich und phantastisch" (S. 35). Man mag 
gegen Leibniz alle erdenklichen Einwände haben: nur gerade der der Willkür 
ist nicht erlaubt, die Monade ist zugleich m tiefstem Zusammenhang mit dem 
Stand der Naturerkenntnis seiner Zeit wie mit seiner erkenntniskritischen 
Analyse erwachsen: zu schweigen davon, daß gerade beim Monadenbegriff 
fruchtbarste Einsichten zum Problem der ökonomischen „Vermittlung" 
zu gewinnen wären. — Oder: „Einsteins Relativitätstheorie (seit 1905) 



Spezielle Soziologie 213 

setzte der sinnlich-naiven Anschauung ein Ende, daß Zeit, Raum und Gravi- 
tation etwas Absolutes, für alle Gleiches seien, indem sie diese Größen als 
vom Standort, von Bewegung oder Ruhelage des Beobachters abhängig 
nachwzes ' (S. 197). Aber solche Erkenntnisse gab es in Gestalt des „Relati- 
vitatsprinzips" längst vor Einstein, dessen sachliche Leistung darüber ent- 
scheidend hinausgreift; mit einem allgemeinen weltanschaulichen Relativis- 
mus hat er vollends nichts zu tun. Von der Anwendung der Riemannsehen 
Geometrie auf den empirischen Raum, von der Lehre von der Endlichkeit 
des Raumes ist bei Kleinberg überhaupt nicht die Rede, und eine kultur- 
geschichtliche Deutung Einsteins ist darum für ihn gänzlich unmöglich; 
statt dessen werden ihm Banalitäten zugeschoben. — Grotesk geraten die 
Darstellungen Kleinbergs im Bereich der Kunst. Wenn der Lyriker Georg 
Heym als Walter Heym erscheint (S. 202), so mag man darüber hinweggehen 
wenn auch in einem Buch von wissenschaftlichem Anspruch solche Irrtümer 
nicht unterlaufen dürften. Wenn aber „der Engländer Aubrey Beardsley, 
der Franzose Toulouse-Lautrec, die Deutschen Kubin und Groß das Leben 
als einen Tummelplatz von Larven, als ekle Fratze und lähmende Grimasse" 
gemeinsam zeichnen sollen (S. 202), so verschlägt einem die Kombination 
bereits den Atem : was hat wohl die ornamentale Perversion Beardsleys mit 
Groß zu tun, der ja nicht das „Leben" als Tummelplatz von Larven, sondern 
die Verdinglichung der Menschen unter der Klassenherrschaft darstellt ? — 
In der Musik wird Bizet als Wagnerianer eingeordnet (S. 180), obwohl doch 
seine Musik so unwagnerisch ist, daß schon Nietzsche ihn als Gegenpapst 
gegen Bayreuth reklamierte; dafür aber wird Hugo Wolff, der nun wirklich 
ein Wagnerianer war, gemeinsam mit dem Antiwagnerianer Nietzsche und 
mit van Gogh als „künstlerischer Vorposten der Epoche" ausgegeben — 
wobei an Stelle sachlicher Gemeinsamkeiten zwischen den dreien, die es ja 
in der Tat nicht gibt, ihre Geisteskrankheit als Verbindendes fungiert. 
Angesichts solcher Leistungen im Detail wird die Frage nach materialistischer 
oder geistesgeschichtlicher Methode gleichgültig. 

Theodor Wie sengrund -Adorno, Frankfurt a. M.). 

Martin, Alfred von, Soziologie der Renaissance. Zur Physiognomik und 
Rhythmik bürgerlicher Kultur. Ferdinand Enke. Stuttgart 1932. (XII u. 
135 S.; br. SM. 5.—, geb. RM. 6.50) 

M. versucht, eine bestimmte historische Epoche struktursoziologisch 
zu beschreiben, und wählt als Beispiel im wesentlichen die Florentiner Renais- 
sance. Als soziologisch bedeutsam wird die Verschiebung des gesellschaft- 
lichen Schwerpunktes vom Land in die Stadt und von einem militärischen 
Adel zu einem ökonomischen Bürgertum angesehen. In diesem entsteht 
durch seine soziale Lage eine neue Denkweise, aus der die modernen Formen 
eines Leistungswissens und Bildungswissens hervorgehen. Der Begriff 
der Leistung, sei es als objektives Werk, sei es als subjektive Tüchtigkeit, 
entspringt der Lebensform einer bürgerlich-kaufmännischen Oberschicht. 
Ihr Ziel ist der Virtuose, der Mann, der bestimmte Fähigkeiten bis zur äußer- 
sten Vollendung entwickelt. Für diese bürgerliche Aristokratie gibt es 
zwei Wege der sozialen Entwicklung: eine Assimilation an bestehende 
Herrschaftsordnungen und eine eigenständige Ausformung ihrer gesellschaft- 



214 Besprechungen 

liehen Existenz zu einer besonderen Repräsentation. In dieser Dialektik 
bewegt sich die soziale Entwicklung des Bürgertums der Renaissance. Es 
übernimmt Lebensformen und Konventionen des politisch entrechteten 
Adels und fügt zugleich den alten Konventionen eine neue Bildimgskon- 
vention hinzu. Die Abschnitte über Humanismus enthalten die wichtigsten 
Bemerkungen für die historische Grundlegung einer Soziologie der modernen 
Intelligenz. Die Kategorien: ritterlicher Humanismus, bodenständiger 
Bürgerhumanismus und freier Literatenhumanismus bezeichnen drei typische 
Epochen des Heraustretens einer Intelligenzschicht aus einer Welt poli- 
tischer und sozialer Bindung und damit eine Verschiebung des Ethos vom 
Moralisch-Aktivistischen zum Ästhetisch-Beschaulichen. Diese erste bürger- 
liche Kultur, in der die Bildung zur Repräsentation des Besitzes gemacht 
wurde, vermochte ihre politische Form nicht zu finden. M. gibt in der Ana- 
lyse Macchiavellis eine einleuchtende Darstellung der soziologischen Motive, 
die zum Ruf nach der Diktatur und zur Entstehung des absoluten Staates 
führten. In dem Abschnitt über Renaissance- Gesellschaft und Kirche wird 
die Anpassung der wirtschaftlichen Ideologie an den Frühkapitalismus auf- 
gezeigt und eine Reihe bemerkenswerter religionssoziologischer Einsichten 
für die Struktur der modernen Formen christlicher Frömmigkeit heraus- 
gestellt. 

Methodisch ruht die Arbeit auf den Untersuchungen von Max Weber, 
Scheler und Mannheim. Martin, der beste Kenner dieser Geschichtsepoche 
in Deutschland, hat mit diesem soziologischen Versuch eine notwendige 
Aufgabe zur Ergänzung der Arbeiten von Burdach und Burckhardt geleistet. 

Albert Salomon (Köln). 



Rosenstock, Eugen, Die europäischen Revolutionen. Diederichs. Jena 
1931. (IV u. 554 S.; br. EM. 15.—, geb. RM. 18.50) 

Die Geschichte Europas in den neun Jahrhunderten, die seit Beginn des 
Kampfes zwischen Papst und Kaiser vergangen sind, kann nach R. nur unter 
dem Aspekt der Revolution begriffen werden. Unter „Revolution" versteht 
R. eine Totalumwälzung, die sich an einem Volk vollzieht und auf die übrigen 
Völker zurückwirkt. „Jede Revolution ist nur zu 50 v. H. Sozialumwälzung, 
zur anderen Hälfte prägt sie die Völker." So löst sich die Geschichte Europas 
in eine Reihe nationaler Revolutionen auf, die indessen nicht nur chrono- 
logische Abfolge, sondern ebenso eine logische Kette ist. Sozial ist die Re- 
volution insofern, als sich die gesamte Nation in einer sozialen Schicht ver- 
körpert. Die Reihenfolge, in welcher die Nationen „ihre" Revolutionen er- 
leben, ist nicht zufällig. Immer das rückständigste Land macht Revolution, 
und rückständig wird es dadurch, daß die vorhergehende Revolution ihm 
schwereren Schaden zugefügt hat als den übrigen Nationen. So ergibt sich 
für R. folgende Reihe: Italienische Papstrevolution — deutsche Fürsten- 
revolution (Reformation und Aufkommen Preußen-Österreichs) — englische 
Gentryrevolution — französische Bürgerrevolution — russische Weltrevo- 
lution. In jeder Revolution wird der europäische Mensch „reproduziert", 
und zwar erweitert reproduziert (R. wendet den ökonomischen Begriff be- 
wußt in biologischem und noch mehr in theologischem Sinne an); im Zentrum 






Spezielle Soziologie 215 

stehen Mönch oder Edelmann, weil nur diese „den nötigen Abstand vom 
Leben" und damit die Sorge um die „Wiederkehr des Lebens" haben. 

R. erklärt, nicht im Gegensatz zur ökonomischen Geschichtsauffassung 
zu stehen. Sie sei für ihn eine „Selbstverständlichkeit". Marx allerdings 
habe die Dialektik der Revolution noch nicht durchblicken können 
und der Vulgärmarxismus habe seine Theorie überhaupt nicht verstanden. 
(R. beruft sich vor allem auf Lukacs.) Dazu ist zu bemerken, daß R. zum 
mindesten die historische Analyse, wie Marx sie methodisch ausgebildet hat 
fremd ist. Bei allem Bemühen, dialektisch zu sehen, gibt er deshalb statt 
Analyse „Deutung". Neben sehr fruchtbaren Gesichtspunkten finden sich 
die gröbsten Verzerrungen und Gewaltsamkeiten (man vergleiche z. B. den 
Abschnitt über die Papstrevolution), die ungleich schwerer wiegen als eine 
Reihe unrichtiger Angaben (im Kapitel „Die russische Revolution"), welche 
bei einem so ungeheuer weit gefaßten Thema verzeihlich erscheinen. 

Werner Heider (Berlin). 

Freyer, Hans, Revolution von rechts. Eugen Diederichs. Jena 1931. 

(72 S., EM. 2.—) 

„Die großartige Dialektik des 19. Jahrhunderts besteht in der Tatsache, 
daß . . . die Geschichte in ihren zentralen Vorgängen zur gesellschaftlichen 
Bewegung: zum Klassenkampf wird. Der Bürger wird Bourgeois, das öffent- 
liche Leben Wirtschaft, der Besitz Kapital, die Besitzlosigkeit Proletariat, 
die Politik Liberalismus. . . . Nicht nur die Arbeit, das Denken, der Staat, 
auch die revolutionäre Kraft dieses männlichen Jahrhunderts wird Ökono- 
mie. Revolution wird Klassenkampf. Darum ist das 19. Jahrhundert nur 
materialistisch zu begreifen. Es ist für alle Zeiten der Klassizismus der 
Revolution von links." Aber die in ihm angelegte permanente Revolution 
geschieht nicht. In der Gestalt „des Kampfes um den sozialen Fortschritt 
greift der soziale Gedanke den dialektischen Kern des 19. Jahrhunderts 
an". Das Proletariat „kämpft nicht mehr negativ, sondern positiv, nicht 
mehr gegen die industrielle Gesellschaft als System, sondern für ihre Er- 
neuerung von innen her, also aiif ihrem Boden". „Die Arbeiterschaft ist — ■ 
nicht endgültig (denn sie kämpft noch), aber grundsätzlich — eingeordnet." 
Durch die Liquidation der revolutionären Energien wird die industrielle 
Gesellschaft zunächst befestigt, aber gerade diese Eingliederung hat eine 
neue revolutionäre Kraft erzeugt; „dasjenige, was nicht Gesellschaft, nicht 
Klasse, nicht Interesse, also nicht ausgleichbar, sondern abgründig revolutio- 
när ist: das Volk". Dieses Volk hat nichts zu tun mit der Nation des 19. Jahr- 
hunderts, die Bildungs- und Besitzstand ist, sondern „ist die Substanz 
unserer selbst". „Seine Revolution bricht von unten her in die Ebene der 
industriellen Gesellschaft ein quer durch alle ihre Interessengegensätze 
hindurch. Das Volk nimmt die Arbeits- und Güterwelt der industriellen 
Gesellschaft in seinen Besitz, aber es übernimmt keineswegs das Prinzip, 
nach dem sie gebaut ist. Es negiert dieses Prinzip . . ." Sein Weg geht not- 
wendig über die Emanzipation des Staates, der zum Gegenspieler der in- 
dustriellen Gesellschaft und notwendiger Träger des Gegenstoßes gegen sie 
wird. Dieses Volk, diese „geheime Umschichtung im Material des Menschen- 
tums", „ist Realität geworden: nicht fertige Ordnung, . . . aber kräftig sich 



216 Besprechungen 

bildender Kern". „Eben darum ist die Revolution von rechts der Inhalt 
der Zeit". 

F. sieht und wünscht eine Revolution von hinten. Aber kämpft nicht, 
■was sich „rechts" formiert, mehr und mehr mit „bescheidenem Egoismus" 
auf dem Boden der industriellen Gesellschaft „um den eigenen Platz im 
Geschiebe des Systems" ? Marschieren in Wirklichkeit nicht die „Nationa- 
listen des Gemüts" und die,, Interessenten einer banalen Reaktion", und wird 
so nicht „statt Geschichte wiederum ein Schwindel geschehen" ? 

Fritz Burchardt (Frankfurt a. M.). 

Reich Gottes — M arxismxis — Nationalsozialismus. Ein Bekenntnis 
religiöser Sozialisten. Hrsg. v. Gg. Wünsch. J. C. B. Mohr. Tübingen 
1931. (V u. 116 S.; geb. EM. 5.50) 

Während die Mehrheit der religiösen Sozialisten einen sog. „ethischen 
Sozialismus" in betont antimarxistischer Prägung verfolgt, gelangten einige 
intellektuelle Wortführer zu einer bedingten Anerkennung des Marxismus. 

Wünsch steigert diese Annäherung zu dem Versuch, den Marxismus in 
eine christliche Theologie einzubauen. „Die Aufgabe des Marxismus in der 
Bewegung des Reiches Gottes" — so lautet das Thema seines Beitrags — 
sieht er darin, daß der Marxismus als Leitfaden diene, um „die Führung 
Gottes in der profanen Geschichte zu seinem Reich zu erkennen"; der 
Marxismus ist sogar der „einzige Leitfaden" dieser Art, so daß jeder gläubige 
Christ genötigt ist, ihn anzuerkennen, wenn er Gottes Willen begreifen und an 
der Verwirklichung des Reiches Gottes in der menschlichen Gesellschaft 
mitarbeiten will. 

Leonhard Ragaz, ehemals Theologieprofessor, Führer der schweize- 
rischen religiösen Sozialisten, vertritt eine „religiöse Geschichtsdeutung 
von der Art, wie die Bibel Geschichte deutet". Hinter der „irrtümlichen 
Gedankenform des Marxismus" sieht er einen unbewußten „prophetischen 
Messianismus", dessen Kraft allerdings jetzt ausgeströmt sei und ersetzt 
werden müsse „durch den wieder lebendig gewordenen bewußten (Messia- 
nismus) des Reiches Gottes, das in Christus erschienen ist". Der Beitrag 
von Ragaz ist historisch gehalten; er beschreibt die Geschichte der schwei- 
zerischen Bewegung und setzt sich außerdem mit der dialektischen Theologie 
auseinander, die von Schülern Ragaz' (Barth, Thurneysen, Brunner u. a.) 
aus der religiös-sozialistischen Gedankenwelt entwickelt wurde und später 
zur Abspaltung führte. 

Pfarrer Heinz Kappes behandelt den „theologischen Kampf der reli- 
giösen Sozialisten gegen das nationalsozialistische Christentum". „Der 
Nationalsozialismus wie der Marxismus drängen nach einer eigenen Theo- 
logie hin" — so beginnt der Aufsatz. Man muß einschränkend sagen, daß 
sich diese Behauptung bestenfalls auf einen religiös-sozialistisch interpre- 
tierten, also bereits theologisch verdeuteten Marxismus beziehen kann, 
auf einen „Marxismus", der — wie die Ausführungen von Ragaz zeigen — 
nicht einmal von den religiösen Sozialisten selbst einheitlich vertreten wird. 
Im übrigen setzt Kappes sich gegen neuheidnische Mißbildungen der christ- 
lichen Lehre durch Arthur Rosenberg zur Wehr und scheut auch vor 
mutigen Angriffen gegen Kirchenbehörden nicht zurück. Der Aufsatz 



, 



Spezielle Soziologie 217 

klingt in die Vermutung aus, daß eine völlige Faschisierung der Kirche die 
religiösen Sozialisten veranlassen werde, „außerhalb der Kirche als eine 
der Form nach profanisierte Bewegung ohne Sektencharakter für die Sache 
Christi in der marxistischen Gesamtbewegung" einzustehen. 

Heinrich Hertens (Frankfurt a. M.)- 

Kalin-Frcund, Otto, Das soziale Ideal des Reichsarbeitsgerichts 
J. Bensheimer. Mannheim 1931. (X u. 466 S.; RM. 4. — ) 

Die Schrift unternimmt den Versuch, „die Rechtsprechung des Reichs- 
arbeitsgerichts auf das ihr zugrunde liegende Sozialideal zu untersuchen". 
Dieses Sozialideal ist nach Ansicht des Verfassers der Faschismus — nicht der 
Faschismus als politisches System, sondern das soziale System, wie es in den 
arbeitsrechtlichen Gesetzen Italiens seinen Niederschlag gefunden habe. Die 
gesamte Rechtsprechung des obersten Gerichts auf dem Gebiet des indivi- 
duellen und kollektiven Arbeitsrechts wird als Einheit betrachtet, in deren 
Schatten die faschistische Ideologie erkennbar sei. 

Erscheint es schon an sich gewagt, die außerordentlich uneinheitlichen, 
ja vielfach Kompromißcharakter tragenden Entscheidungen auf einen 
Nenner bringen zu wollen, so dürfte Kahn-Freund darüber hinaus auch den 
Gesichtskreis der Reichsrichter überschätzen, wenn er ihre Rechtsprechung 
auf die von ihm angenommene geschlossene Grundanschauung zurückführt. 
Reichsgerichtsrat Sonntag beurteilt seine Kollegen wohl richtiger, wenn er 
ihre kleinbürgerliche Enge als besonderes Merkmal aufzeigt (Vgl. „Leipzig 
und das Reichsgericht" in „Justiz" 1931, S. 631 ff.). 

Läßt sich m. E. auch nicht aus der Gesamtheit der Entscheidungen ab- 
leiten, daß das Sozialideal des Reichsarbeitsgerichts die faschistische Idee 
verwirkliche, so liegt das hohe Verdienst der Arbeit K.s in der zutreffenden 
kritischen Würdigung der Rechtsprechung im einzelnen, die allgemein tief 
enttäuscht hat. Mit bemerkenswerter Klarheit werden als Leitgedanken der 
Rechtsprechung die Ideen des Wirtschaftsfriedens, der Botriebsdisziplin und 
der individuellen Fürsorge herausgearbeitet. Hier stellt die Schrift eine wert- 
volle Ergänzimg und Vertiefung der schon von Neumann (in „Die politische 
und soziale Bedeutung der arbeitsrechtlichen Rechtsprechung") im Jahre 
1929 angestellten Untersuchungen dar. 

Alex Lorch (Frankfurt a. M.). 

Geck, L. H. Ad., Die sozialen Betriebsverhältnisse im Wandel der 
Zeit. Geschichtliche Einführung in die Betriebssoziologie. Julius Springer. 
Berlin 1931. (VIII u. 173 S.; RM. 7.50) 

Ein Mittelding zwischen Lehrbuch und Abhandlung nennt der Verf. 
seine anregende Arbeit, die als Heft I der Schriftenreihe des Instituts für 
Betriebssoziologie und soziale Betriebslehre an der Technischen Hochschule 
zu Berlin erschienen ist (Herausg. Goetz Briefs und Paul Riebensahm). 
Lehrbuchcharakter trägt sie in der Tat, obwohl man glauben könnte, daß 
dieses lebendige Thema einer lehrbuchmäßigen Darstellung spotten sollte. 
G. unterscheidet Sach-, Arbeits- und Personalverfassung des Betriebes; 
die Wandlungen der Personalverfassung, den eigentlichen Gegenstand 
Beines Buches, versteht er aus dem Übergang vom Kleinbetrieb mit Hand- 






218 Besprechungen 

arbeit zum Großbetrieb mit Maschinen, aus der Veränderung der Unter- 
nehmeranschauungen, aus der Entwicklung der staatlichen Sozialpolitik 
und aus den Einwirkungen der Arbeitnehmer- und Arbeitgeber verbände. 
Die Begriffsbildung ist besonders bei Darstellung der vom Geiste des Liberalis- 
mus durchwirkten Personalverfassungen unzureichend: liberal-ökonomisch, 
liberalistisch-rechtlich, liberal-humanitär, ökonomisch-rechtlich sind kaum 
zulässige und jedenfalls keine fruchtbaren Unterscheidungen. Diese Un- 
scharfe scheint mir übrigens notwendig zu entstehen, wenn man die soziale 
Verfassung des Betriebes nicht von der Verfassung der ganzen Gesellschaft 
aus, sondern für sich betrachtet. Aber die großen Verdienste der Arbeit 
liegen in den Quellennachweisen und -zitaten. Nicht nur verschollenes 
Material über deutsche Verhältnisse sondern auch französische, englische 
und amerikanische Literatur sind herangezogen. Eine gewisse Bevorzugung 
katholischen und evangelischen und die Vernachlässigimg sozialistischen 
Schrifttums werden ausgeglichen durch den deutlichen Willen zur Objektivi- 
tät, der freilich zuweilen, z. B. bei Behandlung der Werkzeitungen, Werk- 
sparkassen usw., schon über das Ziel schießt. 

Hans Speier (Berlin). 

Slotemaker de Bruine, J. E., Vakbeweging en Wereldbeschouwing. 
(Gewerkschaftsbewegung und Weltanschauung). Christelijk Sociale Studien 
III. J. A. Buy s. Zeist 1930. (304 S.) 

Diese Arbeit des holländischen Theologen Dr. J. R. Slotemaker de 
Bruine, dessen frühere Arbeiten schon immer einen sozialen Einschlag 
hatten, befaßt sich mit einem Problem, das nur ausnahmsweise in der sozio- 
logischen Literatur zur Behandlung gelangt : den Zusammenhängen zwischen 
Weltanschauung und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gewerkschafts - 
richtung. S. unternimmt diese schwere Aufgabe. Er beschränkt seine 
Untersuchungen nicht auf ein Land, sondern macht den Versuch, das 
Charakteristische der Gewerkschaftsbewegung in England, Amerika, Deutsch- 
land, Frankreich und Rußland und der verschiedenartigen internationalen 
Gruppierungen herauszustellen. 

Vor allem ist nach ihm die Religion für die Mentalität, welche sich bei 
den Arbeitern in bezug auf ihre gewerkschaftlichen Tendenzen offenbart, 
bestimmend. So versucht er vom Standpunkt der Religion eine Erklärung 
der anarchistischen und „ordentlichen Gewerkschaftsbewegung" zu geben, 
wobei dann auch die Volksseele, die Ethnologie und die Rasse eine Rolle 
mitspielen. Seine These lautet ungefähr folgendermaßen: Anarchismus ist 
überall vorhanden, wo die römisch-katholische und griechisch-katholische 
Kirche vorherrscht; vor allem also in Süd- und Osteuropa, namentlich in 
Frankreich, Spanien, Portugal und Rußland (merkwürdig ist, daß Italien 
in dieser Beziehung nicht genannt wird, was das Bild ja auch völlig verschoben 
hätte). Die römische Pädagogik handhabt die Autorität für alle Lebens- 
erscheinungen auch über die Erwachsenen. Sie läßt das Gefühl der Selb- 
ständigkeit nicht durchkommen. Wenn nun die Autorität ihre Macht und 
ihren Einfluß verliert, entsteht eine Verwirrung unter denjenigen, welche 
sich frei fühlen, die Freiheit jedoch nicht ertragen können. Mit dem Pro- 
testantismus steht es s. E. ganz anders. Er schafft selbständige Persönlich- 



Spezielle Soziologie 219 

keiten, gebunden an Gott und frei von menschlichen Autoritätsorganen, 
welche in eigener Verantwortlichkeit erzogen werden. 

S. beschäftigt sich ausführlich mit dem Fehlen eines sozialistischen Ein- 
schlags der britischen Arbeiterbewegung im Gegensatz zu einer Reihe von 
Ländern auf dem Kontinent. Der deutsche Prototypus, bei dem die Klassen- 
kampftheorie großen Anhang findet, wird als Folge der theoretischen Denk- 
art des deutschen Volkes im Gegensatz zu der praktischen Art der Eng- 
länder erklärt. 

Wir können nicht gerade behaupten, daß die Arbeit für die Wissenschaft 
eine große Bereicherung ist, wenn auch der Versuch, die Probleme auf 
diesem Gebiete aufzudecken, gewürdigt werden kann. Was dieser Arbeit 
besonders fehlt, ist eine klare Begriffsbestimmung. So wirkt die vom Autor 
gewählte Einteilung der Gewerkschaftsbewegung in einen anarchistischen, 
sozialistischen und christlichen Flügel schon unklar, besonders wenn man 
weiter feststellen kann, daß die anarchistische Richtung von ihm in zwei 
Abschnitte geteilt wird, wovon Frankreich den einen und Rußland (!) den 
anderen darstellen soll. 

Die vielen Einzelheiten über die Struktur und die Methode der Arbeiter- 
bewegung in den einzelnen Ländern sind nur ein mäßiger Ersatz für das 
Fehlen einer tiefgehenderen klaren Analyse über das äußerst wichtige Thema. 

Andries Sternheim (Genf). 

Adamic, Louis, Dynamite. The Story of class violence in America. 
The Viking Press. New York 1931. (X u. 452 S.; $ 3.50) 
Das Buch von Louis Adamic schildert die Entwicklung und Ausbreitung 
terroristischer Methoden in den Klassenkämpfen der Vereinigten Staaten. 
Schon die ersten Arbeitskämpfe in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden 
mit ausgiebiger Anwendung von Gewaltmethoden geführt, wie sie auch in 
der Frühzeit der westeuropäischen Arbeiterbewegung — wenn auch nicht 
im gleichen Ausmaße — zu verzeichnen sind. Während aber in Westeuropa 
vorzüglich durch die Gewerkschaften die Kräfte der Arbeiterschaft organi- 
siert und die Arbeitskämpfe in geregelte Bahnen gelenkt wurden, hat sich 
in U.S.A. das Anwendungsgebiet des Terrors immer mehr erweitert, wobei 
die Methoden dauernd verfeinert wurden. Die terroristischen Akte spielen 
in den Arbeitskämpfen der „Unorganisierten" — d. h. für Amerika der 
von den Gewerkschaften ausgeschlossenen Arbeiterschichten — eine wichtige 
Rolle. Immer wieder bilden sich bei großen Arbeitskämpfen ad hoc lockere 
Arbeiterorganisationen, die durch bewaffneten Widerstand, Sabotage, 
Dynamitattentate die Streikbewegung unterstützen. Auch die in den ersten 
Nachkriegs jähren zeitweilig starke Organisation der „Industrial Workers 
of the World" bediente sich bei ihren Kämpfen mit Vorliebe dieser Gewalt- 
methoden. Nicht selten boten die von ihr geführten großen Streikbewegungen 
das Bild eines offenen Bürgerkrieges der Streikenden mit den gleichfalls 
bewaffneten Werkspolizisten und Streikbrechern. Der Verf. weist nach, 
daß die terroristischen Methoden — zum größten Entsetzen von Samuel 
Gompers — sogar in die Verbände der American Federation of Labour ein- 
drangen und dort auch in der Gegenwart nicht immer verabscheut werden. 
Die höchste Stufe des Terrors im Klassenkampf stellt die Verbindung mit 



. 



220 Besprechungen 

dem Berufsverbrechertum dar, den „gangsters" und „racketeers", die im 
Auftrage von Arbeiterorganisationen terroristische Attentate ausführen 
(wie sie auch von den Unternehmern gegen die Arbeiterorganisationen ein- 
gesetzt werden). 

Leider fehlt in dem Buch, das ein aufschlußreiches und seltenes Material 
zum ersten Male in solcher Vollständigkeit zusammenträgt, eine abschließende 
Untersuchung der sozialen und ökonomischen Ursachen dieser Zustände. 
Nur aus eingestreuten Bemerkungen erhält der Leser manchen wertvollen 
Hinweis. Die exklusive Haltung der Gewerkschaften, die eine privilegierte 
Arbeiterschicht geschaffen haben, der hohe Anteil der mit dem Volksleben 
kaum verbundenen Eingewanderten, die Traditionen der Grenzerzeit haben 
die Entstehung des Solidaritätsgefühls in der Arbeiterklasse bisher ver- 
hindert. Dazu kommt, daß die in den gleichen Traditionen aufgewachsene 
Unternehmerschaft von jeher wenig Bedenken hatte, den Bewegungen der 
Arbeiter die Gewalt entgegenzusetzen und daß ihr Vorgehen von den Justiz- 
behörden fast stets entschuldigt und beschönigt wurde. 

Für den deutschen Leser besonders wichtig ist die Einschätzung der 
Ideologie der American Federation of Labour, die bekanntlich mit der 
„Kaufkrafttheorie der Löhne" und dem Gedanken der „Wirtschaftsdemo- 
kratie" die Wirtschaftsauffassung der deutschen Gewerkschaftsbewegung 
stark befruchtet hat. A. weist nach, daß diese Ideologie dem Wunsche ent- 
sprang, die privilegierte Arbeiterschicht von der großen Masse der sozial 
gering geachteten und durch zahlreiche terroristische Bewegungen diskredi- 
tierten Arbeiter zu distanzieren. Es ist zu wünschen, daß das wichtige 
Buch, das leider etwas unbeholfen geschrieben ist, durch eine Übersetzung 
auch dem breiten Leserpublikum in Deutschland zugänglich gemacht wird. 

Franz Hering (Berlin). 

Labriola, Arturo, AI di lä del Capitalismo e del Socialismo {Jenseits 
von Kapitalismus und Sozialismus). Verl. Collana di Studi politici e so- 
ciali. Paris 1931. (344 S.; frs 20.—) 

Der Autor, Dozent am Institut de Hautes Etudes in Brüssel, der als junger 
Mann dem äußersten linken Flügel der sozialistischen Partei Italiens angehörte, 
dann im letzten Ministerium Giolitti Minister für öffentliche Arbeiten war und 
jetzt als politischer Flüchtling im Ausland lebt, bietet in dem vorliegenden 
Buch mehr eine „boutade" voll polemischer Ausfälle als einen systematisch 
gefügten Gedankenbau. 

Für ihn ist der Sozialismus nicht Gegenpart des Kapitalismus, sondern 
Auflehnung gegen das Elend : die sozialistischen Ideologien sind älter als der 
Kapitalismus. Es ist ein Fehler des Marxismus, den Sozialismus zum Anti- 
kapitalismus verkümmert zu haben. Marx hat nie aufgezeigt, warum die 
vom Kapitalismus freigesetzten Produktivkräfte die privatkapitalistische 
Gesellschaftsordnung sprengen müßten. Der Kapitalismus hat das Elend 
der Massen nicht gesteigert, sondern vermindert. Es hegt durchaus im Be- 
reich der Möglichkeit, im kapitalistischen Regime dem Arbeiter den vollen 
Arbeitsertrag zu bezahlen. Krisen sind unvermeidbare Erscheinungen der 
Umschichtung des Marktes und der Produktion, die auch im sozialistischen 
Regime nicht ausbleiben können. Ursache des Elends ist die Vergeudung, 



Spezielle Soziologie 221 

und diese ist bei Planwirtschaft größer als bei individueller Initiative: die 
Kosten für die tastenden Versuche der einzelnen, aus denen sich die Wirtschaft 
im privatkapitalistischen Regime gestaltet, fallen auf das Individuum, nicht 
auf die Gesellschaft zurück. Die juridische Tatsache des Besitzes der 
Produktionsmittel habe keinen wesentlichen Einfluß auf die Produktion. 
„Die Überführung der Produktionsmittel in Kollektiveigentum ändert weder 
die Quote der Ersparnisse noch deren Umwandlung in Kapital, weder die 
Nachfrage nach Arbeitskräften noch das gegenseitige Gleichgewichtsverhältnis 
der verschiedenen Produkte." L. kommt zu dem Schluß, daß nicht 
das Ende des Kapitalismus, sondern das Ende des Staates zur Beseitigung 
der Klassen führen werde. Der Kampf gegen den Kapitalismus zwinge der 
sozialistischen Bewegung eine falsche Ideologie auf, insofern der Kapitalismus 
«ines der Mittel zur Beseitigung des Elends ist. 

Dem Gedankengang Labriolas liegen verschiedene Mißverständnisse 
zugrunde. Zunächst die Ansicht, daß der Kampf gegen den Kapitalismus auch 
den technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften gelte, die der Kapi- 
talismus gezeitigt hat; dann die Auffassung der Sozialisierung der Produk- 
tionsmittel als einer rein juridischen Sache. Überhaupt sieht Labriola den 
Sozialismus kleinlich und philiströs, um dann zu sagen, daß er kleinlich und 
philiströs ist. Es handelt sich da nicht darum, Besitztitel umzuschreiben, 
sondern Sinn und Richtung der Arbeit zu ändern, den Tribut an die Not- 
wendigkeit, den der Kapitalismus verringert hat, gerecht zu verteilen. 
Labriola dürfte nur deshalb meinen, jenseits von Kapitalismus und Sozialis- 
mus zu stehen, weil er die sozialen Auswirkungen beider über ihrer Produk- 
tionsformel vergißt. 

Oda Olberg (Wien). 



Mehmkc, R. L., Der Unternehmer und seine Sendung. J. F. Lehmanns 
Verlag. München 1932. (191 S.; geh. RM. 4.50, geb. BM. 6.—) 
Die historische Einleitung bezeichnet alle Produktivität und Förderung 
in technischer und kultureller Hinsicht als Unternehmertätigkeit des Men- 
schen; sei er nun König oder Fürst, Mönch oder Ritter, Bauer oder Hand- 
werker. Der Begriff des Unternehmers (= U) ist also äußerst weit gefaßt, 
so daß die beabsichtigte historische Genese des modernen U unzulänglich 
beschrieben wird. Die Definition des U ist auch überaus verschwommen und 
vieldeutig. „Der U ist ein Mann, der etwas kann und etwas wagt". Ihn 
leitet „die Freude am Werk und am Wagnis und das Streben, aus totem, 
geringwertigem Material Werte und Hilfsmittel für den Fortschritt der 
Menschheit zu schaffen". „Der U ist in erster Linie zum Dienst am Ver- 
braucherberufen". „Er steht zu seiner Arbeit im Verhältnis wie der Liebende 
zum Gegenstand seiner Liebe". So und ähnlich wird die „Sendung des U" 
beschrieben, eine Aufgabe also, der je nach Bedarf des Autors in der Ver- 
gangenheit Amenemhet I. von Ägypten und Karl der Große, heute der 
Kleinbauer oder der selbständige Flickschuster gerecht werden kann. 
Kein Wunder, daß bei diesem großen Ukreis die Zahl der U auf 
der ganzen Welt fast dreimal so groß wie die Zahl derjenigen ist, 
•die man als die „Arbeiter" bezeichnet, daß in Deutschland „rund ein 






222 Besprechungen 

Drittel der 32 Millionen Berufstätigen U sind". Die solchen Behauptungen 
zugrundegelegten Zahlen sind willkürlich oder falsch zusammengestellt, wie 
überhaupt M. fast überall auf Quellenangaben und Materialhinweise groß- 
zügig verzichtet. Um den gewaltsam geformten Ubegriff aufrecht zu erhalten, 
werden die eindeutigsten Daten der Wirtschaftsentwicklung unrichtig be- 
schrieben oder interpretiert. „Der soziale Aufstieg in die wirtschaftliche Ober- 
schicht erfolgt gar nicht so selten auch direkt vom Arbeiterberuf aus." 
Nach den auf Grund der Erhebungen des Statistischen Reichsamtes zu- 
sammengestellten Zahlen (Sozialer Auf- und Abstieg im deutschen Volk, 
München 1930) kommen 85% der wirtschaftlichen Oberschicht (Industrielle, 
Bankiers, Kaufleute) aus ihrer Schicht und nur zusammen 15% aus Mittel- 
schicht und Unterschicht; leider ist diese Zahl nicht mehr spezifiziert, aber 
es ist ohne weiteres anzunehmen, daß der weitaus größere Teil dem Klein- 
bürge rtum entstammt, nur ein verschwindender Prozentsatz dem Proletariat. 
— Werden kleinere Industriefirmen von der übermächtigen Konkurrenz 
zugrunde gerichtet, dann liegt keine kapitalistische Entwicklungstendenz vor, 
sondern „sie hatten ihren alten Fortschrittsgeist eingebüßt. Der letzte Akt 
des Trauerspiels eines ehemals blühenden Gewerbes spielt sich ab. Die 
ihrer Sendung untreu werden, sind zuletzt auch noch mit technischer Un- 
fruchtbarkeit geschlagen. Ein Geschlecht neuer Männer, in denen wiederum 
eine Sendung lebendig ist, steigt auf". Ich beschränke mich auf die 
Wiedergabe dieser beiden Blüten ökonomischer Erkenntnis, eine Legion 
ähnlicher Behauptungen füllt das Buch. — Kurz sei noch die Stellung des 
Verf. zur Beziehung zwischen U und Arbeiter gekeimzeichnet. Prinzipiell 
sind die Bezeichnungen „Arbeiter" und „Angestellte" vermieden und durch den 
Sammelbegriff „Mitarbeiter" ersetzt. Diese Mitarbeiter am Werk des U, die 
mit ihm der Sache zu dienen berufen sind, werden keineswegs ausgebeutet, 
sondern sind selbst die Ausbeuter in der Wirtschaft. Wenn sie ihre wirtschaft- 
liche Lage zu verbessern suchen, dann sind sie „nichts anderes als Spekulanten, 
sind ein Interessentenhaufen, der nicht deswegen mehr Recht beanspruchen 
kann, weil er sehr groß ist". „Durchaus falsch ist, wenn es in der 
Öffentlichkeit immer wieder so dargestellt wird, als bestünde in der Gegenwart 
eine unübersteigbare Kluft zwischen dem abhängigen Lohnarbeiter und dem 
selbständigen U." Die Lösung der sozialen Frage soll die oft gepriesene 
Werksgemeinschaft bringen. „Die einzelnen Mitglieder des Orchesters 
sollen seinen Zeichen und Worten nicht als stumpfe Arbeitssklaven folgen, 
sondern sollen als Mitwirkende in voller Arbeitsverbundenheit mit dem Werk 
stehen." 

Über das Buch wäre kein Wort zu verlieren, wenn es nicht eine heute 
überaus mächtige Ideologie darstellte, die man auf Schritt und Tritt an- 
trifft. Sie wird in der äußeren Form einer wissenschaftlichen Theorie dar- 
geboten; über solche im Dienste des kapitalistischen U produzierte Wissen- 
schaft läßt sich mit des Verf. eigenen Worten urteilen, mit denen er einen 
Teil der Studenten treffen will; „sie bedeutet immer weniger Studierenden 
die ,hohe, die himmlische Göttin', vielmehr ist sie einer wachsenden Zahl 
die ,tüchtige Kuh' geworden, die den Studierten ,mit Butter ver- 
sorgen soll'". 

Carl Dreyfuß (Frankfurt a. M.). 



Spezielle Soziologie 223 

Das deutsche Handwerk. Bericht der 8. Arbeitsgruppe des III. Unter- 
ausschusses des Ausschusses zur Untersuchung der Erzeugungs- und Ab- 
satzbedingungen der deutschen Wirtschaft. Mittler & Sohn. Berlin 1931. 
(4 Bde., 1858 S.) 

Der Enqueteaussehuß stellt in diesem Berieht die Ergebnisse seiner Unter- 
suchung über die Lage des Handwerks in Deutschland zusammen. Der 
II. Band enthält das Tabellenmaterial der mit den Stichtagen 1. X. 26 und 
— resultatlos — 1. X. 13 im Jahre 1927 durchgeführten Erhebung. Band III 
u. IV enthalten besonders eingehende Spezialuntersuchungen 12 wichtiger 
Handwerkszweige, die durch Sachverständigeneinvernahme (Juni/ Juli 28 > 
besonders vertieft worden sind. In Band I finden sich die Gesamtergebnisse 
und ihre Zusammenfassung und Ausdeutung. Zumal die technische, be- 
triebswirtschaftliche und organisatorische Fortentwicklung des Handwerks 
wird eingehend dargestellt. Die gesammelten Angaben sind umfassend und 
vorzüglich: das erste Mal überhaupt ist hier über das Handwerk derart 
reiches Material zusammengetragen und dadurch eine genaue Erforschung 
dieses Wirtschaftsteiles ermöglicht worden. Allerdings folgt daraus, daß 
die Ergebnisse dieser Untersuchung mit früheren, vor allem der amtlichen 
Statistik, die nicht auf das Handwerk abgestellt waren, fast unvergleichbar 
sind. Zu einer Analyse der gegenwärtigen Situation des Handwerks und 
zu einer darauf basierenden in großen Zügen durchgeführten Betrachtung 
der Entwicklung und Entwicklungstendenzen bietet der Bericht das voll- 
kommenste Tatsachenmaterial. Die neueste Handwerksliteratur, wie etwa 
der Art. „Handwerk" in den von Harms herausgegebenen „Struktur- 
wandlungen der deutschen Volkswirtschaft" und der Art. „Handwerk" 
von G. Albrecht im W.d.V. 4, baut auch bereits auf den Angaben des Be- 
richtes auf. Dabei übernimmt diese Literatur die Ausdeutung und Schluß- 
folgerung des Berichtes ohne weitere Nachprüfung. Dessen endgültige 
Folgerungen jedoch stehen in befremdlichem Gegensatz zu den Angaben in den 
Bänden II, III, IV und der Zusammenfassung in Band I. Am besten ge- 
kennzeichnet ist die theoretische Einstellung des Berichtes etwa durch den 
Satz: „. . .viel hilft der unverzagte Glaube des freien Mannes an die ur- 
wüchsige Lebenskraft des deutschen Handwerks" (Bd. I). Der Bericht 
kommt zu dem Ergebnis, daß es dem Handwerk zufriedenstellend gehe, 
daß endgültig die „Niedergangstheorie", die um die Jahrhundertwende 
an sein Verschwinden geglaubt hat, widerlegt sei und daß es im Gegenteil 
sich ständig weiterentwickle und einen wichtigen Platz in der Gesamt- 
wirtschaft einnehme. Seine Bedeutung beruhe auf seiner arbeitsintensiven. 
Produktionsweise, die immer noch in der Befriedigung des Bedarfes an 
Qualitätsware für den persönlichen Geschmack vorherrschend sei, weiter 
auf seiner dezentralisierten Arbeitsart und darauf, daß es einerseits die 
Industrie mit Facharbeitern versorge, andererseits bei schlechter Konjunktur 
die Arbeitslosen aufsauge und eine vermittelnde Rolle im Gegensatz zwischen 
Arbeitgebern und Arbeitnehmern spiele. Speziell jetzt in der Zeit der ge- 
waltigen Kapitalkonzentration sei es die letzte Aufstiegsmöglichkeit zur 
Selbständigkeit. Diese Behauptungen werden aber sämtlich von dem eigensten 
Material des Berichtes widerlegt. In der Übersicht über die einzelnen 
Handwerkszweige (Bd. I, S. 60 — 187) muß der Bericht für fast ausnahmslos. 



r 



224 Besprechungen 

jeden feststellen: Arbeitslosigkeit und Übersetzung (1927 war gute Kon- 
junktur!), Verdrängung durch die Großindustrie (sei es durch Konkurrenz 
um das gleiche Produkt, sei es durch Surrogierung und Bedarfsverschiebun»). 
So erhält die große Zahl der Betriebe, die der Bericht als Beweis für die 
innere Kraft des Handwerks anführt, erst in Relation gebracht mit der Zahl 
der Beschäftigten, des Umsatzes, der Kapitalbildung und des Einkommens 
ihre wahre Bedeutung: 70,5% aller industriellen Unternehmen sind Hand- 
werksbetriebe, auf die aber nur 29,2% der hier Beschäftigten entfallen; der 
Anteil am Gesamtbinnenumsatz 1928 beträgt 7,85%, an dem der Industrie 
18% (Berechnungen des Institutes für Konjunkturforschung, Berlin.) Der 
Bericht gelangt zwar zu 20% als Anteil am Gesamtumsatz, doch ist diese 
Zahl in keiner Weise nachprüfbar erläutert. Nach Angaben des Berichtes 
haben etwa s/io aller Handwerksselbständigen ein Einkommen bis zu 
höchstens 3000 EM. jährlich. Die Kapitalbildung im Handwerk ist un- 
zureichend. 

Der Bericht kennt keine Definition seines Untersuchungsobjektes und 
lehnt jeden Versuch zu einer solchen ab. Er ersetzt sie durch den Berufsstand, 
dem außer den in Handwerksbetrieben Tätigen alle in der Wirtschaft vor- 
wiegend qualifizierte Handarbeit Leistenden zugerechnet werden. So werden 
etwa die Maßschneiderabteilungen großer Konfektionshäuser dem Hand- 
werk zugezählt, wodurch der auf der Art der Arbeitsleistung aufgebaute 
Berufsstandsbegriff ad absurdum geführt und sein handwerkspolitischer 
Zweck deutlich gemacht wird. 

Die Methode des Berichtes ist unklar und beschränkt sich darauf, 
ohne auf Entwicklungstendenzen Rücksieht zu nehmen, ein Augen- 
blicksbild zu entwerfen, aus diesem aber letztgültige Schlüsse zu 
ziehen. Die Aussagekraft der Tatsachen wird durch eine ziemlich 
verworrene und unsystematische Anordnung verschleiert, die Zusammen- 
gehöriges auseinanderreißt und gesondert, ohne Beziehung zu anderen 
Faktoren, „ausdeutet", wie etwa Zahl der Betriebe, Umsatz, Zahl der 
Tätigen usw. 

Jedoch sei noch einmal betont, daß der Bericht eine einzigartige Mate- 
rialsammlung darstellt, die für die neuere Zeit erst die Basis zu einer wirk- 
lichen Erforschung des zumindest soziologisch noch überaus interessanten 
Handwerks gibt. 

Emil Grünberg (Frankfurt a. M.). 



Niemeyer, Annemarie, Zur Struktur der Familie. F. A. Herbig. Berlin 
1931. (175 S.; RM. 7.50). — Baum, Marie, u. Alix Westerkamp, 
Rhythmus des Familienlebens. F. A. Herbig. Berlin 1931. (190 S.; 
geb. RM. 9.—). — Martens-Edelmann, Agnes, Die Zusammensetzung 
des Familieneinkommens. Verlagsges. R. Müller. Berlin 1931. 
(76 S.; geb. RM. 3.90). — Wildennayn, F., Die Auflösung der Familie. 
A. Protte. Berlin 1931. (105 S.; geb. RM. 3.20). — Kahle, Margarete, 
Beziehungen weiblicher Fürsorgezöglinge zur Familie. J. j_. 
Barth. Leipzig 1931. (ISS S.; geb. RM. 10.—). — Lindquist, Ruth, The 



Spezielle Soziologie 225 

Family in the Present Social Order. Vniversity of North Carolina 
Press. Chapel Hill 1931. (XIII u. 241 S., $ 2.50). — Wagener, Hermann, 
Der jugendliche Industriearbeiter und die Industriefamilie. 
Münsterverlag. Münster i. W. 1931. (145 S.; geh. EM. 3. ;. Konfes- 
sionen und Ehe. In: Religiöse Besinnung, lief tl, Jg. IV (1931 32).From- 

manns Verlag. Stuttgart 1931. — Bäumer, Gertrud, Die Frau im'neuen 

Lebensraum. F. A. Herbig. Berlin 1931. (285 S.; RM. 7.50). Mh>au 

Hermann, Familienforschung und Sozialwissenschaft. Deqener 
& Co. Leipzig 1931. (32 S.; geh. RM. 2.—, geb. RM. 3.50) 
Die deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit läßt 
unter der Leitung von Alice Salomon und Gertrud Bäum er eine Schriften- 
reihe „Forschungen über Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegen- 
wart" erscheinen. So gibt Annemarie Niemeyer eine recht brauchbare 
Bestandsaufnahme von allgemeinen statistischen Daten über die Familie. 
Systematisch wird unterschieden: 1. Sozialbiologische Familienstatistik: 
Geschlechterstatistik, Ehestatistik oder Familienstatistik im engeren Sinne, 
Statistik der unehelichen Familie; 2. Sozialökonomische Familienstatistik: 
Allgemeine Haushaltungsstatistik, Wohnungsstatistik, Statistik der Haushalt- 
rechnungen. — Marie Baum und Alix Westerkamp untersuchen „das von 
einer Familie täglich zu leistende Arbeitspensum" d. h. die von jedem 
Familienmitglied täglich innerhalb und außerhalb des Hauses zu leistende 
Arbeit; ferner wird dargestellt, welche Tagesstunden diese Arbeiten in An- 
spruch nehmen und in welcher Weise sie den einzelnen belasten. Das be- 
nutzte Material (70 Familien) ist zu klein, als daß an die Forschungsergeb- 
nisse verallgemeinernde Schlüsse geknüpft werden könnten. Erwägt man, 
daß die Sachkenntnis der Autoren ihnen eine A\iswahl von typischen Fa- 
milien ermöglichte, so ist die statistische Behandlung der Materie unan- 
gemessen, ein Fehler, der übrigens bei A. Westerkamp weniger hervortritt. — 
Zu der in den letzten Jahren stark angewachsenen Literatur über die Ein- 
kommensverhältnisse verschiedener Familientypen liefert Agnes Martens- 
Edelmann einen Beitrag, in welchem über von anderer Seite seit 1925 veran- 
staltete Erhebungen über das Einkommen von zusammen 3102 Arbeiter-, 
Angestellten- und Beamtenfamilien referiert wird. Von der Verfasserin 
selbst wurde das Monatseinkommen in 69 minderbemittelten Familien 
unter Berücksichtigung der regelmäßig von den Haushaltungsmitgliedern 
für den Haushalt unentgeltlich geleisteten Arbeit untersucht. Dabei ist — 
wohl erstmalig — nach dem Marktwert derartiger Arbeiten gefragt worden. 
Die sehr interessante Arbeit zeigt, daß in vielen Fällen das Familieneinkommen 
mehr als doppelt so groß ist wie der Arbeitsverdienst des Mannes, während 
letzterer etwa 75% des Familieneinkommens auszumachen pflegt, wenn 
man dieses nach sonst üblicher Methode berechnet. 

Karl Mennicke (in seinem Vorwort zur Schrift von Wildenhayn) 
hält die Methode der genannten Schriften für verfehlt, nicht nur wegen des 
zu eng begrenzten Materials und der zu unbefangenen Benutzung der Selbst- 
zeugnisse der Befragton, sondern weil es versäumt wurde, von der durch 
die Breite des gesellschaftlichen Lebens hin nachweisbaren strukturellen 
Formveränderung des Familienlebens auszugehen und den Einzelbeob- 
achtungen und -erhebungen einen nur erläuternden bzw. differenzierenden 
Zeitschrift für Sozialforschung i e 






226 Besprechungen 

Sinn beizulegen. — A. Niemoyer hatte gefunden, daß nur 60 — 80% der 
Volksschüler zu normalen Vollfamilien gehören; die „unvollständige" Fa- 
milie -wird nun genauer von Wilden hayn nach der statistischen und nach 
der fürsorgepolitischen Seite hin untersucht. Besonders wertvoll ist die 
Darstellung der einzelnen sozialpolitischen Systeme in ihrer spezifischen 
Bedeutung und ihren Substitutionsmöglichkeiten. — Ebenfalls von der 
unvollständigen Familie geht Margarete Kahle aus, wenn sie untersucht, 
welche Grundhaltungen das jugendliche Mädchen in seiner Situation als 
Fürsorgezögling von sich aus zu seiner Familie einnimmt, wie die Haltung 
der Eltern in dieser Situation zum Mädchen ist, wie sich beide gegenseitig 
beeinflussen und welche Beziehungen sich daraus ergeben. Sehr sympathisch 
wirkt die behutsame Art der Auswertung der Protokolle. Das Buch ist eine 
Fundgrube feinster psychologischer Beobachtungen. — Von der sozial- 
pädagogischen Seite her behandelt Ruth Lindquist das Familienproblem, 
indem sie 306 Haushaltungen von mittleren nordamerikanischen Ange- 
stellten darauf untersucht, mit welchen Schwierigkeiten materieller und 
seelischer Art sie zu kämpfen haben und wie der Unterricht der verschie- 
denen Schulgattungen gestaltet werden muß, um auch auf diesem Gebiet 
wirksame Hilfe leisten zu können. — Beiträge zur Psychologie der Reifezeit 
liefert Hermann Wagener; er macht die Industrie Jugend im Reifealter 
und ihr Verhältnis zu Vater, Mutter, Geschwistern usw. zum Gegenstand 
seiner Forschung. Es kommt ihm dabei auf die pädagogischen Einflüsse an, 
die von der Familie zu dem Jugendlichen bestehen, und er gelangt zu 
dem Ergebnis, daß sowohl für jeden einzelnen Erzieher als auch für jede 
Erziehungsgemeinschaft der Aufblick nach oben schlechterdings unent- 
behrlich ist. — Mit der Haltung der Konfessionen gegenüber dem Eheproblem 
beschäftigt sich Heft 1, 1931, der Zeitschrift „ReligiöseBesinnung". Ge- 
boten wird vor allem eine Kritik der päpstlichen Enzyklika „casti connubii" 
vom 31. Dez. 1930 und der sog. Lambeth-Botschaft der anglikanischen 
Bischöfe vom Sommer 1930, die gleichfalls von Ehe und Geschlechtsleben 
handelt. Dabei die Anpassungsversuche der Gesellschaft an den Entwick- 
lungszustand der modernen Zivilisation, in erster Linie der Technik, als 
Verwilderung der Sitten, Entgeistigung der menschlichen Beziehungen usw. 
zu kennzeichnen und alledem ein hartnäckiges „Zurück!" entgegenzu- 
rufen, scheint nicht auf der Linie der Wiedergewinnung einer größt- 
möglichen Harmonie der sozialen Beziehungen zu liegen., 

Eine soziologische Betrachtung der Familie stößt sehr bald auf das 
Problem der Frau. Aus allen bisher zitierten Schriften ergibt sich klar, daß 
das Wohl und Wehe auch der modernen Großstadtfamilie ganz wesentlich 
von der moralischen Kraft der Frau abhängt. Vorbildlich wird diese Materie 
von Gertrud Bäumer dargestellt. Sie findet, daß die wesentliche Bedeu- 
tung der Familie nicht in ihrer Eigenschaft als Arbeits- und Wirtschafts - 
zelle liegt und also nicht an Wert und Sinn in dem Maße verliert, als ihre 
wirtschaftlichen Funktionen sich verändert haben, daß vielmehr die bluts- 
verwandten Bindungen den übrigen durchaus übergeordnet sind und als 
solche Bestand haben. Bäumer muß dabei allerdings die Behauptung auf- 
stellen, daß unsere heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse „soziale Miß- 
bildungen" sind, an die sich anzupassen ein Unding ist. 






Spezielle Soziologie 227 

Anregungen für eine Methodik der Erforschung des sozialen Auf- und 
Abstieges von Familien bietet Hermann Mitgau, indem er zeigt, daß dabei 
das sog. Generationsschicksal die entscheidende Rolle spielt und daß dieser 
Fragenkomplex von der bisher nur genealogisch erfaßten Generation her 
bearbeitet werden muß. Justus Streller (Leipzig). 

Ehrenburg, Uja, Die Traumfabrik. Malik-V erlag. Berlin 1931. (310 S.- 

hart. RM. 3.50, geb. RM. 5.50) 
Petzet, Wolfgang, Verbotene Filme. Sozietäts-V erlag. Frankfurt a. M. 

1931. (160 S.; RM. 2.50) 
Fülöp - Miller, Rene, Die Phantasie - Maschine. P. Zsolnay, Berlin 1931 

(203 S.; RM. 3.50, geb. RM. 6.—) 
Arnlicim, Rudolf, Film als Kunst. Ernst Rowohlt. Berlin 1932. (339 S.; 

br. RM. 7.—, geb. RM. 9.—) 

Der Film ist bis jetzt weder soziologisch noch psychologisch, ja nicht 
einmal ästhetisch zusammenfassend untersucht worden. Erst in der letzten 
Zeit widmen sich einige beachtliche Arbeiten der Analyse des Films; aller- 
dings bedient sich keine von ihnen einer wissenschaftlichen Methode. 

Die aufschlußreichsten Feststellungen enthält das neueste Werk Uja 
Ehrenburgs. In dieser Chronik der jungen Filmindustrie wird aufgezeigt, 
von welchen ökonomischen und soziologischen Faktoren die Erzeugung 
des heute so wichtigen Konsumtionsgutes „Film" abhängig ist. Am lau- 
fenden Band werden in öder, monotoner Arbeit die Wunschträume für den 
Kinobesucher hergestellt, der vor Not und Hoffnungslosigkeit, vor der 
Erschöpfung nach öder, monotoner Arbeit ins Lichtspielhaus entflieht. Die 
Filmfabrikation verfolgt ebenso wirtschaftliche wie soziale Interessen; ihre 
Produkte bringen große Gewinne und dienen dazu, die Masse des vorhan- 
denen und des werdenden Proletariats der herrschenden Klasse gefügig 
zu machen. Staat und Gesellschaft, Kirche, Armee und Polizei bedienen 
sich dieser mächtigen Kampfmittel. „Das ist die Zauberschachtel, die die 
Welt regiert. Das ist eine große Erfindung, und das ist Öde, grausame fres- 
sende Öde. Das ist der Film." Ehrenburg setzt in der vorliegenden 
Arbeit die Reihe seiner materialistischen Wirtschaftsberichte fort, die er 
mit Beiträgen über die Autoindustrie und die großen Trusts begonnen hat. 
Er gibt auch in ihr ein aufschlußreiches, umfassendes Material, gekleidet 
in die ihm eigene fesselnde Ausdrucksform der romanhaften Reportage. 

Eine interessante Ergänzung zu Ehrenburgs Werk stellt die Broschüre 
Petzet s dar, in der über die maßlose Willkür der deutschen Filmzensur 
berichtet wird. Das unterbreitete Material und die genaue Analyse des 
Lichtspielgesetzes zeigen das blinde Walten dieses amtlichen Apparats. 
Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung: die Filmindustrie steht nur in 
einem scheinbaren Gegensatz zu der Prüfstelle, in Wirklichkeit decken 
sich die Intentionen der Produktionsfirmen und des Kontrollorgans mit 
seltenen Ausnahmen in völliger Kongruenz. Die Schrift Petzets wäre 
noch wertvoller, wenn sie in der Auswahl des Materials und in seiner 
Interpretation klarer die ökonomischen und soziologischen Ursachen für 
die behördliche Tätigkeit enthüllte; der liberale Standpunkt des Verfassers 



15* 



228 Besprechungen 

verhindert eine Bloßlegung, wie sie die materialistische Methode ermög- 
licht hätte. 

Für den Soziologen, der psychologische Tatsachen zu verwerten weiß, 
sind viele der Erkenntnisse aus Fülöp-Millers Untersuchung ein brauch- 
bares Material. Eine gewisse Vorsicht ist dabei am Platze, da der Verfasser 
durch den Verzicht auf jede soziologische Fundierung seiner psychologischen 
und zum Teil ästhetischen Ausführungen zu manchen falschen Schluß- 
folgerungen gelangt; er verficht die oft ausgesprochene irrige These, daß 
allein der Publikumsgeschmack die Filmproduktion bestimme. Auch die 
ökonomischen Faktoren für die Filmerzeugung sind unzulänglich dargestellt; 
eine schiefe Parallele zwischen Film- und Kleiderkonfektion, die sich durch 
das ganze Buch zieht, verzerrt das Bild dieses Wirtschaftszweiges. Kultur- 
historische Exkurse bis ins Altertum und Mittelalter verschleiern die Unter- 
suchungen über den Film, der doch ein typisches Produkt und Ausdrucks- 
mittel des Kapitalismus ist. Die Arbeit enthält eine Reihe richtiger 
psychologischer Erkenntnisse und Beobachtungen; den dilettantischen 
Verzicht auf jede wissenschaftliehe Methodik verbirgt der Verfasser durch 
ein wissenschaftliches Gewand aus zahllosen Zitaten von Demokrit und 
Aristoteles bis zu Bergson und Graf Keyserling. 

Arn hei ms sehr gründliche und umfassende Ästhetik des Films kämpft 
für dessen Anerkennung als Kunstgattung. Wer sich mit der neuen Kunst- 
form des Films soziologisch auseinandersetzen will, wird gut tun, sich aus 
dieser kritischen und apolegetischen Analyse zu unterrichten. Obwohl das 
Schwergewicht der Arbeit auf ästhetischem Gebiet liegt, sieht A. sehr wohl 
die Abhängigkeit des Films von den wirtschaftlichen und sozialen Zuständen: 
„wer den Film verbessern will, muß erst die Gesellschaftsordnung ver- 
bessern". Carl Dreyfuß (Frankfurt a. M.). 

Waples, Douglas, u. Kalph W. Tylcr, What people want to read about. 
A study of group interest and a survey of problems in adult reading. Uni- 
versüy of Chicago Press. Chicago 1931. (XXX u. 312 S.) 

Das vorliegende Buch gibt Kenntnis davon, daß eine Fragestellung, die 
uns in Deutschland in den letzten Jahren lebhaft beschäftigt hat, neuerdings 
auch in Amerika mit großem Nachdruck aufgegriffen worden ist. Es ist 
die Frage, was sich aus dem statistisch und durch andere Beobachtung faß- 
baren und meßbaren Lesebedürfnis einzelner Gruppen auf einzelnen Ge- 
bieten geistigen Lebens für Schlüsse ziehen lassen, die dann für die prak- 
tische Arbeit des Bibliothekars und Buchhändlers, aber auch für die mehr 
theoretische des Soziologen und Sozialpsychologen von großer Bedeutung 
sein können. Man wandte diesseits und jenseits des Ozeans verschiedene 
Methoden an. Während das unter der Leitung von Hofmann stehende Leip- 
ziger Institut für Leser- und Schrifttumskunde, fußend auf der Ausleih- 
statistik von Büchern, ausgeht von dem wirklich gelesenen Buch, geht Waples 
in Amerika von dem Wunsch aus, ein Buch über ein bestimmtes Thema zu 
lesen, den er in Fragebogen zu erfassen sucht. Wir können und wollen hier 
nicht entscheiden, welcher Weg mein- verspricht; wichtig ist, daß die Be- 
deutung der Fragestellung dtirch diese Doppeltheit der Arbeit unterstrichen 
wird, und wichtig ist, daß die angebahnten Arbeitsbeziehungen beider In- 



Spezielle Soziologie 229 

stitute die Möglichkeit einer gegenseitigen Korrektur und Ergänzung in 
Aussicht stellen. 

Trotz der Gleichheit des Ausgangspunktes ist uns Deutschen das Buch 
des Amerikaners zunächst etwas fremd. Man spürt andere soziale Verhält- 
nisse und andere soziale und soziologische Betrachtungsweisen, wenn unter 
den für das Leseinteresse maßgebenden Faktoren zwar Geschlecht, Schul- 
bildung und Beschäftigung genannt, aber die Frage der Klassenzugehörig- 
keit nicht erörtert wird. Wir glauben Kalkulationen aus dem ameri- 
kanischen Geschäftsleben vor uns zu haben, wenn wir sehen, wie man 
mit allen Methoden der Mathematik Wahrscheinlichkeitskoeffizienten für 
die Wirkung einer Büchergruppe auf eine Lesergruppe errechnet. — Und 
man spürt den entwicklungsfrohen Optimismus des fremden Landes, wenn 
man die hoffnungsvolle Freude des Verf. sieht, mit der er die Möglichkeiten 
der sicheren, berechenbaren Grundlage für die Arbeit des Bibliothekars, des 
Verlegers und des Sortimenters aufzuzeigen hofft. Doch das alles erklärt sich 
aus der Situation Amerikas, die unserer nicht gleicht. Man wird die Fort- 
setzung der Arbeiten, die W. ankündigt, mit Spannung zu erwarten haben, 
da sie vor allem die sozialpädagogisehe Ausdeutung des erarbeiteten Materials 
bringen wird, die hier nur in Anfängen vorhanden ist und vorhanden sein 
kann. Das Buch hat für unsere Arbeit seinen Hauptwert in dem Eifer, dem 
Ernst und der Gründlichkeit, mit denen das Problem angegriffen ist. Sie 
werden das Interesse der Öffentlichkeit in Europa an diesen Fragen und 
an den begonnenen Arbeiten — ich nenne das kürzlich erschienene Buch 
von Walter Hof mann: Die Lektüre der Frau — steigern, und das ist not- 
wendig. Denn die Fragestellung ist über den engeren Fachkreis weit 
hinaus wichtig. Adolf Waas (Frankfurt a. M.). 

Thurnwald, Richard, DiemenschlicheGesellschaft in ihren ethnosozio- 
logischen Grundlagen. 1. Band: Repräsentative Lebensbilder von 
Naturvölkern. Walter de Gruyter. Berlin und Leipzig 1931. (311 S. [mit 
Tafeln u. Abb.]; brosch. RM. 18.—, geb. RM. 20.—) 
Anlageplan und Zielsetzung der auf 5 Bände berechneten Gesamtver- 
öffentlichung, vor allem aber die methodologische Grundlegung, wie sie sich 
aus dem programmatischen Vorwort und der historisch -kritischen Ein- 
leitung des vorhegenden 1. Bandes ergibt, lassen erkennen, daß dieses Werk 
allein schon durch die gedankliche Durchdringung und die methodische 
Verarbeitung des Stoffes der Völkerkunde und der Soziologie einen starken 
Impuls geben wird und der Behandlung ethnosoziologischer Probleme neue 
Wege weist. In der Völkerkunde dürfte der Angriff auf Kulturkreislehre 
und kulturhistorische Richtung der Ethnologie die Auseinandersetzungen 
über Wesen und Brauchbarkeit ihrer methodologischen Kriterien voraus- 
sichtlich erneut aufleben lassen. 

Den weitaus größten Teil des 1. Bandes nehmen die „repräsentativen 
Lebensbilder" ein, welche die „Gesellungstypen" in ihrem kulturellen Zu- 
sammenhang schildern. Mit diesen knapp formulierten Darstellungen der 
Lebensverhältnisse zahlreicher Naturvölker will T. dem Leser, insbesondere 
demjenigen, dem das umfangreiche und zersplitterte völkerkundliche Mate- 
rial nicht unmittelbar zugänglich ist, einen geordneten Bestand an Tat- 



230 Besprechungen 

Sachen vor Augen stellen, so daß er aus ihnen selbst seine Schlüsse ziehen, bzw. 
die des Autors nachprüfen kann. In solchen Lebensbildern glaubt T. auch 
am ehesten reale Normalformen der menschlichen Vergesellschaftung er- 
kennen und Fehlschlüsse, wie sie die Verwechslung „gedanklicher Ideal- 
typen" und „realer Extremformen" mit sich bringt, vermeiden zu können. 

Die in den Lebensbildern dargestellten Gemeinschaften, Völker oder 
Stämme, gliedern sich nach dem grundlegenden Verhältnis des Menschen 
zu den Quellen seiner Nahrung in zwei Gruppen: die „Wildbeuter" und die 
„Pfleger von Pflanzen und Tieren". Die Wildbeuter sind die Jäger und 
Sammler der Ethnologie; Thurnwald scheidet sie weiter in Wildbeuter 
des Eises (wie die Eskimo), der Steppe, Wüste und des Graslandes (wie z. B. 
die Australier), des Waldes (wie die Weddas auf Ceylon) und endlich des 
Wassers, für die er ein Fischervolk vom Kongo als Beispiel anführt. Aus der 
Gesamtheit der Lebensbilder werden dann unter Ausschaltung regional 
oder historisch bedingter Sonderbildungen die „soziologischen Ergebnisse" 
gezogen. In ähnlicher Weise sind die „Pfleger", d. h. die Bodenbauer und 
die Hirten, gegliedert und behandelt ; ihre Lebensverhältnisse, ihre wirtschaft- 
liche und soziale Struktur sind naturgemäß unvergleichlich komplizierter 
als bei den Wildbeutern. Die Nomenklatur weist manche Sonderbarkeiten 
auf („ungeschichtete Kleinviehhirten", „gestaffelte Kamelhirten" u. ä.), 
aber man gewöhnt sich rasch an sie, da sie für den, der das Buch liest! 
Wesentliches treffend bezeichnet. 

Die folgenden Bände, in denen die „Einrichtungen und Lebensbräuche 
in den Gesellungen selbst", d. h. Familie, Wirtschaft, Staat und Recht 
dargestellt werden, sollen im nächsten Heft dieser Zeitschrift ausführlicher 
gewürdigt werden. 

Ernst Vatter (Frankfurt a. M.). 

Winthuis, J., Einführung in die Vorstellungswelt primitiver Völker. 
C. L. Hirschfeld. Leipzig 1931. (364 S.; RM. 7.—, geb. RM. 8.—J 
J. Winthuis läßt seinen beiden Schriften über das Zweigeschlechterwesen 
eine dritte folgen, die die Gedankengänge der beiden älteren Arbeiten fort- 
führt und vertieft. Alle drei Arbeiten haben nicht nur unsere Kenntnisse 
über Neupommern (wo der Verf. 12 Jahre lang tätig war) beträchtlich be- 
reichert, sondern sie haben auch auf die gesamte Völkerkunde anregend, ja 
aufregend gewirkt. W. bringt zahlreiche Belege dafür, daß viele Naturvölker 
den Menschen nicht als eingeschlechtig, sondern als doppelgeschlechtig, als 
„Zweigeschlechterwesen" ansehen, daß der Glaube an die Doppelgeschlechtig- 
keit in der Weltanschauung vieler Völker eine große Rolle spielt und daß 
manche Gebräuche nur den Zweck haben, dem Menschen die (verloren ge- 
gangene) Doppelgeschlechtigkeit wiederzugeben. Hierüber hinausgehend 
betont W. zunächst die große Bedeutung geschlechtlicher Büder und Vor- 
stellungen für das Denken der Eingeborenen und schließlich die Verschieden- 
heit des „primitiven Denkens" vom „kulturfortschrittlichen Denken". Doch 
schränkt er „die Überzeugung, daß die primitive Denkweise von der euro- 
päischen spezifisch verschieden ist", an verschiedenen Stellen ein, so wenn 
er schreibt, daß sich bei uns „auch in der Oberschicht" gelegentlich primi- 
tives Denken verrate, von dem sich ganz „wohl kein Mensch . . . losmachen" 



Spezielle Soziologie 231 

könne. Auch daß das, was er als ein recht wichtiges Merkmal primitiven 
Denkens ansieht, die vorherrschende Beschäftigung mit geschlechtlichen 
Dingen, ähnlich bei uns zu finden ist, gibt er selber ausdrücklich zu, 
ja er erwähnt sogar, daß die gleichen Bilder für geschlechtliche Vorgänge 
wie in der Südsee auch bei den Flamen vorkommen. Man muß dem 
hinzufügen, daß auch die Gleichsetzung „alles Länglichen" mit „dem Männ- 
lichen" bei uns üblich ist; „Lanze, Stock, Zeigefinger, Nase" usw. werden in 
Europa genau so geschlechtlich gedeutet wie bei den Gunantuna (vgl. 
Bd. 9 der Beiwerke zum Studium der Anthropophyteia). — Auch in einer 
anderen Beziehung ist W. im allgemeinen vorsichtig: wie schon in dem Titel 
seines Buches, so spricht er auch in dem Werk selber meistens nur von den 
Anschauungen „primitiver Völker" und nicht etwa in unzulässiger Verall- 
gemeinerung von den Anschauungen der primitiven Völker. Aber gelegent- 
lich gelingt es doch, ihn zu stellen : so führt er (sogar zweimal) zustimmend 
den Satz von H. Naumann an „Die primitiven Völker sind sich ähnlich und 
undifferenziert wie die Kinder". Man wird unbedenklich sagen dürfen, daß 
diese Ansicht falsch ist. 

Zu eingehender Auseinandersetzung mit den W.schen Gedankengängen ist 
hier nicht der Raum. W. hat begeisterte Zustimmung, aber auch entschiedene 
Ablehnung erfahren. Der Kampf um ihn wird hoffentlich zu einer Klärung 
mancher völkerkundlicher Fragen beitragen. 

Paul Leser (Frankfurt a. M.). 

Frazer, James George, Mensch, Gott und Unsterblichkeit. Gedanken 
über den menschlichen Fortschritt. (Aus dem Engl, übers.) C. L. Hirschfeld. 
Leipzig 1932. (XVI u. 364 S.; RM. 6.80, geb. RM. 8.50) 
Dem Nichtvölkerkundler, der sich einen Überblick über F.s Ansichten 
verschaffen will, wird dieser Sammelband, der 177 kurze Abschnitte aus 
älteren Arbeiten F.s abdruckt, sehr willkommen sein, besonders dem- 
jenigen, der vor dem riesigen Umfang des F. sehen Schaffens zurück- 
schreckt. Soweit die Abschnitte schwerer zugänglichen Arbeiten F.s 
entnommen sind, wird auch der Fachgenosse manche Anregung aus dem 
Band gewinnen. Dagegen erscheint mir der Wert des Buches für die 
breite Öffentlichkeit, an die sich diese deutsche Ausgabe wendet, etwas 
zweifelhaft. Im Vorwort spricht F. in erstaunlicher Selbsterkenntnis 
davon, daß wohl der Hauptwert seiner Bücher in den von ihm zu- 
sammengetragenen Berichten über die Zustände bei den sog. Wilden be- 
ruhe. Gerade diese Berichte aber, die „schweren Massen von Tatsachen", 
sind in diesem Band zum großen Teil gestrichen worden, so daß oft nur die 
„allgemeineren Schlüsse" übrig geblieben sind. Und unter diesen Ansichten 
von F. sind manche, das wird man bei aller Ehrerbietung vor der Bedeutung 
des Verf. doch sagen müssen, die überholt oder schief sind. Es erscheint mir 
wenig angebracht, wenn Irrtümer, über die die deutsche Völkerkunde seit 
Jahrzehnten hinaus ist, jetzt als neueste Feststellungen der Wissenschaft ins 
Volk getragen werden. Andererseits sei dankbar anerkannt, daß zahlreiche 
Stellen des Buchs ohne Einschränkung als lehrreich bezeichnet werden 
können und sicherlich manchen zu einer näheren Beschäftigung mit der 
Völkerkunde veranlassen werden. Paul Leser (Frankfurt a. M.). 



232 Besprechungen 

Malinowski, Bronislav, Das G eschlechtsleben der Wilden in Nordwest- 
melanesien. Gretlilein fr Co. Leipzig 1930. (XIX u.442 S. ; geb. EM. 24. > 

Das vorliegende Werk des englischen Ethnologen ist eine Fortsetzung 
seiner Forsehungsberichte über die mutterreehtliche Gesellschaft der Tro- 
briander in Nordwestmelanesien. Es behandelt zum ersten Male in der 
ethnologischen Literatur mit eingehender Gründlichkeit nicht nur die äußeren 
Formen des Geschlechtslebens, Ehe und Familie, sondern auch den Cha- 
rakter des Geschlechtserlebens selbst beim Kinde, Jugendlichen und Er- 
wachsenen. Das besonders Wertvolle des Werkes ist darin zu erblicken, daß 
es auf die Fragen der Geschlechtlichkeit im Zusammenhange mit der wirt- 
schaftlichen und sozialen Struktur der trobriandrischen Gesellschaft ein- 
geht. Ein weiterer Vorzug liegt in der fast vollkommen amoralischen Ein- 
stellung des Autors, die ihn davor bewahrt, im Geschlechtsleben der Wilden 
einen „zügellosen und unmoralischen Lebenswandel" zu erblicken. Neu- 
artig geschildert werden auch die Heiratsriten der Trobriander, die für die 
Auffassung des gesamten gesellschaftlichen Prozesses und seiner Widersprüche 
sehr aufschlußreich sind. 

Bedeutsam für die Beurteilung des Einflusses der sexualfeindlichen; 
Moral unserer Kulturkreise auf die seelische Hygiene ist der Fund M.s, 
daß patriarchalische Völkerstämme im Gegensatz zu den mutterrechtlichen 
eine strikte Familienmoral und voreheliche Sexualeinschränkung auf- 
weisen, gleichzeitig aber auch nervöse Erkrankungen, Perversionen und 
sexuelle Dissozialität. Das bestätigt nicht nur die Freudsche Lehre von der 
Ätiologie der Neurosen, sondern ist auch geeignet, aktuelle Stellungnahmen 
zur Frage der psychischen Hygiene ethnologisch zu fundieren. 

Dieses Standardwerk der Sexualethnologie wird keiner entbehren können, 
der aktuelle oder historische Fragen der Sexualsoziologie behandelt. Es 
kann auch zweifellos dazu beitragen, eine ganze Reihe sachlich falscher und 
moralischer Voreingenommenheit entstammender Auffassungen über die 
menschliche Sexualität aus der Welt zu schaffen. 

Wilhelm Reich (Berlin). 

Leser, Paul. Entstehung und Verbreitung des Pfluges. Aschendorf sehe. 
Verlagsbuchhandlung. Münster i. W. 1931. (XV u. 676 S • br RM 36 SO 
geb. RM. 39.—) 

Das Werk will keine Soziologie der Pflugkultur bieten, sondern eine Unter- 
suchung über Entstehung und Verbreitung des Pfluges. Nach einer ungemein, 
fleißigen Übersicht über die Bodenbearbeitungsgeräte in den einzelnen 
Landern bringt der zweite Teil eine Geschichte des Pfluges. Dabei ergibt, 
sich folgendes Bild: das Ziehen von Handgeräten und die Kenntnis der 
Verwendung von Tieren zum Schleppen von Schlitten waren — und zwar 
wie das Vorkommen der letztgenannten Erscheinungen in der Arktis zeigt! 
schon vor der Genesis der Hochkultur — der Erfindung des Wagens und des. 
Pfluges vorausgegangen. Dieser ist allenthalben einheitlicher Herkunft, 
knüpft nicht an die Hacke, sondern an den von Menschen gezogenen Zieh- 
spaten an, ist in seinen ältesten Formen überall durch das gleiche Gerippe 
und durch das Nichtvorhandensein eines Krümels gekennzeichnet. Dieses. 
Teilstück kommt erst bei einer jüngeren Form vor. Sie hat sich ebenso wie* 



Spezielle Soziologie 233 

der vierseitige Pflug, aber parallel zu ihm aus dem geschilderten frühesten 
Typ entwickelt. Das geschah innerhalb der Hochkultur der Mittelmeer- 
länder, aber nicht bei den Indogermanen ; denn schon vorher sind babylo- 
nische und etruskische Exemplare aufweisbar. 

Die Kritik wird, um mit dem Positiven zu beginnen, anerkennen müssen, 
daß L. der Beweis für seine Thesen im allgemeinen gelungen ist; diese Be- 
hauptung muß aber zwei Einschränkungen erleiden: warum müssen näm- 
lich erstens das Ziehen von Handgeräten und die Kenntnis der "Verwendung 
von Tieren zum Ziehen von Schlitten beide älter sein als nicht nur die Er- 
findung des Pfluges, sondern auch die Erfindung des Wagens ? Das wäre 
doch nur in einem Falle zutreffend, dann nämlich, wenn als erstes Tier der 
Ren gezähmt worden wäre. Mit diesem Argument arbeiten allerdings etliche 
Kulturkreistheoretiker gern. Es bleibt aber unbewiesene Behauptung. Doch 
berührt dieser Einwand diejenigen geschichtlichen Zusammenhänge weniger, 
die L. besonders am Herzen liegen. Schwerer wiegt dann schon ein anderes 
Bedenken. Unerwiesen bleibt nämlich die These: Der Pflug ist nicht aus 
der Hacke, sondern aus dem Spaten abzuleiten. Sie ist Eduard Halm gegen- 
über aufgestellt. In dieser einen Hinsicht muß man aber an der Auffassung 
H.s festhalten. Auch dann bleibt der grundlegende Unterschied zwischen 
Hackbau und Pflugbau bestehen. Er ist eben vor allem dadurch gegeben, 
daß man bei letzterer Seinsform über gezähmte Tiere verfügt und bei ersterer 
nicht. Das Wahrscheinlichste hat übrigens L. selbst geahnt. Auf S. 558, 
Anm. 29, sympathisiert er nämlich mit der Möglichkeit, die Übertragung 
der Zugkraft des Tieres auf ein Bodenbereitungs- Gerät sei eine Misch- 
erscheinung. In diesem Zusammenhange ist insbesondere an die Tatsachen 
der Kulturkreisüberlagerungen zu erinnern. Durch Schmidt und Koppers 
einerseits, durch Franz Oppenheimer andererseits, sowie auf dem Wege emer 
Verknüpfung von Elementen aus den beiden letztgenannten Systemen von 
Seiten des Verf. dieser Rezension sind sie herauspräpariert worden. Im 
übrigen vermag das Werk trotz jener zwei Einwände wertvolle Anregungen 
zu erteilen, und zwar auch noch über das aufgezählte Positive hinaus. Nur 
noch auf zweierlei sei abschließend hingewiesen: Hier wird an einem neuen 
Beispiel die Möglichkeit einer verschiedenartigen Entwicklung aus der gleichen 
Form heraus gezeigt und dadurch abermals das grundsätzliche Problem: 
Kulturkreistheorie und Evolutionismus aufgerollt. Aber auch noch in einem 
ganz anderen Zusammenhang, der die Wissenschaft unserer Zeit besonders 
stark bewegt, vermag ein Resultat des Buches wichtig zu werden. Denn über 
das bislang Bekannte hinaus läßt es die Einheit vorgriechischer Mittelmeer- 
kulturen einschließlich der Etrusker evident werden. Und so wird man, 
wenn man alles in allem nimmt, sich trotz jener zwei Einwände des Buches 
freuen dürfen. Paul Honigsheim (Köln). 

Arbeiten zur biologischen Grundlegung der Soziologie. Bd. X (1. und 
2. Halbband) von Thumwalds Forschungen zur Völkerpsychologie und 
Soziologie. C. L. Hirschfeld. Leipzig 1931. (378 und 218 S.; br. RM. 
28.50) 
Zehn Autoren geben eine Sammlung mehr von Auffassungen als von 

neuen Tatsachen, ein eindringliches Beispiel dafür, daß der Eklektizismus 



234 Besprechungen 

zunimmt, je mehr sich die Wissenschaf ten von der Benutzung mathematischer 
Darstellungsmittel entfernen. Erst recht fehlt die durchgehende Betrach- 
tungsweise, die verwickelte Verhältnisse aufklären könnte. Auf mehr oder 
minder geläufige oder eigens ersonnene Gedankengebilde werden Erfah- 
rungen und Deutungen zurückzuführen gesucht. Die Biosoziologie verlangt 
freilieh mehr. 

H. Lege wie bemüht sich um die Bedeutung der Tiersoziologie für die 
Gesellschaftslehre des Menschen. Im Mittelpunkt seiner Darstellung steht 
der „Zusammenhang Leib-Psyche-Umwelt", mit dem er das Problem „Orga- 
nismus und Umwelt" ausdeutet. Aphoristische Bemerkungen über „das 
Tier als geselliges Subjekt" von T. Geiger behandeln die „sozialen Kontakte 
des Menschen zum Tier". Der inzwischen verstorbene Klassiker der Ameisen- 
biologie E. Wasmann vergleicht die Demokratie in den Staaten der Ameisen 
und der Termiten. Der überaus verdienstvolle Sachkenner gelangt leider 
zu ganz dilettantischen Folgerungen. E. Schwiedland sieht in „Trieb- 
anlage und Umwelt soziale Gestalter". Zufällige Voraussetzungen und 
schöpferische Selbstverwirklichung bestimmen das Werdende. R. Rapaies 
gibt einen populären „Versuch einer Gesellschaftslehre der Pflanzen", dem 
die viel gründlichere und umfassende Darstellung von W. Zimmermann 
über „Pflanzensoziologie" folgt. Wenn auch die neueren Werke von Braun- 
Blanquet und Du Rietz nicht mehr berücksichtigt werden konnten, so 
liegt doch eine gute Einführung in das Gebiet vor. Der philosophische An- 
hang über „Wert-Zweck- Ganzheit- Seele" läßt erfreulicherweise den nüch- 
ternen Naturwissenschaftler erkennen. P. Krische faßt sich in seinen „Bei- 
trägen zur Soziologie der Pflanzen" sehr kurz. Er betont die „starken ge- 
sellschaftlichen Gemeinschaftskräfte" neben dem erbarmungslosen Kampf 
ums Dasein aller gegen alle in der Natur. J. Schjelderup-Ebbes „Des- 
potie im sozialen Leben der Vögel" ist eine Spezialarbeit auf Grund eigener 
Naturbeobachtungen. G. Heberer referiert über das „Abstammungs- 
problem des Menschen im Lichte neuerer paläontologischer Forschung" 
unter Berücksichtigung der Literatur bis 1926 und einiger späterer Arbeiten. 
K. F. Wolff erörtert kurz die soziologische Bedeutung der kraniologischen 
Polantätstheorie. Julius Schaxel (Jena). 

Schaxel, Julius, Das biologische Individuum (in: Erkenntnis, I. Bd. 
H. 6). Felix Meiner. Leipzig 1931. (25 S.) 

Seh. bemüht sich in jahrelanger Arbeit, die Biologie aus ihrem gegen- 
wartigen Zustand, der durch das Nebeneinanderbestehen heterogenster 
Theorien gekennzeichnet ist, herauszuführen: er weist die unbewußt aus der 
Forschung der Vergangenheit übernommenen Denkelemente der heutigen 
Theorien auf, die die Fragestellungen der Forschung vorbestimmen und 
so ihre Losungen beeinflussen. In dem vorliegenden Aufsatz, der aus einer 
geplanten umfassenden Darstellung der modernen Naturwissenschaften 
vom Standpunkt des dialektischen Materialismus einiges empirische Mate- 
rial vorwegnimmt, erbringt Seh. für „den zentralen Begriff jeder meta- 
physischen Biologie", den absoluten Begriff des biologischen Individuums 
als des Unteilbaren, Vereinzelten, der jahrhundertelang den Fortschritt 
•der Forschung hemmte, den Nachweis einerseits der gesellschaftlichen Be- 






Spezielle Soziologie 235 

dingtheit, anderseits seines Zusammenbrechens mit dem Ende der Epoche, 
der er entstammte: an einigen herausgegriffenen Beispielen wird seine Un- 
haltbarkeit gegenüber den Tatsachen der modernen Forschung, seine Relati- 
vierung von allen Seiten her aufgezeigt. Die historische Auflösung des Indi- 
viduums geschah durch den Darwinismus, der die Organismen als Produkte 
historischer Kumulation erkannte, das absolute Individuum also auf das 
Aggregat der unabhängig voneinander an seiner Spezies verlaufenen histo- 
rischen Veränderungen reduzierte. Die genetische Auflösung des Indivi- 
duums geschieht durch die Vererbungsforschung, die aus dem jeweiligen 
physiologischen Individuum nichts anderes als einen willkürlichen Ausschnitt 
aus einem Zusammenhang von Relationen macht. Formal aufgelöst wird 
der Begriff des Individuums durch die Entwicklungsmechanik, die, im Gegen- 
satz zur zielbstrebigen Auffassung der organischen Form als Verwirklichung 
des göttlichen Bauplans im Sinne der idealistischen Morphologie, die ontoge- 
netische Entwicklung als in sukzessiven Akten determiniert erweist, und durch 
das biologische Experiment, das die Teilbarkeit des „Unteilbaren" zeigt. 
Als sozial relativiert erweisen sich die Lebewesen nicht nur in den Bezie- 
hungen der Lebenserhaltung, die durch den Kreislauf des Stoffwechsels 
gegeben sind, sondern auch in allen möglichen Abhängigkeitsverhältnissen 
der Konkurrenz und Kooperanz, die in dialektischem Prozeß zu den ver- 
schiedensten Graden der Vergesellschaftung in der Natur geführt haben. 

Julia Feinberg (Frankfurt a. M.). 

Festschrift zum 70. Geburtstag von Carl Grünberg. C. L. Hirschfeld. 

Leipzig 1932. (560 S.; br. RM. 27.—, geb. RM. 30.—) 

Die Beiträge zu dieser Festschrift legen Zeugnis für die vielseitige Förde- 
rung und Anregung ab, die Grünbergs Forscher- und Lelirtätigkeit einem 
großen Kreis von Schülern und Freunden gegeben hat. Sie behandeln, 
Grünbergs Interessen folgend, Probleme aus den verschiedensten gesell- 
schaftswissenschaftlichen Gebieten. Zur Geschichte der Arbeiterbewegung 
liegen u. a. Edmond Laskines Aufsatz „Socialisme, mouvement ouvrier et 
politique douaniere", Robert Michels' Bericht über eine von ihm selbst ge- 
tragene syndikalistische Unterströmung im deutschen Sozialismus (1903 bis 
1907) und Käthe Leichters Studie über den Weg vom revolutionären 
Syndikalismus zur Verstaatlichung der Gewerkschaften in Italien und Ruß- 
land vor. Untersuchungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte haben Max 
Beer, der über „Social Foundations of Pre-Norman England", und Fedor 
Schneider, der über die soziale Lage des freien Handwerks im frühen Mittel- 
alter schreibt, geliefert. Paul Szendes Beitrag aus der ungarischen Rechtsge- 
schichte — er schildert unter dem Titel „Nationales Recht und Klassenrecht" die 
Tätigkeit der sog. Judexkurialkonf erenz vom Jahr 1861 — ist durch die Pro- 
blemstellung des historischen Materialismus angeregt. — Fragen der ökonomi- 
schen Theorie behandeln die Arbeiten von O.Leichter über „Kapitalismus und 
Sozialismus in der Wirtschaftspolitik" und F. Pollock über „Sozialismus und 
Landwirtschaft", ferner die Aufsätze Stephan Bauers, Henryk Großmanns 
und Franz Oppenheimers. Bauer verfolgt den Ursprung der Doktrin des 
laisser faire und des wirtschaftlichen Gleichgewichts — er nennt diese Theoreme 
„Verlegenheitsmetaphern" — bis in die Medizin. Großmann weist die Kritik 



236 Besprechungen 

zurück, die Rosa Luxemburg an der Marxschen Darstellung der Reproduktion 
des Geldmaterials geübt hat. Oppenheimer stellt bei der Aufklärung der 
gegenseitigen Beziehungen von Stadt und Land das Goltzsche Gesetz in den 
Mittelpunkt. Eine Arbeit von Gerloff unterrichtet über die Entwicklungs- 
tendenzen in der Besteuerung der Landwirtschaft; herangezogen sind die Ver- 
hältnisse in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, der Tschechoslowakei, 
Italien, Rußland undKanada. Die Beiträge Krzeczkowskis und Pribrams 
haben sozialpolitische Themata zum Gegenstand. Den Methodenstreit in 
der Nationalökonomie nimmt Louise Sommer zum Ausgangspunkt einer 
geisteswissenschaftlichen Analyse, die zeigt, wie stark der Ursprung der 
Methodenkämpfe (nicht nur in der Nationalökonomie) im Gegensatz der 
Weltanschauungen verankert ist. Zu den Fragen der Wissenschaftslehre 
nimmt auch Horkheimers Aufsatz „Hegel und das Problem der Meta- 
physik" Stellung: nach ihm ist die Behauptung der Identität von Subjekt 
und Objekt nicht bloß die ausdrückliche systematische Voraussetzung 
Hegels, sondern die implizite aller Metaphysik. Mit ihrer Widerlegung sei 
jeghche Aussage über das „Absolute" getroffen. Nach Fortfall der Subjekt- 
Objekt-These Hegels müßten die Elemente seiner Philosophie entweder in. 
Wissenschaft übergeführt werden oder selbst ebenfalls der Kritik erliegen. — 
Mit geistes- bzw. dogmengeschichtlichen Skizzen zur Interpretation wichtiger 
Bestandteile der Marxschen Gesellschaftslehre sind Max Adler, Rodolfo- 
Mondolfo und K. A. Wittfogel an der Festschrift beteiligt. 

Kurt Mandelbaum (Frankfurt a. M.). 

Ökonomie 1 ). 

Lederer, Emil, Aufriß der ökonomischen Theorie. 3. erw. u. völlig um- 
gearb. Aufl. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Tübingen 1931. (XII u 
351 S.; br. RM. 9.20, geb. RM. 12.—) 

Lederer legt seine „Grundzüge" jetzt in dritter, wesentlich erweiterter 
Fassung als „Aufriß der ökonomischen Theorie" vor. Schon ein Blick auf 
das Inhaltsverzeichnis zeigt, daß L. das übliche Aufbau- und Gliederungs- 
schema der „Einführungen" verlassen hat und seinen Gegenstand methodisch- 
theoretisch entwickelt. Allerdings nicht in einer klassifikatorisch -gerad- 
linigen Systematik, sondern in didaktisch fruchtbaren Gegenüberstellungen 
und Vergleichen. So werden in den beiden Einleitungskapiteln die naturalen 
und sozialen Grundphänomene der Wirtschaft und des Wirtschaftslebens 
dargestellt unter dem Gesichtspunkt ihres Bedeutungswandels in den ver- 
schiedenen Wirtschaftsformen (L. unterscheidet Bedarfsdeckungswirtschaft 
einfache und entwickelte Verkehrswirtschaft). In einem klaren Katalog 
von korrespondierenden, den einzelnen Wirtschaftsformen zugeordneten 
Grundbegriffen kann L. schließlich diese für das Verständnis der historischen 
Natur der heutigen Wirtschaftsverfassung wichtige Analyse abschließen. 
Der eigentliche Hauptteil des Werkes wird ausgefüllt von einer Gegenüber- 
stellung der auf der Arbeitswertlehre aufbauenden klassischen und marxi- 

*) Eine Sammelbesprechung über neuere planwirtschaftliche Literatur- 
mußte wegen Raummangels für das nächste Heft zurückgestellt werden. 






Ökonomie 237 

stischen Schule und der auf der Gebrauchswerttheorie basierenden Grenz- 
nutzensehule. Jedes der beiden Systeme wird zunächst für sich in seinen 
Grundlagen und Konsequenzen entwickelt, die Schwierigkeiten, die von 
jedem Ansatz her entstehen (z. B. Zins- und Lohnprobleme für beide Theorie- 
gruppen, das Zurechnungsproblem speziell für die Grenznutzenschule, die 
Bedeutung der Bedarfsordnung und des Monopolpreises besonders für die 
klassische Lehre), werden aufgedeckt und dann der Versuch gemacht, Grenzen 
und Leistungsfähigkeit beider Systeme abzuwägen. Völlig undogmatisch 
und mit klaren Argumenten nimmt L. zu jedem einzelnen Problem Stellung 
und zeichnet im Anschluß an das Zinsproblem die Grundlinien einer dyna- 
mischen Theorie durch eine kurze Analyse der Wirkungen der Bevölke- 
rungsvermehrung und des technischen Fortschritts. 

L.s Schrift gibt durch die Konfrontierung von klassischer und Grenz- 
nutzenlehre einen guten Überblick über den Stand der ökonomisch-theo- 
retischen Diskussion, bringt, wenn auch nicht dem „reinen Anfänger", 
so doch dem fortgeschrittenen Studenten eine Fülle von Anregungen und 
vermittelt ein wirkliches Verständnis der schwierigen theoretischen Zu- 
sammenhänge. Kein Paukbuch — aber ein Lehrbuch in jenem guten Sinne, 
daß es zum selbständigen Denken geradezu herausfordert. 

Fritz Burchardt (Frankfurt a. M.). 

Ledercr, Emil, Technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit. J. C. B. Mohr 
(Paul Siebeck). Tübingen 1931. (VII u. 126 S.; br. RM. 5.—) 
Lederer untersucht die Wirkungen eines technischen Fortschritts, der 
in einem Teil der Produktion die organische Zusammensetzung des Kapitals 
erhöht, also zu Arbeiterentlassungen führt. Im Ausgangsschema, dem eine 
gleichmäßig wachsende Wirtschaft ohne Produktionsreserven zugrunde 
liegt, ist angenommen, daß der technische Fortschritt durch Ablenkung 
von Kapital aus anderen Verwendungen finanziert wird. Während die 
Kompensationstheorie die Wiederaufsaugung der freigesetzten Arbeiter 
lediglich von einer statischen Angleichung der vorhandenen Produktions- 
elemente abhängig macht, weist L. überzeugend nach, daß die Freisetzung 
erst kompensiert werden kann, wenn zusätzliche Produktionsanlagen ge- 
schaffen sind. Dabei entscheidet der Umfang der Kapitalbildung im Sinne 
der Vermehrung der Arbeitsplätze über das Ausmaß der Kompensation, 
die jedenfalls nicht im bestehenden Kreislauf erfolgt und bei forciertem Tempo 
des technischen Fortschritts überhaupt zweifelhaft wird (strukturelle Ar- 
beitslosigkeit!). Dieses Resultat bleibt auch bei Berücksichtigung des zu- 
sätzlichen Kredits und in der Wirtschaft vorhandener Reserven bestehen, 
mit deren Einführimg L. in die Gedankengänge der Konjunkturlehre ein- 
biegt. Seine Arbeit, die mit der Forderung nach gesellschaftlicher Zügelung 
des technischen Fortschritts schließt, bringt die Theorie der Arbeitslosigkeit 
um ein gutes Stück vorwärts. Kurt Mandelbaum (Frankfurt a. HL.), 

Wagemann, Ernst, Struktur und Rhythmus der Weltwirtschaft. Reimar 
Hobbing. Berlin 1931. (XXVI u. 414 S.; br. RM. IS.—, geb. RM. 20.— ) 

„Die Gesamtheit der verkehrsverbundenen Volkswirtschaften" steht 
in verschiedener „Organisationsform" auf verschiedener „Intensitätsstufe". 



238 Besprechungen 

In funktionaler Wechselwirkung mit der Bevölkerungsdichte und Boden- 
kapazität sind die Intensitätsstufen vor allem charakterisiert durch Quantität 
und Qualität der produzierten Produktionsmittel. Produktivität, Selbst- 
versorgung, Export-Import-Dependenz und Krisenfestigkeit sind natür- 
lich aufs stärkste durch die jeweilige Stufe bestimmt. Die Organisations- 
formen aber sind nicht wie die Intensitätsstufen das technisch-ökonomische, 
sondern das rechtlich- ökonomische Fundamentaldatum. Als für unsere 
kapitalistische Gegenwart relevant unterscheidet W. idealtypisch freie 
Ertrags- und Bedarfswirtsehaft wie gebundene Ertrags- und Bedarfswirt- 
schaft. Real sind diese 4 Typen beispielsweise repräsentiert durch: 1. den 
Hauptteil der agrarischen Marktwirtschaft Europas von 1850 wie der kolo- 
nialen Agrarwirtschaft von 1930, die beide „in der Hauptsache darauf aus 
sind, den Konsum durch den Markttausoh zu ergänzen", 2. jene scharf 
kalkulierende liberal-bürgerliche Profitwirtschaft, welche protektionistisch 
immer mehr modifiziert den 3. Typus vorbereitete — die neomerkantilistisch 
von Zöllen ummauerte und auch sonst staatlich subventionierte, durch- 
kartellierte und vertrustete Profitwirtschaft mit ihrer zwangsläufigen Wen- 
dung zum reinen „Unternehmerstaat" des Faschismus. Der 4. Typus, 
obgleich wie der 3. gebunden, ist „der stärkste Gegenpol des Faschismus" ': 
der Bolschewismus, der im Prinzip „einen reinen Arbeiterstaat begründet" 
und als einzige Organisationsform es verstanden hat, „der Krise auszu- 
weichen". Diese 4 Organisationsformen ergeben zusammen mit den jeweiligen 
Intensitätsstufen — die kerne Entwicklungsstufen zu sein brauchen — 
4 Wirtschaftssysteme, von denen jedes im geographischen Neben- und 
historischen Nacheinander grundverschiedene Wirtschaftsstrukturen auf- 
weist. Und wie zuvor schon in der „Konjunkturlehre" unterscheidet W. 
diese Wirtschaftssysteme oder Realtypen als Nicht-, Halb-, Neu- und Hoch- 
kapitalismus. 

Die ganze Krisentheorie W.s ist Konjunktur- Strukturtheorie. „Wie 
sehr die unorganische Systemmischung innerhalb der Weltwirtschaft" und 
schon innerhalb der Volkswirtschaften die Überwindung der Krisen er- 
schwert", diese Feststellung bildet ein Hauptergebnis seiner Betrachtungen. 
„Die ganze Wucht der krisenhaften Erschütterungen konzentriert sich auf 
den Bezirk der wirklich frei beweglichen Wirtschaftselemente", da „iso- 
lierte Regulierungen einzelner Wirtschaftsvorgänge Störungen auf den 
Nachbargebieten keineswegs verhindern, sondern im Gegenteil oft erst 
hervorrufen oder verstärken". Mischsysteme sind am krisenanfälligsten. 
W. fordert eine Lehre der weltwirtschaftlichen Dynamik und erarbeitet 
durch seine Fragestellung, durch sein Tatsachenmaterial, durch den klaren 
Überblick der Konjunkturlinien bis zum Weltkrieg, die knappe Beschrei- 
bung der Systemumbildung und der Konjunktur nach 1919 ein Stück rea- 
listischer Ökonomie. Es ist schon deshalb eines der wichtigsten ökonomischen 
Bücher aus den letzten Jahren. Die Kausalanalyse der gegenwärtigen 
Krise aber macht es zu einem besonders interessanten und aktuellen 
Werk. 

Heinrich Ritzmann (Frankfurt a. M.). 



Ökonomie 239 

Mitchell, Wesley C, Der Konjunkturzyklus. Problem und Problemstel- 
lung. Nach der vom Verf. durchges. u. erg. Originalausgabe hrsg. v. Eugen 
Altschul. Hans Buske. Leipzig 1931. (XVIII u. 487 S.; br. RM. 26.—, 
geb. RM. 28.—) 

Die Herausgabe des Mitchellschen Werkes in deutscher Sprache, das 
in der ersten Auflage vom Jahre 1913 wegweisend für eine zugleich theore- 
tische und realistische Konjunkturforschung war und in der der Übersetzung 
zugrundeliegenden 5. Auflage bedeutend erweitert und vertieft wurde, ist 
ein nicht zu unterschätzendes Verdienst von E. Altschul, dem Leiter des 
Frankfurter Konjunkturinstituts. Über den Inhalt des Buches selbst, das 
in einem 2. Bande, der die Sachprobleme der Theorie behandelt, fortgesetzt 
werden soll, braucht angesichts seiner internationalen Anerkennung als 
Standardwerk der Konjunkturforschung kaum etwas gesagt zu werden. Es 
enthält einleitend einen Überblick über die gängigen Konjunkturtheorien 
und eine Darstellung des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftsverfassung 
und Konjunkturablauf. Sein Schwergewicht liegt jedoch in der Analyse 
der Methoden der Konjunkturstatistik, ihrer Durchführung am konkreten 
Material und der Aufdeckung der Grenzen ihrer Anwendung. Den Abschluß 
bildet ein Resume der „Business Annais", d. h. eine Untersuchung der 
Konjunkturintensität und -dauer in verschiedenen historischen Epochen 
für fast alle Länder. — Die Übersetzung hat die großen Schwierigkeiten, 
die durch den z. T. recht knappen Stil und die Vielzahl von terminis technicis 
entstanden, geschickt überwunden und vermittelt dem Leser in leicht faß- 
licher Sprache ein klares Bild über den Stand der amerikanischen Konjunktur- 
forschung, Zu den Arbeiten von Wagemann, die vornehmlich die deutsche 
Entwicklung berücksichtigen, dürfte die Altschulsche Ausgabe des Mitchell- 
schen Werkes mit ihren zahlreichen statistischen und graphischen Dar- 
stellungen amerikanischen Materials und ihren umfangreichen Literatur- 
hinweisen eine wertvolle Ergänzung bilden. 

Fritz Burchardt (Frankfurt a. M.). 

Probleme der Wertlehre. Hrsg. v. Ludwig Mises und Arthur Spiethoff. 
Erster Teil. Beiträge von V. Furlan, Friedrich v. Gottl-Otlilienfeld, Wil- 
helm Kromphardt, Robert Liefmann, Ludwig Mises, Oskar Morgenstern, 
Franz Oppenheimer, Othmar Spann, Wilhelm Vleugels, Hans Zeisl. — 
Schriften des Vereins für Sozialpolitik, 183jl. Duncker & Humblot. Mün- 
chen u. Leipzig 1931. (295 S.) 

Man wird von einem Unternehmen, das um der Klärung der werttheo- 
retischen Standpunkte willen den Vertretern der verschiedenen Lehrmei- 
nungen das Wort gibt, nicht erwarten dürfen, daß es viele vorwärtsweisende 
Gesichtspunkte zutage fördert. Umso mehr sei aus der Reihe der Beiträge 
der Aufsatz von Oskar Morgenstern über „Die drei Grundtypen der 
Theorie des subjektiven Wertes" hervorgehoben, weil hier deutlicher als 
es bisher geschehen ist, die fundamentalen Übereinstimmungen zwischen 
der österreichischen, der Lausanner und der angloamerikanischen Variante 
der Grenznutzenlehre herausgearbeitet sind. — Als grundsätzlich liberale 
Theorie wird die Grenznutzenlehre in zwei Aufsätzen von Mises vorgetragen. 



240 Besprechungen 

Seine Darlegungen unterliegen jedoch dorn Einwand Hans Zeisls, der mit 
Recht darauf hinweist, daß die subjektive Theorie über die Zweckmäßigkeit 
von Interventionen, die auf „Datenänderungen" abzielen, nichts aussagen 
kann. — Die Arbeitswertlehre kommt in diesem Band nur durch Oppen- 
heimer zur Geltung. Denn auch Zeisl, der in seinem Beitrag über „Marxis- 
mus und subjektive Theorie" die Überlegenheit des Marxschen Stand- 
punktes verficht, beschreibt den Freismechanismus mit den Denkmitteln 
der Grenznutzenlehre; aber er bestreitet die Fruchtbarkeit der durch die 
moderne Theorie vorgenommenen Einschränkung des Sachgebietes der Wirt- 
schaft auf die Preisgesetze, weil bei solchem Vorgehen alle Prozesse 
unerklärt blieben, durch die sich im Gefolge der Wirtschaftshandlungen 
die Struktur der Gesellschaft und damit die Daten der Preisbildung ändern. 
— Die Aufsätze von Kromphardt und Vleugels befassen sich kritisch 
mit den Gedankengängen, die der Ablehnung der Wertlehre zugrunde liegen. 

Kurt Mandelbaum (Frankfurt a. M.). 

Der internationale Kapitalismus und die Krise. Festschrift für Julius Wolf 
zum 20. April 1932. Ferdinand Enke. Stuttgart 1932. (383 S.; br. EM. 
12.—, geb. RM. 14.40) 

Die Autoren, die an dieser Festschrift zum 70. Geburtstag J. Wolfs mit- 
gearbeitet haben, gehen an die ökonomischen und zum Teil auch politischen 
Probleme der Gegenwart von verschiedenen Seiten heran. Einige Aufsätze 
haben die Weltwirtschaftskrise xinmittelbar zum Gegenstand. Eine Auf- 
klärung über ihre Entstehungsgründe versucht allerdmgs nur Englis, ohne 
mit seinem Hinweis auf die Geldaufwertung als Krisenursache sehr in die 
Tiefe zu gehen. Ebensowenig kann Mises befriedigen, der unter dem Titel 
„Die Legende vom Versagen des Kapitalismus" in bekannter Weise gegen 
Interventionismus und Etatismus Anklage erhebt. Eine viel realistischere 
Deutung der staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft bietet demgegenüber der 
Beitrag „Ne laissez pas aller !" von Eulenberg, der die wirtschaftspolitischen 
Maßnahmen des Staates nach ihren verschiedenartigen Aufgaben und Wir- 
kungen differenziert. Eine Reihe von Mitarbeitern macht Vorschläge zur 
Überwindung oder Linderung der Krise. Dalberg befürwortet in seinem 
Bericht über „England seit Aufgabe des Goldstandards" eine Nachahmnung 
des englischen Vorbilds. Julius Hirsch empfiehlt zur Teillösung der Arbeits- 
losenfrage die Gründung einer Selbsthilfeorganisation, die in Ausbau bereits 
vorhandener Ansätze (Frankfurter Erwerbslosenküchen usw.) den Arbeits- 
losen ermöglichen soll, sich gegenseitig bei der Beschaffung der Ernährung, 
bei Ausbesserungsarbeiten an Kleidung, Wohnung usw. zu helfen. Der land- 
wirtschaftlichen Absatzkrise kann nach Laur durch Maßnahmen abgeholfen 
werden, die geeignet sind, die Verwandlung des Getreides in tierische Er- 
zeugnisse und den Verbrauch von Fleisch und Molkereiprodukten zu fördern. 
Elsa Gasser -Pfau setzt sich für eine internationale Aktion zur Liquidierung 
der Übervorräte ein : die Vorratsüberschüsse an Lebensmitteln sollen zu sehr 
mäßigen Preisen an Arbeitslose verteilt, die Rohstoffvorräte in ähnlicher 
Weise zur Verarbeitung gebracht werden. 

Ein Sonderabsehnitt der Festschrift ist den Problemen der einzelnen 
Volkswirtschaften gewidmet. Über ein Teilgebiet der deutschen Wirtschaft, 



Ökonomie 241 

den deutschen Maschinenexport, instruiert Hans Krön er. Die Sonder- 
stellung Frankreichs wird unter verschiedenen Aspekten von Ungern - 
Sternberg, Gottfried Salomon und Götz Briefs beleuchtet. Ein Aufsatz 
Cleinows über „Klassenbildung im Sowjetstaat" berichtet vornehmlich 
über das Verkümmern des Sowjetgedankens und das Erstarken der Büro- 
kratie. Hermann Levy behandelt den Aufstieg der fernöstlichen Groß- 
industrie und die Konkurrenzverhältnisse auf diesen Märkten. Über die 
politischen Spannungen im fernen Osten und den pazifischen Gebieten 
orientieren Otte und Grabowski. 

Eine Erscheinung, die sich in der Mehrzahl der großen Länder geltend 
macht, ist der Geburtenrückgang, der — wie Burgdörfer für Deutschland 
feststellt — entgegen der Annahme der ,, Wohlstandstheorie" bei den breiten 
Massen vielfach in noch stärkerem Maße auftritt als bei den Wohlhabenden. 
Als einer voraussichtlichen Folge der zu erwartenden Bevölkerungsstagnation 
vor allem in Europa rechnet Sartorius von Waltershausen mit einem 
quotenweisen Zurückweichen des westlichen Europa im Welthandel. Den 
Einfluß des Geburtenrückgangs auf die Wanderungsbewegung behandelt 
Ferenczi. Zum Schluß sei bemerkt, daß auch Karl Kautsky, ein alter 
Gegner Julius Wolfs, mit einem Aufsatz über „Die Fabel von der Natur- 
notwendigkeit des Krieges" an der Festschrift mitgearbeitet hat; er setzt 
sich mit Rudolf Steinmetz, Sigmund Freud und Oswald Spengler ausein- 
ander. Kurt Mandelbaum (Frankfurt a. M.) 

Marx, Karl, „Das Kapital", Kritik der politischen Ökonomie, 1. Bd., neu 
herausgegeben und mit einem Geleitwort von Karl Korsch. Gustav Kiepen- 
heuer. Berlin 1932. (76S S., geb. BM. 2,85) 

Korsch hat sich die Aufgabe gestellt, eine „zugleich treue und für jeder- 
mann lesbare Ausgabe des Marxschen Kapitals" zu besorgen. Die druck- 
technisch einwandfreie, handliche und erstaunlich billige Neuausgabe hat den 
besonderen Vorzug, daß darin alles getan ist, um dem Nichtfachmann die 
Lektüre zu erleichtern: alle fremdsprachlichen Zitate sind übersetzt, die 
anglizistischen Eigentümlichkeiten des Marxschen Stils ins Deutsche über- 
tragen, Stichworte am Kopf jeder Seite erleichtern die Orientierung, Fuß- 
noten, die für den heutigen Leser belanglos sind, wurden gekürzt oder ganz 
weggelassen, und am Schluß finden sich ausreichende biographische Notizen 
über alle wichtigen Eigennamen, eine Aufführung der zitierten Werke und 
ein Fremdwörterverzeichnis. Diese bedeutende herausgeberische Leistung 
darf trotz gelegentlicher Irrtümer als geglückt gelten, der Herausgeber hat 
die große Schwierigkeit, bei allem Bemühen um Popularisierung eine mög- 
lichst treue Wiedergabe des Originals zu geben, mit Erfolg gelöst. 

Die besondere Note dieser Ausgabe liegt darin, daß sie eine Wiedergabe 
der zweiten, noch von M. allein besorgten deutschen Auflage des „Kapitals" 
von 1872 darstellt. Die später erschienene französische Ausgabe, die von M. 
durchgesehen worden ist und zahlreiche Zusätze und vereinfachte Ausdrücke 
enthält, ist von K. „nur in solchen Fällen berücksichtigt, wo dadurch der 
streng wissenschaftliche Aufbau und die künstlerische Geschlossenheit" der 
vorhergegangenen deutschen Ausgabe nicht gestört wurde. Allerdings 
können uns die K.schen Argumente für die Überlegenheit der 2. Auflage des 
Zeitschrift für Sozialforsehung jg 



242 Besprechungen 

M. sehen Werkes gegenüber den späteren Überarbeitungen von Marx und 
Engels bzw. Kautsky und Rjasanov, nicht ganz davon überzeugen, ob es 
nicht doch richtiger gewesen wäre, eine spätere Ausgabe zugrunde zu legen. 
Jedoch sind die Unterschiede der verschiedenen Ausgaben nicht so bedeutend, 
daß durch die Bedenken gegen die Wahl der 2. Auflage der Wert des vor- 
liegenden Buches als populärer Fassung des Werks geschmälert würde. 

A. F. Westermann (Frankfurt a. M.). 

Hoffmann, Walther, Stadien und Typen der Industrialisierung. 
Ein Beitrag zur quantitativen Analyse historischer Wirtschaftsprozesse. 
Gustav Fischer. J e na 1931. (VII u. 190 S.; EM. 9.—) 

Hoffmann hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Industriewirtschaften der 
wichtigeren und dank ihrem statistischen Material erfaßbaren Länder in- 
haltlich nach ihrem Entwicklungsgrad miteinander zu vergleichen und ihr 
Wachstumstempo zu erfassen. Er muß zu diesem Zweck typische Gestal- 
tungen des industriewirtschaftlichen Aufbaus herausarbeiten, die einen 
Vergleich in räumlicher wie zeitlicher Hinsicht ermöglichen. Ein brauch- 
bares Strukturkriterium bietet nach den theoretischen Überlegungen des 
ersten Teils das Größenverhältnis zwischen Konsumgut- und Kapital- 
gutindustrien. Da sich diese Relation im Laufe der Entwicklung derart 
verschiebt, daß die anfängliche Vorherrschaft der Konsumgutindustrien 
kontinuierlich zugunsten der Kapitalgutindustrien zurückgeht, ist es mög- 
lich, den Entwicklungsprozeß in Stadien zu zerlegen, die durch typische 
Größenordnungen der beiden Produktionsabteilungen gekennzeichnet sind 
und deren Abfolgecharakter dadurch hervorgehoben werden kann, daß die 
aus dem Material gewonnenen Durchschnittstypen in der Richtung der 
Abnahme der Konsumgutindustrien mit dem Index des 1. 2. 3. . . . Sta- 
diums der Industrialisierung versehen werden. Die auf solche Weise mar- 
kierte Entwicklung ist jeweils von einzelnen Industrien getragen, so daß 
weiterhin die Frage erhoben werden kann, von welcher Art diejenigen Bran- 
chen sind, die den größten Anteil an der Strukturänderung haben. Von 
diesem Gesichtspunkt aus lassen sich Typen der Industriewirtschaft nach 
dem Merkmal der jeweils vorherrschenden Einzelindustrie bilden. 

Infolge der Gegenläufigkeit der beiden großen Produktionsabteilungen 
müssen Industrieländer gleichen Alters ähnliche Strukturen aufweisen bzw. 
müssen die einzelnen Volkswirtschaften in jedem Zeitpunkt einen verschie- 
■denen Aufbau zeigen, da sie nacheinander zum Industriekapitalismus über- 
gegangen sind. Die vergleichende Gegenüberstellung der räumlich getrennten 
Wirtschaftsgebiete macht demnach eine zeitliche Fixierung des Industriali- 
;sierungsbeginns erforderlich. H. unterscheidet vier große Perioden, die 
ungefähr durch die Jahre 1770—1820, 1820—1860, 1860—1890 und 1890 
bis zur Gegenwart abgegrenzt sind : in jeder dieser Perioden machen andere 
Länder den Ansatz zur Industrialisierung. 

Im Interesse der Überschaubarkeit der Entwicklungsprozesse war H. 
zur Einführung solcher Zäsuren gezwungen. Ihre Zweckmäßigkeit erweist 
;sich im Gang der Untersuchung, die bei aller vom Thema geforderten theo- 
retischen Zuspitzung doch immer dem Geschichtlichen gerecht bleibt, weil 
JH. bei der Einordnung der einzelnen Industriewirtschaften jeweils die Fak- 



Ökonomie 243 

toren berücksichtigt, deren Wirksamkeit bei der Strukturgestaltung von 
Einfluß war und eventuell zu Abweichungen von den Durchschnittstypen 
geführt hat. Kurt Mandelbaum (Frankfurt a. M.). 

The New Survey of London Life and Labour. Vol. I: Forty years of 
change. Vol. II: London Industries. King. London 1930 u. 1931. 
(I: XVI u. 438 S., II: VIII u. 492 S.) 

Der vorliegende Band bildet die Einleitung zu einer Buchreihe, in der 
die Ergebnisse der gegenwärtigen Enquete über die Lebens- und Arbeits- 
verhältnisse der Londoner Bevölkerung niedergelegt werden sollen. Diese 
Enquete wird unter der Leitung von Sir Hubert Llewellyn Smith von der 
London School of Economics aus unternommen und ist eine Erneuerung 
der großen Untersuchung, welche Charles Booth in den Jahren 1886 — 1903 
durchführte. B. unternahm seine Arbeit zu einer Zeit, in der die ersten 
sozialen Folgen der Erschütterung der absoluten Vormachtstellung der eng- 
lischen Industrie während des vorhergehenden Jahrzehnts sich deutlich fühl- 
bar gemacht hatten und in der es daher nötig war, sich zum erstenmal mit 
den großen sozialen Problemen der Arbeitslosigkeit und der „Armut" im 
allgemeinen ernstlich auseinanderzusetzen. Das fast völlige Fehlen jed- 
weden statistischen Materials brachte es mit sich, daß B. seine Hauptarbeit 
gerade in der Lösung des Problems der Zahlen, des Verhältnisses der 
„armen" Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung und der Definition der 
„Armut" sah. Das Ergebnis war ein äußerst detailliertes Bild der Lon- 
doner Lebensverhältnisse während der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts, 
ein Bild, das jedoch bei aller Wärme und Lebendigkeit des beschreibenden 
Details ganz bewußt ein rein statisches war. 

Die neue Untersuchung hat von B. im wesentlichen die Fragestellung 
übernommen, d. h. sie bewegt sich ausschließlich im Rahmen einer stati- 
stischen Problemstellung, und sie wird ein wesentlich statisches Bdd der 
Verhältnisse 40 Jahre nach B. geben. Der erste Band nun hat die Aufgabe, 
als Einleitung zu der neuen Serie die Verbindung mit B. herzustellen, und 
befaßt sich daher mit den Veränderungen der statistisch erfaßten Lebens- 
verhältnisse der Londoner Bevölkerung während der letzten 40 Jahre, die 
besonders unter den folgenden Gesichtspunkten behandelt werden: Lebens- 
kosten; Geld- und Reallöhne und Arbeitszeit; Mieten und Übervölkerung; 
Gesundheit; Schulwesen; Arbeitslosigkeit und ihre Behandlung; Armenfür- 
sorge; Verbrechen. 

Aus dem Charakter dieses Bandes als Einführung zu dem Gesamtwerk 
ergibt sich die Tatsache, daß die Resultate zunächst als vorläufige anzu- 
gehen sind, die durch die eigentliche Untersuchung erst ihre Bestätigung 
oder, wo nötig, Korrektur erhalten werden. Bei der Bewertung der Ergeb- 
nisse selbst ist die zeitliche Begrenzung zu berücksichtigen. Notwendiger- 
weise mußte bei dem vorliegenden Band das Jahr 1928 in der Hauptsache 
als Endpunkt der statistischen Serien genommen werden, d. h. ein Jahr 
der verhältnismäßigen Hochkonjunktur, in dem vor allem die Londoner 
Industrien noch nicht von der jetzt sehr tiefgreifenden Krise der englischen 
Wirtschaft erfaßt waren. Es folgt die Notwendigkeit, diesen Faktor in Rech- 

16* 



244 Besprechungen 

nung zu ziehen, wenn man aus den dargelegten Verhältnissen ein Bild der 
heutigen Zustände gewinnen will. 

Der zweite Band enthält den ersten Teil der industriellen (im Gegensatz 
zur sozialen) Serie der Beschreibungen. Bauindustrie, Metall- und Maschinen- 
industrie, Holz- und Möbelindustrie, Bekleidungsindustrie, Schuhfabrikation 
und -reparatur, Hafenarbeit und endlich private Dienstbotenarbeit füllen die 
fast 500 Seiten dieses Bandes. Struktur der Industrie, Form und Einfluß so- 
wohl der Arbeitgeber- wie der Arbeitnehmerorganisationen, Einfluß der 
Mechanisierung auf die Arbeitertypen, Löhne und Form der Entlohnung, 
Arbeitslosigkeit usw. werden eingehend beschrieben. 

Das Resultat ist ein überaus reichhaltiges Mosaik von Details, aus dem 
als große Linie im Vergleich zu den Verhältnissen, die Booth beschrieb, 
der Eindruck eines sehr langsamen Wandels mit zähem Festhalten an traditio- 
nellen Formen und besonders auch an der kleinen Werkeinheit hervortritt. 
Bei 21000 Londoner Arbeitgebern mit 10 oder mehr versicherten Arbeit- 
nehmern war die durchschnittliche Arbeitnehmerzahl im Jahre 1930 66; 
die Hälfte dieser Arbeitgeber beschäftigt weniger als 25 Arbeiter, drei Viertel 
weniger als 50, neun Zehntel weniger als 100 — nur 34 Unternehmer in 
Groß -London beschäftigen je mehr als 2000 versicherte Arbeitnehmer! 

Daß dieser Eindruck einer fast an Stagnation grenzenden Langsamkeit 
vorwiegt, mag zu einem gewissen Teil an der vorwiegend statischen Natur 
der Enquete liegen, auf die wir oben hinwiesen, wichtiger aber ist die Tat- 
sache, daß die Symptome eines radikalen Wandels erst jetzt, seit der volle 
Einfluß der Krise sich durchsetzt, klarer zu Tage treten, während die Haupt- 
arbeit für diese Beschreibungen vor und während der ersten Periode der 
Krise geleistet wurde. Diese Tatsache erklärt auch die recht optimistische 
Charakterisierung des Lohnniveaus in diesem Bande — denn die Haupt- 
offensive des Unternehmertums in dieser Hinsicht setzte in London erst vor 
kurzem voll ein. 

Im großen und ganzen steht die — man möchte sagen — akademische Ruhe 
und Distanz der Beschreibung — nur im „Dienstbotenproblem" scheint 
die Wärme der persönlichen Beziehung gegeben zu sein — in eigentümlichem 
Gegensatz zu der unerhörten Spannung und dem Kampf der Widersprüche, 
der die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung ausmacht. 

F. D. Klingender (London). 

Laidler, Harry W., Concentration of Control in American Industry. 
Crowell Co. New York 1931. (XVI, 501 S.; % 3.75) 

Der große Kampf, der in den Vereinigten Staaten von 1880 bis zum Be- 
ginn des Weltkrieges gegen die immer übermächtiger werdende Kapital- 
konzentration in Riesentrusts geführt worden war, hatte damals die Aufmerk- 
samkeit der ganzen Welt auf diese Phase der kapitalistischen Entwicklung 
gelenkt. Und die wirklich durchgesetzte Anti-Trustgesetzgebung sowie 
das energische Vorgehen eigens geschaffener Stellen gegen eine Reihe der 
mächtigsten dieser Wirtschaftsgiganten, vor allem gegen die Standard Oil 
Company, verleiteten weite Kreise zu dem Glauben, es wäre tatsächlich 
möglich, das Gesetz der Konzentration des Kapitals durch gesetzliche Maß- 
regeln zu vereiteln oder zumindest in seiner Wirksamkeit weitgehend ein- 



Ökonomie 245 

zuschränken. Kam diesem Glauben doch die allgemein herrschende libera- 
listische Auffassung von der Notwendigkeit, ja sogar von der segensreichen 
Wirkung der Konkurrenz entgegen, eine Auffassung, die selbst durchaus 
ernst zu nehmende Wissenschaftler veranlaßte, das Gesetz der Konzentration 
entweder gänzlich zu leugnen oder seine Auswirkungen als Entartungs- 
erscheinungen der kapitalistischen Wirtschaft hinzustellen. 

Die Kriegswirtschaft und die protektionistische Wirtschaft der Nach- 
kriegszeit führten jedoch einen Umschwung in der Ansicht der meisten Men- 
schen über die Frage des wirtschaftlichen Liberalismus herbei; die Zusammen- 
fassung der Unternehmungen in Riesenkonzerne und Trusts, der „organi- 
sierte" Kapitalismus, wie er besonders in Europa sich immer stärker entwickelte, 
stieß keineswegs auf eine liberalistische Massenstimmung und dement- 
sprechende Ablehnung, im Gegenteil, man sah in dieser Entwicklung das 
Heil, den Weg in eine bessere Zukunft. Mit Genugtuung, ja sogar mit Stolz 
verfolgte man allenthalben die ständig zunehmende Konzentration des 
Kapitals, nirgends waren — zumindest vor der gegenwärtigen Krise — An- 
zeichen für eine Antitruststimmung vorhanden, wie sie vor dem Krieg in 
den Vereinigten Staaten aufgetreten war. 

Die gegenwärtig die Weltwirtschaft verheerende Krise brachte jedoch 
wieder einen Umschwung in der Stimmung der Völker und auch der Wissen- 
schaft gegenüber der Kapitalkonzentration; immer lauter werden die 
Stimmen, die eben diesen „organisierten" Kapitalismus, diese Kapitalkon- 
zentration für die Dauer und sogar für die Entstehung der Krise mitverant- 
wortlich machen, und es scheint eine Antitruststimmung im Wachsen zu 
sein, die sich aber von der der Vorkriegszeit wesentlich in ihrer Motivierung 
unterscheidet. Denn lag dieser damals das liberalistische Denken zu- 
grunde, so muß hexite die Triebfeder dieser Stimmung mehr in staatskapi- 
talistischen oder sozialpolitischen, jedenfalls aber in planwirtschaftlichen Ge- 
dankengängen gesucht werden. 

Angesichts dieser Umstände nimmt es nicht wunder, wenn sich die Wirt- 
schaftsliteratur der letzten Jahre, die sich mit der Frage der Konzentration 
beschäftigte, mehr mit den europäischen Verhältnissen befaßte, obwohl doch 
Amerika die Geburtsstätte der Trusts und dadurch auch der Ausgangspunkt 
der Bewegung zu ihrer Bekämpfung gewesen war; scheint doch in Europa 
das liberalistische Denken in weit höherem Grade erschüttert zu sein als in 
Amerika. So mußte es sich ergeben, daß man über die Entwicklung der euro- 
päischen Wirtschaft und ihre Konzentration eigentlich besser unterrichtet 
wurde als über die der amerikanischen. 

Laidler unternimmt nun in dem vorliegendem Buche den überaus dankens- 
werten Versuch, die Fortschritte, welche die Konzentration des Kapitals in 
den Vereinigten Staaten trotz aller gesetzlichen Hemmungen gemacht hat, 
aufzuzeigen. Mit ungeheurem Fleiß ist hier Material aus allen Zweigen der 
amerikanischen Wirtschaft zusammengetragen; wir sehen, daß das Konzen- 
trationsgesetz in der Rohstoffwirtschaft wie in der Kraft- und Verkehrs- 
wirtschaft, in der Fertigwarenindustrie wie in der Landwirtschaft, im Handel 
wie in der Finanz entweder bereits zu stärkster Vereinigung der Kontrolle 
über die betreffenden Wirtschaftszweige geführt hat oder doch deutlich in 
dieser Richtung wirkt. 



246 Besprechungen 

Wir sehen aus diesem Buche deutlich, daß der Kapitalismus in seiner 
Entwicklung durch gesetzliche Einschränkungen nicht aufgehalten werden 
kann, daß er es verstanden hat, immer wieder Mittel und Wege zu finden, 
um trotz aller gesetzlichen Hindernisse doch zu einem Zusammenschluß der 
Unternehmungen in den allerverschiedensten Formen zu gelangen. Ungemein 
interessant ist dabei die Feststellung Laidlers, daß hierbei die Frage des 
Besitzes der Unternehmungen nicht mehr die allein ausschlaggebende Rolle 
spielt ; die moderne Finanztechnik ermöglicht es, bereits mit verhältnismäßig 
geringem Eigenkapital bedeutende Unternehmungen zu kontrollieren. 
Ebenso interessant ist Laidlers Hinweis auf die Bedeutung, die der immer 
häufiger werdenden Personalunion der Aufsichtsräte in der Frage der Kon- 
zentration der Wirtschaft zukommt. 

Daß der Sozialist Laidler in dieser Entwicklung eine volle Bestätigung der 
Lehre Marx' von dem Gesetz der Konzentration erblickt, ist selbstverständ- 
lich, wenngleich er sich — beinahe zu ängstlich — davor hütet, über die Dar- 
stellung der Tatsachen hinauszugehen und theoretische Betrachtungen über 
diese Frage anzustellen. Das Buch bleibt daher eine ganz ausgezeichnete 
und dankenswerte Sammlung von Material über Stand und Methoden der 
Kapitalkonzentration in den Vereinigten Staaten, und es bleibt nur zu hoffen, 
daß Laidler uns nun bald auf der Grundlage dieses Buches ein weiteres 
geben wird, worin er sich auch theoretisch mit diesem Fragenkomplex aus- 
einandersetzt. 

Hans Adler (Berlin). 

Wood, Louis Aubrey, Union Management Cooperation on the Railroads. 
Yale University Press. New Haven 1931. ($ 4. — ) 

Wood beschreibt sorgfältig und eingehend die vereinten Bemühungen 
der Angestellten und Direktoren bei der Organisation des Arbeitsprozesses 
auf einigen der nordamerikanischen Eisenbahnen. Die ersten Kapitel 
schildern die rechtlichen Bestimmungen über Instandhaltung, die Arbeits- 
technik, die Aufgaben der Arbeiter, der Direktion und der Gewerkschaften. 
Dann folgt ein Bericht über den Ursprung und die Entwicklung der Zu- 
sammenarbeit. Zu den wertvolleren Kapiteln des Buches gehören die über 
das jetzige Zusammenarbeiten von Gewerkschaften und Direktion, ins- 
besondere die drei Kapitel X — XII über die Vorschläge, die auf den gemein- 
samen Konferenzen behandelt werden: „Der normale Prozentsatz von un- 
annehmbar befundenen Vorschlägen ist sehr niedrig." 

Das Interesse wird sich hauptsächlich auf den Teil des Buches konzen- 
trieren, der die Resultate behandelt. Die betreffenden Kapitel umfassen das 
Problem der Arbeitsfreude, die allgemeine Angleichung des Beschäftigungs- 
grades und die Teilung der Gewinne. W. erklärt, daß zur Zeit „die Gesell- 
schaften lukrativere Gewinne aus der Zusammenarbeit haben als die Leute", 
aber mannigfaltige Vorteile scheinen auch den Arbeitern in bezug auf das Leben 
in der Werkstatt und die Sicherheit der Anstellung erwachsen zu sein. Die 
letzten Kapitel beschäftigen sich mit den Fragen des Lehrlingswesens, der 
Methoden der Lohnzahlung und der Ausbreitung der „Union-Management- 
Cooperation" in anderen Industrien. 






Ökonomie 247 

Eine oder zwei Lücken erscheinen in dem Buch. Es dürfte wertvoll sein, 
die Wirkung der Bewegung vom Standpunkt der Gewerkschaften zu be- 
trachten. Auch die Abschätzung und Verteilung der Gewinne bedarf noch 
der vergleichenden Betrachtung ähnlicher Betriebe. Trotz der propa- 
gandistischen Tendenzen des Verf. zugunsten der Bewegung sind alle rele- 
vanten Tatsachen in Betracht gezogen. Sein Buch berichtet zuverlässig über 
das Entstehen einer Methode dor industriellen Beziehungen, die in Nord- 
amerika wachsenden Anklang findet. 

H. E. Chudleigh (Washington). 

Ritschi, Hans, Gemeinwirtschaft und kapitalistischeMarktwirtschaft. 
I. C B. Mohr. Tübingen 1931. (VIII u. 182 S.; br. EM. 6.—) 

Die neue Schrift Rit seh ls (mit der ich mich an anderer Stelle ausführlicher 
auseinanderzusetzen gedenke) gilt dem Nachweise des dualistischen Charakters 
unserer heutigen Wirtschaftsordnung. Diese beruht, so lautet die Grundthese, 
„auf der Herrschaft zweier Systeme, des gemeinwirtschaftlichen Sy- 
stems, das von der Staatswirtschaft getragen wird, und des Systems der 
kapitalistischen Marktwirtschaft, das von der Tauschgesellschaft 
getragen wird". 

Das Buch zerfällt in vier Abschnitte, deren erster einen „lehrgeschicht- 
lichen Überblick" enthält und nach einer kritischen Durchleuchtung der 
üblicherweise behaupteten Unterschiede zwischen Staats- und Privatwirt- 
schaft einige neuere „Versuche der Erfassung der Staatswirtschaft unter dem 
Begriff eines gemeinwirtschaftlichen Systems" behandelt. Den Kern der 
Arbeit stellen die dann folgenden beiden Abschnitte dar, die die „Staats- 
wirtschaft als Gemeinwirtschaft" und die „Gemeinwirtschaft als 
Staatswirtschaft" zu erfassen und zu deuten suchen. Zunächst wird der 
„gemein wirtschaftliche" Charakter der Staatswirtschaft durch einen ein- 
gehenden Vergleich mit der Marktwirtschaft herausgearbeitet, und zwar 
werden die Wesenseigentümlichkeiten der beiden Wirtschaftsformen an 
Hand einer Untersuchung der respektiven Arten der Gesellung, der Be- 
dürfnisse, der Gesinnung, der Wirtschaftsführung, der Wirtschaftsstruktur 
und der Technik bestimmt. Der dritte Abschnitt der Arbeit gibt in der Haupt- 
sache einen klaren, systematischen Überblick über die „staatswirtschaft- 
lichen Gestaltungsformen der Gemeinwirtschaft", wobei der Verf. 
gewisse Gedankengänge weiterführt, die bereits in seinen früheren Schriften 
angedeutet waren. Der Schlußteil zieht unter dem Titel: „Monistische 
oder dualistische Wirtschaftsordnung?" das Fazit aus den vorher- 
gehenden Untersuchungen. Es werden die Grenzen der beiden Wirtschafts- 
formen aufgewiesen und schließlich die „Umrisse einer werdenden neuen 
Ordnung" gezeichnet. Entsprechend seiner Grundanschauung, der gemäß 
ihm u. a. die soziale Frage „als eine seelische Frage der Einordnung in das 
entseelte Gefüge des Industrialismus" erscheint, setzt sich R. für Werks- 
und Siedlungsgemeinschaften u. dgl. ein — übrigens in origineller Auffassung 
— , während Korporativstaat und -Wirtschaft abgelehnt werden. Erwähnt 
sei schließlich noch, daß in der „neuen Ordnung" für die privaten Monopol- 
unternehmungen eine eigenartige Form von „Sozialisierung" vorgesehen ist. 



248 Besprechungen 

Eine Kritik dieses Buches, die an dieser Stelle, wie erwähnt, nicht mög- 
lich ist, hätte an erster Stelle an der R.schen Grundthese anzusetzen und zu 
untersuchen, ob der behauptete Dualismus zweier Wirtschaftssysteme über- 
haupt sinnvoll gedacht werden kann. Des weiteren wäre die Methode der 
Untersuchung einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Wie mir scheint, 
ist der Verf. nicht der Gefahr entgangen, die Dinge vielfach nicht so zu sehen, 
wie sie sind, sondern wie sie nach R.s idealistischer und idealisierender Auf- 
fassung sein sollten. Besonders deutlich wird das bei den Darlegungen, 
die sich auf der R.schen Theorie des „Gemeinsinns" aufbauen, der das in 
der Staatswirtschaft (= „Gemeinschaft" — im Gegensatz zur Marktwirt- 
schaft = „Gesellschaft") herrschende Gesinmingsprinzip darstellen soll. 

Da im übrigen das neue Buch R.s — ebenso wie seine früheren Schriften — 
sehr anregend und flüssig geschrieben ist, wird es zweifellos auch von den- 
jenigen mit Nutzen gelesen werden, die, wie der Rezensent, der Methode und 
den Ergebnissen des Verf. großenteils nicht zuzustimmen vermögen. 

Fritz Neumark (Frankfurt a. M.). 

Miliner, Frederic, Economic Evolution in England. Macmillan & Co. 
London 1931. (XXII, 451 S.; geb. £ 0. 6. 6) 

Das Buch will eine allgemeinverständliche zusammenfassende Darstel- 
lung der wirtschaftlichen Entwicklung Englands vom Beginn der Geschichte 
bis zur Gegenwart geben. Da es dem Verf. mehr auf eine Synopse als auf 
eine Bereicherung der Detailkenntnis ankommt, stützt er sich im wesent- 
lichen auf sekundäre Quellen, deren Hauptwerke am Schluß jedes Kapitels 
angeführt werden. Ohne Festlegung auf eine bestimmte Geschichtsauffas- 
sung werden die Hauptlinien der ökonomischen Entwicklung für vier große 
Epochen aufgezeigt — für die Epoche vor der Eroberung, für das Mittel- 
alter, für das Zeitalter des Nationalismus und für die Moderne. Die Dar- 
stellung jeder Periode beginnt mit einem allgemeinen Überblick und behandelt 
dann die verschiedenen Wirtschaftszweige. Dabei finden die allgemein- 
politischen Ereignisse, die Wandlungen in den wirtschaftspolitischen An- 
schauungen und die Entwicklung des ökonomischen Gedankengutes ent- 
sprechende Berücksichtigung. Das Schwergewicht des Werkes liegt natur- 
gemäß auf der Wirtschaftsentwicklung seit dem Mittelalter. 

Für die Neuzeit erweist sich das gewählte Gliederungsschema als zu 
weitmaschig und erschwert durch fehlende Unterteilung den Überblick. 
Auch wichtige Strukturen des englischen Aufstiegs im 19. Jahrhundert 
kommen dadurch nicht genügend zum Ausdruck: die Stellung Englands 
als Weltbankier und Kapitalgeber, die Industrialisierung der außereng- 
lischen Länder und ihre Rückwirkungen auf die Industriestruktur Englands, 
Aufbau und Gliederung des englischen Industriekörpers selbst, die wirt- 
schaftliche Bedeutung der Kolonien und andere Züge englischer Wirtschafts- 
gestaltung treten nicht deutlich genug hervor oder sind gar nicht behandelt. 
Trotzdem wird man das materialreiche und konzentrierte Werk, das sehr 
schlicht und anspruchslos geschrieben ist, dem deutschen Leser als Ein- 
führung in die englische Wirtschaftsgeschichte durchaus empfehlen können. 

Fritz Burchardt (Frankfurt a. M.). 






Ökonomie 249 

Morandi, Rodolfo, Sforza della grande industria in Italia (Geschichte 
der italienischen Großindustrie). Laterza. Bari 1931, (300 S.; L. 22. ) 

Morandi hat die Entwicklung der italienischen Industrie skizziert und 
dabei auch die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse berücksichtigt, 
die mit seinem Thema zusammenhängen. Im ersten Teil, der der Ent- 
stehung der Industrie zu Beginn des 19. Jahrhunderts gilt, schildert M. die 
schädlichen, lange Zeit fühlbaren Wirkungen, die die ausländische Beherr- 
schung Italiens vor seiner Einigung hervorbrachte. Die Teilung in so viele 
kleine Staaten und damit die zahlreichen Zollgrenzen mußten sich ungünstig 
auf die industrielle Entwicklung auswirken, vor allen Dingen auf die ersten 
schwachen Anfänge der Seidenindustrie in der Lombardei. So war die 
italienische Industrie, verglichen mit der ausländischen um 1870, dem Datum 
der Einigung Italiens, sehr rückständig und beschränkt auf das nördliche 
Italien. M. fährt dann in seiner Prüfung fort, indem er die langsamen, aber 
beständigen Fortschritte nach 1870 feststellt; er gibt ein genaues Entwick- 
lungsbild der verschiedenen Industriezweige bis zur Krise, die nach der 
Zollreform des Jahres 1887 eintrat. Im allgemeinen waren die Schwierig- 
keiten der Industrie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts groß und die Lebens- 
bedingungen des Proletariats erschreckend : die Arbeitszeit betrug bei Hunger- 
löhnen bis zu 16 Stunden. Die Seiten, auf denen die Lage der Arbeiter ge- 
schildert wird, besonders die der Frauen und Kinder in den Fabriken des 
Nordens, sind besonders eindrucksvoll. Im zweiten Teil verfolgt M. Schritt 
für Schritt die Fortschritte der verschiedenen Industrien vor und nach dem 
Kriege, der mit Recht als Ansporn für viele Industrien, z. B. die chemische, 
bewertet wird, die im vorausgehenden Jahrzehnt noch sehr unentwickelt 
waren. 

Die Darstellung ist immer klar und unparteiisch und fußt auf soliden 
Daten. Urteilsfähigkeit und Verzicht auf billige Prophezeiungen zeigen sich 
vor allem bei der Abwägung der unvermeidlichen Konsequenzen der gegen- 
wärtigen Krise. Am Ende des Buches hat der Leser ein exaktes Bild der 
Lage der italienischen Industrie, und darum ist das Werk M.s als eine ge- 
naue Einführung in ein gegenwärtig stark umstrittenes Gebiet zu empfehlen. 

Paolo Treves (Mailand). 

Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1931. Hrsg. vom Stati- 
stischen ReicJisamt. R. Hobbing. Berlin 1931. (XL, 566 u. 190 S., Preis 
geb. RM. 6.80) 

Der vorliegende 50. Jahrgang des „Statistischen Jahrbuches" regt zu 
Vergleichen an: gleichviel ob man an die Ausgestaltung früherer Bände 
oder an die analogen Veröffentlichungen des Auslands denkt: die Arbeit 
des Reichsamts vermag solche Vergleiche höchst ehrenvoll zu bestehen. 
Dem wachsenden Bedürfnis nach Statistik, besonders auf wirtschaftlich- 
sozialem Gebiet, ist das Jahrbuch stets rechtzeitig gefolgt. 

Der 50. Band bringt wieder in verschiedenen Abschnitten — neben Er- 
gänzungen — Erweiterungen, so für die industrielle Produktions-, die Lohn-, 
die Umsatz- und namentlich die Finanzstatistik. Aber auch die Bevölkerungs- 
statistik ist durch Neuaufnahme von Fruchtbarkeits-, Aufwuchsziffern u. dgl. 



250 



Besprechungen 



mehr bereichert worden. Freilich ist auf dem Gebiete des Bevölkerungs- 
wesens dadurch eine bedauerliche Lücke entstanden, daß aus finanziellen 
Gründen eine neue Volks- und Berufszählung unterblieben ist und infolge- 
dessen detaillierte Zahlen immer noch nur für 1925 vorliegen, obwohl sich 
seit diesem Jahre grundlegende Änderungen vollzogen haben, über die wir 
gegenwärtig nur ziemlich unvollkommen unterrichtet sind. Sehr erwünscht 
wäre auch eine „Neuauflage" der Wirtschaftsrechnungen, um den Einfluß 
der Konjunkturschwankungen auf die Konsumtion besser verfolgen zu 
können, als das an Hand von Ziffern über den Gesamtverbrauch einzelner, 
vorwiegend agrarischer Artikel jetzt möglich ist. Die besondere Pflege der 
Finanzstatistik (seit 1925), die neben öffentlichen Einnahmen, insbesondere 
Steuern, und Ausgaben neuerdings auch die öffentlichen Schulden umfaßt, 
hat vielfach über die fiskalisch bedeutsamen Fragestellungen hinaus volks- 
wirtschaftlich interessantes Material geliefert, so insbesondere über Ein- 
kommens-, Vermögens-, Umsatzgröße und -Zusammensetzung usw. Neu ist 
im vorliegenden Band die Statistik über das Volkseinkommen (S. 532/3), die 
wertvolle und z. T. ganz neue Aufschlüsse über dessen Umfang und sachliche 
sowie regionale Verteilung bietet und auch für die Vorkriegszeit durchgeführt 
ist. — Die internationalen Übersichten, die schon in den letzten Jahren aus- 
gebaut worden waren, haben eine weitere Ausgestaltung erfahren; sie be- 
treffen u.a. Bevölkerungswesen, Preise, Außenhandel, gewerbliche Produktion, 
Finanzen, Löhne sowie Geld- und Kreditwesen. Einige graphische Dar- 
stellungen im Anhang erstrecken sich diesmal, wegen des Jubiläumscharakters 
des Bandes, auf längere Zeiträume (3 — 5 Jahrzehnte). 

Der Sozialforscher, der seine Wissenschaft als eine empirische auffaßt, 
wird aus dem reichen Inhalt des Jahrbuchs viel Nutzen ziehen, wenngleich 
natürlich dasselbe in manchen Fällen nur Ausgangspunkt für tiefergehende 
statistische Studien sein kann, die durch ein ausführliches Quellenverzeiehnis 
übrigens wesentüch erleichtert werden. 

Fritz Neumark (Frankfurt a. M.). 



Belletristik. 



Britton, Lionel, H unger and Love. Putnam. London 1931. (XIu.705S.; 
7 ah 6 d) 

Brittons Buch ist die Geschichte eines ungewöhnlich begabten englischen 
Proletarierjungen, der sich unter Entbehrungen ein großes Wissen aneignet 
und dem der Weg vom Botenjungen im Grünkramladen zum Angestellten 
eines Antiquariats gelingt. Fast hat er den Aufstieg in die „middle class" er- 
reicht, als der Krieg den innerlich Widerstrebenden zum Soldaten macht, 
der auf den flandrischen Schlachtfeldern schließlich den Tod findet. 

Britton kritisiert in der Form des Bildungsromans die kapitalistische 
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Seine Kritik richtet sich gegen die 
Verfälschung des Menschlichen, die von der Bourgeoisie zum Zweck der 
Machtgewinnung und Machterhaltung vorgenommen worden und der es 
zu verdanken sei, daß noch immer Hunger und Liebe die Triebkräfte und 
den Hauptinhalt des menschlichen Lebens bildeten. Nicht nur das Geschlechts- 



Belletristik 251 

leben des einzelnen und die wirtschaftliche Existenz der Millionen seien durch 
das bürgerlich-kapitalistische System in Fessoln geschlagen, auch das Geistes- 
leben sei vergiftet und der menschliche Fortschritt gehemmt: reiche Möglich- 
keiten des menschlichen Geistes blieben unausgenützt. Alle Wissenschaften, 
alle Künste erlägen der bourgeoisen Ideologie, die in der „Idee des Roman- 
tischen" die Verfälschung der Wirklichkeit auf die Spitze treibe. „Bour- 
geois influence spreads through the race body like a Cancer." „Human and 
»Bourgeois' are mutually exclusive terms". 

B.s Kritik geht nicht nur von ökonomischen, soziologischen und 
ethischen Gesichtspunkten aus, sondern von einer besonderen Idee des 
Menschlichen, die in der Gesellschaft einen dem menschlichen Körper 
ähnlichen Organismus sieht. B. faßt die Entwicklung der mensch- 
lichen Rasse als einen organischen Prozeß zum Sozialismus hin. Nach Über- 
windung des Individualismus werden durch Assoziation und Kooperation 
aller Glieder der menschlichen Gesellschaft die natürlichen kosmischen 
Energien für eine kollektive Entfaltung der Zivilisation, des seiner selbst 
bewußt werdenden und über das Endliche hinausstrebenden menschlichen 
Geistes freigesetzt. 

B.s Gesellschaftskritik bietet in den an sich gut gesehenen Einzel- 
beobachtungen, so vor allem des sozialen Milieus der Angestellten, nicht 
wesentlich Neues. Seine Gedanken über die Neuordnung der Gesellschaft, 
die in einer Art organischer Planwirtschaft gipfeln, sind zu sehr als Impres- 
sionen wiedergegeben, um systematischer Prüfung zugänglich zu sein, am 
besten ließen sie sich vielleicht als „kosmischer" Sozialismus charakteri- 
sieren. Der Originalität dieser Ausführungen entspricht die Form des Buches, 
die die Schilderung fast ganz in Selbstgespräche des Helden und Zwie- 
gespräche zwischen Autor und Held auflöst und stilistisch vielfach einen 
Stichwort-Expressionismus bevorzugt. Berta Asch (Berlin). 

Ehrhardt, Justus, Straßen ohne Ende. Agis-Verlag. Berlin-Wien 1931. 

(256 S.; geb. RM. 3.75, hart. RM. 2.85) 

Ehrhardt zeigt in belletristischer Form, wie ein Berliner Proletarierjunge 
allmählich auf Abwege gerät, in eine Fürsorgeerziehungsanstalt gebracht 
wird und nun, im Verein mit einem verantwortungsbewußten Fürsorger, ver- 
gebliche Versuche unternimmt, dieser „Maschine" Fürsorgeerziehung durch 
den Nachweis einer ordentlichen Lebensführung wieder zu entrinnen. Weil 
dies nicht gelingt, gibt der Junge den Kampf auf und schließt sich endgültig 
denen an, welche ohne Hoffnung auf eine andere Gestaltung ihrer Lebensver- 
hältnisse auf jenen Straßen wandern, die immer wieder einmal in eine Er- 
ziehungsanstalt oder ein Gefängnis führen. Was dieses Buch bedeutungsvoll 
macht, ist, daß der Verfasser, der seit vielen Jahren in vorderster Front der 
Fürsorgeerziehungsarbeit steht, in „verdichteter" Form an einem Einzel- 
beispiel zeigt, was in Wirklichkeit das Geschick vieler Tausender ist. Damit 
aber weist er darauf hin, daß es sich sowohl hinsichtlich der Verwahrlosung 
und ihrer Entstehungsursachen als auch hinsichtlich der Fürsorgeerziehung 
um gesellschaftliche Probleme handelt, die nur im Zusammenhang mit 
anderen Fragen des gesellschaftlichen Lebens einer befriedigenden Lösung 
entgegengeführt werden können. Gerhard Schie (Berlin). 



252 Besprechungen 

Frank, Leonhard, Von drei Millionen Drei. S. Fischer. Berlin 1932. 
(224 S.; RM. 5.—) 

Eine soziologisch bemerkenswerte Tatsache: das Kollektivschicksal der 
Arbeitslosigkeit, das seit Jahren Deutschland, ja die ganze Welt überschattet 
hat vorher keinem Dichter als Vorwurf zu einer Arbeit gedient. Leonhard 
Frank schrieb den ersten Arbeitslosenroman. Drei aus dem Millionenheer 
der Hungernden erleben die Verwirklichung eines Wunschtraumes. Durch 
einen unglaubhaften Zufall kommen sie in den Besitz von zweitausend Mark 
die ihnen die ersehnte Auswanderung nach Südamerika ermöglichen ; drüben 
erleben sie eine kurze märchenhafte Zeit ohne Not und Kummer. Aber die 
Arbeitslosigkeit folgt ihnen übers Meer, nach Verwicklung in einen Auf- 
stand werden zwei von ihnen — der dritte ist gestorben — wieder nach 
Deutschland abgeschoben. Hier gehen sie mit fünf Millionen, an Körper 
und Geist krank, dem Hungertod entgegen, wenn nicht vorher der Selbst- 
mord dem unsäglichen Leid ein Ende bereitet. 

F. schildert erschütternd den hoffnungslosen Kampf um Arbeit und 
Brot. Und wenn auch der märchenhafte Erwerb des Reisegeldes, die glück- 
liche Zeit in Südamerika und die abenteuerliche Heimreise als romantisch- 
bunte Ausschmückung der grauen Elendsfabel anmuten, so hat doch dieser 
Handlungsablauf einen tieferen Sinn: der aus dem Produktionsprozeß 
Ausgestoßene findet den Rückweg zur Arbeit endgültig verschlossen. 

Ludwig Carls (Berlin). 

Reger, Erik, Union der festen Hand. Ernst Rowohlt. Berlin 1931. (587 S.- 
br. RM. 6.50, geb. EM. 8.50) 

„Man lasse sich nicht dadurch täuschen, daß dieses Buch auf dem Titel- 
blatt als Roman bezeichnet wird", so beginnt zwar der Verfasser die ein- 
leitende „Gebrauchsanweisung". Aber durch die trotzdem vorhandene. 
Intention, ein romanähnliches Gebilde zu schaffen, wird der Nutzwert der 
Arbeit wesentlich vermindert, obwohl sie immer noch durch die Fülle des 
interessanten Materials fruchtbar und instruktiv ist. Sie umfaßt eine er- 
schöpfende Wirtschaftsgeschichte des Ruhrgebietes seit dem Kriege, die Ent- 
wicklung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, der Lohn- und Sozial- 
politik des Unternehmerverbandes, die Umstellung und Ausdehnung der 
Schwerindustrie seit 1918, die Revolution und den Kapp-Putsch. Eine 
objektive ökonomisch-soziologische Reportage hätte aber die sehr genauen, 
Kenntnisse des Verfassers besser übermittelt als dieser schon wegen seiner 
Sprache schwer lesbare Roman, der die Berichte in eine langweiüge Fabel 
von belanglosen Einzelschicksalen einzwängt. Die Schilderungen der schwer- 
industriellen Unternehmungen, ihrer sozialpolitischen Machtkämpfe und 
ihrer hierarchischen Betriebsverhältnisse, die getreue Wiedergabe von unter- 
nehmerischen Reden und Äußerungen und manches andere Detail machen 
das Buch zu einer für den Soziologen wertvollen Sammlung historischen 
Materials. Aber R. verzichtet auf jede Analyse und bleibt der unbeteiligte 
Beobachter, der mit Resignation und Defaitismus schildert, ohne den Mut, 
zu einem eigenen Standpunkt zu finden. Ludwig Carls (Berlin). 



-i 






Z s p£\ »fl a Ä^ eitewfeseBsdlaft - *-* *»- 157 



159 
160 



Ferdinn «% Chichte Und Nationalökonomie >;. ^"™" e ^"^ 

Mapx/Pn«r°? nie8 i Einfi J hrui, 8 in die Soziologie (Streiter) '. [ ' 

sirfftin S? Sa M aUSgabe , L Abt - 3 ' Bd - : ™e heilige Familie und 

Mar v A„?k-^ X J on « Anfan S 1844 bis Anfan g 1845. - Karl 

v S t' b ?Ik h ! st0l '' sc he Materialismus. Die Frühschriften, hrsg. 

Wernl'r W„ ? 1^ J - P - Mayer (Wettermann) ..... fe 160 

Essays an ^li"'i D?e Geschichtslehre 'von Karl Marx (Ä7to) .' 61 

PoVl' « ° S f ' Ba ^ k g rounds of Sociology (Lorke) .' .' «o 

Eftrl ttoÄ? hn SWenS ° n * Ieth ° dsand 8«i of Scientific 163 

Charf a e , 8 Tw y ' So f c , ioI °g ues d'l»er et d'aujöurd W f-We') .' .' ' m 

(Szlndef [ C '' lfciqUe de la toncepüok materialLe de l'histoire 

S. R.Steinmetz, Inl'eid'ing tot 'de söciologie' (Sternheim) '. '.'..'. \ts 
Psychologie: 

KU **lSt% 8 !fc^ e Ge f h ; oMedOT Se «le ini Werdegang der Mensch- 
Sicmumrf-;/ 6 ?^ ^^ der Gegenwart '(Landauer) '.'.'.'. \ JJ? 

Kirn! li 8 v m ' S0C 'S 1 Ps y c hology (Liebmannj '.'.'..'' ' ,70 

Kimball loung, Social Attitüde« riorAe) . . }™ 

rÄ/S; 8 * PhantaSie ^ WiI,e deS wirtschaf ^n'den Menschen ' 

^l£Ao^(kZmf iD " 0Pa/ ^ h0ana1 ^ d ™ Z 
5;Pf 1 Jj waohs '£«»«M»«M du sui <=ide '(Koyre) .' ' ' ,„ 

Hi dtardTin^T K »- Wi - CklUn n- d u eS Christusdogmas (Borken) \ 74 
»nr t„ 1 ? ? -j jugendliche Fabrikarbeiterin Ein Beitrae 
n I ,wl US i rie I . pat i ag °?' k -. ~ Liabeth Franzen-Hellerfbei-e 8 
Maref^tÄ^n™- ^^ Arbeitsweise und Lebensform ^ 
thl Lf a K-„i k a ' ?f r?' fe,lde Pr °letariermädehen. - Ma- 

M ™V»£^3^ L6SSen ! -— Hectifs ™ 
Soziale Bewegung und Sozialpolitik: 

^^f"^^ r l^%^^^ — •— 180 
Kar lmeYnk« T?« ^ e % ent ' elle ? du Bociali/me (Grünberg)' [ \ ' gO 

Probleme der Gesellschaft un/dÄaS bei £SS Heß* E& 



Beitrag zu dem Thema Heß und Marx mit bisher unveröffent- 
lichtem Quellenmaterial (Moldenhauer) 181 

Lujo Brentano, Mein Leben im Kampf um die soziale Entwicklung 

Deutschlands (Neumark) 183 

Arvid Harnack, Die vormarxistische Arbeiterbewegung in den Ver- 
einigten Staaten (Walter) 184 

Ernst H. Posse, Der Marxismus in Frankreich 1871—1905 (Korsch) 186 

Paul J. Wirz, Der revolutionäre Syndikalismus in Frankreich (Walter) 187 

David J. Saposs, The Labor Movement in Post-War Pranee (Harnack) 188 

Hakon Meyer, Den politiske arbeiderbevegelse i Norge (Lange) . . 189 
Georg Ove Tönnies, Die Auflehnung der Nordmark-Bauern. — 
Walt. Lue tgebrune.Neu-Preußens Bauernkrieg. — Karst h ans, 
Die Bauern marschieren. — Hans Fallada, Bauern, Bonzen und 
Bomben (Jaeger) 190 

Mein Arbeitstag — Mein Wochenende. 150 Berichte von Textilarbeite- 
rinnen, hrsg. v. Textilarbeiterverband. — Susanne Suhr, Die 
weiblichen Angestellten. Eine Umfrage des Zentralverbandes der 
Angestellten. — Die wirtschaftliche und soziale Lage der Ange- 
stellten. Ergebnisse und Erkenntnisse aus der großen sozialen 
Erhebung des Gewerkschaftsbundes der Angestellten. — Die Ge- 
haltslage der Kaufmannsgehilfen. Eine Fragebogenerhebung des 
D. H. V. — Was verbrauchen die Angestellten ? Ergebnisse der 
dreijährigen Haushaltungsstatistik des Allgemeinen Freien An- 
gestelltenbundes. — Die Lebenshaltung des Landarbeiters. Wirt- 
schaftsrechnungen von 130 Landarbeiterfamilien. Eine Erhebung 
des Reichsverbands ländlicher Arbeitnehmer. — Wilhelm 
Bernier, Die Lebenshaltung, Lohn- und Arbeitsverhältnisse von 
145 deutschen Landarbeiterfamilien. — Die Lebenshaltung der 
Bauarbeiter nach Wirtschaftsrechnungen aus dem Jahre 1929 
(Speier) 191 

Jürgen und Marguerite Kuczynski, Die Lage des deuschen In- 
dustriearbeiters (Weiß) 193 

Alexander Stenbock-Fermor, Deutschland von unten. — Georg 

Schwarz, Kohlenpott (Drcyjuß) 194 

Probleme der Arbeitslosigkeit im Jahre 1931. Reihe C, Nr. 16 der 
Studien u. Berichte des Internationalen Arbeitsamts. — Les aspects 
sociaux de la rationalisation. Bureau Interational du Travail, 
Etudes et Documents, Serie B, No. 18. — Internationale Ar- 
beitskonferenz, 16. Tagung, Genf 1932, Bericht des Directors 
(Sternheim) 194 

Paul H. Douglas and Aaron Director, The Problem of Unemploy- 

ment (Feinberg) • . . . 196 

Employment Regularization in the United States of America. American 

Section International Chamber of Commerce (Feinberg) . . . 197 

Caso Studies of Unemployment. Compiled by the Unemployment 
Committee of the National Federation of Settlements. — Clinch 
Calkins, Some Folks Won't Work (Feinberg) 198 

Adolf Weber, Sozialpolitik. Reden und Aufsätze (Burchardt) . . 199 

Theodor Brauer, Sozialpolitik und Sozialreform (Streiter) .... 200 

Charles W. Pipkin, Social Politics and Modern Democracies 

(Feinberg) 201 

Hermann Eibel, Karl Meyer-Brodnitz und Ludwig Preller, 

Praxis des Arbeitsschutzes und der Gewerbehygiene (Groner) . 202 

Lutz Richter, Sozialversicherungsrecht. Enzyklopädie der Rechts- 
und Staatswissenschaft Bd. XXXI (Croner) 202 

Speziolle Soziologie: 

Karl Schmitt, Der Begriff des Politischen (Speier) 203 

Karl Schmitt, Der Hüter der Verfassung (Korsch) 204 

Gottfried Salomon, Allgemeine Staatslehre (Szende) 205 



Hein |cSioli e i S e 1 ?^LT 0deme Nati ° n - Ein B6itrag ■«»«>»**- 9nfi 
Gegenwartrfragen aus der allgemeinen Staatslehren d "der Verfassungs-' 
Armand Ia wl?"« H f ns Gmelin und 0tto Koel lreuter (Haselberg) 207 

ÄJ ' e P ° UVOir P oliti 1 ue et les forces sociales 

G -Glotz, La cito gre'cq'ue ' (Koyrc) '.'.'.'.'.'..'. 210 

Alfred K^iifK« m °£ de antJ q ue et le » debuts du moyen-äge (Xo^ei 211 

Adorno) T g> D ' e euro P aische Kultur der Neuzeit (H^e^rune/ 

Eueen R ««** Pti ?' -Soziologie der Renaissance '^atomon,) ! ! .' .' 213 

Han Fn,r S l 0ck ; ? le europäischen Revolutionen (Heider) . . 2 

ReirV fW?!! ' R ^ ol ^ IOn Von rechts (Burchardt) ....... 215 

^WiB Ä) SmUS - Nationalsozialismus, hrsg. v. Georg 

0tt ° (L?rih)' Fr6Uad ' DaS S ° Ziale Weal d'es'Reic'hsarbeitsgerichts 

L ' H " ^25?/' Die S .° Zialeil ® e * ri ^ ep '^tnisse im Wandel 'der Zert ]" 

J ' R ' SÄm; 61 " d; Bruine '' Vakbeweging en We'rel'dbesc'houwing *" 

L ° UiS Ä^ C \ D ^' amite - T^Story-of'ciassViofence in 'America 218 

K'^Mehmke^Derlrni'^ del " ^P^™ * defsociaÜsmo ' (Ölbergj tll 

nTSu r Ausschusses zur Untersuchung der Erzeucunes- 

bSl-ta D i e Zu «™n>ensetzung des Familienein. 
M^aret T/ q ',T 1,d ° nhavn > Die Auflösung der Familie. - 

Tl i „ T.K rSCh u ng und Sozialwissenschaft (Strdler) mitg&U ' * amuie »- 
] Ä^'ft^^ir Wolfga^ng Petzet,' Verbotene * 
RuXir A rnh"L :F 'i- 1 ? p - J f ,1 i er - Die Phantasie-Maschine. - 
n„ i ?xr ~ rnhelm > *ilm als Kunst (Dreyfuß) 907 

D ° Ug ab a out W Ä aDd alPh W ' Tyler ' ™^ Pe ° ple Wan * t0 read 

RiCh L r z1oSSchen a r d n'n?/ e men T SC i li;h , e G^lls'chaft in ihren ethnol ^ 
^S^^ZTr) 1 -^^ ^P-entative Lebensbilder 

J ' W Vwj 8 '. EÜ1 . fÜhrun g i» di ° Vorstellungsweli primitiver Völker 

Br^,V.| Ge °iEr Se i- Fraz ' e , r "» Me n sc V Gott' und 'Unsterblichkeit «WJ 2S? 
^^Ämere^rÄ? 83 «-^^^ ** ™e° VnS 231 

Irl!' 6561 '^^' 6 ^ Und Verbr eitung des Pfluges ' (Honig Jteimj 232 
Arbeiten zur biolog.schen Grundlegung der Soziologie (Forschuneen zur 
Jsa!?e!P T . Soziol °8 ie ' Bd - X, g l. ( u. 2 HalbYd, 

JUliU r93r ) h ( a ^in6e?;; **»**?» ^viduum" (in: Erkenntnis', Heft ö! "* 
Festschrift zum 70. Geburtstag von Carl Grünb'erg (Mandelbaum)' .' fi 




Ökonomie: 

Emil Lederer, Aufriß der ökonomischen Theorie (Burchardt) ... 236 

Emil Lederer, Technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit (Mandel- 
baum) 237 

Ernst Wagemann, Struktur und Rhythmus der Weltwirtschaft 

(Ritzmann) 237 

Wesley C. Mitchell, Der Konjunktur-Zyklus. Problem li. Problem- 
stellung (Burchardt) 239 

Probleme der Wertlehre, hrsg. v. Ludwig Mises und Arthur Spiethoff 

(Schriften des Vereins für Sozialpolitik, 183, 1) (Mandelbaum) . 239 

Der Internationale Kapitalismus und die Krise. Festschrift für Julius 

Wolf zum 20. April 1932 (Mandelbaum) 240- 

Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, hrsg. v. 

Karl Korsch (Westermann) 241 

Walther Hoffmann, Stadien und Typen der Industrialisierung 

(Mandelbaum) , . . 242 

The new Survey of London Life and Labour (Klingender)' . . . . 243 

Harry W. Laidler, Concentration of Control in American Industrv 

(Adler) .244 

Louis Aubrey Wood, Union Management Cooperation on the Rail- 

roads (Ohudleigh) 246 

Hans Ritschi, Gemeinwirtschaft und kapitalistische Marktwirtschaft 

(Neumark) 247 

Frederic Miliner, Economic Evolution in England (Burcliardt) '. '. 248 

Rodolfo Morandi, Storia della grande industria in Italia (Treves) 249 

Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1931 (Neumark) . . 249 

Belletristik: 

Lionel Britton, Hunger and Love (Asch) .... 250 

Justus Ehrhardt, Straflen ohne Ende (Schie) ...'.'..[ 251 

Leonhard Frank, Von drei Millionen Drei (Carls) . 052 

Erik Reger, Union der festen Hand (Carls) 252 



Alle Sendungen redaktioneller Art (Manuskripte, Rezensionsexemplare, Tausch- 
exemplare) sind ausschließlich zu richten an die Redaktion der Zeitschrift für 
Soziallorschung, Frankfurt a. M., Viktoria-Allee 17, alle Sendungen geschäft- 
licher Art nur an den Verlag C. L. Hirschfeld, Leipzig C 1, Hospitalstr. 10. 



Die Zeitschrift erscheint dreimal jährlich: im März, Juli und November. 

Der Preis des Jahrgangs — einschließlich der Einbanddecke, die kostenlos 

geliefert wird — beträgt RM. 18.—. Einzelhefte kosten RM. 6— . 

Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Leo Löwenthal (Frankfurt a. M.) 



DRÜCK VON A. HEINE G. 11. B. Ä, ßSAFENHAINICSEN 



Diesem He« liegen Prospekte des Verlages J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 
Tübingen und der Verlagsbuchhandlung C. L. Hirschfeld, Leipzig, bei.